Fußballer-Biografien präsentieren sich zuweilen nach dem Motto „Titel, Tore und Triumphe“ oder enthalten skandalträchtige Geschichten zur Steigerung der Auflage. Im ersten Fall sind sie gelegentlich zu flach, im zweiten Fall zu durchsichtig. Gerald Asamoah hat mit Unterstützung des Sportjournalisten Peter Großmann eine Lebensbeschreibung erstellt, die sich positiv von derartigen Werken abhebt.
Ghana und Hannover
Der sportliche Weg des 1978 in Ghana geborenen deutschen Nationalstürmers war in seiner Jugend von verschiedenen Erschwernissen behindert, die eine Profikarriere eigentlich hätten verhindern müssen. Zu diesen gehörte, dass er während eines großen Teils seiner Kindheit von seinen Eltern getrennt lebte. Der Vater, ein Journalist, hatte aus politischen Gründen nach Deutschland flüchten müssen und war mit seiner Frau nach Hannover gezogen. Gerald Asamoah wuchs zunächst bei seiner ihn christlich erziehenden Großmutter auf und zog erst im Alter von zwölf Jahren in die niedersächsische Hauptstadt. Dort trat er ein Jahr später dem BV Werder Hannover bei. Trotz der Anforderungen einer Schulausbildung in einem neuen Sprachraum sowie Arbeitspflichten im Haushalt und im väterlichen Laden brachte er die Energie für den Fußball auf. Den Durchbruch erlebte er nach seinem Wechsel zu Hannover 96, wo er 1998 maßgeblichen Anteil am Aufstieg in die 2. Bundesliga hatte.
Herz und Schalke
Zur größten Bedrohung für Asamoahs Karriere wurde jedoch eine erst spät festgestellte Herzanomalie. Letztendlich konnte er seine Karriere nach aufzehrenden Untersuchungen fortsetzen, wenngleich unter Inkaufnahme eines Restrisikos und eines griffbereiten Defibrillators. Dennoch verpflichtete ihn 1999 der FC Schalke 04, mit dem er zwei DFB-Pokale erringen sollte. Bei den „Königsblauen“ entwickelte er sich zu einem bei den Fans sehr beliebten, kampfstarken Angreifer mit hoher Vereinstreue. Dies zeigte sich insbesondere bei den aufgeheizten Begegnungen gegen Borussia Dortmund, von denen ein 2007 errungener 4:1-Derbysieg zur denkwürdigsten Partie wurde. In deren Verlauf kam es zu einer heftigen Auseinandersetzung Asamoahs mit dem gegnerischen Torhüter Roman Weidenfeller, dem der Schalker vorwarf, ihn als „schwarzes Schwein“ beleidigt zu haben (S. 60). In der Biografie geht Asamoah ausführlich auf die nicht durch einen Zeugen bemerkte Ehrverletzung ein und bedauert gleichzeitig auch eine von ihm gezeigte „Geste zu den Dortmunder Fans“ (S. 61). Dabei bleibt er leider unkonkret, indem er auf eine Beschreibung dieser Geste verzichtet - es war ein durch Vorbeiziehen des Daumens am Hals angedeuteter Kehlenschnitt.
Rassismus und Nationalmannschaft
Unabhängig von der Beweisbarkeit des Vorwurfs wurde Asamoah wiederholt Ziel des Hasses von Rassisten. Wie andere dunkelhäutige Spieler wurde er in verschiedenen Stadien „als Nigger beschimpft und mit Bananen beworfen“ (S. 146). Dennoch nahm er die deutsche Staatsbürgerschaft an, verzichtete auf eine Karriere in der Nationalmannschaft Ghanas und entschied sich stattdessen für die sich im Neuaufbau befindende deutsche Auswahl. Mit ihr wurde er 2002 unter Rudi Völler überraschend Vizeweltmeister. Dass er trotz dieses Bekenntnisses zu und seines Einsatzes für Deutschland weiterhin Anfeindungen von Rechtsextremisten ausgesetzt war, belegt das Ausmaß des sich im Fußball zeigenden rassistischen Hasses. Asamoah nennt in diesem Zusammenhang insbesondere ein Spiel in Rostock und beklagt das Ausbleiben einer unterstützenden Reaktion der Nationalmannschaftkameraden, insbesondere des Kapitäns Michael Ballack, den er allerdings nicht namentlich nennt (S. 72). Der Nationalstürmer setzte seine Karriere dennoch in der DFB-Auswahl fort und krönte sie 2006 bei der Weltmeisterschaft im eigenen Land. Während des Turniers hatte er als DJ einen erheblichen Einfluss auf das Klima innerhalb der für das „Sommermärchen“ verantwortlichen Mannschaft und trug dadurch zu einer im ganzen Land aufkommenden positiven Stimmung bei. Besonderes beliebt war dabei ein Zuversicht verbreitendes Lied Xavier Naidoos, das die Textstelle enthielt: „Dieser Weg wird kein leichter sein.“
St. Pauli und Greuther Fürth
Nach der Weltmeisterschaft setzte Asamoah seine Vereinskarriere zunächst auf Schalke fort. Es folgte eine kurze, glücklose Zeit beim FC St. Pauli sowie ein Engagement bei der Spielvereinigung Greuther Fürth, mit der er 2012 den von ihr lang ersehnten Aufstieg in die Erstklassigkeit schaffte. Zum Zeitpunkt der Buchveröffentlichung steht er zwar noch im Dienst des fränkischen Vereins, befindet sich aber mit 34 Jahren im Spätherbst seiner Profikarriere.
Was bleibt …
Das lesenswerte, durch Beiträge von Gastautoren wie Manuel Neuer, Otto Addo, Mirko Slomka oder Theo Zwanziger angereicherte Buch besticht dadurch, dass es neben Asamoahs sportlicher Laufbahn auch seine Familiengeschichte sowie die von ihm bewältigten Erschwernisse behandelt. Er stellt sich durch die offene Beschreibung seines Lebensweges, unter Einschluss seiner religiösen und familiären Verwurzelung, nicht nur als Spitzensportler, sondern als Mensch vor. Darüber hinaus beleuchtet er mit seiner Einwanderungsgeschichte auch die deutsche Gesellschaft, sowohl mit ihren rassistischen Schattenseiten als auch mit ihren Möglichkeiten zur Teilhabe und ihrer sich im letzten Jahrzehnt verändernden Einstellung zum Thema Zuwanderung.
Es passt zum Optimisten Asamoah, eine Zeile des 2006 bekannt gewordenen Xavier Naidoo-Liedes als Titel für seine Spielerbiografie zu verwenden. Seinen sportlichen Weg damit als „nicht leicht“ zu beschreiben ist allerdings unzutreffend - denn es ist eine Untertreibung. Dass der Stürmer es trotz der Erschwernisse in den Profifußball und sogar in die Nationalmannschaft schaffte, deutet auf eine vorbildliche Haltung sowie eine außergewöhnliche Leistungsbereitschaft hin. Dadurch erklärt sich auch sein unbedingter Kampfeswille auf dem Spielfeld, mit dem er technische Mängel mehr als ausglich. Mit diesen Voraussetzungen hätte er keinen besser zu ihm passenden Verein finden können, als den Arbeiterklub FC Schalke 04. Asamoahs Buch ist in Teilen auch eine Art Liebeserklärung an diesen Klub, wobei es seine Zeit bei Hannover 96 leider etwas vernachlässigt. Dies ist umso bedauernswerter, da er einen großen Anteil an der erfolgreichen Aufbauarbeit des niedersächsischen Vereins hatte und dieser wiederum seine persönliche Entwicklung gefördert hatte.
Gerald Asamoah hatte das hart erarbeitete Glück, dass seine Nationalmannschaftskarriere zur Zeit des Neuanfangs unter Rudi Völler begann und ihren Höhepunkt beim „Sommermärchen“ unter Jürgen Klinsmann erreichte. Der deutsche Fußball wiederum hatte das Glück, dass Gerald Asamoah ihn in den Jahren grundlegender Veränderungen um eine ungewöhnliche Facette bereicherte. Nach der Lektüre seiner Biografie kann man sich den sozial engagierten Fußballarbeiter, der eine nach ihm benannte Stiftung für am Herzen erkrankte Kinder gegründet hat, nicht als untätigen Fußballrentner vorstellen.
Gerald Asamoah / Peter Großmann
„Dieser Weg wird kein leichter sein …“
Herbig-Verlag, 19,99 Euro