So26May2013

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alemannia aachenAlemannia Aachen steht am Abgrund. Sportlich ist der Verein aus der Erstklassigkeit in die 3. Liga gefallen und wirtschaftlich droht die Insolvenz. Der Fußballklub benötigt deshalb gegenwärtig jegliche Unterstützung. Doch ausgerechnet in dieser Lage belastet ein länger bestehender Konflikt innerhalb der eigenen Ultras die heimische Fanszene.

Am 12. Januar 2013 unterstützen die „Aachen Ultras `99“ (ACU) während des Auswärtspokalspiels bei Viktoria Köln zum letztem mal ihren bisherigen Verein. Mit einer Reihe von Spruchbändern warfen sie ihren Rivalen von den „Karlsbande Ultras“ (KBU) noch einmal diskriminierende Gesänge sowie eine Nähe zum Rechtsextremismus vor. Ihre Gegner fühlten sich dadurch provoziert und reagierten mit Angriffen im Stadion. Damit fanden mehrjährige Auseinandersetzungen innerhalb der Fanszene des Traditionsvereins ihren traurigen Höhepunkt. Den Hintergrund des Konflikts bildete eine Kombination aus faninterner Rivalität mit politischen Aspekten vor dem Hintergrund der speziellen Gegebenheiten der Kaiserstadt.

Aachen fällt dadurch auf, dass es nicht auffällt. Eigentlich sorgen ein traditionelles Bürgertum sowie eine Konzentration von Medizinern und technischen Akademikern für ein ruhiges Klima. Im Kontrast dazu steht jedoch die Existenz einer für das Rheinland ungewöhnlich starken rechtsextremistischen Szene. Diese wird von Angehörigen der „Nationaldemokratischen Partei Deutschlands“ (NPD) sowie von Aktivisten der 2012 verbotenen „Kameradschaft Aachener Land“ (KAL) geprägt. Andererseits sind auch Antifa-Gruppen aktiv und in der Nähe des Hauptbahnhofs befindet sich ein „Autonomes Zentrum“. Beide Lager prallen mindestens einmal jährlich anlässlich der im nahen Stolberg veranstalteten rechtsextremistischen Aufmärsche aufeinander. Zudem ergibt sich die städtebauliche Besonderheit, dass die Kommune trotz ihrer rund 250.000 Einwohner ein übersichtliches Zentrum hat und sich Mitglieder verfeindeter Gruppierungen deshalb häufig begegnen.

Was die Alemannia angeht, fällt zunächst positiv auf, dass sie einen äußerst treuen Fanstamm hat. Allerdings bewegen sich unter ihren Anhängern auch rechtsextremistisch motivierte Personen. Mit den bereits 1999 gegründeten, zuletzt mehrere Dutzend Angehörige umfassenden ACU bestand eine langjährig aktive Ultra-Gruppierung. Innerhalb der Ultraszene entwickelten sich jedoch Differenzen über den Stil der Unterstützung der Mannschaft und über das Klima im Stadion. Diese führten 2010 zur Spaltung und dann zur Gründung der KBU. Während die Karlsbande nach eigenen Angaben auf eine Größe von rund 200 Personen anwuchs, begrenzten die ACU ihr Engagement nicht auf den Fußball, sondern widmeten sich auch politischen Aspekten.

In diesem Zusammenhang thematisierten die ACU nicht nur Rassismus im Fußball, sondern warfen den KBU auch vor, Rechtsextremisten Anschlussmöglichkeiten an die Fanszene ermöglicht zu haben. Darüber hinaus problematisierten sie, dass die im emotionell aufgeladenen Fußball verbreiteten Beleidigungen gegnerischer Fans oder des Schiedsrichters häufig einen sexistischen oder schwulenfeindlichen Charakter haben. Die KBU sahen sich dadurch diffamiert und bezeichneten sich als „unpolitisch“. In dieser Situation boten sich bei beiden Gruppen thematische Anknüpfungspunkte für Radikale, aber auch für Extremisten. So ist der Begriff „unpolitisch“ auch eine bei Rechtextremisten übliche Bezeichnung, um ihre wahre Gesinnung gegenüber der Öffentlichkeit zu verschleiern. Auf der anderen Seite wenden sich nicht nur Demokraten gegen Rassismus und Rechtsextremismus, sondern auch Linksextremisten, die ihre weitergehenden Absichten hinter gesellschaftlich anschlussfähigen Themen verbergen.

Durch diese Positionierungen standen sich beide Vereinigungen unversöhnlich gegenüber und sorgten während einer ihren Verein gefährdenden Krise für interne Unruhe. Dabei dürften die ACU aufgrund ihres Engagements gegen einen von ihnen als sexistisch kritisierten Sprachgebrauch bei vielen tatsächlich nicht an Politik interessieren Fans auf Ablehnung gestoßen sein. Diese könnten ein Vorgehen gegen bestimmte im Stadion gemachte Äußerungen als Anmaßung oder gar als Zwangsmaßnahme „linker“ Aktivisten verstanden haben. Letztendlich blieb die personell übersichtliche Gruppe isoliert und wurde zum Zielobjekt von Übergriffen ihrer Gegner. Diese eskalierten bei mehreren Auswärtsspielen, bei denen Angehörige der ACU von größeren Haufen der eigenen Auswärtsfahrer massiv angegriffen wurden. Die wiederholten körperlichen Attacken sowie die im alltäglichen städtischen Leben bestehende Bedrohung führten schließlich zum Rückzug der 1999 gegründeten Ultra-Gruppe.

Nach der Niederlage der ACU dürfte die Stimmung auf dem Tivoli zukünftig von der „Karlsbande“ geprägt werden, deren Aktivitäten weitere Aufmerksamkeit verdienen. Darüber hinaus hat die gewalttätige Auseinandersetzung eine über die Kaiserstadt hinausreichende Dimension. So könnte es auch unter den Anhängern anderer Vereine zu vergleichbaren Konflikten kommen, sofern sich unterschiedlich ausgerichtete Fangruppen betätigen, die ihre Aktivitäten nicht strikt auf ihren Sport beschränken, sondern Anknüpfungspunkte für Personen aus dem „rechten“ und „linken“ Lager bieten.

Erstveröffentlichung am 5. 2. 2013 bei www.endstation-rechts.de
Foto: SurfGuard, Lizenz: CC

Dienstag, 05 Februar 2013 14:33

TV Tipp: Verrückt nach Fußball - Englische Fans im Abseits

geschrieben von in Tipp

zdf infoStimmgewaltige Fans in reinen Fußballstadien. Für viele Fußballfans war England lange Zeit ein beliebtes Reiseziel, nicht nur bei Groundhoppern. Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. Zwar ist der englische Fußball weltweit beachtet, Mannschaften wie Manchester United haben Fans rund um den Globus, aber die Entwicklung hat seine Schattenseite. Nach der Sheffield Katastrophe und der Abschaffung der Stehplätze steigen die Kartenpreise massiv an und die Clubs sind längst in der Hand von reichen Scheichs und Ölmultis. ZDFinfo schaut im Rahmen der Reihe "Verrückt nach Fußball" auf die Insel, wo die englischen Fans inzwischen neidvoll nach Deutschland und die vielfälltige Fankultur schauen. Ausgestrahlt wird die Sendung heute Nacht um 0:55 Uhr in ZDFinfo

England - Mutterland des Fußballs. Hier wurden im 19. Jahrhundert die Regeln des Fußballs erfunden und in den frühen 60ern die ersten Fangesänge angestimmt. Die erste englische Liga ist der Traum der meisten Fußballer und wird in fast alle Länder weltweit übertragen. Zig 100 Millionen Menschen auf dem Globus sind Fan eines englischen Vereins. Also alles prima im gelobten Land des Fußballs? Mitnichten. Denn die Opfer dieser intensiven kommerziellen Entwicklung sind die englischen Fans. Die Kartenpreise steigen seit Abschaffung der Stehplätze stetig an und der Fußball findet für viele -vor allem jüngere - englische Fans nur noch im Pub statt.

Quelle: ZDFinfo

Wiederholung der Sendung am Montag, 18. Februar, 18.00 Uhr, in ZDFinfo. Wer so lange nicht warten möchte, findet die Reportage von Marc Quambuschschon jetzt in der ZDF Mediathek

In den ersten Teilen der Reihe "Verrückt nach Fußball" wurde über die Fans in den EM Gastgeberländern Polen und Ukraine und im zweiten Teil über die Entiwcklung der italienischen Fankultur berichtet.

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Fußballer-Biografien präsentieren sich zuweilen nach dem Motto „Titel, Tore und Triumphe“ oder enthalten skandalträchtige Geschichten zur Steigerung der Auflage. Im ersten Fall sind sie gelegentlich zu flach, im zweiten Fall zu durchsichtig. Gerald Asamoah hat mit Unterstützung des Sportjournalisten Peter Großmann eine Lebensbeschreibung erstellt, die sich positiv von derartigen Werken abhebt.

Ghana und Hannover

Der sportliche Weg des 1978 in Ghana geborenen deutschen Nationalstürmers war in seiner Jugend von verschiedenen Erschwernissen behindert, die eine Profikarriere eigentlich hätten verhindern müssen. Zu diesen gehörte, dass er während eines großen Teils seiner Kindheit von seinen Eltern getrennt lebte. Der Vater, ein Journalist, hatte aus politischen Gründen nach Deutschland flüchten müssen und war mit seiner Frau nach Hannover gezogen. Gerald Asamoah wuchs zunächst bei seiner ihn christlich erziehenden Großmutter auf und zog erst im Alter von zwölf Jahren in die niedersächsische Hauptstadt. Dort trat er ein Jahr später dem BV Werder Hannover bei. Trotz der Anforderungen einer Schulausbildung in einem neuen Sprachraum sowie Arbeitspflichten im Haushalt und im väterlichen Laden brachte er die Energie für den Fußball auf. Den Durchbruch erlebte er nach seinem Wechsel zu Hannover 96, wo er 1998 maßgeblichen Anteil am Aufstieg in die 2. Bundesliga hatte.

Herz und Schalke

Zur größten Bedrohung für Asamoahs Karriere wurde jedoch eine erst spät festgestellte Herzanomalie. Letztendlich konnte er seine Karriere nach aufzehrenden Untersuchungen fortsetzen, wenngleich unter Inkaufnahme eines Restrisikos und eines griffbereiten Defibrillators. Dennoch verpflichtete ihn 1999 der FC Schalke 04, mit dem er zwei DFB-Pokale erringen sollte. Bei den „Königsblauen“ entwickelte er sich zu einem bei den Fans sehr beliebten, kampfstarken Angreifer mit hoher Vereinstreue. Dies zeigte sich insbesondere bei den aufgeheizten Begegnungen gegen Borussia Dortmund, von denen ein 2007 errungener 4:1-Derbysieg zur denkwürdigsten  Partie wurde. In deren Verlauf kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung Asamoahs mit dem gegnerischen Torhüter Roman Weidenfeller, dem der Schalker vorwarf, ihn als „schwarzes Schwein“ beleidigt zu haben (S. 60). In der Biografie geht Asamoah ausführlich auf die nicht durch einen Zeugen bemerkte Ehrverletzung ein und bedauert gleichzeitig auch eine von ihm gezeigte „Geste zu den Dortmunder Fans“ (S. 61). Dabei bleibt er leider unkonkret, indem er auf eine Beschreibung dieser Geste verzichtet - es war ein durch Vorbeiziehen des Daumens am Hals angedeuteter Kehlenschnitt.

Rassismus und Nationalmannschaft

Unabhängig von der Beweisbarkeit des Vorwurfs wurde Asamoah wiederholt Ziel des Hasses von Rassisten. Wie andere dunkelhäutige Spieler wurde er in verschiedenen Stadien „als Nigger beschimpft und mit Bananen beworfen“ (S. 146). Dennoch nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an, verzichtete auf eine Karriere in der Nationalmannschaft Ghanas und entschied sich stattdessen für die sich im Neuaufbau befindende deutsche Auswahl. Mit ihr wurde er 2002 unter Rudi Völler überraschend Vizeweltmeister. Dass er trotz dieses Bekenntnisses zu und seines Einsatzes für Deutschland weiterhin Anfeindungen von Rechtsextremisten ausgesetzt war, belegt das Ausmaß des sich im Fußball zeigenden rassistischen Hasses. Asamoah nennt in diesem Zusammenhang insbesondere ein Spiel in Rostock und beklagt das Ausbleiben einer unterstützenden Reaktion der Nationalmannschaftkameraden, insbesondere des Kapitäns Michael Ballack, den er allerdings nicht namentlich nennt (S. 72). Der Nationalstürmer setzte seine Karriere dennoch in der DFB-Auswahl fort und krönte sie 2006 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Während des Turniers hatte er als DJ einen erheblichen Einfluss auf das Klima innerhalb der für das „Sommermärchen“ verantwortlichen Mannschaft und trug dadurch zu einer im ganzen Land aufkommenden positiven Stimmung bei. Besonderes beliebt war dabei ein Zuversicht verbreitendes Lied Xavier Naidoos, das die Textstelle enthielt: „Dieser Weg wird kein leichter sein.“

St. Pauli und Greuther Fürth

Nach der Weltmeisterschaft setzte Asamoah seine Vereinskarriere zunächst auf Schalke fort. Es folgte eine kurze, glücklose Zeit beim FC St. Pauli sowie ein Engagement bei der Spielvereinigung Greuther Fürth, mit der er 2012 den von ihr lang ersehnten Aufstieg in die Erstklassigkeit schaffte. Zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung steht er zwar noch im Dienst des fränkischen Vereins, befindet sich aber mit 34 Jahren im Spätherbst seiner Profikarriere.

Was bleibt …

asamoah dieser weg coverDas lesenswerte, durch Beiträge von Gastautoren wie Manuel Neuer, Otto Addo, Mirko Slomka oder Theo Zwanziger angereicherte Buch besticht dadurch, dass es neben Asamoahs sportlicher Laufbahn auch seine Familiengeschichte sowie die von ihm bewältigten Erschwernisse behandelt. Er stellt sich durch die offene Beschreibung seines Lebensweges, unter Einschluss seiner religiösen und familiären Verwurzelung, nicht nur als Spitzensportler, sondern als Mensch vor. Darüber hinaus beleuchtet er mit seiner Einwanderungsgeschichte auch die deutsche Gesellschaft, sowohl mit ihren rassistischen Schattenseiten als auch mit ihren Möglichkeiten zur Teilhabe und ihrer sich im letzten Jahrzehnt verändernden Einstellung zum Thema Zuwanderung.

Es passt zum Optimisten Asamoah, eine Zeile des 2006 bekannt gewordenen Xavier Naidoo-Liedes als Titel für seine Spielerbiografie zu verwenden. Seinen sportlichen Weg damit als „nicht leicht“ zu beschreiben ist allerdings unzutreffend - denn es ist eine Untertreibung. Dass der Stürmer es trotz der Erschwernisse in den Profifußball und sogar in die Nationalmannschaft schaffte, deutet auf eine vorbildliche Haltung sowie eine außergewöhnliche Leistungsbereitschaft hin. Dadurch erklärt sich auch sein unbedingter Kampfeswille auf dem Spielfeld, mit dem er technische Mängel mehr als ausglich. Mit diesen Voraussetzungen hätte er keinen besser zu ihm passenden Verein finden können, als den Arbeiterklub FC Schalke 04. Asamoahs Buch ist in Teilen auch eine Art Liebeserklärung an diesen Klub, wobei es seine Zeit bei Hannover 96 leider etwas vernachlässigt. Dies ist umso bedauernswerter, da er einen großen Anteil an der erfolgreichen Aufbauarbeit des niedersächsischen Vereins hatte und dieser wiederum seine persönliche Entwicklung gefördert hatte.

Gerald Asamoah hatte das hart erarbeitete Glück, dass seine Nationalmannschaftskarriere zur Zeit des Neuanfangs unter Rudi Völler begann und ihren Höhepunkt beim „Sommermärchen“ unter Jürgen Klinsmann erreichte. Der deutsche Fußball wiederum hatte das Glück, dass Gerald Asamoah ihn in den Jahren grundlegender Veränderungen um eine ungewöhnliche Facette bereicherte. Nach der Lektüre seiner Biografie kann man sich den sozial engagierten Fußballarbeiter, der eine nach ihm benannte Stiftung für am Herzen erkrankte Kinder gegründet hat, nicht als untätigen Fußballrentner vorstellen.

Gerald Asamoah / Peter Großmann
„Dieser Weg wird kein leichter sein …“
Herbig-Verlag, 19,99 Euro

Mittwoch, 16 Januar 2013 12:30

50 + 1 - Gibt es das noch?

geschrieben von in Hintergründe

50plus1„International nicht konkurrenzfähig“ nannten einige Funktionäre des deutschen Fußballs noch vor einem Jahr die Bundesligavereine. Momentan schicken sich gleich drei dieser Vereine an, die Champions League ordentlich aufzuräumen. Da man international also durchaus konkurrenzfähig zu sein scheint entflammt erneut die Diskussion darum, wie es möglich sein kann, dass Investoren hinter den Vereinen die Fäden ziehen. Nicht nur die großen Männer des Sports, auch die Fans sind empört. Mit 10 Punkten Vorsprung in der Regionalliga klopft RasenBallsport Leipzig nun zum zweiten Mal an die Pforten des Profifußballs – in der Hand eine Kiste roter Dosen.

RB Leipzig wurde 2009 zu Marketingzwecken gegründet, daran besteht an sich kein Zweifel. RedBull ist für sein Sportengagement bekannt. Aber eben auch dafür, nicht nur irgendwo einen Aufkleber mit einem roten Bullen aufzukleben, sondern Einfluss und Verantwortung zu übernehmen. Dass das im deutschen Fußball nicht erlaubt ist, aber unterlaufen wird, zeigt schon das Logo des Leipziger Vereins. Schon letztes Jahr standen sie vor dem Aufstieg in die dritte Liga, welcher viele Diskussionen auslöste. Trainer Pacult musste seine Sachen packen,als es mit dem Aufstieg nicht klappte, auch das ein klares Signal: etwas anderes als der Aufstieg ist hier nicht gewollt! Sportdirektor Ralf Rangnick, eigentlich der Mann für die Kohlen im Feuer des FC Schalke, wurde zu RB Salzburg und RB Leipzig geholt, da seine Erfahrung im internationalen Bereich helfen sollen: alle Zeichen stehen auf vorderster Ligafront.

Der Gründer und Besitzer des österreichischen Getränkekonzerns RedBull sagte der "Neue Zürcher Zeitung" im vergangenen Frühjahr in einem seiner seltenen Interviews: "Wir bauen RB Leipzig mit dem Ziel aus, in drei bis fünf Jahren in der Bundesliga zu spielen. Wir wollen auch in der Champions League dabei sein."

rb leipzigNeben RedBull Salzburg und RedBull New York ist RasenBallsport Leipzig also nun der dritte Verein, den die Firma „unterstützt“ - allerdings der einzige, bei dem es in dieser Form nicht erlaubt. ist. Denn genau das verbietet schon die Satzung des Sächsischen Fußball Verbandes. In Paragraph 12 heißt es: "Änderungen, Ergänzungen oder Neugebung von Vereinsnamen und Vereinszeichen zum Zwecke der Werbung sind unzulässig." §15 Absatz 2 der DFB-Satzung benutzt den gleichen Wortlaut. Das Logo der Leipziger wurde daher 2009 mehrmals abgelehnt, da es dem Firmenlogo RedBulls zu ähnlich sähe. Wer sich das Logo aktuell ansieht weiß auch warum, allerdings nicht, was sich geändert haben soll.

Es sah so aus, als könnte das Marketing-Konzept, dass RB bis dato gefahren war, in Deutschland und im Ligensystem des Landes nicht bestehen. Wie konnte es also dazu kommen, das nun sogar auf der Internetseite des Vereins rote Bullen zwischen den Spielern herlaufen, man sich selbst „Rote Bullen“ und „Rote Brause“ nennt und fast alle der neun stimmberechtigten Vorstandsmitglieder tatsächlich RedBull angehören, keiner davon aber auch nur annähernd in Leipzig wohnt? Denn seien wir mal ehrlich: wo wird schon die Bezeichnung RasenBallsport benutzt? Die Denk- und Kombinationsleistung von dem als Traditionsnamen benutzten Roten Bullen zu RedBull bedarf jedenfalls keiner CSI-Mannschaft. Und oho, was ist denn das für ein Maskottchen? Ein roter Bulle! Ahja.

Nun wird es, angesichts dieser Verschleierung, die so undurchsichtig ist wie die Sky-Fragen zur Halbzeitpause, auch den Fans der anderen Vereine zu bunt. Durch Proteste und Druck von Fanseite sagten nun gleich sechs Vereine seit 2011 Testspiele gegen die Bullen ab, zuletzt der 1. FC Nürnberg und der TSV 1860 München. Diese sind zwar selbst nicht unbefleckt, aber dazu später.

Natürlich ist dies nicht nur für den Verein an sich profitabel. Die Stadt Leipzig verdient am Trainingszentrum, dass die Leipziger neu bauten und stetig erweitern, mit.

RB ist auch nicht der Erfinder der Philosophie, dass ein Unternehmen ein Verein ist oder andersrum. Eine Werkself wie in Leverkusen oder seit 2000 offiziell auch in Wolfsburg arbeitet quasi nach dem gleichen Prinzip, fällt momentan aber noch unter die „Ausnahmeregelung für langjährige Förderer“. Hier könnte man aber dank einer regionalen Zusammengehörigkeit noch lächelnd abwinken. Solange, bis in einem kleinen Dorf in Baden-Württemberg ein Mann kam und sagte „meinen Herzensverein will ich haben“ und bis 2012 über 240 Millionen in „seine“ TSG Hoffenheim pumpte, die daraufhin 2007 aus der Anonymität in die zweite Liga schoss.. Die 50+1 Regel? Naja. Offiziell darf ein Unternehmen nur 49% besitzen. Dietmar Hopps Firma hält diese Regel ein, den Verein, der die 51% besitzt, kontrolliert Hopp aber ebenfalls. Insgesamt soll sein Einfluss 96% des Vereinskapitals ausmachen.

Im Übrigen gibt es nicht nur Unternehmen, bei deren Einfluss in der Bundesliga man zweimal hinschauen muss – wem die Spielervermittlungsfirma Rogon etwas sagt, der regt sich über RedBull nur noch halb so sehr auf. Spielervermittler hatten überdimensionale Summen verdient, mehrere Spieler bei einem Verein untergebracht um Kupplungsverträge und bessere Provisionen möglich zu machen. Ganz vorne dabei auch hier: Die TSG. Aber auch Kaiserslautern, der HSV und sogar Schalke.Wer mitverdienen will, lobt Spieler aus dem Rogon-Stall und lässt andere schlecht aussehen. Tipps dafür kann man sich sicherlich bei Mario Basler holen, Schwager des Rogon-Geschäftsführers. Alles nur Zufälle? Vielleicht.

Klar ist jedoch, dass es im deutschen Fußball Not gibt,etwas zu tun. Sollte RB Leipzig, welches Synonym man auch immer für den Vereinsnamen benutzen mag, in die dritte Liga und damit in den Profibereich des deutschen Fußballs aufsteigen, wird es langsam immer schwieriger, das Durchwinken der Clubs, die offensichtlich von Unternehmen und Einzelpersonen geführt und kontrolliert werden, zu rechtfertigen. An den Statuten des DFB darf es nichts zu rütteln geben, sonst  ist nicht nur in Sachen Stehplätze gegen Sitzplätze der Weg in Englands Richtung nicht mehr weit. Der erste Scheich ist in Deutschland angekommen. Auch wenn sich die Zusammenarbeit des TSV 1860 München mit Hasan Ismaik schon wieder kurz vor dem Aus befindet, eben weil dieser Einfluss nehmen wollte und nicht durfte. Angesichts dieser Tatsache kann DFL-Geschäftsführer Rettig natürlich belegen, dass „Fakt ist: Ein Investor kann sich nur im Rahmen der durch die DFL-Bestimmungen vorgegebenen Maßnahmen einbringen“(FocusOnline), ob sich das beim nächsten Scheichsohn,der sich einen Club zum Geburtstag wünscht aber genauso ist, weiß auch er nicht. Genauso wenig,was man dann dagegen macht, denn wer einmal eine Marketingstrategie als Fußballverein zulässt, für den wird es schwierig, der nächsten die Tür vor der Nase zuzuschlagen.

Dann ist es in der Bundesliga wie mit dem unbeliebten Eco 10 Treibstoff an den Tankstellen: keiner will es, aber ohne kann man halt nicht mehr mitspielen. 

Dienstag, 15 Januar 2013 11:29

TV-Tipp: Wem gehört der Fußball?

geschrieben von in Tipp

100 das spiel logoGestern haben die fünf TV-Sender ARD, ZDF, Sky, Sport1 und Liga Total eine gemeinsame Kampagne gegen Gewalt im Stadion vorgestellt. Im Rahmen der Initiative wurde unter anderem ein Image-Film produziert, der heute erstmals ausgestrahlt und wohl über die Rückrunde immer wieder zu sehen sein wird. Ob nun ernsthaftes Bestreben oder doch nur Image-Gründe dahinter stecken, wird sich zeigen. Heute jedenfalls startet die Aktion mit einer Diskussionsrunde im Spartensender PHOENIX. Der Sender hatte in der Vergangenheit schon einmal eine Diskussionsrunde zum Thema Fußball die alles in allem doch sachlich und unaufgeregt geführt wurde. Auch diesmal lässt die Zusammensetzung der Gesprächsrunde vermuten, dass keine Zündel-Einlagen ala Kerner zu erwarten sind. 

Zu Gast in der Sondergesprächssendung zur Initiative "100 Prozent das Spiel – 0 Prozent Gewalt"

  • Andreas Rettig (DFL-Geschäftsführer)
  • Philipp Markhardt (Faninitiative "ProFans")
  • Philipp Köster (11Freunde-Chefredakteur)
  • Steffen Simon (WDR-Sportchef)
  • Reinhold Gall (Innenminister Baden-Württemberg)

Moderiert wird die einstündige Sendung von Christina von Ungern-Sternberg. (Phoenix, 15. Januar um 22 Uhr und Wiederholung um 0 Uhr)

Vor der Diskussionsrunde zeigt der Sender bereits ab 21:30 Uhr die Dokumentation Ergänzend „Dritte Halbzeit Randale“ in der "Ultras", Polizisten, Fanvertretern und Politikern zu Wort kommen.

Wir schalten ein!

Bildquelle: obs/Sky Deutschland

100 das spiel logoDie übertragenden Sender der Fußball Bundesliga starten am 15. Januar mit einer gemeinsamen Initiative gegen Gewalt im Stadion. Der Name: "100 Prozent Das Spiel - 0 Prozent Gewalt". Nur wenige Tage, nachdem Pyrotechnik bei der Übertragung der Vierschanzentournee als Stilmittel der Stimmung gelobt wurde, während sie bei Fußballspielen als Gewalteskalation verdammt wird. Nur wenige Tage, nachdem im ARD Nachtmagazin ein langer Bericht  gesendet wurde, der eingestand, dass das „Gewaltproblem“ in deutschen Stadien viel weniger dramatisch ist, als dargestellt. Wie Professor Harald Lange vom Institut für Fankultur in dem Bericht feststellt, war ein Stadionbesuch noch nie so sicher wie heute. Die Gewalt im Fußballstadion nimmt sogar ab, so der Zeithistoriker Rudolf Oswald im selben Beitrag.

Nun soll ein extra produzierter Kurzfilm der „überwältigenden Mehrheit der Fans“ eine Stimme geben. Dazu gibt es eine kontinuierliche Berichterstattung zu dem Thema, welche schon am Dienstag mit der Sondersendung „Wem gehört der Fußball?“ beginnt. Der Sender: Phoenix. Marktanteil 1%, bei den meisten deutschen Fußballfans wahrscheinlich nicht unter den ersten 30 eingespeicherten Sendern zu finden (wenn überhaupt).

Erfreulich ist die Zusammensetzung der Diskussionsrunde. So sind nicht nur der Fußball durch DFL Geschäftsführer Andreas Rettig, die Politik durch Reinhard Gall, Innenminister von Baden Württemberg, und die teilnehmenden Sender durch WDR-Sportchef Steffen Simon vertreten. Mit Philipp Markhardt, Sprecher von „ProFans“ kommt auch die Seite zu Wort, um die sich alles dreht. Dazu ist mit 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster noch ein eher fannahes Medium eingeladen.

Fragwürdig ist dennoch, weshalb ein Imagefilm auf allen Sendern breit gestreut wird, die (hoffentlich) tiefer gehende Diskussion jedoch auf einen kleinen Spartensender ausgelagert wird. Es entsteht der Eindruck, dass von den Unternehmen in erster Linie ihr hochpreisig eingekauftes Produkt „Fußball“ vor Image- und somit Zuschauerverlust geschützt werden soll. Etwas mehr Relevanz der Berichterstattung und Aufklärungsarbeit wäre durchaus wünschenswert.

Ein Kommentar von Stefan Viehauser

Bildquelle: obs/Sky Deutschland

Weiterführende Links:

Freitag, 11 Januar 2013 16:02

Gesellschaft & Fußball - hier: Wert(e)

geschrieben von in Hintergründe

werte 4Prolog:

„Der Preis ist, was wir bezahlen. Der Wert ist, was wir bekommen.“
- Warren Buffett, Amerikanischer Investitionsunternehmer.

Werte - ein breiter Begriff, hinter dem sich  mehr verbirgt,  als die einfache Defintion einer Währungseinheit. Werte können ebenso bedeuten, dass es einen Wert hat,
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espektvoll miteinander umzugehen. Werte sind relevant. Sie begegnen uns beinah
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äglich. Insbesondere im Fußballgeschäft. Dieser Artikel wagt einen tiefen Blick in
eine Begriffswelt, die kaum abstrakter sein könnte.

01. Geprägt von Werten

„Die Dinge haben nur den Wert, den wir ihnen verleihen.“ - Molière (1622-73)

Werte entscheiden über unser Leben - die Wahl des Vereins, des Partners, der Automarke und des Shampoos im Supermarkt. Werte sind verknüpft mit Motiven. Motive sind verknüpft mit Bedürfnissen. Gar nicht so kompliziert, wie es sich ließt: Sie treiben uns an, steuern uns - mal bewusst, aber größtenteils unbewusst.

Was ist es uns wert, Zeit, Aufmerksamkeit, Energie und Geld zu investieren? Aufschluss darüber geben unsere Werte. In den Fußball wird traditionell gerne investiert - ob aktiv oder passiv. Das Faktor Geld ist ja hierbei das ______________ (notwendige Übel, Entscheidendste, Überflüssigste, Schönste, Wertvollste)  in der Aufzählung ist - ergänzen Sie selbst.

Laut einer Studie der European Business School in Wiesbaden sprechen wir hier übrigens über eine Summe von knapp 35 Milliarden Euro, die Fans international in den Fußball investieren. 2,33 Milliarden Kästen Bier, 225 Millionen Stehplatz-Dauerkarten oder 875x die Transfersumme von Javier Martinez.

Doch zunächst zurück zu den Werten im abstrakten Sinne. Jeder von uns steht für  Werte und fühlt sich ihnen hingezogen. Ebenso wie wir bestimmten Werten gegenüber abgeneigt sind. Sie leiten uns zu etwas hin und stoßen uns ab. Treue vs. Opportunismus, Sicherheit vs. Risiko, Verstand vs. Emotion.

Immer gibt es Verfechter der einen und der anderen Seite. Es ist ein bisschen wie der gerne genommene, aber auch langsam rostansetzende Vergleich zwischen Schwarz und Weiß. Nicht zuletzt Kriege sind eine Auswirkung, deren Ursache auch auf die Verteidigung von Werten zurückzuführen ist. Jede Seite beansprucht die ausschließliche Wahrheit für sich - da ist Konflikt vorprogrammiert.

Nicht zuletzt im täglichen Miteinander finden die kleinen - verbal ausgetragenen Kriege - ihren Ursprung in einer unterschiedlichen Auffassung von Werten. Die nicht verschlossene Zahnpastatube oder die nicht zusammengefaltete Jeans sind da nur zwei Beispiele von vielen. Mir ist es die Zeit nicht wert, die Zahnpasta zuzuschrauben oder die Jeans zusammenzufalten - da findet sich immer ein Gegenpart, der das gar nicht so unwichtig findet. Hohes Konfliktpotenzial.

Doch trotz des Versprechens, beim nächsten Mal die Zahnpastatube zu verschließen, passiert es uns doch wieder. Die Zahnpasta liegt wieder offen da. Werte sind tief in unserer Persönlichkeit verankert. Verhaltensmuster sind von diesen Werten beeinflusst. Wir entscheiden selbst, wie viel Gehör, Verständnis und Einsicht wir der gegenpoligen Werteströmung zugestehen wollen.

So wie die Zahnpasta und die Jeans im alltäglichen Kosmos für Konflikte sorgen, so sind es Themen wie Sicherheit im weitaus größeren Fußball-Kosmos. Die offene Zahnpastatube oder die nicht-gefaltete Jeans sind nur die symbolische Speerspitze einer Verfechtung von bestimmten Werten.

Der Kleinkrieg artet aus. Die Zahnpasta wird aus Trotz offen gelassen. Oder anders herum: Die andere Seite behauptet, sie sei offen gewesen. Eine Seite will sich der anderen Auffassung nicht beugen. So entstehen Kriege. Im Badezimmer, ebenso wie im Fußball. Die Pyros sind die Speerspitze vieler Fans. Die Stadionsicherheit ist die Speerspitze der anderen Seite. Schwarz gegen Weiß. Ein eingerosteter Vergleich, ebenso die Argumente beider Seiten häufig.

Jeder hat eine andere Vorstellung darüber, was wert hat und was nicht wert hat. Unterschiedliche Wertvorstellungen liegen in der Natur des Menschen. Schließlich sind Werte nur die Auffassung darüber, was wünschenswert ist. Und da jeder Wunsch nun mal höchst subjektiv ist, bleibt am Ende die Frage: Was ist überhaupt wertvoll und was ist wertlos?

02. Wertvoll oder wertlos?

„Nicht alles, was zählbar ist, zählt auch wirklich; nicht alles, was zählt, kann man auch zählen.“ - Albert Einstein 1879 - 1955

Wer sich schon mal durch die Einrichtungshäuser dieser Welt geschleppt hat, kennt dieses Phänomenen. 4.999€, 2.999€. Das Sonderangebot, dem niemand wiederstehen kann. Das Schnäppchenjäger-Gen ist aktiviert. 2.000 € gespart? Oder doch nur eine trickreiche Manipulation der Preiswahrnehmung?

Was ist wertvoll und was ist wertlos? Das wird in den heutigen Zeiten vor allem an quantitativen Preisen festgemacht. Die Welt der materiellen Werte ist sehr eindimensional, andererseits sind Zahlen vielleicht die beste Erfindung der Ökonomie. Sie werden überall auf der Welt auf gleiche Weise verstanden. Zahlen geben Verlässlichkeit und Sicherheit - ähnlich wie ein dicker Schildkrötenpanzer.

Aber auch Schildkröten haben eine verwundbare Stelle. Dreht das Raubtier die Schildkröte auf den Rücken, so ist sie wehrlos. Wehrlos=Wertlos. In der heutigen Zeit läuft vieles nach folgendem Schema ab: Alles, was nicht in Zahlen ausgedrückt werden kann, wird ausgeblendet und existiert ganz einfach nicht. Zahlen, Fakten und Beweise sind real, spiegeln aber längst nicht die ganze Box der Wahrheit wieder.

Übertragen auf den Fußball, gelangt man schnell zu Frage nach dem Wert der Stadionbesucher. Sind Logen -und Businessseats in deutschen Stadien wertvoll? Ja. Sie machen im Durchschnitt ca. 3-8% der Stadionkapazität aus und generieren zugleich 50% und mehr der Gesamteinnahmen. Und die Besucher auf den Stehplätzen und normalen Sitzplätzen? Sind sie für einen Verein wertlos?  Welchen Wert haben Fans? Sind sie nur das Geld wert, was sie in die Kassen der Vereine spülen?

Auch Fußballvereine sind längst danach bestrebt, den Wert jedes einzelnen „Kunden“ auszuweisen und ihn - möglichst profitabel - an den Verein zu binden. Kein Teufelswerk, sondern eine Entwicklung, die im Laufe der Professionalisierung von der Wirtschaft in die Vereinswelt geschwappt ist. Es stellt sich die Frage. Was ist ein „Fan“ überhaupt wert?

03. Der Wert eines Fans

„Der beste Beweis der Liebe ist Vertrauen.“
- Joyce Brothers

Es ist noch nicht lange her, da startete der Hype um die mittlerweile meistgenutzte Netzwerkplattform im Internet: Facebook. Nicht nur Fußballvereine, sondern beinah jedes Unternehmen in der Wirtschaft versuchte möglichst schnell auf den im Eiltempo fahrenden Zug aufzuspringen. Zunächst vielfach mit einer Frage im Hinterkopf: Was bringt uns eigentlich ein Like? Was bringt uns das, wenn wir 10.000, 100.000 oder 1.000.000 Fans haben?

Ziemlich rasant wurde der tatsächliche Wert erkannt. Wer sich emotional mit dem Verein verbindet, mit ihm kommunizieren und ihn in seinen täglichen Alltag einbauen kann, der wird auch zwangsläufig auf den Link mit den Merchandisingartikeln und den Tickets gelangen. Monetärer Wert durch Schaffung von Bindung und Vertrauen.

Fußballvereine sind in der komfortablen und beinahe einzigartigen Stellung, Anhänger zu haben, die ihnen so gut wie alles verzeihen. Enttäuscht uns das Shampoo aus dem Supermarkt, kaufen wir es nie wieder. Die Loyalität mit einem Fußballverein kennt oftmals keine Grenzen. Die Bindung spielt eine wesentliche Rolle.

Machen wir uns nichts vor. Vereine wollen und müssen mit den Fans Geld verdienen. Das können sie vor allem mit den Fans, deren Bindung schon tief verwurzelt ist. Laut einer weitverbreiteten Formel ist es 5-mal teurer einen neuen Kunden zu gewinnen, als einen Kunden zu binden. Ich möchte nur einen kurzen Schwenk in die Welt der wichtig klingenden Fachbegriffe wagen: Das Zauberwort für die Bindung lautet CRM - Customer Relationship Management.

Da ist man dann nicht mehr Ultra, Normalo oder Kuttenträger, sondern A-,B- oder C-Kunde. Die Umsatzstärksten gehören in die A-Kategorie, die umsatzschwächsten in die C-Kategorie. Eine weitere wichtig klingende Abkürzung gibt Aufschluss darüber, wie profitabel der jeweilige Kunde ist: CLV - Customer Lifetime Value. Jeder Kategorie wird eine spezielle Kundenbindungsstrategie unterlegt. Mit der Kundenpotenzialanalyse werden die zukünftigen Chancen mit diesem Kunden ausgelotet. So sieht die - gar nicht romantisch klingende - Realität aus.

All diese rational und kommerziell klingenden Instrumente sind fest etabliert, bilden aber bei weitem nicht den ganzen Wert eines Fans ab. Und hiermit bewegen wir uns auch wieder langsam auf die gestellte Frage: Welchen Wert haben Fans? Sind sie nur das Geld wert, was sie in die Kassen der Vereine spülen? Exemplarisch dafür, steht ein Beispiel der Fans von Union Berlin. Durch eine Spendenaktion, freiwilliger Mitarbeit beim Stadionbau und kleineren ehrenamtlichen Hilfstätigkeiten sparte der Verein laut eigener Rechnung 5.000.000 €.

Ein Fußballverein lebt von seiner Emotionalität. Der Wert eines Fans (respektive Kunden, wie ein Großteil aktueller Vereinsmanager verachtenswerter weise schon zu sagen pflegt) kann nicht bloß aus einem Balkendiagramm geschlossen werden. Der monetäre Wert des „Kunden“ ist relativ leicht zu ermittelt, aber es gibt da auch diesen nicht-quantifizierbaren Wert, wie unter anderem die Aktion der Union-Fans zeigt.

Jeder Fan, die ganze Fankultur ist absolut wertvoll und schützenswert. Doch wie misst man das? Atmosphäre pro Zuschauer? Begeisterung je Sekunde? Dezibel pro Kopf? Gänsehaut pro Minute?

Nicht alles auf der Welt lässt sich messen - gottseidank. Es gibt kein Messinstrument für Loyalität. Marktforscher mögen anderes behaupten - mir allein fehlt der Glaube daran. Wie im Beispiel Union kann dieser Wert manchmal quantifiziert werden, aber grundsätzlich sind diese immateriellen Werte schwerer zu erfassen und zu begreifen als materielle Werte. Dennoch geben sie den wesentlichen Ausschlag zu vielen Entscheidungen - sei es für den Fußballverein oder für das Shampoo im Supermarkt.

Wenn die Fans ihre Mannschaft nach einem Rückstand zum Sieg schreien ist das nicht messbar. Wenn die gelbe Wand in Dortmund zum wesentlichen Identitätsmerkmal wird und Sponsoren und Geldgeber dadurch animiert werden, sich auf einer emotionalen Plattform zu präsentieren, ist das nicht messbar - aber es ist da. Und nebenbei gesagt - es spiegelt einen x-fach höheren Wert dar, als ihn in vielen Marketingabteilungen deutscher Fußballvereine heute zugesprochen wird. Die Instrumente können nur das sichtbare erfassen - nicht das unsichtbare.

Zugegeben - die Überleitung zum nächsten Unterthema erfordert nun einen kleinen Bogen. Wobei - vielleicht auch nicht, denn Wertschätzung ist vielleicht genau dieses Instrument, das in vielen Geschäftsstellen noch nicht installiert wurde. Und nicht nur dort. Vor allem in Konflikten ist es eine gutschmeckende Zutat.

04. Wertschätzung

„Ein jeder ist soviel wert, als die Dinge wert sind, um die es ihm ernst ist.“
- Marc Aurel

Jeder von uns hat irgendwann mal dieses alte Relikt aus vergangenen Tagen in seinem Wohnreich liegen oder stehen gehabt, von dem man sich nicht trennen kann und für die uns alle anderen für verrückt erklären. Wir wertschätzen es. Der Teppich vom Großvater, die alten Gardinen - was auch immer es ist. Jeder hat andere Werte. Jeder schätzt andere Dinge. Und andere schätzen eben dies nicht.

Fehlende Wertschätzung - ist das ein Problem? Wertschätzung für andere Werte, Meinungen, Teppiche? Die Welt ist kein Ponyhof mag man darauf antworten, aber sie ist ebenso wenig ein kubanisches Gefangenenlager. Achtung Phrase: Die Wahrheit liegt irgendwo in der Mitte. Wertschätzung kann oftmals nicht schaden.

Wertschätzung, dass es jemanden aus hygienischen Gründen wichtig sein könnte, dass die Zahnpastatube geschlossen wird. Wertschätzung dafür, dass jemand andere Dinge für wichtiger hält, als penibel darauf zu achten, die Zahnpastatube zu schließen.

Wertschätzung, dass jemand um Sicherheit in Stadien besorgt ist. Wertschätzung dafür, dass jemand das Stadion als zentralen Lebensmittelpunkt sieht und seine Freiheitsrechte durch maßlose Sicherheitsmaßnahmen beschnitten sieht.

Was wir sehen, ist, dass jede Gruppe ohne Rücksicht auf Verluste seine Werte verteidigt und dafür kämpft. Kämpfen ist eine ehrvolle Sache. Das vermitteln uns Filme wie Braveheart & Co schon früh. Und was ist die Lösung?

Oft wird „Für-die-Sache-kämpfen“ als Lösung angesehen. Verteidigt man dabei nicht einfach nur eine festgefahrene Ideologie? Für mich stellt sich die Frage: Ist kämpfen die Lösung?

05. Der Wert, dafür zu kämpfen?

„Moral ist ständiger Kampf gegen die Rebellion der Hormone.“
- Federico Fellini (1920-1993)

Waffenstillstand oder Kampf bis zum letzten Mann? Was ist die bessere Lösung? Die Europäische Union ist es Beispiel dafür, wie man sich von Gewalt, Krieg und physisch ausgetragenen Konflikten hin zu einer vereinten Gesellschaft bewegt hat. Jahrzehnte lang ging es ordentlich zur Sache. Zwei Weltkriege im 20. Jahrhundert sind die Bilanz. Heute ist man weiser, erfahrener und klüger. Kampf ist nicht immer die beste Alternative. Dialog schon eher.

Dialog - für mich ein heißer Kandidat auf das Unwort des Jahres 2012. „Wir müssen den Dialog suchen“ - gefühlt habe ich in den letzten Monaten keinen Satz häufiger gelesen, als diesen. Man meint zu erahnen, dass viele da gesucht, aber nicht gefunden haben - oder auch vielleicht nicht finden wollten.

Wenn dann doch mal einer zustande kam, waren es viel mehr zwei einzelne Monologe, als ein Dialog. Es ging für beide Seiten viel mehr darum, seinen Standpunkt zu verteidigen, anstatt sich auf das Gegenüber einzulassen. Jeder kämpft für seine Werte.

Wertschätzung für die andere Seite? Eher Fehlanzeige. Apropos Fehlanzeige. Die gab es ja auch in den Medien des Öfteren Mal. Das führt mich zur nächsten Frage, die garantiert besser ist, als diese Überleitung: Warum muss ständig alles und jeder bewertet werden?

06. Die ständige Bewertung

„Die meisten bekommen eine Meinung, wie man einen Schnupfen bekommt: durch Ansteckung.“ - Axel von Ambesser (1910-88)

Der Mensch verliert seine Fähigkeit, Dinge zu bewerten. Wofür auch? Es dauert keine Minute, bis uns nach - welchem Ereignis auch immer - eine Meinung auf dem Silbertablett serviert wird. Es besteht gar nicht mehr die Notwendigkeit, Dinge selbst zu bewerten.

Sind die Medien Teufels Werk, so wie es oft dargestellt wird? Nein. Kommunikation beinhaltet immer Meinung und der Mensch kann nicht nicht kommunizieren. So entsteht Meinung wie am Fließband und wird in die Welt getragen. Mit dem Unterschied, dass ein Medium eine größere Menge an Menschen erreicht.

Ist es berechtigt, sich darüber zu echauffieren? Vielleicht, aber spielt es den Meinungsmachern nicht noch viel mehr in die Karten? Polarisierung ist doch gewünscht.

Und was die „Medien“ in großem Maßstab betreiben, tut jeder einzelne in kleinem Maßstab ebenfalls. Der Nachbar hat sich doch diesen neuen Wagen gekauft. Was für ein arroganter Angeber. Die Kollegin aus dem Nachbarbüro hat nicht gegrüßt. Was für eine hochnäsige Zicke. Ungerechtfertigte Bewertung und Pauschalisierung ist nicht nur ein Handwerk von überregionalen Boulevardmedien.

Vieles wird heißer gekocht als es ist. Manches ist überbewertet, manches unterbewertet. Die Bewertung ist gewiss.

07. Überbewertet oder Unterbewertet?

„Die öffentliche Meinung gleicht einem Schloßgespenst: Niemand hat es gesehen, aber alle lassen sich von ihm tyrannisieren.“ - Sigmund Graff (1898-1979)

Bewertungen geben uns Sicherheit - vermeintliche zumindest. Noten in der Schule, Kurse auf dem Aktienmarkt, Castingshows, Stiftung Warentest - an allen Ecken finden wir Bewertungen. Wir selbst werden bewertet und vertrauen ihnen. 98% unserer Käufer würden das Shampoo weiterempfehlen. Trotzdem ein Fehlkauf.

Auch die Fußballwelt lebt von der Bewertung. Oft schon, bevor der erste Anpfiff ertönt, wird auf die Abschlusstabelle spekuliert. Der 18-jährige Einkauf aus Brasilien wird als Heilsbringer verehrt, bevor er auch nur einen Ball am Fuß hatte.

Erst die Realität zeigt, was über -und was unterbewertet ist. Wobei das ja auch nicht ganz richtig ist, denn eins haben Realität und Wert(e) ja gemeinsam: Jeder nimmt sie anders wahr. Der tatsächliche Wert bemisst sich erst dann, wenn Realität auf Erwartungshaltung trifft.

Oder mathematisch ausgedrückt:

Wenn Erwartung/Realität > 1 = Enttäuschung
Wenn Erwartung/Realität < 1= Freude

Epilog:

Werte - so umfassend der Rundumblick dieser Thematik auch war, konnte er nur
einen kleinen Teil eines viel größeren Universums abbilden. Werte dürfen nicht aus-
r
adiert werden. Auch wenn sie scheinbar immaterieller Natur sind, spiegeln sie den
t
atsächlichen Wert einer Sache viel eher wieder, als die Scharr aus Instrumenten, die
es in vielen Fußballvereinen aktuell nicht schaffen, diesen Wert zu ermitteln.

 â€žEs gibt nichts auf der Welt, was einen absoluten Wert besitzt. Wir können den Dingen nur den Wert zuordnen, die sie für uns haben.“ - Charles Dudley Warner 1829-1900, Amerikanischer Schriftsteller.