FANkultur.com: Hallo Matthias, der "kicker" hat dein Buch "1904 Geschichten: Mit Schalke is wie wennze fliechs" als "Bestes Fußballbuch 2012" nominiert und kürzlich erschien mit "Mit Schalke is wie frisch verliebt" der zweite Band aus der "1904 Geschichten"-Reihe. Vielleicht erzählst du unseren Lesern mal kurz, was sie bei dabei erwartet?
M.B.: Seit knapp zwei Jahren läuft das Abenteuer mit den "1904 Geschichten". Dabei sammle ich von allen, die mitmachen wollen, Geschichten, die in irgendeiner Weise mit Schalke 04 zu tun haben. Mitmachen kann jeder (am besten schaut man auf die Homepage - dort findet sich u.a. meine eMail-Adresse), nicht nur Schalke-Fans, und auch die Bandbreite der gesammelten Geschichten ist unbegrenzt. Ja, unbegrenzt: Der wunderbare S04 kann auch mal schlecht weg kommen dabei, aber natürlich achte ich bei allen Geschichten darauf, dass sie authentisch sind und fair. Denn es geht ja um Wahrheit, nicht um "In die Pfanne hauen", und man kann Meinungen und Emotionen auch vermitteln ohne gewisse Grenzen zu überschreiten. Bislang haben sich knapp 150 Autoren beteiligt und etwas über 250 Texte eingesendet - und eine Auswahl daraus findet sich eben in den Büchern. Im neuesten Band sind es 44 Texte, und die handeln davon, wie man als Professor auf Madagaskar mit seinem Lieblingsverein fiebert, wie man vor 70 Jahren beim ersten Spiel mit der Schalker Schülermannschaft zitterte, wie man Europapokalspiele erlebt, wenn man sehbehindert ist, weshalb man auf Borussia Dortmund trotzdem nicht verzichten mag, wie der Schalker Präsident einst in einer Luxuskarosse zur Auswärtsniederlage chauffiert wurde, sie handeln von einem Fan, der jahrelang mit den Profis auf dem Trainingsplatz stand, wie man als Knirps das "Skandalspiel" 1971 erlebte, wie man unterwegs war mit dem berühmten Opa, der für Deutschland das Nationaltrikot trug, und und und. Eine bunte Sammlung eben, die im Ganzen schon etwas aussagt, über Fußball im Allgemeinen und über Schalke im Speziellen.
FANkultur.com: Wie kamst du auf die Idee, gerade dieses Buch zu machen? Was war die dich leitende Motivation?
M.B.: Der ursprüngliche Anlass war einst die schwierige Zeit im Herbst 2010, als beim FC Schalke 04 so einiges auf den Kopf gestellt wurde und so manches, was - zumindest nach meiner Ansicht - den Club ausmacht, in echte Gefahr geriet. Dabei ging es nicht um sportliche Themen, sondern um Existenzielles. Um die Finanzen, insbesondere aber auch um den Umgang miteinander, um Werte. Sozusagen: Um Alles.
Tom Watt hatte vor vielen Jahren anlässlich des Abrisses einer legendären Tribüne im Highbury Arsenal-Fans nach ihren Erinnerungen gefragt und daraus ein dickes Buch gemacht. Kees Jaratz, der den sehr lesenswerten Zebrastreifenblog führt, hatte während der Ruhr 2010 auf der gesperrten A40 begonnen, das "Fan-Gedächtnis" des MSV Duisburg aufzubauen. Das waren Inspirationen ähnlich wie die Schalke-Bücher von Rainer Raap aus den Achtzigern, die alle miteinander durch ihre ungeschminkten, ehrlichen Schilderungen einfach erlebbar machen, was den Verein X ausmachte, ausmachen sollte und vielleicht immer noch ausmacht.
Ich wollte mich im Herbst 2010 also versichern, dass "mein Bild von Schalke" nicht ein Trugbild ist, dass auch andere ihren Club so erleben, begleiten, und ihn vielleicht auch so wollen wie ich. Also rief ich dazu auf, mir Geschichten zu senden. Geschichten, die in ihrer Gesamtheit irgendwann einmal ausdrücken können, was Schalke war und ist, was Schalke ausmacht. Und gleichzeitig wollte ich mir selbst und auch den anderen damit klar machen, dass der Fußballclub ganz unabhängig von den temporären Krisen und dem Chaos, das jeden Fußballclub irgendwie immer wieder zu überfallen scheint, an sich eine wunderbare Sache ist. Etwas, mit dem mitzufiebern richtig ist, und für das es sich lohnt zu kämpfen.
Da ich selbst unheimlich gerne lese, war von Anfang an auch die Idee, einige dieser Geschichten mal auf Papier zu drucken und ein Buch daraus zu machen - und da Vorhaben erfahrungsgemäß dann besser funktionieren, wenn ihnen ein klares Ziel vorangestellt wird, wurde also das Sammeln von exakt 1904 Geschichten zum Motto und zur Überschrift für das Ganze. Tja, und wo ich schon einmal so weit war, und tatsächlich qualitativ hochwertige Texte eingeschickt wurden, entstand begleitend ein Internetblog, ein Facebook-Auftritt und also irgendwann das erste Buch, das nun wahrhaftig bei der Akademie für Fußballkultur für diesen renommierten Preis nominiert wurde - und vor ein Paar Wochen dann auch das zweite Buch.
FANkultur.com: Ist das Buch denn nur was für Fans des FC Schalke?
M.B.: Ich meine schon, dass die "1904 Geschichten" jedem Fußballfan gefallen könnten, auch wenn Schalke natürlich in jeder Geschichte eine Rolle spielt - viele der Themen, die dabei berührt werden, treffen ja auf alle zu. Und wer sich für Anekdoten, Kurioses, Interessantes aus der Fußballwelt interessiert, der wird nach meiner Erfahrung auch Spaß an Büchern haben, die sich nicht vorrangig oder ausschließlich mit dem eigenen Club befassen. Das geht mir mit guten Büchern über andere Vereine oder Ligen ja genau so. Ein gutes Buch ist ein gutes Buch, eine lustige Geschichte ist eine lustige Geschichte - auch wenn man vielleicht manchmal ein bisschen mit den Zähnen knirschen muss und ein gerütteltes Maß an Selbstironie braucht. Was übrigens häufig gerade bei den Schreibern selbst der Fall ist - m.E. eh die beste Art, mit legendären Niederlagen umzugehen. Und auch die gehören ja dazu.
FANkultur.com: Ohne schon zu viel zu verraten: Was waren für dich die emotionalsten Geschichten in diesem Buch?
M.B.: Ach, das ist schwierig. Jeder, der bei den "1904 Geschichten" mitmacht, schreibt etwas auf, das ihm wichtig ist. Und also ist es auch mir wichtig. Emotion ist da beim Schreiben schon ein Thema, und vielleicht auch der Hauptgrund, weshalb praktisch jeder eine Geschichte gut erzählen kann - und so diese erst zu einer "guten Geschichte" macht - wenn er nur mit genug Herzblut dabei ist. Und das ist ja hier schon von vornherein der Fall. Inhaltlich reicht die Palette der Emotionen ja auch sehr weit. Da geht es um eine zufällige Krankenhaus-Begegnung mit jemandem, der einst den Schalkern die Deutsche Meisterschaft entriss. Damals Held, heute krank. Da geht es um das Scheitern einer Ehe, auch wegen Fußball - und um das Finden einer neuen Liebe. Da liest man vom Stolz und der unbändigen Freude, die einen überkommt, wenn man das erste Mal das Trikot des eigenen Clubs aufs Spielfeld trägt. Und da gibt es noch so viel mehr.
Ich kann das nicht werten, und ich finde, das würde den Geschichten und ihren Schreibern auch nicht gerecht werden.
FANkultur.com: Wie soll es nun mit diesem Projekt weitergehen?
M.B.: Es werden weiter Geschichten gesammelt - bis zur "1904" ist es ja noch ein weiter Weg. Im Blog werden regelmäßig neue Beiträge online gestellt und auf Facebook wird über unser Abenteuer an sich auf dem Laufenden gehalten. Die Leser, jeder der will, können sich da nicht nur mit Geschichten beteiligen, sondern mit allem Möglichen - das Cover des ersten Buches beispielsweise wurde praktisch von den Lesern des Blogs bestimmt - und ich informiere über Veranstaltungen, bei der ich das Projekt vorstelle und ein paar Autoren ihre Geschichten lesen (zB demnächst, am 24.August im Maschinenhaus auf der Zeche Consol in Gelsenkirchen), zeige Fotos von den letzten Lesungen oder Meinungen, die irgendwo geäußert werden, stelle Pläne zur Diskussion usw.
Das Ganze dreht sich ums "Aktiv sein". Der Fußballfan nicht als Konsument, sondern als jemand, der handelt. Der, in diesem Fall, seine Geschichten aufschreibt und so aktiv sein Bild des Vereins in die Welt trägt, gleichzeitig aber damit den wirklichen Wert, die Stärke dieses Vereins fördert - und ganz nebenbei sich und allen anderen beweist, dass "ganz normale Fußballfans" richtig etwas können. Schreiben zum Beispiel. Dass sie so gut ihr Erleben reflektieren und aufschreiben können, dass ihr Werk sogar vom renommiertesten Sportmagazin des Landes für den renommiertesten Fußballbuchpreis des Landes vorgeschlagen wird - das würden sich zahllose Profis, deren Beruf das Schreiben solcher Texte ist, sicher wünschen.
Für mich ist das Lesen jedes neuen Beitrages eine große Freude, und das "1904 Geschichten"-Abenteuer wird es geben, solange es Fußballfans gibt, die dabei mitmachen. Vielleicht ja künftig auch noch mehr Fans anderer Vereine, die sicher auch Erinnerungen an Erlebnisse mit dem S04 haben. Egal ob Gute oder Schlechte, auch ganz egal, wie's mit Rechtschreibung, Grammatik oder Stil aussieht. Hauptsache wahr, ehrlich, echt. Dann ist es immer lesenswert. Darauf hoffe ich und darauf freu' ich mich.
Glück Auf
Matthias
Matthias Berghöfer ist der Autor des Buches "Mit Schalke is wie frisch verliebt". Gegenüber FANkultur.com stand er Rede und Antwort und gewährte uns einige Einblicke in sein Werk. Über unseren Facebook-Kanal werden wir vier Exemplare verlosen. Was ihr dafür machen müsst? Den Channel besuchen und eine Frage zu den Königsblauen beantworten.