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Donnerstag, 03 Juli 2014 16:05

Istanbul United

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istanbul unitedBeeindruckend. Das war schon mein Gedanke, als ich über den Zusammenschluss der Istanbuler Fans bei den Gezi Park Protesten hörte. Nach diesem Film weiß ich, dass es dieses Wort nicht mal ansatzweise trifft.

Gestern Abend fand auf dem Filmfest München die Deutschlandpremiere von „Istanbul United“ statt. Die Dokumentation zeigt die Fangruppen der drei großen Istanbuler Vereine Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray. Ihre Liebe zum Verein, ihren Hass aufeinander. Und wie es dazu kam, alle Abneigung über Bord zu werfen, und gemeinsam am Taksim Platz die Protestbewegung zu unterstützen. „Es war nicht geplant, es war nicht organisiert. Es passierte auf dem Platz.“  erzählt Kerem Gürbüz, Mitglied der Ultraslan (Ultragruppierung von Galatasaray).

Zum Einstieg des Films wird mit Ultras der verschiedenen Vereine gesprochen. Wie sie zu ihrem Verein kamen, was sie bewegt so aktiv zu sein, was Ultra für sie bedeutet. Und auch über den Hass auf die anderen. Ein Vorsänger der Ultraslan erzählt: „Als ich sieben Jahre alt war, hasste ich Fenerbahce. Als ich zwölf war, hasste ich sie noch mehr. Und als ich siebzehn war, hasste ich sie noch mehr als mehr. Warum das so ist, kann ich nicht sagen. Es ist einfach so.“

Erst drei Wochen vor dem Film wurde ein Fan bei einem Derby niedergestochen. Nicht unbedingt alltäglich, aber auch nicht außergewöhnlich. „Wir würden alles tun für Besiktas. Wir würden sterben für Besiktas. Wir würden töten für Besiktas.“ Sagt Ayan Güner, einer der Anführer von Carsi (Fanvereinigung von Besiktas).

Das wichtigste im Leben ist der eigene Verein. „Wir sind Fenerbahce Fans. Fenerbahce Fans lieben einander. Wie heißt es in unserer Hymne? Diese Kameradschaft, die es in keinem anderen Klub gibt…“  bläut Fenerbahce Ultra Cahit Binici einem Kind ein.

Die Bilder aus den Kurven, von den Treffpunkten und den Festen vor und nach dem Spiel, sind ein Festmahl für aktive Fans. Laute Gesänge, Torpogos, Choreovorbereitungen… Und immer wieder im Fokus auch junge Frauen und Kinder, die bei den Beschimpfungen des Gegners in nichts nachstehen.

Aber auch Zusammenstöße von Fangruppen, und vor allem mit der Polizei, werden gezeigt. Häufig unmittelbar aus dem Geschehen heraus, was beeindruckt, aber auch abschreckt. Wie die Menschenjagd auf zwei Fenerbahce Fans von einer größeren Gruppe Galatasaray Fans quer über eine sechsspurige Straße bei vollem Verkehr.

Es wird in diesem ersten Drittel auch Zuschauern die mit Fußballfans nicht so viel am Hut haben gut vermittelt, was die Gemeinschaft in einer Fanszene bedeutet. Wie man schon von klein auf hineinwächst in diese Familie. Und wie man lernt, die anderen zu hassen.

Es folgt ein drastischer Schnitt. Plötzlich befindet man sich mitten auf dem Taksim Platz, mitten in den friedlichen Protesten, dem Zeltlager. Und mitten in den Säuberungsaktionen der Polizei. Es sind Bilder die einen nicht kalt lassen. Sie machen Angst.

Ältere Frauen die Polizisten anflehen, doch bitte aufzuhören. Menschen, die in ein Krankenhaus flüchten und trotzdem weiter mit Tränengas beschossen werden. Ein Kind, das mit zugeschwollenen Augen seinen Vater um Hilfe ruft, der aber selbst röchelnd auf einer Bank liegt. Eine junge Frau mit verätzter Haut, kniend in einer Tränengaswolke, die vor Schmerzen und Panik schreit wie am Spieß. Ministerpräsident Erdogan, der einem Despoten gleich vor seinen Parteifreunden applausumtost ankündigt, dass man weiter mit voller Härte die Pläne durchsetzen will.

Dann wieder tagsüber die Menschen auf dem Platz, die immer mehr werden, sich organisieren. Interviews mit Mitliedern der Protestbewegung, die so hoffnungsvoll klingen. Die davon berichten, wie die Solidarität wächst, wie häufig nach den Angriffen der Polizei die Kraft fehlt, weiter zu machen. Und wie man dann von Freunden und Fremden wieder  aufgebaut wird, und doch auf dem Taksim bleibt. „Taksim ist überall! Überall ist Widerstand!“ schallt es den Polizisten entgegen. Die Antworten mit Wasserwerfern, noch mehr Tränengas, noch mehr Härte.

Wieder ein Schnitt. Man sieht eine Handvoll Ultraslan Mitglieder, wie sie vor einem Fernseher die Berichte über den Gezi Park sehen, wie sie mit Freunden telefonieren die vor Ort sind. „Wir müssen da hin!“ sagt Kerem Gürbüz. Handys werden gezückt, Freunde zusammengetrommelt. Zu Beginn sind es nur einzelne kleine Grüppchen, aber das reicht schon, um eine erste Abwehr gegen die Polizei zu bilden. Erste Barrikaden werden gebaut, Tränengasgranaten zurückgeworfen oder in Wasserspenderflaschen entsorgt. Und das erste Mal hört man auch auf dem Taksim Platz das Lied, das schon vorher rund um die Stadien zu hören war und sich wie ein roter Faden durch den Film zieht:

Kommt schon, schießt!
Kommt schon, schießt!
Kommt schon, beschießt uns mit eurem Tränengas!
Nehmt eure Helme ab,
Legt euren Schlagstock weg,
Und dann werden wir sehen, wer der Boss ist!

Als ein riesiger Corteo von Carsi im Gezi Park ankommt, brechen die Menschen in Jubel aus. Quer über den von Baggern geschaffenen Graben schallt der Wechselgesang „Schwarz - Weiß - Schwarz - Weiß - Schwarz - Weiß…“. An anderer Stelle sammeln sich die Ultraslan, wieder woanders die Fans von Fenerbahce.

Und dann der Satz einer jungen Frau, der sich mir eingebrannt hat:
„Es war, als käme die Kavallerie. Und wir wussten, jetzt sind wir sicher.“

Auf dem Taksim vermischen sich die Fangruppen. Ohne Hass, ohne Abneigung. Gemeinsam mit den Demonstranten, zu denen sie nun selbst gehören, singen sie: „Nieder mit Faschisten! Cim Bom (=Galatasaray), Fener, Carsi!“

Ein Blick in eine normale Straße in Istanbul. Menschen aller Altersgruppen sitzen in Cafés, unterhalten sich. Ein Trupp Polizisten taucht auf, sie sind auf dem Weg zum Taksim. Auf einmal stehen die Menschen auf, buhen, beschimpfen die Polizisten, stellen sich ihnen in den Weg. Die Polizisten sind irritiert, ziehen sich zurück. Als ein Wasserwerfer kommt, müssen die Menschen weichen. Aber das Zeichen ist gesetzt. Sie haben keine Angst mehr.

Wir wissen, wie die Geschichte geendet hat. Der Gezi Park wurde gewaltsam geräumt und gesperrt. Große politische Umbrüche blieben aus. Aber die Protagonisten berichten, wie sich im Kleinen, im Inneren doch viel verändert hat. Erstmals gelangten Themen wie Unterdrückung, Homophobie, Gewalt gegen Frauen in eine breite gesellschaftliche Diskussion. Cahit Binici führt uns in einen anderen Park, zeigt uns wie dort eine gemeinschaftliche Kultur entsteht. Menschen sitzen zusammen und essen, halten Workshops ab. Eine Gruppe junger Fenerbahce Ultras sind auf dem Weg zum Treffpunkt. Als ihnen ein Tangokurs im Weg ist, stoppen sie kurz, und schließen sich plötzlich an. Die Leute lachen.

„Die Menschen sind nicht mehr ohne Hoffnung. Ich denke, niemand fühlt sich mehr allein und sozial ausgegrenzt in diesem Land nach Gezi.“ sagt ein Kerem Gürbüz.

Der Film endet mit einem Derby  im Inönü Stadyumu, Heimat von Besiktas Istanbul. Gästefans sind wie schon seit langem nicht zugelassen. Die Carsi um Ayan Güner singen und schreien ihr Team nach vorne, ein Tor fällt, auch ein Gegentor. Dann stürmen die Fans den Platz. Keine Ordner, keine Polizisten können sie zurückhalten. Und nur noch ein Ruf ist zu hören:


„Taksim ist überall! Überall ist Widerstand!“

Istanbul United
Dokumentation - Deutschland, Schweiz, Tschechien, Türkei 2014
Laufzeit: 89 Minuten
Regie: Farid Eslam, Oliver Waldhauer
Weitere Informationen: www.istanbulunitedthemovie.com

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