Mi22May2013

Back Aktuelle Seite: Fußball News Europa Mehr als nur hübsche Mädels und Ibrahimovic: Die schwedische Fankultur
Dienstag, 16 Oktober 2012 16:02

Mehr als nur hübsche Mädels und Ibrahimovic: Die schwedische Fankultur

geschrieben von 

schwedenWenn wir an Schweden denken, denkt man vermutlich erst an einen gelb-blauen Möbelriesen, Midsommar und Kötbullar. Die Herren der Schöpfung werden beim Gedanken an ein Land, in dem es von blonden, hübschen Frauen nur so zu wimmeln scheint, feuchte Augen bekommen. Aber wir denken vermutlich nicht an Fußball. Allerhöchstens an Zlatan Ibrahimovic, den wohl bekanntesten schwedischen Fußballer und einen der besten Stürmer der Welt. Zeit, dass wir uns einmal der Fankultur und den Fans der Schweden widmen und zu diesem Zweck ein wenig in historischen Ereignissen und Erinnerungen schwelgen.

An dieser Stelle muss ich an meinen Großvater denken, der als absoluter Fußballfan die 1958 erstmals in Schweden ausgetragene Fußball-Weltmeisterschaft besuchte und seitdem nicht aufhören wollte, von diesem schönen Land zu schwärmen. Noch heute sehe ich ihn vor mir, wie er mir wild gestikulierend und vor Freunde taumelnd vom Finaleinzug „seiner“ Schweden erzählt. Im Halbfinale, das später als die Schlacht von Göteborg“ bekannt geworden ist, gewannen die Schweden nach einem Halbzeitstand von 1:1 noch recht deutlich mit 3:1. Etwas leiser sagte er dann, trotzdem voller Stolz, erst Brasilien konnte „uns“ (gemeint sind die Schweden) im Finale mit 5:2 stoppen. Die Bundesrepublik Deutschland wurde übrigens im „kleinen Finale“ um Platz 3 von Frankreich mit 6:3 aus französischer Sicht geschlagen.

Die Schlacht von Göteborg sollte die Schweden und auch die Deutschen noch einige Weile beschäftigen. Die Deutschen fühlten sich vom ungarischen Schiedsrichter unfair behandelt und bemängelten vor allen Dingen die brutale Spielweise der Schweden. Doch auch Zuschauer beider Länder sorgten für eine Einstufung als „Skandalspiel“ des Halbfinales. Schon während dem Halbfinale kam es zu Handgreiflichkeiten und rassistisch motivierten Schmährufen, in den folgenden Jahren gab es einen Kleinkrieg zwischen schwedischen und deutschen Urlaubern und Staatsangehörigen. Einen faden Beigeschmack liefert auch die Tatsache, dass Kapitän Fritz Walter sich nicht von seiner Verletzung nach einem Foul durch die Schweden erholte und nie wieder im deutschen Nationaltrikot auflaufen konnte. In den folgenden Jahren ebbten die Spannungen zwischen beiden Ländern aber glücklicherweise wieder ab und die Schweden wie auch die deutschen widmeten sich wieder ihrem gewohnten Support, anstatt Schmähgesänge durch Megafone auszutauschen.

Ein weiteres Erfolgserlebnis im schwedischen Nationalsport Fußball stellt die in (West-) Deutschland ausgetragene Weltmeisterschaft 1974 dar. Die Schweden schlossen Gruppe 3 als zweiter Sieger hinter den Niederlanden ab. In der anschließenden Finalgruppe gemeinsam mit der BR Deutschland, Polen und dem ehemaligen Jugoslawien lief es für die Männer aus dem Norden hingegen nicht mehr so gut. Zu Beginn verloren die blau-gelben Kicker gegen Polen mit 1:0, im zweiten Spiel der Finalgruppenphase ließ Gastgeber Deutschland Schweden keine Chance. In Frankfurt hieß das Resultat nach 90 Minuten 4:2 für den Gastgeber. Ein Spiel, an das ich mich auch heute noch gerne erinnere. Mein Opa und ich waren das erste (und leider letzte Mal) zusammen im Stadion, da er mich für die facettenreiche Kultur der Schweden begeistern wollte. Das hat er geschafft!

Ein ähnliches Bild wie bereits 1958 ergab sich auch bei der Weltmeisterschaft 2006, ebenfalls in Deutschland ausgetragen. Die schwedischen Fans verwandelten das Münchener Stadion zum Achtelfinale gegen Gastgeber Deutschland in ein Meer aus blau-gelben Farben, die sich vor den deutschen Fans nicht verstecken mussten. Vor dem Vorrundenspiel gegen England in Köln (2:2) bewohnten die Fans den Campingplatz am „Aachener Weiher“ nahe Köln, der den Schweden vorbehalten war. Auch hier bot sich ein ähnliches Bild wie in den Stadien: Fröhlich feiernde und bunt bemalte, als Wikinger kostümierte Schweden, die das Areal in ein blau-gelbes friedliches Fußballfest verwandelten. Vom „Skandalspiel 1958“ war auch 2006 bei der Feierei der neuen jungen schwedischen Fangeneration nichts mehr zu spüren. Das Bild bestimmten gut gelaunte schwedische Fans, die gemeinsam mit ihren deutschen Pedanten feierten und sich über ein friedliches, stimmungsvolles Fußballfest freuten.

Sehr wohlwollend erinnere ich mich an die friedlich feiernden und sehr toleranten schwedischen Fans zurück, mit denen ich nach dem Spiel 1974 noch ausgiebig feiern durfte. Ein wenig erinnern mich die schwedischen Fans an die Iren, die ihr Team ebenso wie die Schweden farbenfroh schillernd und oftmals mit außergewöhnlichen Gesängen und Kostümen supporten, auch wenn die eigene Mannschaft weit zurückliegt Immer noch eine Gänsehaut verschaffen mir die heja, heja- Rufe aus dem schwedischen Fanblock, von denen mir mein Großvater schon erzählt hatte. Dass sie im Weltmeisterjahr 1974 gegen den späteren Weltmeister Deutschland verloren haben, war absolut zweitrangig. Viel mehr zählte für die Schweden das tolle Engagement ihrer Mannschaft gegen die Deutschen, die zu damaligen Zeiten wohl stärkste Elf auf der Welt. Den Deutschen wurde das Weiterkommen sehr gegönnt, ich werde nie vergessen, wie ich mich vor schwedischen Glückwünschen nicht retten konnte. Was mich sehr faszinierte war die Tatsache, dass die Schweden es begrüßten, zumindest gegen den „sicheren Weltmeister“ ausgeschieden zu sein. Damals hat mich diese freundliche Fankultur schon zu Tränen gerührt. Ein Grund, warum ich auch heute noch von den faszinierenden Schweden bei der WM 1974 träume. Auch heute wünsche ich unseren blau-gelben Freunden aus dem Norden alles Gute. Und sie uns hoffentlich auch! Mögen wir wieder ein friedliches und spannendes Fußballspiel erleben, das keinen der Beteiligten an die Schlacht von Göteborg erinnert! Möge der Bessere gewinnen!

in Europa

Schreibe einen Kommentar

Achten Sie darauf, die erforderlichen Informationen einzugeben (mit Stern * gekennzeichnet).
HTML-Code ist nicht erlaubt.

Bolzplatz

Fankurve

Fan-Block