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Samstag, 24 Mai 2014 12:12

Ein festes Bündnis mit dem Glück?

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 allianz ffDer DFB hat die Namensrechte der Frauenfußballbundesliga veräußert. Ab der Saison 2014/2015 wird sie „Allianz Frauenbundesliga“ heißen. Das gaben DFB und Vertreter des Münchener Finanzgiganten am 8. April bekannt. Ist dieser Deal  „ein festes Bündnis mit dem Glück“, wie die Allianz-Werbespots in den 1980ern trällerten?

Nun, die Clubs der Frauenbundesliga profitieren in hohem Maße. Der Vertrag zwischen DFB und Allianz wird über fünf Spielzeiten laufen. Das Handelsblatt spricht von Auszahlungen in Höhe von ein bis zwei Millionen Euro pro Saison. Das Geld kommt direkt den zwölf Bundesligaclubs zu, die damit ihren Spielbetrieb finanzieren und ausbauen sollen. Jedem Bundesligaclub stehen damit etwa 100.000 Euro pro Saison mehr zur Verfügung. Der durchschnittliche Etat eines Frauenbundesligavereins wird von verschiedenen Quellen zwischen 500.000 und 1 Million Euro angegeben, da sind 100.000 eine deutliche Aufstockung. Sie gibt den Vereinen die Möglichkeit, ihre professionellen Strukturen auszubauen (Management, Ausrüstung, Trainingsbedingungen) und Spielerinnen finanzielle Anreize zu bieten. Die Tabelle der Frauenbundesliga teilt sich seit Jahren auf in Titeldreikampf, etabliertes Mittelfeld und hoffnungslosen Abstiegskampf – Spiegelbild eines strukturellen Ungleichgewichts, das durch das zusätzliche Geld sicher ein gutes Stück weit behoben werden kann. Damit wird eine wesentliche Herkulesaufgabe des Frauenfußballs angegangen.

So gesehen ist der Allianz-Deal ohne Zweifel vorteilhaft für den Frauenfußball. Noch viel weniger Zweifel bestehen bei den Vorteilen für die Allianz. Allianz-Vorstand Heinemann spricht von einer „phantastischen Plattform für Marketingaktivitäten.“ (fr-online.de). Die Allianz „wird auf den Trikotärmeln der Klubs präsent sein, auf Banden werben, in den Interviewzonen und dem Umfeld der Stadien mit ihrem Logo verstärkt präsent sein. Ein Schwerpunkt liegt auf der Interaktion in den sozialen Netzwerken. Zudem besteht für den Konzern die Möglichkeit, in allen zwölf Stadien rund um die Spiele eine Reihe von Marketingaktionen durchzuführen.“ (handelsblatt.com). Und das kostet die Allianz eine Million pro Saison – zum Vergleich: Die Namensrechte an der Münchener Arena sollen sechs Millionen pro Saison kosten, und daß mit weitaus weniger Möglichkeiten für Marketingaktivitäten. Der Finanzkonzern erschließt sich ein großes Marketingfeld – für ein Butterbrot.

Auch, wenn die endlosen Kommerzialisierungsthesen der Fanszenen etwas ermüdendes haben – Hier paßt die klassische Anti-Kommerz-Faust aufs Auge. Die Kritikpunkte „Aufdringlichkeit“ und „Mißbrauch des Fußballs als Werbeplattform“ durch Sponsoren sind in diesem Fall berechtigt. Bedenklich ist die Abhängigkeit, in die sich der Frauenfußball begibt. Das Bild US-amerikanischer Franchise-Ligen schwebt über der Geschichte. Ligasprecher Siggi Dietrich spricht es sogar aus, wenn er sagt, daß sich jetzt „die zwölf Ligafilialen [sic!] im Gleichschritt entwickeln“ können (vergleiche fr-online.de). Doch es sind eben nicht zwölf Allianz-Filialen, sondern eine Fußballiga, aus der in jeder Saison zwei Clubs absteigen und in die in jeder Saison zwei Clubs aufsteigen. Aufsteiger erhalten zwar auch den Allianz-Obulus, doch müßten sie ad hoc ihre Strukturen ausbauen, um wettbewerbsfähig zu sein. Ein Strukturausbau braucht jedoch mehr Zeit als eine Sommerpause, um sich in sportlichen Erfolgen auszuzahlen. Und was passiert mit Absteigern, die mit dem Geld gearbeitet und es in der nächsten Saison nicht mehr zur Verfügung haben? Was passiert überhaupt, wenn der Allianz-Deal 2019 ausläuft und vielleicht nicht verlängert wird? Wie wird die entstehende Finanzlücke gestopft? Kommt der nächste Namenssponsor oder bröckelt alles auf das heutige Niveau zurück, Kollateralschäden in Form finanziell schlingernder Clubs nicht ausgeschlossen? Außerdem ist die „Entwicklung im Gleichschritt“ im Low-Price-Frauenfußball eh relativ. Turbine Potsdam kann auf gewachsene Umfeldstrukturen zurückgreifen und ist sportlich autark. Der 1.FFC Frankfurt, Tabellenführer und frischgebackener Pokalsieger, arbeitet selbst mit Sponsoringpartnern und ist finanzautark, auch ohne Allianz. Beim VfL Wolfsburg muß man nicht ausführen, wie und warum bei Bedarf auch deutlich mehr als 100.000 Euro bereitgestellt werden können. Das gleiche gilt für Hoffenheim und Leverkusen sowie andere „Männerclubs“, wie Kollegin Christin an anderer Stelle ausgeführt hat. Problematisch ist auch die Weiterentwicklung weicher Faktoren. In der Vergangenheit wurde, nicht zuletzt vom DFB, die Stärkung der eigenen Identität als Chance zur Weiterentwicklung des Frauenfußballs betont. Es wird schwierig, eine Identität zu entwickeln, wenn Stadionbesuche, Champions League-Siege und Imageträger von Versicherungswerbung zugekleistert werden.

Haben wir es nun mit einem „Bündnis mit dem Glück“ zu tun? Für die Strukturentwicklung der Clubs ist der Allianz-Deal wunderbar, man darf durchaus gespannt sein, was Vereine wie Essen oder Jena daraus machen. Nichtsdestoweniger ist ein nachhaltiger Effekt auf die Entwicklung des Frauenfußballs fraglich, allein durch die Beschränkung auf die jeweiligen zwölf Bundesligaclubs und auf die Laufzeit von fünf Jahren, zumal finanzstarke Clubs den „Gleichschritt“ weiterhin aushebeln können. Was sich, in Teilen zu Recht, wie eine Win-Win-Situation anfühlt, ist vor allem ein Win für die Allianz.

Mal ganz abgesehen davon, daß der DFB eine Tür geöffnet hat, die nun nicht mehr zu geht. Die Dritte Männer-Liga gilt als „Pleite-Liga“. Hier könnte, statt „Pleite“, Ihre Werbung stehen.


Quellen:
http://www.sportal.de/allianz-wird-namenssponsor-der-frauen-bundesliga-1-2014041036716100000.
http://www.handelsblatt.com/sport/fussball/nachrichten/novum-im-deutschen-fussball-allianz-wird-namenssponsor-der-frauen-bundesliga/9743664.html.
http://www.dfb.de/news/de/frauen-bundesliga/allianz-frauen-bundesliga-startet-zur-saison-2014-2015/57173.html.
http://www.fr-online.de/ffc-frankfurt/dfb-frauen-bundesliga-sponsor-eine-starke-allianz,1473454,26812948.html.
http://www.zdfsport.de/bundesliga-bleibt-ein-nischenprodukt-29792636.html.
http://www.wallstreet-online.de/nachricht/6693653-frauenfussball-allianz-engagement-experten-gutes-investment.
http://www.fankultur.com/blog/frauengeschichten/1415-wirklich-eine-wachabl%C3%B6sung.

 

Jan-H. Grotevent

Jahrgang 1975.

Gefühlte Zuständigkeiten:

Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

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