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Montag, 20 Oktober 2014 16:50

„Gott mit uns!“ in Bulgarien – 80er-Jahre-Gefühl in Plovdiv

geschrieben von  Elmar Vieregge

2  Lolomotiv Eingang

Bulgarien leidet als ärmster Mitgliedsstaat der Europäischen Union nicht nur unter den langfristigen Folgen der kommunistischen Diktatur, sondern auch unter grassierender Korruption, organisierter Kriminalität und anhaltender Wirtschaftsschwäche. Für Fußballreisende hat dies zur Folge, dass Touren in den Balkanstaat einerseits eine vergleichsweise preisgünstige Angelegenheit sind, andererseits aber infrastrukturellen Erschwernissen unterliegen. Das gilt insbesondere in Gegenden abseits der Hauptstadt, wo die Vereine nicht nur unter einer ständigen Abwanderung ihrer talentiertesten Spieler leiden, sondern in teilweise maroden Stadien antreten müssen. Ein Beispiel dafür ist das zwei Busstunden südöstlich von Sofia gelegene Plovdiv.

Lokomotiv Stadion

1 top

Die kulturell reizvolle, rund 350.000 Einwohner zählende Stadt ist nach der Hauptstadt mit ihren übermächtigen Vorzeigeklubs Levski und CSKA das zweite Zentrum des bulgarischen Fußballs. Während „Botev Plovdiv“ sich als größter örtlicher Verein präsentiert, wurde „Lokomotiv Plovdiv“ 1926 von Eisenbahnern gegründet und war während der kommunistischen Herrschaft mit der Staatsbahn verbunden. Dementsprechend liegt das 1982 errichtete Lokomotiv Stadion in einem der hinter dem Hauptbahnhof gelegenen Viertel. Es wurde als kombinierte Sportstätte mit Laufbahn, Haupttribüne, unüberdachten Rängen sowie Flutlichtmasten errichtet und bietet dem Besucher ein architektonisches 80er-Jahre-Gefühl. Nostalgische Anwandlungen werden jedoch schnell von der tristen Realität überdeckt, denn die Anlage ist von Zerfall geprägt. So musste vor einigen Jahren die Heimkurve wegen Einsturzgefahr abgerissen werden, so dass ein abgeschnittenes Oval mit einem Fassungsvermögen von etwa 10.00 Personen entstand.

3 Haupttribuene

Im Stadion wird den Gästefans die verbliebene Kurve zugestanden, während der heimische Anhang die nicht durch Blockabsperrungen unterteilte Gegengerade bevölkert. Da der engagierteste Teil der Lokomotiv-Fans sich an der Grenze zur Gästekurve aufhält, obliegt es der Polizei, einen Pufferbereich in der Kurve abzusichern. Sicherheitstechnisch problematisch ist auch der Umstand, dass der hinterste Gang der Gegengerade aus nicht miteinander verbundenen Pflastersteinen und festgetretenen Erdreich besteht. Auch der mit einer angerosteten Kameraplattform ausgestattete Bodenbereich der abgerissenen Kurve ist nicht durch einen Asphaltbelag versiegelt, so dass Wurfmaterial in reichlichen Mengen vorhanden ist. Den Besucher erwarten keine der im deutschen Ligabetrieb selbstverständlichen Annehmlichkeiten. Eine Anzeigetafel ist nicht vorhanden, die Lautsprecheranlage besteht nur rudimentär und das gastronomische Angebot auf den Rängen beschränkt sich auf Wasser, Schokoriegel und Sonnenblumenkerne. Insgesamt ergibt sich vor Ort das Gegenbild des modernen Fußballs mit seinen funktionalen Arenen, seiner andauernden Werbeberieselung und seinem aufgesetzten Eventcharakter. Kritikern dieses Betriebs bietet sich allerdings auch ein Ausblick darauf, wie der Fußball in einem wirtschaftsschwachen Umfeld aussehen kann.

4 Kamerastand

Zagora

Der Charakter des örtlichen Spielbetriebs zeigte sich am 20. 9. 2014 in der Erstliga-Begegnung gegen „Beroe Stara Zagora“. Zu diesem Anlass hatten sich die meisten Bulgaren, im Kontrast zu den überreichlich mit Fanartikeln ausgestatteten Besuchermassen deutscher Stadien, normal bekleidet. Trikots oder Vereinsschals waren nur bei einem kleinen Teil zu sehen und der Kern der Lokomotiv-Fans begnügte sich mit einer einzigen Fahne. Der Schwerpunkt des Supports der nicht von Ultras dominierten Heimszene lag auf akustischer Unterstützung, die sich nicht auf einem bestimmten Teil des Stadions beschränkte, sondern von der gesamten Breite der Anhängerschaft getragen wurde. Das Fehlen einer leistungsstarken Lautsprecheranlage führte dazu, dass die Spielbetrachter während der Halbzeitpause nicht mit anhaltenden Werbedurchsagen belästigt wurden. Da zudem gesponserte Halbzeitgewinnspielchen unterblieben, stellte sich eine ruhige, vom Knistern der massenhaft geknackten Sonnenblumenkerne geprägte Halbzeitstimmung ein. Außerhalb des Spielfeldes kam es zu einer, von der Polizei beendeten Hooliganattacke, die nach Angaben der Webseite hooligans.com von angreifenden Heimfans der „Lauta Army“ unter Einsatz von Schlagwerkzeugen ausgeführt wurde und ernsthafte Verletzungen je eines Beamten und eines Fans verursachte.

Die Begegnung gegen Zagora gestaltete sich während der ersten Halbzeit ausgeglichen. Beide Teams entwickelten vor rund 4.000 Zuschauern ein sicheres, aber von kreativen Momenten befreites Passspiel, das nach 45 Minuten zu einem Zwischenstand von 0:0 führte. Nach dem Wiederanpfiff zeigte sich die Lokomotiv-Abwehr zunächst unaufmerksam und im weiteren Spielverlauf überfordert. Sie ließ sich zunächst durch einen Steilpass überraschen und verursachte einen Elfmeter, den der Torhüter jedoch abwehren konnte. Kurze Zeit später gelang Zagora allerdings nach einem weiteren Steilpass und einer vergleichbaren Unaufmerksamkeit des Heimteams das 0:1. Weitere Tore fielen nach klassischen Abwehrfehlern. Beim 0:2 wurde Lokomotiv nach einer eigenen Ecke ausgekontert und das 0:3 war das Resultat eines Missverständnisses zwischen dem Torwart und einem Innenverteidiger.

„Gott mit uns!“

Ein 80er-Jahre-Gefühl stellte sich allerdings auch bei einem negativen Aspekt ein. So waren vor drei Jahrzehnten in deutschen Stadien Reichskriegsflaggen und schwarz-weiß-rote Reichsflaggen verbreitet, mit denen ihre Besitzer eine rechtslastige oder gar -extremistische Gesinnung ausdrückten. Während heute in Deutschland allzu offensichtliche Zeichen derartiger Gesinnungen selten sind, liegt diesbezüglich in Bulgarien eine deutlich geringere Zurückhaltung vor, was sich etwa an der „Levski Sofia“-Fankneipe im Zentrum der Hauptstadt zeigt. Bei Lokomotiv Plovdiv zeigt sich dies anhand der einzigen in der Partie gegen Zagora präsentierten Fahne. Es war eine bulgarische Nationalfahne, in deren Zentrum ein Eisernes Kreuz mit der Parole „Gott mit uns!“ angebracht war.

5 Fahne Gott mit uns

Dieses Motto befand sich sowohl auf den Koppelschlössern der deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs als auch auf denen der Wehrmachtsangehörigen des Zweiten Weltkriegs. Der Bezug auf diesen Teil der deutschen Geschichte war kein Einzelfall. So befand sich der Schriftzug auch an der Stützmauer der Gegengerade. Zudem war die Begrenzungsmauer eines Trainingsplatzes mit dem Abbild eines schwarz-weiß-roten Schildes und den in Fraktur gehaltenen Buchstaben „G M U“ bemalt.

6 Begrenzungsmauer

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