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Christoph Burr

Christoph Burr

Projektleiter FANKULTUR.COM

Dienstag, 26 November 2013 16:22

Wenn Spieltag ist - Eine Hommage an die Fans

wenn spieltag ist coverSepp Herbergers berühmte Aussage, Menschen gingen zum Fußball, „weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“, hinkt. Denn auch beim Minigolf oder Volleyball weiß man nicht, wie es ausgeht. Und doch sind die Aktiven dort zumeist unter sich, während Fußball schon vor dem Ersten Weltkrieg enorme Zuschauerscharen anlockte und zum ersten und bis heute beliebtesten Publikumssport in Deutschland (und der Welt) wurde.

Natürlich ist, um bei Herberger zu bleiben, das Ungewisse ein bedeutender Bestandteil des Fanwesens. Borussia Dortmunds magische Wende im Champions-League-Spiel gegen Málaga im April 2013 hat wohl selbst Menschen bewegt, die mit Fußball eigentlich gar nichts am Hut haben. Weil sich da vor aller Augen ein Wunder abspielte. Weil sich eine Mannschaft, die geschlagen am Boden lag und auf den finalen Tritt wartete, aufrappelte und gegen das Schicksal kämpfte. Und es zwang. Fußball als Mikrokosmos des Lebens!

Das Kernwesen des Fanseins ist Parteilichkeit. Im Stadion muss man nicht fair und korrekt sein. Dass der Dortmunder Siegtreffer aus Abseitsposition erzielt wurde, erzürnte nur in Málaga und Gelsenkirchen die Gemüter. „Gleicht sich alles irgendwann aus“, ist die landläufige Ansicht, nach der Glück und Pech, Gerechtigkeit und Ungerechtigkeit eng beieinanderliegen. Diesbezüglich herrscht im Fußballuniversum Gleichgewicht. Viele Menschen reizt dieser kleine Ausbruch aus den gesellschaftlichen Normen, dieses kribbelige Gemisch aus Hoffnung auf einen Sieg und Sorge vor den Folgen einer Niederlage. „Weil sie nicht wissen, wie es ausgeht“ – da stimmt Herbergers Aussage natürlich.

Eine Klassifizierung des Fußballpublikums ist schwierig, denn es gibt zig Möglichkeiten, ein Fußballspiel zu verfolgen. Allein, zu zweit, in der Gruppe. Schweigend, quatschend, mit Bier, mit Kaffee oder gar nichts. Konzentriert, unkonzentriert, aufgeregt, müde, hellwach, stehend, sitzend, frierend, schwitzend. Das Fußballpublikum kann man nicht in Schubladen packen. Höchstens grob unterteilen in Fans und Zuschauer. Fans kommen, weil sie müssen. Zuschauer kommen, weil sie sich unterhalten lassen wollen. Auch sie sind bisweilen parteiisch, ohne allerdings die Attribute jenes bedingungslosen losgelösten Fanatismus aufzuweisen, den es braucht, um in der auflösenden Masse der Kurve zu verschwinden.

Fanatismus. Wenn jemand fanatisch ist, sieht er die Grenzen nicht mehr, befindet sich im Blickfeld ausschließlich der Gegenstand seiner Leidenschaft. Fanatisch zu sein heißt, sich zurückzuziehen aus der Welt der logischen Abwägungen und vernünftigen Handlungsweisen. Als Fanatiker macht man keine Kompromisse. Alles ist ausgerichtet auf das ausgewählte Objekt – sei es nun eine religiöse Gemeinschaft, eine politische Doktrin oder ein Fußballverein. Mit Fanatikern zu diskutieren, ist anstrengend und zumeist vergebliche Liebesmüh. Denn über das Stadium der Diskussion – und damit der Infragestellung der eigenen Werte und Moralvorstellungen – ist der Fanatiker längst hinweg. Seine Parteilichkeit ist alternativlos. „Im Sport wird der ichschwachen autoritätsbedingten Persönlichkeit eine Kompensationschance durch Identifikation mit den Erfolgen ‚seiner‘ Lokal- oder Nationalauswahl geboten“, behauptete der Philologe Dr. Horst Geyer einst – so brutal deutlich will man sein Fansein dann allerdings auch wieder nicht erläutert bekommen.

Versuchen wir uns an einer kurzen Geschichte der Fußballfankultur in Deutschland. Zugrunde liegt eine Trennung zwischen Aktiven und Passiven. Die gab es quasi von Anfang an. Ursprünglich bildeten Ersatzspieler, Bekannte und Freunde das Publikum. Schon vor dem Ersten Weltkrieg schälte sich an vielen Orten eine echte Zuschauerkultur heraus, wurde Fußball zum gesellschaftlichen Ereignis und damit Kulturgut. Bald entstanden entlang der Sportplätze Stehtraversen, wurden überdachte Sitzplatztribünen für jene Teile der Anhängerschaft errichtet, die mit ihren finanziellen Zuwendungen dazu beitrugen, dass sich ein Fußballverein weiterentwickeln konnte. Waren beim ersten Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1903 noch kaum 2.000 Neugierige gezählt worden, lockte das Endspiel um die Deutsche Meisterschaft 1911 zwischen Viktoria 89 Berlin und dem VfB Leipzig bereits 12.000 Zuschauer nach Dresden – das schaffte damals in Deutschland kein anderes „Event“. Aus Berlin kam übrigens ein Sonderzug mit Viktoria-Anhängern, die neun Mark und dreißig Pfennige für das Vergnügen bezahlt hatten.

In Ausstattung und Verhalten beschränkte sich die damalige Fankultur auf das Zeigen von Vereinswimpeln und gelegentliche aufmunternde Rufe. Freilich war Fußball vor dem Ersten Weltkrieg auch noch eine Domäne des wohlhabenden und sittsamen Bürgertums. Auf zeitgenössischen Fotos sind Frauen in eleganten Kleidern zu sehen, tragen die Männer Hut, Krawatte und Sakko. Das änderte sich nach dem Ersten Weltkrieg, als auch die Arbeiterklasse nach Einführung des Acht-Stunden-Arbeitstages Zeit für den Stadionbesuch fand. In den 1920er Jahren gehörte der Fußball zu den wenigen gemeinsamen Vergnügungen von Bürgertum und Proletariat. Das Proletariat auf den billigen Stehrängen und unter den aktiven Spielern, das Bürgertum auf der Sitztribüne und in der Führung der Klubs.

Mit der veränderten Zuschauerstruktur veränderte sich auch die Atmosphäre auf den Sportplätzen und in den reichsweit entstehenden Stadien. Das betraf die Kleidung, statt nobler Bowlerhüte waren nun die typischen Schiebermützen der Arbeiterklasse zu sehen, das betraf die Geschlechtermischung – Frauen wurden zur Ausnahme –, und das betraf das Verhalten. Die kumpelhafte Ruppigkeit der Arbeiterklasse sorgte für eine deutlich aufgeräumte Stimmung auf den Rängen. Ganz Mutige oder Progressive bastelten Vereinsfahnen und karrten martialische Krachinstrumente wie Bahnsirenen auf die Sportplätze, wo es neben verbalen auch erste körperliche Attacken auf die gegnerische Mannschaft und deren Anhänger gab. Damit stand der Fußball freilich nicht alleine, denn bei sämtlichen populären Massenveranstaltungen kam es seinerzeit regelmäßig zu Gewalt. Viele junge Menschen waren eben im Krieg sozialisiert, und sowohl auf der Straße als auch in der politischen Diskussion galt Gewalt als probates Mittel, waren die verbalen Verhandlungsspielräume erst mal ausgeschöpft.

Im Dritten Reich ließ sich der Fußball bereitwillig instrumentalisieren und wurde während des Krieges zum Hoffnungsträger und Botschafter im Sinne von „alles in Ordnung an der Heimatfront“. „Das Herz des Kämpfers sehnt sich zwischen den Schlachten nach dem freien Spiel des Sports. Keine Nachrichten stimmen ihn zuversichtlicher über die Unbekümmertheit der Heimat als der Fortgang der Meisterschaft“, schrieb das Fachmagazin „Fußball“ im Juni 1942. Drei Monate später staunte Propagandachef Goebbels nach einer Länderspielniederlage gegen Schweden: „100.000 sind deprimiert aus dem Stadion weggegangen. Den Leuten liegt der Gewinn dieses Fußballspiels mehr am Herzen als die Einnahme irgendeiner Stadt im Osten.“

Die Blütezeit des Fußballs als massenbewegender Publikumssport waren die 1950er Jahre. Kriegsende und Wirtschaftswunder, Bevölkerungsveränderungen durch die Ostflüchtlinge – Fußball wurde zu dem gesellschaftlichen Sozialisierungsfaktor. Und war zugleich ungeheuer ortsgebunden. Selbst in den Kreisligen und auf kleinsten Dörfern strömten bisweilen Tausende von Zuschauern zu den Spielen. Fußball verkörperte das reizvolle „Wir gegen die“, befriedigte sowohl das Bedürfnis nach Wettkampf als auch das nach Unterhaltung. Nie zuvor – und nie wieder danach – war Fußball als Publikumssport derart flächendeckend installiert wie in jenen Tagen. Nach dem Höhepunkt mit dem „Wunder von Bern“ gingen die Besucherzahlen allmählich zurück. Andere kulturelle Errungenschaften wie das Kino, das Fernsehen, das Automobil und Tanzlokale umwarben die Wirtschaftswunderkinder.

Die Bundesliga war eine der Maßnahmen, den Folgen zu begegnen. Eine Konzentration der stärksten Vereine sollte das Publikumsinteresse konzentrieren. Erstmals wurde dadurch auch die Ortsbindung der Fankultur aufgehoben. Fortan gab es Fans, die neben ihrem unterklassigen Heimatverein zusätzlich einen Bundesligisten unterstützten.

Mit der Bundesliga manifestierte sich eine schon in den letzten Oberligajahren auftretende „Fankultur“ auf den Rängen, bildeten mit Fahnen und Krachinstrumenten ausgestattete „Schlachtenbummler“ „Fanblöcke“. Anfänglich waren diese noch auf der Gegengeraden verortet, also gegenüber der überdachten Sitzplatztribüne. Bald aber ging es in die Kurven, weil die Vereine dort verbilligte Karten anboten. Die sich damit trennenden Zuschauerwelten waren nicht zuletzt an der Kleidung festzumachen, denn Mitte der 1960er Jahre ließen die ersten vom gesamtgesellschaftlichen Aufbruch jener Tage animierten Kurvengänger ihre Krawatten und Sakkos daheim und streiften provokative Jeansjacken oder Lederkluften über.

Damit einher ging eine zunehmende Sensibilisierung (oder muss man sagen: Obsession?) für die eigenen Farben, wurden die Fanblöcke zu bunten Farbklecksen in den von der damaligen Männermode in Einheitsgrau geprägten Zuschauerrängen.

75-76 Farbe

Fankultur – das war und ist vor allem Jugendkultur. In den Kurven versammeln sich – früher wie heute – überwiegend junge Menschen zwischen 16 und 25. Schon früh vermischten sich die Jugendkulturen, bildeten Rocker und Fußballfans bisweilen Personalunionen, hielt die Popmusik Einzug. Wie so häufig Vorbild: England. Auf der Liverpooler Kop swingten in den frühen 1960er Jahren Tausende zu Beatles-Songs wie „She loves you“. Und in Deutschland wurden sperrige Gesänge wie „Und dann hauen wir nach altem Brauch, Verein xyz mit dem Hammer auf den Bauch“ von griffigen Chart-Hits wie „Na, na, na, na, na“ verdrängt.

Es war aber auch eine Zeit, in der die Gewaltfrage verstärkt ins Zentrum der Aufmerksamkeit rückte. Schon in den 1950er Jahren hatten sich die Kolumnisten in „kicker“ und „Sport-Magazin“ wiederholt über „Vereinsfanatiker“ aufgeregt, die gerne mal die Fäuste fliegen ließen. War die Gewalt zuvor situationsbezogen gewesen – oft ausgelöst durch einen vermeintlich falschen Schiedsrichterpfiff –, so wurde sie nun gezielt provoziert. Gegnerischen Fans lauerte man schon am Bahnhof auf, Gästeblöcke im eigenen Stadion wurden erstürmt. Es ging um Territorium, und es ging um Macht. Passend dazu das meist wütend herausgestoßene Stakkato „Hier regiert der xyz“. Die Gewalttäter wurden immer jünger, der Alkohol- (und bald Drogen-) konsum nahm exorbitant zu, und die Hemmschwellen fielen in immer schnellerem Tempo. „Fußball-Rocker sind ein Phänomen unserer Wegwerfgesellschaft“, sah Fanforscher Stemme bereits in den 1970er Jahren gesellschaftliche Zusammenhänge.

Das Symbol der neuen Fangeneration war die berühmte Kutte, die für gelebten Fanatismus und eine sichtbare Abgrenzung ihres Trägers (es gab quasi keine weiblichen Kuttenträger) zum restlichen Publikum stand, dem die Kutte das „echte“ Fansein absprach. In der Kurve war die Kutte König. Wer die entsprechend große Klappe und auch „etwas dahinter“ hatte, wurde zum Anführer, vor dem alle kuschten. Konkurrierende Anführer bildeten separate Fanklubs, die im besten Fall friedlich nebeneinander koexistierten. Bisweilen gab es personelle Überschneidungen mit dem örtlichen Milieu bzw. der kriminellen Szene, wobei es vor allem um Diebstahl, Drogen und Prostitution ging.

Die heute üblichen verklärenden Rückblicke auf die „guten alten Zeiten“ sind insofern fehl am Platz, denn die bestimmenden Elemente waren Saufen, Grölen und Prügeln. Es war auch eine „verlorene Generation“, die da in den Kurven für Stimmung und Ärger sorgte. „Schalke bedeutet, besoffen zu sein. Schalke bedeutet, stark zu sein. Schalke bedeutet, gefragt zu sein. Schalke bedeutet, nicht allein zu sein“, zitierte „Stern“-Reporter UIrich Pramann einen königsblauen Fan 1980 in „Das bisschen Freiheit“. Marode Stadien, drohende Gewalt und Einschüchterungen durch gut organisierte Hooligan-Banden oder tumbe Skinhead-Nazi-Schergen, dumpfer Rassismus und Homophobie, eine gerne zu CS-Gas greifende Polizei: in den 1980er Jahren glich der Stadionbesuch eher einem Abenteuerurlaub bzw. Survivaltraining als einem Vergnügen – und übte gleichwohl einen enormen Reiz aus.

Tragische Ereignisse wie der Tod des Bremers Adrian Maleika vor dem Nordderby HSV gegen Werder 1982 waren Zäsuren für eine Fankultur, die vor allem in der Gewaltfrage aus dem Ruder zu laufen drohte. Nach Heysel und Hillsborough geriet die Fangewalt verstärkt in den öffentlichen Fokus und politischen Diskurs. Vor den nunmehr hermetisch abgeriegelten Fanblöcken wurden Videoüberwachungsanlagen aufgebaut, während sozialpädagogisch ausgerichtete Fanprojekte das Übel an der gesellschaftlichen Wurzel packen wollten. Dennoch dauerte es bis Lens 1998, ehe der triste Tiefpunkt erreicht wurde und sich selbst unter „erlebnisorientierten“ Fans die Gewissheit verbreitete, dass es so nicht weitergehen konnte.

Die nachrückende Kurvengeneration hatte eine andere Fankultur im Sinn. Sie gab sich einerseits verantwortungsbewusster und mischte sich über Fanmagazine („Fanzines“) u.ä. aktiv in die Vereinspolitik ein (zum entsprechenden Vorzeigeverein wurde der FC St. Pauli mit dem „Millerntor Roar“), und sie richtete andererseits den Blick vom großen Vorbild England nach Südeuropa, wo andere Varianten der Fankultur existierten. Zeitgleich kam es zu einem tiefgreifenden Wandel der Publikumsstruktur. Die Versitzplatzung vieler Stadionbereiche verdrängte bestimmte Schichten und lockte eine zahlungskräftigere Klientel an. Frauen entdeckten ihre Liebe zum Fußball (und der Fankultur), und die Bundesliga wurde zur Familienbühne. Fußball rückte in die Mitte der Gesellschaft.

Mit einer nie zuvor erlebten Intensität, aber auch einem kritischen Blick auf die zunehmende Vermarktung durch Medien und Vereine nach Einführung des Privatfernsehens entwickelte sich eine neue Form der Fankultur mit Choreografien und Pyrotechnik, mit Rauchbomben und Dauergesängen. Die alteingesessene Fanszene leistete dabei wenig Widerstand, denn die „Ultras“ genannten jungen Burschen und Mädels zeigten nicht nur eine innige Liebe zum Klub, sondern vor allem ein hohes Maß an Engagement, mit dem sie die Führungsrollen in den Kurven rasch an sich rissen.

Ihre oftmals spektakulären Choreografien wurden begierig von den Medien aufgegriffen, die spätestens mit der WM 2006 einen wahren Hype um den Massenfußball entfachten. Die sich daraus ergebenden Veränderungen führten wiederum zu klubübergreifenden Protesten wie „15:30“ und „12:12“, während die Verwandlung des einstigen „Proletensports“ Fußball zum gesellschaftlich anerkannten Massenvergnügen einen wachsenden moralischen Druck auf alles nicht Normative in den Kurven nach sich zog. Namentlich das Thema Pyrotechnik wurde zum Dauerbrenner, während brutale Überfälle gewaltbereiter Gruppen auf gegnerische Fans, Übergriffe durch rechtsorientierte Fangruppen sowie provokative Bengaloexzesse Schlaglichter auf die noch immer ungelöste und zunehmend wieder problematischere Gewaltfrage lenkten. Innerhalb der Fankurven entspann sich unterdessen eine hitzige Diskussion über die Frage, „was Stimmung ist“, wurde das Monopol der Ultras erstmals infrage gestellt, bahnt sich der nächste Umbruch in den Kurven an.

So ist das eben mit der Fankultur: Sie ist ein schwer zu greifendes Phänomen, das sich in einem beständigen Wandel befindet.

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„Wir halten Wort – S04 kündigt viagogo-Vertrag fristlos“ So verkündet Schalke 04 auf seiner Webseite und hat den umstrittenen Tickethändler wieder vor die Tür gesetzt. Noch auf der Jahreshauptversammlung mussten sich die Vereinsverantwortlichen böse Worte von der Basis gefallen lassen. Besonders Alexander Jobst, Marketingvorstand beim Revierclub, hatte Mühe die Kooperation mit Viagogo zu verteidigen. Der Vertrag sei wirtschaftlich notwendig. Dabei spielte nicht nur der Vertrag als solches eine Rolle, sondern auch die Art und Weise mit der sich die Gegner des Deals vom Verein behandelt gefühlt hatten. In der Tat konnte man den Eindruck gewinnen, als wolle der Vorstand mit allen Mitteln die ViaNoGo Initiative klein halten. Am Ende gab es eine unverbindliche Probeabstimmung mit klarem Signal: Eine große Mehrheit der Mitglieder war gegen diesen Vertrag.

Nun ist nicht nur die Mitgliederversammlung Geschichte, sondern auch der Vertrag mit viagogo - nach nur neun Tagen. Eine Entscheidung, mit der man nicht unbedingt rechnen konnte und die mit viel Erstaunen und Bewunderung aufgenommen wurde. Dazu hat sicherlich auch die Wortwahl der Mitteilung von Schalke 04 beigetragen. Man halte Wort, habe genau die Umsetzung der Vertragsinhalte geprüft, heißt es darin. Und Verträge seien einzuhalten, von beiden Seiten. „Viagogo hat durch sein Verhalten gezeigt, dass ihnen dazu der Wille fehlt“ wird der Aufsichtsratsvorsitzende Clemens Tönnies zitiert. Sogar von Abmahnungen gegenüber dem Vertragspartner ist die Rede. Rumms, das sitzt.

So positiv das Ergebnis, die fristlose Kündigung, aufzufassen ist, so sehr muss man aber hinterfragen: Was hat sich nun in neun Tagen bewegt, das ein Vertrag nicht mehr die wirtschaftliche Notwendigkeit besitz, wie noch vor wenigen Wochen? Das Geschäftsgebaren der Engländer ist nicht erst seit gestern kritisch zu hinterfragen. Das musste den Vereinsverantwortlichen auf Schalke noch vor Vertragsabschluss bekannt gewesen sein. Ebenso ist der Widerstand aus den Fankreisen keine Überraschung. Viagogo hat tiefe Gräben in der Beziehung zwischen Fans und Verein hinterlassen. Das Image des Vereins bekam nun auch innerhalb der eigenen Anhängerschaft Kratzer: „Der Kumpel zockt den Malocher nicht ab“

Die Vereinsführung hat von ihren Fans ein blaues Auge verpasst bekommen, und dieses als saftige Ohrfeige an den (Ex-)Partner Viagogo weiter gegeben. Damit folgen denn Worten aus der JHV tatsächlich Taten, ist aber nicht geeignet über die eigenen Unzulänglichkeiten bei diesem Thema hinwegzutäuschen. Dass man die Chance zum Ausstieg genutzt hat, ist zu begrüßen. Um die Gräben zuzuschütten ist aber mehr notwendig als dieses öffentlichkeitswirksame Zeichen. Ein blaues Auge bleibt bekanntlich länger sichtbar, als eine Ohrfeige.

Was für ein Wahnsinn gestern Abend im Westfalenstadion. Dortmund liegt zweimal gegen den FC Malaga zurück, schien in der 90+1 Minute schon ausgeschieden und dann kamen Reus und Santana und stürzten 60.000 Fans im Stadion in einen kollektiven Freudenrausch. Der BVB zieht damit vollkommen verdient in das Halbfinale der Championsleague ein und befindet sich somit unter den besten vier Clubs in Europa. Den Krimi hätte sich Till Schweiger nicht besser ausdenken können und daher sei der Verdacht erlaubt: Ist das alles nur geklaut?

Mittwoch, 27 Februar 2013 23:27

Himmelhoch jauzend, zum Tode betrübt

vfb-bochum dfbpokal

Jawohl! Der VfB im DFB-Pokal Halbfinale. Vor wenigen Wochen noch undenkbar, jetzt wahrlich Realität. Der Verein mit dem roten Brustring ist neben den Bayern aus München als letzter Club in allen drei Wettbewerben vertreten. Ok, an die Meisterschaft glaubt man nicht wirklich, aber wenn die Medien schon so genüsslich auf jeder torlosen Minuten eines Stürmer rumreiten, dann darf man das ruhig auch mal so sagen. Geschenkt, das es nun zum dritten Mal gegen einen Zweitligisten ging, sogar auch noch jeweils ein Heimspiel. Man steht nun mal im Halbfinale, und da darf man ja wohl mal jubeln. Den Preis für Schönspielerei und Zauberei werden wir in dieser Saison eh nicht mehr gewinnen, dann lieber effektiv zum Titel. Wir geh'n und hol'n den Cup. Apropos... da ist ja auch noch der Europapokal. Auch dort gab's in der Zwischenrunde wohl nur einen Verein der sich vom VfB hat schlagen lassen. Man sollte fast mal googeln wer diese Glücksfee war. Zum Gesamtbild würde passen, wenn's am Ende Platini oder Sepp Blatter höchstpersönlich war. Egal, Jubelstimmung!

Wäre da nicht die Nachricht, die vor Spielbeginn sich in der Fanszene verbreitete und während dem Spiel dann Gewissheit wurde. Beim hart erkämpften Achtelfinale im Europapokal sollen auswärts keine VfB Fans zugelassen sein. Genauer gesagt, Lazio Rom wurde von der UEFA zu zwei Geisterspielen auf europäischer Ebene verdonnert. Der Lazio-Anhang ist in der Vergangenheit mehrfach wegen verschiedener Vergehen auffällig geworden und Lazio spielte daher auf "Bewährung" Nach den erneuten rassistischen Vorfällen beim Spiel gegen Gladbach, hat die UEFA nun gehandelt. Umso bitter das es nun den eigenen Verein, die eigenen Fans trifft. Nicht wenige haben schon Flüge und Hotels gebucht, jetzt ist das Ganze hinfällig. Und sowieso war Rom eine Art Traumlos, nicht nur weil man die ewige Stadt der Kölner Vorprärie rund um Mönchengladbach deutlich vorgezogen hatte.

Auch wenn es dazu gehört als Schwabe, und als VfB erst recht, positive Ereignisse immer mit einem Bruddeln zu begleiten, wollen wir trotzdem den Abend nicht mit hängenden Köpfen beenden und uns über eine freudige Nachricht freuen. Der VfB Vorstand (richtig gelesen!) hat entschieden, die Wappenfrage auf der diesjährigen Mitgliederversammlung zu thematisieren. Damit könnte ein großes Anliegen vieler VfB Fans Realität werden. Seit 2010 setzt sich die Initiative "Pro altes VfB Wappen" dafür ein, das alte Wappen wieder auf der Brust zu sehen. 2012 war man damit noch gescheitert, jetzt hat der Vorstand mit einer Entscheidung Bewegung in die Sache gebracht. Laut Ankündigung soll die im Laufe des Jahres in eine Mitgliederbefragung zu den zur Wahl stehenden Wappen durchgeführt und rechtzeitig vor der Mitgliederversammlung veröffentlicht werden. Der letztliche Entschluss erfolgt dann durch Abstimmung auf der MV, wobei diesmal laut Plan die einfache Mehrheit ausreichen soll um eine Wappenentscheidung treffen zu können. Na das ist doch mal was!

Gehen wir also höchst zufrieden ins Bett, freuen uns auf das DFB-Pokal Halbfinale, träumen weiter von Amsterdam und sparen jetzt schon mal das Geld für ein Trikot mit alten Wappen auf der Brust und dem Stern im Brustring.

Bildquelle: cannstatter-kurve.de

narrenkappeKarneval, Fasnet, Fasching... die Zeit der organisierten Fröhlichkeit ist vorbei. Alltag, Fastenzeit und für manchen die harte Rückkehr in die Realität. Das Lachen der Fans des Verein für Bewegungsspiele ist schon länger eher gequält. Zur aktuellen sportlichen Krise kommt noch Kopfschütteln über die eigene Vereinsführung. VfB Fan Hoschi hat es in einer "Büttenrede" treffend auf den Punkt gebracht. Dialog, Viagogo und der Umgang mit Fans, vieles davon sind wohl nicht nur für Stuttgarter Anhänger bekannte Probleme.

Mit Narrenkappe auf'm Kopf lässt sich manches Thema leichter verarbeiten. So wie VfB Fan Hoschi in seiner "Büttenrede"

Es gab einst einen Sportverein,
der für Bewegungsspiele stand.
Er stiftete für Groß und Klein,
Identität im ganzen Land.

Erfolg, Legenden, starke Spiele,
gab es im Neckarstadion viele.
Doch denk ich heut an mein‘ Verein,
fällt mir nur noch Ärger ein.

Zweitausendelf: Ein neuer Präsident,
aus dem Porsche-Management.
Mit Marketing bestens vertraut,
tönt er von „Neuer Ära“, laut.

Kein Bisschen Fußballkompetenz,
doch Themen wie „mehr Transparenz“,
„Stuttgarter Weg“ und „Junge Wilde“,
fertig ist das Traumgebilde.

Was übrig bleibt aus diesen Phrasen,
sieht man heute auf dem Rasen:
Lustlos-müder Grottenkick,
wie immer „fehlt“ wohl nur „das Glück“.

Junge Wilde, Gott sei Dank,
sitzen auf der Wechselbank.
Sie halten sich im Training fit
und senken unsren Altersschnitt,

Politiker und die Verbände,
reiben sich erfreut die Hände,
als der Mäuser ungeniert,
DFL-Papiere akzeptiert.

Er sorgt sich halt um seine Fans,
auch in Sachen Transparenz:
VfB Direkt – genial,
copy, paste, wer will nochmal?

Bis fünf Minuten vor dem Spiel,
Stadionshow im großen Stil.
Endlich darf der Fan einmal!
Ach nein! Moment! Das war einmal!

Die Fans, die haben ausgesungen,
denn sofort kommt Gerd gesprungen,
wenn die Kundschaft kritisiert,
dass zu wenig Show passiert.

Bei Porsche lehrte man ihn schon:
die Kundschaft generiert den Lohn!
Die Kurve, die ist doch egal,
vergisst es bis zur nächsten Wahl!

Beim Ticketing, der Mäuser denkt,
wird Potenzial doch glatt verschenkt.
Gerds viagogo-Partnerschaft -
Schwarzmarktbekämpfung: mangelhaft!

Wer nun will ins Stadion gehen,
darf für fünfzig Euro stehen.
Wer wöchentlich in Logen sitzt,
von Preisen keinen Plan besitzt!

Das Thema „Wappen“, nach Belieben,
lässt sich auf später gut verschieben.
„Viel schöner ist“, hört man ihn planen,
„das Neue auf Sponsorenfahnen!“

Im TV hat sich’s bewährt,
Castings sind niemals verkehrt.
Almklausi und Karneval,
haben sicher Potenzial

Doch was das Marketing verkennt:
Ein Großteil schämt sich dafür fremd!
Im Stadion will ich Fußball seh’n,
für Schlagerhits zum Wasen geh‘n!

Stolz, Identifikation,
Leidenschaft und Tradition?
Hohle Phrasen und Zensur,
Scheindialog, Verarsche pur!

Und die Moral von der Geschicht‘?
Die Kurve täuscht man besser nicht!
Der Pöbel lebt, die Kurve bebt,
wenn Sie stolz ihr Wort erhebt:

„VfB Stuttgart, das sind WIR!“

Text by Hoschi

Claus Zewe  / pixelio.de

Samstag, 05 Januar 2013 17:39

Projekt Fanfreundliche DFL 2013

dfl fanfreundlichZwei Dinge waren schon vor bekannt werden der Entscheidung der DFL Mitgliederversammlung zum Sicherheitspapier am 12.12. klar. Der vereinsübergreifende Protest gegen das Papier hat mächtig Druck auf die Vereine und den Verband ausgeübt. Ein Gegenwind, mit dem in der Form wohl niemand gerechnet hatte. An vorderster Front sicherlich die Kampagne 12doppelpunkt12 in der vornehmlich Ultras-Gruppen aus über 50 Vereinen sich gemeinsam organisierten. 

Am Ende wurde aus dem ersten Konzept „Sicheres Stadionerlebnis“ eine Version, die man durchaus als sehr weich gespült betrachten kann. Klar, gerade bei den Einlasskontrollen und der Kontingentreduzierung, muss man immer noch schlucken aber gerade was die Kontrollen angeht hat ja die Stuttgarter Polizei eindrucksvoll bewiesen, dass man dafür ein wie auch immer gelagertes Sicherheitspapier überhaupt nicht benötigt.
Jedenfalls waren die Vereine und die DFL in ihren Stellungnahmen sehr bemüht zu betonen, dass man mit den Beschlüssen eben keine Einschränkung von Fankultur vorgenommen habe und es sich im Großteil eben um Dinge handele die man im eigenen Verein eh schon praktiziere, den Status Quo eben nun in die „Statuten“ übernommen habe.

Und bei eben jenem Argument kann man hellhörig werden. Dinge die bisher in „Eigenregie“ in den Vereinen mal mehr, mal weniger zur Anwendung kommen gibt es doch nicht nur bei Sicherheit. Despektierlich als „Fanprivilegien“ bezeichnet, sind es eben diese „ungeschriebenen Gesetze“ die Dinge wie Kurvenchoreos, stimmgewaltige Fankurven, Fahnenmeer überhaupt ermöglichen und ein Stadionbesuch zu dem Erlebnis machen wie es die Fans lieben und wollen. Der designierte Geschäftsführer der DFL Andreas Rettig hat angekündigt nun den Dialog mit den Fans intensivieren – oder überhaupt erst mal beginnen zu wollen. Und die Fangruppen der Kampagne 12doppelpunkt12 erklären in ihrem Statement erst mal keine weiteren Proteste durchzuführen, sondern im Dialog mit der DFL auf Umsetzung von Punkten für ein „fanfreundliches Stadionerlebnis“ zu bestehen.

Wir wollen schauen, was wären den mögliche Dinge mit der die DFL ein klares Zeichen für Fans setzen könnte?

post daBriefe schreiben hat bekanntlich Tradition, erst recht zur Weihnachtszeit. So gesehen hat die Deutsche Post eh schon genug zu tun und wird nun auch noch im Fußball von Briefen überhäuft: den offenen Briefen. Schon ordentlich am Schwitzen nach dem "Offenen Brief an Harald Strutz“ der in Mainz fast jeden Haushalt erreicht hat, wird nun auch in Dortmund der Briefkasten kontaktiert.

Los ging‘s gestern mit der Stellungnahme der BVB Fanbeauftragen zum DFL Sicherheitspapier. Das sorgte für eine „Express-Zustellung“ vom Dortmunder Sprecher der 12doppelpunkt12 Initiative. Im offenen Brief an die Fans werden die Hintergründe für den geplanten Protest beim Pokalspiel erklärt.

Brief? Können wir auch sagt sich der Ballspielverein Borussia 09 Dortmund und schickt umgehend ebenfalls die Briefzusteller los. Bezeichnenderweise sind die Briefkästen eh Gelb-Schwarz

Wir helfen gerne bei der Zustellung. Hurra, die Post ist da!

Offener Brief an alle BVB-Fans

Liebe BVB-Fans,

Borussia Dortmund blickt auf das vielleicht erfolgreichste Jahr der 103-jährigen Klubgeschichte zurück. Gemeinsam haben wir als große  BVB-Familie das Double aus Deutscher Meisterschaft und DFB-Pokal gefeiert. Wenige Monate später haben wir die  Vorrundengruppe der Königsklasse mit dem spanischen Meister Real Madrid und dem englischen Champion Manchester City souverän als Sieger abgeschlossen. Das alles, ohne einen Euro Schulden zu  machen. Darauf können wir stolz sein!

Zwischen unsere junge Mannschaft und Euch Fans passte im Jahr 2012 kein Blatt Papier. Ganz Europa hat bewundert, welches WirGefühl in Dortmund gewachsen ist. Wie respektvoll wir alle miteinander umgehen. Wie intensiv und echt das Miteinander in unserem ganz besonderen Fußballverein ist, der immer  – und übrigens auch auf dem Weg zum DFL-Sicherheitspaket  – den Austausch mit seinen Anhängern gesucht, gefunden und aktiv dafür gesorgt hat, dass Fanbedenken nicht nur gehört, sondern berücksichtigt werden. Eure Ängste und Sorgen sowie den daraus entstandenen Protest der vergangenen Wochen haben wir akzeptiert und respektiert. Es ist uns nicht leicht gefallen, unter  diesen ungewohnten Bedingungen Fußball zu spielen. Wir wissen, dass auch für das Pokalspiel gegen Hannover Teile der Fanszene einen Protest planen. Wir wissen aber auch, dass uns viele Fans schon von Beginn an unterstützen möchten und werden. Wir bitten Euch alle, keine Gräben innerhalb der Fan-Gemeinschaft und zwischen uns und Euch entstehen zu lassen.

Morgen wird im SIGNAL IDUNA PARK vor 80.000 Zuschauern und vor Millionen Menschen an den Fernsehern der Schlussakkord dieses atemberaubenden BVB-Jahres gespielt. Einmal noch geht es um alles oder nichts. Um die schwere Partie gegen Hannover 96. Um unser Weiterkommen im DFB-Pokal. Und am Ende vor allem auch darum, den Traum von einem weiteren Abend für die Ewigkeit im Berliner Olympiastadion nach wie vor träumen zu dürfen. Es geht um Tage wie diese, damals im Mai 2012. Euch, die BVB-Fans, möchten wir deshalb bitten, uns morgen Abend wieder zu unterstützen. Lautstark. Bedingungslos. Geduldig. So, wie wir Euch kennen. Und falls nötig 120 Minuten lang.Ihr Fans habt es zweifellos verdient, dass der DFB-Pokal über den Sommer hinaus in Dortmund bleibt! Wenn Ihr wiederum glaubt, dass wir nach diesem unfassbar erfolgreichen Jahr Eure Unterstützung verdient haben, dann wünschen wir uns von Euch nur eines: Verwehrt uns diese nicht.

Unterschrieben von

Hans-Joachim Watzke (Vorsitzender Geschäftsführung)
Michael Zork (Sportdirektor)
Jürgen Klopp (Cheftrainer)
Sebastian Kehl (Kapitän)

Quelle: BVB.de

Donnerstag, 13 Dezember 2012 00:12

Wer ist der Verlierer?

Nun ist es also durch, das Sicherheitskonzept der DFL. 36 Profi-Vereine haben bei der DFL Mitgliederversammlung in Frankfurt den 16 Anträgen zugestimmt. Was die DFL als geschlossene Entscheidung feiert, wird noch einen langen Schatten auf den weiteren Verlauf der Debatte zwischen Fans und Vereinen werfen. Unabhängig von den Inhalten der Anträge geht aus Frankfurt das Signal aus: Wenn die Politik nur laut genug Schreit wird gehandelt, protestiert der Fan nimmt man es zur Kenntnis.

Fußball ist so ein einfaches Spiel. Zwei Teams treten gegen einen Lederball und am Ende gibt es ein Gewinner, ein Verlierer und wenn’s sein muss ab und an auch ein Unentschieden.

„Ich glaube, dass unterm Strich der professionelle Fußball als Gewinner hervorgegangen ist“ sagte Rauball auf der Pressekonferenz. Und er sagte, es sei „kein Beschluss gegen die Fans, sondern für die Zukunft des Fußballs.“ Es gibt also einen Gewinner, aber wer ist dann der Verlierer?  Ich hab bei dem Spiel nicht mitspielen dürfen, daher sagen sie es mir, Herr Rauball.

fankulturMan ist es ja inzwischen fast gewohnt, wenn in Zusammenhang mit Fußballspielen von „kriegsänlichen Zuständen“ gesprochen wird. Seit Sandra Maischbergers „Taliban der Fußballfans“ ist der Terrorismus auch in den deutschen Stadien medial angekommen. In der neuen Spiegel-Printausgabe wird ein Kommentar das Thema erneut anheizen. Jörg Kramer stellt dabei nicht weniger als den Wunsch nach Dialog in Frage: Er stellt den völlig sachfremden und indiskutablen Vergleich auf, dass man die "Terroristen" auch nicht nach Verbesserungsmöglichkeiten bei der Sicherheit fragen würde.

Aufhänger sind einmal mehr Ultras und deren Position zum Einsatz von Bengalos. Nun ist Pyrotechnik schon längst ein Politikum geworden, ein Thema, das wie kein anderes den Konflikt zwischen Fans und Verbänden widerspiegelt. Die Rückschlüsse, die Kramer daraus zieht, zeigen aber das eigentliche Dilemma. Solang die Debatte nicht auf eine sachliche Ebene zurückkehrt, wird es keine Beruhigung geben. Und dazu, lieber Herr Kramer, gehört nun mal auch das Gespräch miteinander. Gleiches gilt im Übrigen auch für Polizeigewerkschafter Wendt, der nicht müde wird zu betonen, wie sehr er es doch bedauere, dass Ultras nicht mit der Polizei reden. Um dann im gleichen Atemzug klarzustellen, dass es einen Dialog auf Augenhöhe nicht geben könne. Dieser Teufelskreis, die Quadratur des Kreises, wird weiter gehen, wenn sich beide Parteien weiter gegenseitig Radikalisierung vorwerfen.

Natürlich sind laut ZIS-Statistik (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze) die Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz um 77% gestiegen. Zur Ursache freilich sagt Kramer nichts, denn (und das stellt die ZIS in ihrem Bericht ja selbst fest) nicht zuletzt die beendeten Gespräche mit den Fans haben dazu beigetragen: „Im Anschluss daran hatte der Vorsitzende des Nationalen Ausschusses Sport und Sicherheit, (… ) gebeten, dass die einsatzführenden Polizeibehörden keine Zweifel an der klaren Absage aufkommen lassen und jeglichen Versuchen, Pyrotechnik im Stadion zuzulassen, konsequent entgegenwirken. Dieser Hinweis dürfte zu einer weiteren Intensivierung der Strafverfolgungsmaßnahmen mit der Folge eines außerordentlichen Anstieges der eingeleiteten Ermittlungsverfahren geführt haben.“ Oder kurz gesagt: Wer sucht, der findet.

Diese angebliche „Geisterdiskussion“, die im Kommentar wieder angesprochen wird („Angeblich soll ein früherer Verbandsfunktionier mal einen Kompromiss zur Pyro Frage in Aussicht gestellt haben…“) war nicht dergleichen, was sich eigentlich inzwischen auch in die Redaktionsstuben des "Spiegels" herum gesprochen haben dürfte. Wer noch nicht Bescheid weiß, darf sich gern das auf dieser Seite veröffentlichte Interview mit Helmut Spahn durchlesen. „Ich denke wir waren auf einem guten Weg“ – Solche pragmatische, an der sachlichen Auseinandersetzung orientierte Einschätzungen wären in der aktuellen Debatte sehr hilfreich, anstatt die Terror-Keule auszupacken.

An den letzten drei Spieltagen haben die Fans jeweils 12 Minuten und 12 Sekunden geschwiegen. Ein Schweigen, das bei jedem, der Fußball so liebt wie wir ihn kennen und schätzen gelernt haben, grübeln auslöst. Spieler, Funktionäre, Trainer, Medien haben erkannt: Ein solches Szenario kann man nicht wollen.
Kramer behauptet zudem: „Ultras beanspruchen für sich, die einzigen echten Fans zu sein, und halten sich für unverzichtbar“. Es sind aber, und genau deswegen wird dieser Protest der Kampagne „Ohne Stimme keine Stimmung“ auch von einer breiten Masse unterstützt, nicht nur die Ultras, welche von den Sicherheitsmaßnahmen betroffen sind. UItras alleine bringen kein Stadion mit 80.000 Zuschauern zum Schweigen. In Stuttgart wurde der Protest von der Kurve „gefordert“, obwohl es keine Vorgabe von den „Stimmungskanonen“ – den einzig wahren Fans – gab. Ein FC Bayern München, und vielleicht noch ein oder zwei weitere Vereine, werden ihr Stadion auch ohne „aktive Fanszene“ füllen und für jede Stehplatzkarte drei Sitzplatz-Interessenten finden. Bei allen anderen Clubs werden die jetzt schon sichersten Stadien der Welt womöglich leer bleiben. Im Kommentar heißt es "Keiner würde sie vermissen" Die Wahrheit ist aber, ob mit oder ohne Ultras: Ohne Stimme wird man die Stimmung vermissen.

In der arabischen Welt wird der Wunsch nach Mitsprache von den westlichen Medien als streben nach Demokratie gefeiert. Wo, wenn nicht in einer Demokratie selbst, sollte es möglich sein gemeinsam an einem Tisch über Lösungen zu sprechen. In vielen Vereinen wird das vor Ort mit der Fanszene – auch mit Ultras – gemacht. Mit Erfolg. „Natürlich sind Fans keine Terroristen“ – Was soll dann bitte dieser Kommentar, Herr Kramer?

Sonntag, 02 Dezember 2012 14:33

Eine Bitte

fuerth

Liebe SpVgg Greuther Fürth,

der VfB Stuttgart war am Samstag zum ersten Mal in der Bundesliga bei euch zu Gast und damit auch mein erster Besuch bei euch im Ronhof. Und vorne weg: Es hat mir Spaß gemacht.

Nun könnte man natürlich sagen, dass es generell sehr höflich ist, wenn ihr die Gästemannschaften mit Punkten beschenkt, aber es gibt auch andere Dinge die einfach sympathisch anders sind als bei anderen Auswärtsspielen.

Das liegt vor allem an eurem Stadion – dem Rrrronhof. Man vergisst nach 10 Minuten, dass es offiziell die „Trolli-Arena“ sein soll.  Eure traditionelle Heimspielstätte hat einen gewissen Charme, auch wenn Stahlrohrtribünen und Container-VIP-Logen man nicht unbedingt mit Tradition in Verbindung bringt. Allein die Flutlichtmasten und die Haupttribüne sind Alleinstellungsmerkmal was euch von Konstrukten wie der „Britta-Arena“ in Wiesbaden oder Einheits-Neubauten in Hoffenheim, Wolfsburg & Co unterscheidet. Bis 2040 wollt ihr die Heimspiele im Sportpark Ronhof austragen. Glückwunsch dazu. Ein Stadion, das fünf Tribünen besitzt, muss einfach erhalten bleiben.  Und auch der Gästeparkplatz mit IKEA Catering ist einfach top! Aber nicht nur das Stadion selbst, sondern auch der Standort gefällt. Bökelberg-Feeling kommt auf, wenn man auf dem Weg Richtung Stadion durch das Wohngebiet schlappt. Kein Vergleich zu Wald- und Wiesen-Spielstätten wie in München oder Gladbach. Nach dem Spiel schaut man einfach gern zurück auf die lichtflutenden Masten in Mitten der Häuser.

Aber eine Bitte habe ich dann doch. So sehr „witzig“ die Folklore-Show durch euern authentisch-fränkischen Stadionsprecher sein mag, überlegt euch doch bitte ob die Vollgas-Beschallung auch im Gästeblock sein muss… Das ist einmal ok, aber solltet ihr die Klasse halten, wird’s penetrant. Und ich denke auch schon an die Vereine in der zweiten Liga im Falle eines Abstiegs. Das eine Jahr Pause war sicher nicht genug für die Regeneration.

Euer schwäbischer Besucher aus Köln
Christoph

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