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Mittwoch, 11 Juni 2014 19:11

„Tatort Fankurve“ – Fußball, Gewalt und Rechtsextremismus

geschrieben von  Elmar Vieregge

Während die polizeilichen Statistiken zum Straftatenaufkommen im deutschen Fußball eine für den normalen Stadionbesucher generell gute Sicherheitslage belegen, steigerte sich in letzter Zeit die Aggressivität in Teilen der Fanszene. Dies führte bei einigen Vereinen zu einer Ausweitung von Hooliganaktivitäten, einer Verstärkung der Auseinandersetzungen zwischen Ultras und Sicherheitskräften oder einer stärkeren Präsenz von Rechtsextremisten. Der Sportreporter Klaus Blume hat diese Entwicklung thematisiert und sieht in „Tatort Fankurve“ ein Ausufern von „Fußball, Gewalt und Rechtsextremismus“.

Der Autor beschäftigt sich nach Verlagsangaben „seit 1964 journalistisch mit dem Fußballsport und dessen Hintergründen“ und arbeitete für renommierte Blätter wie „Welt“ oder „Neue Zürcher Zeitung“. Aufgrund seiner dabei gewonnenen Erfahrung, seiner Kenntnisse über den Ligabetrieb und seiner persönlichen Kontakte hätte er gute Voraussetzungen für die Untersuchung einer in der Öffentlichkeit mit großem Interesse aufgenommenen Problematik gehabt. Bedauerlicherweise führte ein überbordendes Engagement dazu, dass er ihr nicht gerecht wurde und ein Buch verfasste, das sich in Spekulationen verliert.

Nazis, Ultras und Hooligans

Blume thematisiert in den einzelnen Kapiteln eine nach seiner Auffassung erfolgende „Naziunterwanderung“ von Fankurven, angebliche Verbindungen des rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zur Hooliganszene und eine Gewaltwelle der Ultrabewegung. Dabei bedient er ein breites Themenfeld und führt detailreich eine große Zahl rechtsextremistischer Vorfälle an. So stellt er mehrere Hooligangruppen vor, berichtet über rechtsextremistische Aktivitäten bei Borussia Dortmund oder Eintracht Frankfurt und weist auf das Engagement von NPD-Angehörigen im Freizeitfußball hin. Er betrachtet sowohl Ereignisse im deutschen Fußball als auch entsprechende Vorfälle aus verschiedenen europäischen Ligen und stellt Hooligan- und Ultragewalt in Beziehung zu rechtsextremistischen Aktivitäten. Dies erfolgt jedoch nicht im Rahmen einer systematischen Übersicht, sondern als Zusammenstellung einzelner Vorfälle. Dabei unterbleibt häufig deren Einordnung in die Gesamtsituation, so dass der Eindruck entsteht, als breite sich eine mächtige Gewalt- und Rechtsextremismuswelle im deutschen Fußball aus.

Kühnens Strategiepapier und NSU-Verbindungen

Den nachhaltigen Charakter rechtextremistischer Bemühungen versucht Blume anhand von Überlegungen des in den 1980er Jahren führenden Neonazis Michal Kühnen zu belegen, der bereits damals versuchte, Anhänger in Fußballstadien zu gewinnen. Dabei misst der Autor einem „Strategiepapier“ des Neonazis eine große Bedeutung zu, verzichtet jedoch auf dessen zumindest in Auszügen erfolgten Abdruck (S. 47-49). Ebenso unterbleibt eine ausgewogene Diskussion darüber, ob das Papier Grundlage einer nachweisbaren Entwicklung oder nur eines von vielen die eigenen Kräfte überschätzenden Gedankenspielen Kühnens war. So hätte Blume in Betracht ziehen müssen, dass Kühnen mehrfach groß angelegte Pläne propagiert hatte, deren Resultate bei weitem nicht den Ankündigungen entsprachen, die aber die Aufmerksamkeit der Medien erregten. Stattdessen behauptet er, dass die Bemühungen des 1991 verstorbenen Rechtsextremisten erfolgreich waren und sieht in ihm einen „rechte(n) Fußballstratege(n)“ (S. 56), in dessen Sinne Rechtsradikale heute „immer mehr Fuß fassen“ (S. 58).

Dies ist nicht die einzige unbelegte Behauptung, die im Falle ihres Zutreffens eine erhebliche Wirkung entfalten würde, denn der Autor sieht auch eine Verbindung des NSU zur Hooliganszene. So äußert er in einem Interview mit Barbara John, der Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der NSU-Morde, im Verlauf seiner Recherchen den Eindruck gewonnen zu haben, sich „mit jedem Schritt geradezu unaufhaltsam auf den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zu bewegen.“ Zudem gibt er unter Berufung auf „rechtsradikale Fußball-Hooligans“ an, auf Hinweise auf „mögliche Unterschlupfwinkel“ vor allem im Dortmunder, im Mannheim-Ludwigshafener und im Braunschweiger Raum gestoßen zu sein. Während er einen Beleg für seinen Endruck schuldig bleibt, zeigt er bei der Gesprächspartnerin Wirkung, reagiert diese doch mit den Worten: „Das ist ja eine Bombe! … Ich falle ja fast vom Stuhl bei diesem Gedanken!“ (S. 42-43). Letztendlich macht der Autor eine dramatische Aussage, die bislang weder durch die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, noch durch die intensiv recherchierenden Medien oder den gegen Beate Zschäpe geführten Strafprozess gestützt wird.

Dramatisierung ohne Analyse

Die vermeintliche NSU-Hooligan-Verbindung ist nicht die einige dramatische, doch unbelegte Aussage des Buches. Dessen Botschaft beschreibt der Verlag auf der Rückseite mit den Worten: „… ohne Krawall und Exzess geht es im deutschen Fußball nicht mehr. Allwöchentlich attackieren sich gegnerische Hooligans, auch die eigentlich friedlichen Ultra-Gruppen werden immer radikaler. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Phänomen seitens des DFB und der Politik findet nicht statt. … Das Fußballstadion ist längst zu einer Bühne der Gewalt geworden – und die Fankurve zum Tatort.“ In diesem Sinn unterstellt Blume Anhängern von Eintracht Braunschweig, die am 20./21. Mai 2013 nach dem Erstligaaufstieg in ihrer Heimatstadt randalierten, dass sie die „Innenstadt in Schutt und Asche legen wollten“ (S. 8). Im Hinblick auf die Hooligan-Szene beschreibt der Verfasser deren Angehörige als „Schläger und Raufbolde mit … oft eindeutiger rechtsradikaler Ausrichtung“ (S. 83). Bezüglich ihrer Handlungsfähigkeiten vertritt er die Auffassung, dass sie „in deutschen Stadien „bestimmen“, was geschehen darf – und was nicht. Die Ordner kuschen, die Polizei schaut weg …“ (S. 83). Dabei schreibt er ihnen sogar über Landesgrenzen reichende Machtstrukturen zu, vertritt er doch die Meinung, dass es „sehr schwer (ist), gewalttätigen Rechtsradikalen“ selbst durch eine Flucht ins Ausland zu entkommen, da „alle diese rechtsradikalen Gruppen … untereinander international erstklassig vernetzt (sind)“ (S. 153).

Blumes Überschätzung der Ressourcen der rechtsextremistischen Szene zeigt sich auch dadurch, dass er die „World Union of National Socialists“ (WUNS) charakterisiert, indem er sie als „Weltorganisation der Nazis“ (S. 159) bezeichnet, aber auf eine Einordnung hinsichtlich der realen Stärke dieser mit einem großspurigen Namen versehenen Vereinigung verzichtet. So erweckt er den Eindruck, als existiere eine global handlungsfähige NS-Organisation. In seiner unkritischen Art macht der Autor zudem quer durch Europa verlaufende „Geldströme der Rechten“ (S. 19) aus und erklärt, dass sie „beim Kampf unpolitischer Fans gegen Kommerzialisierung, Repression oder Polizeiwillkür mühelos andocken können“ (S. 59). Die durchgängige Kombination aus Dramatisierung und Analysemangel prägt das Buch in einem Ausmaß negativ, dass Erkenntnis fördernde Passagen in den Hintergrund treten. Zu diesen gehört etwa ein Interview mit dem Fansprecher von Lokomotive Leipzig, dass unter anderem die Nähe von Angehörigen der Fangruppe „Scenario” zur NPD behandelt (S. 116-118).

Fazit

Über den Fußball und den Rechtsextremismus erscheinen permanent Bücher unterschiedlicher Güte. „Tatort Fankurve“ gehört zu den überflüssigen Werken. Für das Buch spricht seine Detailfülle. Andererseits wird sie durch eklatante Versäumnisse überdeckt. So besteht eine analytische Schwäche, da Blume seine Quellen nicht hinterfragt und nicht ausreichend belegte Thesen aufstellt. Darüber hinaus ist Blumes Buch zu stark von einer sich aus seiner Abscheu vor rechtsextremistischen Aktivitäten ergebenden moralischen Absicht geprägt. Dies ist zwar für einen jahrzehntelang tätigen Sportjournalisten nachvollziehbar, wirkt sich jedoch stark nachteilig auf seine Veröffentlichung aus. Der sich aus seinem großen persönlichen Engagement ergebende Mangel an Distanz verstellt dann auch den Blick auf das tatsächliche Ausmaß rechtsextremistischer Aktivitäten im Fußball und führt zu einem regelrechten Alarmismus. Von einem Verfasser, der sich seit der Gründungszeit der Bundesliga professionell mit dem Fußball beschäftigt, hätte man hingegen eine sorgfältige und ausgewogene Beschäftigung mit dem Problem rechtsextremistischer Aktivitäten im deutschen Fußball erwarten können.

tatort-fankurve buchDa dies nicht erfolgte, könnte ist es möglich, das der ein oder andere Rechtsextremist „Tatort Fankurve“ sowie die Klage seines Verfassers „Fußball-Deutschland, wie rechts bist du geworden“ (S. 77) mit einem amüsierten Gemüt liest, da es ihrem Lager eine in der Realität nicht vorhandene Stärke unterstellt. Darüber hinaus könnten sie es als Beispiel einer generellen medialen Übertreibung herausstellen, um von ihren tatsächlichen Aktivitäten abzulenken. Somit hat der Sportjournalist Blume zwar eine Publikation über ein öffentlichkeitswirksames Thema auf den Buckmarkt geworfen, doch als Mittel zur Aufklärung des realen Ausmaßes von „Fußball, Gewalt und Rechtsextremismus“ ist sie leider ungeeignet.

Klaus Blume
Tatort Fankurve
Berlin 2013
14,99 Euro

Erschienen im Rotbuch-Verlag

 

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