Nun ist es also beschlossene Sache, das „Sichere Stadionerlebnis“. Die Vollversammlung der DFL hat über 16 Änderungen der eigenen Satzung abgestimmt. Wir haben gefragt: Wie geht es nun weiter mit der deutschen Fankultur? Hier ist eine kurze Zusammenfassung der geäußerten Meinungen und ein Ausblick.
In vielen Posts, Kommentaren und Forenbeiträgen wird Kritik an den Inhalten der Satzungsänderungen geäußert. Jetzt, wo diese beschlossen sind, bezieht sich die Kritik vor allem auf die Punkte, die uns Fans direkt betreffen. Das sind die Kartenkontingente für Auswärtsfans und hauptsächlich die Option für verschärfte Einlaßkontrollen. Auch wird auch das Zustandekommen der Entscheidung kritisiert. Sie sei „top down“ von der DFL geführt, bringe die Vereine durch die Verknüpfung von Sicherheitsaspekten mit der Lizenzordnung in ein Abhängigkeitsverhältnis und habe die Fans komplett übergangen. Stark in der Kritik ist auch die „Kurzschlußreaktion“ der DFL auf Äußerungen seitens der Politik. Viele Fans sind darüber hinaus enttäuscht über das Verhalten ihrer Vereine, die mit der Zustimmung die eigenen Fans übergangen hätten. Vielfach äußert sich Ärger über die Präsentation der Inhalte auf der Pressekonferenz und in den Medien. Insbesondere der angesprochene Fandialog sei – diplomatisch formuliert – zynisch, den Fans würden lediglich die nun geltenden Repressalien mitgeteilt, das sei kein Dialog.
Aus vielen Äußerungen spricht eine große Unsicherheit. Der Rahmen des „Sicheren Stadionerlebnisses“ sei dehnbar, die Vorgaben seien wenig konkret. So stellen einige Fans fest, daß die Beschlüsse überflüssig und inhaltlich leer seien und somit kaum Auswirkungen hätten. Dennoch überwiegt ein mulmiges Gefühl. Man könne nicht sicher sein, was nun aus dem dehnbaren Rahmen gemacht wird. Er sei auf jeden Fall eine „offene Tür“ für Sicherheits-Hardliner und für restriktive Maßnahmen den Fans gegenüber. Die Unsicherheit zeigt sich in den Gedanken, die sich die Fans hinsichtlich der Zukunft der Fankultur machen. Sie gehen vom Fatalismus – „Das war der Tod der Fankultur“ – über ein unpräzises „Jetzt erst recht!“ bis hin zum Krawallaufruf.
In den Reaktionen zeigt sich die Pluralität der deutschen Fankultur, ein wesentliches und eigentlich positives Merkmal der Szene. Doch hat „Spieltag eins nach 12/12/12“ gezeigt, daß eben die Pluralität nun zum Stolperstein werden kann. Die Düsseldorfer Supporter verlassen ihren Block und werden dafür ausgepfiffen und angefeindet. Auf Schalke kommt es zu wüsten Beleidigungen und sogar Tribünenschlägereien. Vielerorts wird eine „Spaltung der Fanszene“ befürchtet. Die Reaktionen auf „12/12/12“ sind somit auch ein Spiegelbild dieser symbolischen Grundsatzdebatte, die in Fankreisen immer wieder geführt wurde und wird: Wer ist der „wahre“ Fan, wessen Support ist „der richtige“. Die Differenzierung zwischen – mal ganz grob – „Zuschauern“, „Normalos“ und „Supportern“ hat es immer schon gegeben und wird es immer geben. Es ist ebenso bezeichnend wie überflüssig, daß nun, nach einem Beschluß, dessen Konsequenzen noch nicht einmal klar sind, sowohl „Zuschauer“, „Normalos“ und „Supporter“ meinen, in der Sache allein recht zu haben. Und das ist eine gefährliche Sache, die tatsächlich zur „Spaltung“ führen kann.
In den letzen Monaten hat die Fanszene durch Pyrodebatten, Medienberichte, Statements aus der Politik und dem „Sicheren Stadionerlebnis“ eine starke Politisierung erfahren. Bei allem berechtigten Diskussionsbedarf, bei aller erfahrenen und empfundenen Ungerechtigkeit, bei aller Kritik sollten wir Fans nicht vergessen, was unser eigentlicher Zweck ist: Unser Club! Ihn zu lieben, ihn zu leben, ihn zu unterstützen und für ihn da zu sein. Wir sagen nicht umsonst „In den Farben getrennt, in der Sache vereint“. Der aktuelle Spieltag zeigte uns weder in der Sache noch in den Farben vereint. Sollte sich das fortsetzen, hat der Fußball nicht gewonnen, wie Rauball am 12.12. festzustellen meinte. Dann hat auch die DFL nicht gewonnen. Dann hat lediglich die Fankultur verloren.
Ein wörtliches Zitat aus einem Kommentar: „Die Fankultur ist tot, wenn die Fans dafür sorgen“. Und das ist kein Sicherheitskonzept wert. Es ist durch, es wird nicht zurückgenommen werden. Vielleicht ist es sogar eine Chance für uns Fans. Die Chance, sich neu aufzustellen. Unsere Leidenschaft weiterzuleben und zu zeigen, daß kein noch so restriktives Konzept die Fankultur beseitigen kann. Eine besondere Chance, gemeinsam (!) Reife und Stärke zu beweisen.
In diesem Sinne: Die Kurve uns, trotz alledem!