Man ist es ja inzwischen fast gewohnt, wenn in Zusammenhang mit Fußballspielen von „kriegsänlichen Zuständen“ gesprochen wird. Seit Sandra Maischbergers „Taliban der Fußballfans“ ist der Terrorismus auch in den deutschen Stadien medial angekommen. In der neuen Spiegel-Printausgabe wird ein Kommentar das Thema erneut anheizen. Jörg Kramer stellt dabei nicht weniger als den Wunsch nach Dialog in Frage: Er stellt den völlig sachfremden und indiskutablen Vergleich auf, dass man die "Terroristen" auch nicht nach Verbesserungsmöglichkeiten bei der Sicherheit fragen würde.
Aufhänger sind einmal mehr Ultras und deren Position zum Einsatz von Bengalos. Nun ist Pyrotechnik schon längst ein Politikum geworden, ein Thema, das wie kein anderes den Konflikt zwischen Fans und Verbänden widerspiegelt. Die Rückschlüsse, die Kramer daraus zieht, zeigen aber das eigentliche Dilemma. Solang die Debatte nicht auf eine sachliche Ebene zurückkehrt, wird es keine Beruhigung geben. Und dazu, lieber Herr Kramer, gehört nun mal auch das Gespräch miteinander. Gleiches gilt im Übrigen auch für Polizeigewerkschafter Wendt, der nicht müde wird zu betonen, wie sehr er es doch bedauere, dass Ultras nicht mit der Polizei reden. Um dann im gleichen Atemzug klarzustellen, dass es einen Dialog auf Augenhöhe nicht geben könne. Dieser Teufelskreis, die Quadratur des Kreises, wird weiter gehen, wenn sich beide Parteien weiter gegenseitig Radikalisierung vorwerfen.
Natürlich sind laut ZIS-Statistik (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze) die Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz um 77% gestiegen. Zur Ursache freilich sagt Kramer nichts, denn (und das stellt die ZIS in ihrem Bericht ja selbst fest) nicht zuletzt die beendeten Gespräche mit den Fans haben dazu beigetragen: „Im Anschluss daran hatte der Vorsitzende des Nationalen Ausschusses Sport und Sicherheit, (… ) gebeten, dass die einsatzführenden Polizeibehörden keine Zweifel an der klaren Absage aufkommen lassen und jeglichen Versuchen, Pyrotechnik im Stadion zuzulassen, konsequent entgegenwirken. Dieser Hinweis dürfte zu einer weiteren Intensivierung der Strafverfolgungsmaßnahmen mit der Folge eines außerordentlichen Anstieges der eingeleiteten Ermittlungsverfahren geführt haben.“ Oder kurz gesagt: Wer sucht, der findet.
Diese angebliche „Geisterdiskussion“, die im Kommentar wieder angesprochen wird („Angeblich soll ein früherer Verbandsfunktionier mal einen Kompromiss zur Pyro Frage in Aussicht gestellt haben…“) war nicht dergleichen, was sich eigentlich inzwischen auch in die Redaktionsstuben des "Spiegels" herum gesprochen haben dürfte. Wer noch nicht Bescheid weiß, darf sich gern das auf dieser Seite veröffentlichte Interview mit Helmut Spahn durchlesen. „Ich denke wir waren auf einem guten Weg“ – Solche pragmatische, an der sachlichen Auseinandersetzung orientierte Einschätzungen wären in der aktuellen Debatte sehr hilfreich, anstatt die Terror-Keule auszupacken.
An den letzten drei Spieltagen haben die Fans jeweils 12 Minuten und 12 Sekunden geschwiegen. Ein Schweigen, das bei jedem, der Fußball so liebt wie wir ihn kennen und schätzen gelernt haben, grübeln auslöst. Spieler, Funktionäre, Trainer, Medien haben erkannt: Ein solches Szenario kann man nicht wollen.
Kramer behauptet zudem: „Ultras beanspruchen für sich, die einzigen echten Fans zu sein, und halten sich für unverzichtbar“. Es sind aber, und genau deswegen wird dieser Protest der Kampagne „Ohne Stimme keine Stimmung“ auch von einer breiten Masse unterstützt, nicht nur die Ultras, welche von den Sicherheitsmaßnahmen betroffen sind. UItras alleine bringen kein Stadion mit 80.000 Zuschauern zum Schweigen. In Stuttgart wurde der Protest von der Kurve „gefordert“, obwohl es keine Vorgabe von den „Stimmungskanonen“ – den einzig wahren Fans – gab. Ein FC Bayern München, und vielleicht noch ein oder zwei weitere Vereine, werden ihr Stadion auch ohne „aktive Fanszene“ füllen und für jede Stehplatzkarte drei Sitzplatz-Interessenten finden. Bei allen anderen Clubs werden die jetzt schon sichersten Stadien der Welt womöglich leer bleiben. Im Kommentar heißt es "Keiner würde sie vermissen" Die Wahrheit ist aber, ob mit oder ohne Ultras: Ohne Stimme wird man die Stimmung vermissen.
In der arabischen Welt wird der Wunsch nach Mitsprache von den westlichen Medien als streben nach Demokratie gefeiert. Wo, wenn nicht in einer Demokratie selbst, sollte es möglich sein gemeinsam an einem Tisch über Lösungen zu sprechen. In vielen Vereinen wird das vor Ort mit der Fanszene – auch mit Ultras – gemacht. Mit Erfolg. „Natürlich sind Fans keine Terroristen“ – Was soll dann bitte dieser Kommentar, Herr Kramer?