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Montag, 28 Oktober 2013 20:11

Stadt, Verein, Stadion - „Newcastle United“ und der „St. James’ Park“

geschrieben von  Elmar Vieregge

Newcastle 1 ÜberschriftAls vor mehr als 100 Jahren der Fußball seinen Kinderschuhen entwuchs und sich von Erdwällen umgebene Spielwiesen zu Stadien entwickelten, erfolgte dies in der Regel in der Nähe der sie bespielenden Vereine. Da sich diese in damals räumlich überschaubaren Kommunen befanden, wurden die Stadien integrale Bestandteile vieler europäischer Innenstädte. In den letzten beiden Jahrzehnten bewirkte jedoch der Boom des Profifußballs eine flächendeckende Modernisierung, die zum Abriss vieler alter Spielstätten und dem Neubau hochfunktionaler Arenen an den Rändern der mittlerweile in die Fläche gewachsenen Städte führte. Newcastle 2 GasseDadurch verbesserten viele Vereine zwar ihre wirtschaftlichen und infrastrukturellen Möglichkeiten, erfuhren aber eine Art architektonischer Entwurzelung. Umso erfreulicher ist es, dass einigen Klubs eine Gratwanderung gelungen ist, bei der eine erfolgreiche Modernisierung nicht den Verlust der Verbindung aus Stadt, Verein und Stadion mit sich brachte. Zu ihnen gehört „Newcastle United“ mit seinem „St. James’ Park“.

Newcastle 3 SpielfeldDeren Heimatstadt Newcastle-upon-Tyne wurde zur Sicherung Nordostenglands vor schottischen Einfällen am steilen Nordufer des Tyne gegründet. Heute ist sie trotz ihrer nur rund 278.000 Bürger zusammen mit dem am Südufer gelegenen Gateshead das den Landesteil prägende Zentrum. Dessen „Geordies“ genannte Einwohner pflegen eine besonders starke Regionalidentität, die sich nicht nur in einem schwer verständlichen Dialekt, sondern auch in einer tiefen Verbundenheit mit ihrem Verein ausdrückt. Das einst durch den Kohleabbau wohlhabend gewordene Newcastle erhielt während der Industrialisierung des 19. Jahrhunderts eine von viktorianischen Gebäuden bestimmte Innenstadt. Da sie im Zweiten Weltkrieg weitgehend von deutschen Luftangriffen verschont geblieben war, hat sie heute kein von der funktionalen Architektur der Nachkriegszeit geformtes Stadtbild. Nach dem industriellen Niedergang der 1970er und 1980er Jahre erneuerte sich die Metropole als Handels- und Kulturstadt und präsentiert sich heute mit einer attraktiven Kombination aus restaurierten Straßenzügen sowie einigen eindrucksvollen Gebäuden der neueren Architektur, etwa der kippbaren Millennium-Brücke oder der futuristischen Veranstaltungshalle in Gateshead. Newcastle 4 GästeblickDer dadurch entstandene Kontrast ist ein positiver Kontrast, da die unterschiedlichen Gebäude nicht gegeneinander stehen, sondern miteinander harmonieren. Die Verbindung zweier verschiedener Bereiche zeigt sich auch im Alltag, denn obwohl die Stadt mittlerweile eine lebendige Hochschul- und Kunstszene hat, verfügt sie weiterhin über ein Klima, das aufgrund des rauen Charmes ihrer Einwohner an das gesellschaftliche Leben des Ruhrgebiets erinnert. Dies äußert sich unter anderem darin, dass Newcastle eine in Teilen sehr trinkfreudige Einwohnerschaft aufweist und das Ausgehzentrum des englischen Nordostens ist.

Der „Newcastle United Football Club“ (NUFC) entstand 1892 als Zusammenschluss zweier lokaler Vereine und errang in den 1990er Jahren durch eine offensive Spielanlage internationale Bekanntheit. Dazu trugen Persönlichkeiten wie der Stürmer Alan Shearer, der Trainer Kevin Keegan oder dessen Nachfolger Bobby Robson bei, der die Mannschaft während des sich um die Jahrtausendwende beschleunigenden Veränderungsprozesses des englischen Fußballs führte. Teil dieser Entwicklung war die Ungestaltung des nur fünf Gehminuten vom zentralen Platz Newcastles auf einer Erhebung gelegenen „St. James’ Park“. Newcastle 5 DachDabei entschied sich der Verein gegen einen Umzug in Grüne und betrieb den Ausbau der bereits seit 1892 bestehenden Spielstätte. Entstanden ist ein zeitgemäßes, etwa 52.000 Plätze umfassendes Stadion, das dem Verein unter anderem mit mehreren Veranstaltungsräumen und einem großzügigen Fanshop vielfältige Nutzungsmöglichkeiten bietet. Gleichzeitig sorgte die Nähe zu den benachbarten Gebäuden dafür, dass kein reißbrettartiger Nutzbau, sondern ein unsymmetrisches Stadion mit charakteristischen Eigenarten errichtet wurde. Der Grund dafür lag darin, dass sich die alte Gegengerade an einer schmalen Gasse befand, hinter der sich mehrere Zeilen denkmalgeschützter Häuser aufreihten. Das Stadion konnte deshalb nicht in die Breite wachsen, sodass die Tribünen in die Höhe getrieben wurden. Da dies mit Ausnahme der Gegengerade geschehen musste, präsentiert sich den Zuschauern heute ein ungewöhnlich steiles Stadion. In ihm können die sich hinter den Toren und auf der Haupttribüne befindenden Zuschauer über die Gegengerade hinweg einen Blick auf die tiefer gelegene Stadt werfen, während eine freitragende und durchsichtige Dachkonstruktion das Gefühl eines zum Himmel strebenden Gebäudes verstärkt. Dessen Lage am traditionellen Ort führt zu weiteren Kontrasten. So grenzt das Stadion einerseits an die historischen Häuserreihen, während sich hinter der Haupttribüne moderne Bürogebäude befinden. Ebenso unterschiedlich ist das gastronomische Angebot, denn während sich die Südtribüne zur Straße hin mit einer durchkonzipierten Sports-Bar präsentiert, findet sich an der schräg gegenübergelegenen Straßenecke mit dem „Strawberry“ ein klassischer Pub als eingesessene Fankneipe.

Newcastle SpuckverbotSomit ist der „St. James’ Park“ ein Kontrast aus Alt und Neu. Er ergibt sich aus dem Wechselspiel zwischen der erdigen Gegengeraden und der lichten Dachkonstruktion, der historischen Gasse und den verglasten Büros sowie dem „Strawberry“-Pub und der Sports-Bar. Dadurch spiegelt das Stadion den für die gesamte Stadt bestehenden Kontrast wieder. Und auch in seinem Fall ist es ein positiver Kontrast, in dem Tradition und Moderne eine stimmige, sich gegenseitig bereichernde Einheit bilden. In Kombination mit seiner erhöhten Lage in der Innenstadt ist der „St. James’ Park“ mehr als eine Spielstätte. Er ist ein zentraler Ort, an dem die Entwicklung und der Charakter der Stadt Newcastle deutlich werden  … und an dem natürlich auch Fußball gespielt wird.

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