Die Woche hat wieder aufgezeigt, in welchem Dilemma sich die deutsche Fankultur bzw. der Fan an sich befindet. Am einen Tag Krawallberichte aus Hannover, am Tag drauf der Fan-Gipfel in Berlin mit einer abschließenden gemeinsamen Erklärung. Und zwischendrin: Kaffee und Kuchen am Geburtstagstisch, wo ich merke, in welchem Teufelskreis man hier eigentlich steckt.
Mittwoch in Hannover. Dresden im DFB-Pokal bei Hannover 96. Nichts Außergewöhnliches erstmal. Noch vor Spielbeginn muss man dann jedoch einsehen: Dresden Anhang und DFB- Pokal ist eine besondere Angelegenheit. Zwei Welten begegnen sich und scheinen sich einfach nicht zu mögen. Nicht nur, dass Hannover dem 10.000 Fan starkem Anhang eine komplette Tribüne reserviert hat, sondern auch, dass wieder eine Gruppe die Bühne DFB Pokal genutzt hat, allein mit dem Ziel, sich medial zu präsentieren. Ob gewollt oder ungewollt spielt dabei keine Rolle. Was hängen bleibt ist: Der DFB-Pokal und Dresden, damit assiziiert man leider Pyro, Krawalle und Gefahr. Seit Mittwoch nicht mehr nur wegen Dortmund. Der neutrale Betrachter fragt sich: Warum ist das so und warum gerade immer die Dynamos aus der Elbmetropole? Letztlich torpedieren solche Bilder den tags darauf organisierten Fan-Gipfel in Berlin und dessen Bemühungen und Ziel, den Verbänden und der Politik einen alternativen Weg aufzuzeigen. Den Fans jedenfalls nutzen diese Berichte gar nicht, im Gegenteil. Sie spielen allein den Hardlinern in die Karten. Man kann jetzt schon wieder die Uhr danach stellen, bis Polizei und Politik diese Entwicklungen zu nutzen machen und in radikale Forderungen umwandeln werden.
Dass diese Berichterstattung nur die eine Seite der Medaille ist, bekommt man erst mit etwas Abstand mit, wenn Fans und Augenzeugen ihre Sicht der Dinge darstellen. Natürlich sollte man diese auch mit Vorsicht und Augenmaß betrachten. So der Fall in Hannover, wo ein 17-jähriger weiblicher Fan aus Dresden dem Sicherheitskonzept am Einlass in Hannover schwere Vorwürfe macht. Es ist mindestens als fragwürdig zu bezeichnen, wenn der Teil der Fans die sich eben aus Gefahrenzonen heraus halten wollen, durch Sichehrheitmaßnahmen eben jenen Gefahren ausgesetzt werden. Sind es nicht eben jene Fans, die man vor Gewalt schützen möchte? In die mediale Öffentlichkeit schaffen es derart kritische Aussagen nur selten, wie jüngst im Nachgang zum Revierderby in Dortmund. Die dort gleichermaßen artikulierte massive Kritik am Polizeikonzept, auch aus renommierten Redaktionsstuben wie Spiegel Online, fasste Raphael Buschmann exemplarisch wie treffende zusammen, als er im Kreise der scheinbar konspirativen Schalker Fans nach Dortmund anreiste. Liest man seinen Erlebnisbericht "Mit Sicherheit am Ziel vorbei", so findet man erstaunlicherweise viele deckungsgleiche Aussagen und Erfahrungen mit jenen des Dresdner Anhangs in Hannover: Verfehlte Polizeitaktik, überforderte Sicherheitskräfte am Einlass und schlussendlich als Resultat Pyro im Stadion – der Inbegriff für Gewalt schlechthin. Aber darf sich die Polizei diese Bilder zunutze machen, wenn sie doch mittlerweile ein "Player" in diesem Spiel ist?
Donnerstagnachmittag im Schwäbischen. Geburtstag im Familienkreis, man kommt mit dem Besuch ins Gespräch: Über Fußball, den VfB Stuttgart und Stadionbesuche landet man zwangsläufig beim Thema "Sicherheit im Stadion". „Wir haben es doch grad erst in den Radio-Nachrichten gehört, dass die in Hannover wieder randaliert haben. Da muss man doch endlich mal handeln!“, erklärt der oft zitierte "normale Fans", wenig im Thema und den dazugehörigen Details stehend.
"Ja muss man, aber nicht von oben herab!", erwidere ich. Dann folgt ein fast 10 Minuten lang andauernder Monolog über das Problem von Willkür, Repression und populistischen Forderungen aus der Politik. Dieser mündet in der abschließenden Frage, ob Maßnahmen wie Vollkontrolle, Entzug von Kartenkontingenten und Geisterspiele eine Antwort auf das generelle Gesellschaftsproblem steigender Gewalt ist? Stimmt, es ist ein gesellschaftliches und eben kein Fußball-Problem…
Zeitgleich in Berlin. Über 250 Fanvertreter von 49 Vereinen von Bundesliga bis Regionalliga beraten und diskutieren im VIP-Zelt von Union Berlin. Der Fangipfel gilt als erster Versuch, sich mit einer Stimme gegen die einseitigen Forderungen nach mehr Sicherheitsbestimmungen zu stellen. Anwesend auch Andreas Rettig, designierter DFL Geschäftsführer, der mit seiner Teilnahme ein Zeichen setzt. Wahrscheinlich ist es zu früh über Details zu reden, aber es ist Zeit für „verbale Abrüstung“ wie Rettig es formulierte. Recht hat er: Wer den Dialog möchte, sollte nicht verbal mit Steinen werfen und Feuer zündeln. Die Forderungen in der Abschlusserklärung des Fangipfels sind einfach, fast banal, doch in ihrer Gesamtheit allesamt zu begrüßen. Die DFL, der DFB und die Vereine sind aufgefordert, dies als Grundlage für weitere Gespräche zu nehmen. Und wir Fans müssen uns daran messen lassen. Alle zusammen sind wir "DER" Fußball – die Solidargemeinschaft Fußball. Wenn wir ihn so erhalten wollen, wie wir ihn lieben, dann müssen wir gemeinsame Nenner finden. Und Politik und Polizei sollten dies als klare Ansage verstehen. Fußball eignet sich nicht, um von eigenen Versäumnissen abzulenken.