Do29Jun2017

Back Aktuelle Seite: Fankurve
Dienstag, 08 Juli 2014 09:18

Von Wundern, Kultur und einem Singvogel

geschrieben von

Die „Schmach von Córdoba“ ist wohl jedem deutschen Fußballfan mal zu Ohren gekommen. Damals im Jahre 1978 gewann die kleine Fußballnation Österreich gegen den amtierenden Weltmeister aus Deutschland in Argentinien mit 3:2. Torschützen für die BRD waren damals Karl-Heinz Rummenigge und Bernd Hölzenbein.

Im „Estadio Córdoba“, wie ich es aufgrund der traditionellen Herkunft bevorzuge zu nennen, trägt seither der Club Atlético Belgrano seine Heimspiele aus. Nunja, teilweise: weil der Rekordmeister River Plate am Sonntagabend des 6. Aprils zu Besuch war, wich man wie bei jedem Spiel gegen einen der „fünf Großen“ (Boca, Racing, Indenpendiente, San Lorenzo und eben River Plate) in die WM-Spielstätte aus.

Das Wetter war suboptimal, aber die Laune stieg bei jedem Meter, dem wir uns Cordoba’s Tempel näherten. Mein deutscher Mitbewohner Luca und mein bester Kumpel aus Deutschland Niko waren zu Besuch bei Luca’s Freundin Mica und meiner Romanze Mariene, aber Mane ist einfacher und klingt auch flotter für ne Latina. Die imaginären Spanischkenntnisse meines Kumpels kam des Öfteren zum Tragen der allgemeinen Stimmung. Da Englisch auch nur bedingt funktionierte, einigte man sich auf die wohl schlauste aller Sprachen: das Schweigen. Und da ich das ein oder andere mal das Vokabellernen geschwänzt habe, verstand ich ab und an Dinge auch erst beim zweiten Mal.

Wir stiegen langsam die Treppen zur Tribüne empor und eine intensive innere Freude überkam mich. Mane nahm mich an der Hand und wir nahmen zusammen einen tiefen Atemzug der Fußballdroge. Unsere Pupillen schrumpften aufs Minimale geblendet vom Flutlicht, ein neuer Himmel tat sich auf und die südamerikanischen Fangesänge erschienen wie Engelchöre. Es kribbelt im ganzen Körper, die Musik, die Gesänge wurden lauter, sogar die Schrift auf den Fahnen war jetzt deutlich zu lesen und beim Eintritt in „la cancha“ trat’s mich voll aus’m Leben:

Das satte Grün auf dem Spielfeld, ein Menschenmeer aus Hellblau und eine Hinchada, die sich sehen lassen konnte überwältigten mich und ich strahlte über das ganze Gesicht. Boah, geil!

Wir nahmen unsere Plätze ein und Mane streifte sich das Trikot des Club Atlético Belgrano über - sexy, dachte ich mir, ist halt nur der falsche Verein. Während „la Pirata“ wie sich die Fangruppe Belgrano’s nennt, auf das Spiel einstimmte, gab es noch Zeit für ein, zwei Momente mit ihr. Die Langeweile bis zum Anpfiff war ihr deutlich anzumerken, sie war aber glücklich mit mir dieses Spiel zu sehen. Immer wieder blickte sie verträumt in die Leere und lehnte ihren Kopf an meine Schulter. Auf dem Boden spiegelte sich das Flutlicht in einer Pfütze, es muss am Vortag wohl geregnet haben. Ich gab ihr einen leichten Kuss auf den Kopf und begann leicht mit meinem Daumen über ihre Hand zu streicheln.

Der Einlauf der Teams riss uns aus unseren Tagträumen und wir waren den Geschehnissen näher als je zuvor - eigentlich waren wir ja das Geschehen. Wir erhoben uns von den Sitzen. „Du musst sie beleidigen“, rief Mica mir zu und deutete auf die Herren in rot-weiß, die in diesem Augenblick das Spielfeld betraten. Putos, dachte ich mir ohne weitere Aufmerksamkeit erregen zu wollen. Mit dem Einlauf Belgranos stieg der Lautstärkepegel und das Weite Rund verschmolz so einer einzigen Stimmgewalt, der wir uns anschlossen. So wir gaben unser Bestes die hellblau gekleideten Córdobosen zum Sieg zu singen. Für einen Moment lang hielt ich inne, als ich bemerkte, dass Mane mit ihrer sonst so leichtrauchigen Stimme berieselnde Töne von sich gab. Ein echter Singvogel, dachte ich mir und lächelte. Als erprobter Stadiongänger in Argentinien war es mir ein Leichtes mich an die Gesänge und eventuelle Abwandlungen zu gewöhnen, so dass ich Klassiker wie „Dale la Be“ aus Voller Kehle mitsingen konnte.

Nach einem ansehnlichen Angriff über die linke Seite, konnte Belgrano sogar die 1:0 Führung erzielen und ein lautes „Goooooool“ war aus 48.000 Kehlen zu vernehmen. Mica und Mane sprangen auf vor Glück und fielen sich in die Arme. Ein paar Stufen weiter unten ließ ein Fan ein paar Tränen und küsste daraufhin seine Herzdame sowie seinen wohl kaum ein Jahr alten Nachwuchs. Man muss sich das mal vorstellen: gerade war klein Córdoba gegen den Rekordmeister Argentiniens (33 nationale Meisterschaften) in Führung gegangen. Man wurde gerade Zeuge es Wunders, so erschien es mir.
Mein kleiner Singvogel umarmte mich, bevor wir uns mit einem Lächeln im Gesicht küssten - solche Momente bewahrst du im Herzen auf.

Das Glück war nur von kurzer Dauer, wussten die „Porteños“ (Hafenstädter) nur wenige Minute später eine Chance in Zählbares zu verwerten, 1:1. Die Stimmung wurde somit etwas getrübt und spätestens als der Halbzeitpfiff ertönte, machte sich die Ernüchterung breit. Wieder starrte ich in die Pfütze auf dem Boden und Mane legte ihren Kopf an meine Schulter. Ich liebte es, wenn sie das tat.

In Halbzeit zwei war River komplett abgemeldet und Belgrano machte seinem Namen als Heimmannschaft alle Ehre. Mit etwas Glück, aber keineswegs unverdient gelang die erneute Führung und nun brachen alle Dämme. Zum zweiten mal konnte das gallische Dorf aus Córdoba dem römischen Heer River Plate empfindlich zusetzen. Dale la Be!

Mein kleiner Singvogel drückte mich an sich und küsste mich vor Glück. Meine beiden Begleiter, ebenfalls Besucherdebütanten im Estadio Córdoba, freuten sich ebenfalls für den Underdog und auch Mica brachte ihre Interpretation der „Pasión Latina“ an Luca’s Mund zum Ausdruck - das ist doch diese Romantik oder nicht? Vielleicht verstehen Frauen unsere Liebe und Leidenschaft für dieses Spiel so ein bisschen besser.

Nach 90 Minuten stand das Ergebnis und wir konnten zufrieden unsere Heimreise antreten. Im Auto tauschten wir uns über die Geschenisse aus, wobei uns klar wurde, dass wir letztendlich doch eine Sprache gefunden haben, die wir alle verstehen.Mica, ihres Zeichens Mitglied und auch Dauerkarteninhaberin, grinste über beide Ohren, nicht zuletzt deshalb, weil sie auch eine heimliche Liebe für Boca hegte, dem Erzrivalen River Plate’s, das zu ihrem Bedauern das „Superclásico“ eine Woche zuvor verlor. Die Revanche war also mehr als geglückt.

Mane sah mir nochmal in die Augen und grinste mich etwas müde und erleichtert an. Sie sah glücklich aus. Scheiß River, dachte ich mir und gab ihr einen Kuss auf die Wange. Wir verabschiedeten uns und machten uns auf den Weg ins Hostel. So verbringt man gerne seine Sonntage, dachte ich. Diese Kombination aus Fußball und Mädchen war bisher für mich undenkbar gewesen. Das passte einfach nicht. Aber hier in Argentinien ist der Fußball eben fester Bestandteil der Kultur. „La pasón latina“ lässt Frauen beim Fußball irgendwie sexy wirken. Oder einfach authentisch.

Jedes Mal, wenn ich an dieses Erlebnis zurück denke, sehe ich das Flutlicht, das sich in der Pfütze spiegelt, fühle ich den Mane’s Kopf an meiner Schulter und wenn ich die Augen schließe, kann ich mit etwas Mühe auch noch die Stimme meines Singvogels aus dem Stadion hören: „Dale la Be, dale la Be…“

 

hsv die-fahne-weht

Als Reaktion auf die Ausgliederung der Profiabteilung wird die Hamburger Gruppe "Chosen Few" ihre Aktivitäten bei Heim- und Auswärtspielen der Profimannschaft einstellen. Im Statement wird dabei vor allem der respektlose Umgang mit Kritikern während der Mitgliederversammlung und das Verhalten des Vereins im Nachgang zum Blocksturm der Polizei aufgeführt.

Statement Chosen Few Hamburg

Die CFHH wird in der kommenden Saison die ausgegliederte Profiabteilung nicht unterstützen. Das beinhaltet sämtliche Aktivitäten im Stadion bei Heim – und Auswärtsspielen und das darüber hinausgehende ehrenamtliche Engagement.

Diese Entscheidung ist uns als Gruppe nicht leicht gefallen und die Gründe dafür sind vielfältig. Einige Aspekte, die uns zu dieser wohldurchdachten Entscheidung gebracht haben, wollen wir kurz erläutern.

Die vergangenen Wochen und Monate waren gezeichnet durch Grabenkämpfe innerhalb des HSV. Während wir gemeinsam mit vielen anderen HSVern erfolgreich für den Klassenerhalt gekämpft haben, wurde von anderen mit Hilfe des Boulevard die Ausgliederung der Profifußball-Mannschaft in eine Aktiengesellschaft und somit die Abschaffung der Mitgliederrechte und der Verkauf von Teilen des HSV an Investoren vorangetrieben. Sehr viele Fans haben sich zunächst darüber gefreut, denn ihnen wurde versprochen, dass durch die Ausgliederung alles viel professioneller wird und der HSV wieder zeitnah Titel holt.

Doch wir als CFHH glauben nicht an die Heilsversprechen und sehen darin vor allem die Abschaffung sämtlicher Mitbestimmung, den Verkauf des HSV und das Überbordwerfen des letzten Funkens Eigenständigkeit auf dem Weg zur totalen Fremdbestimmung und zum totalen Kommerz.

Bereits nach wenigen Wochen wurden unsere negativen Erwartungen erfüllt. Die neu geschaffene HSV Fußball AG ist bereits vor ihrem tatsächlichen Beginn zu einer Marionette des so genannten Investors geworden und auch die angeblich so professionellen neuen Aufsichtsräte machen genau da weiter, wo ihre Vorgänger aufgehört haben – wohlgemerkt sogar bereits vor ihrem offiziellen Amtsantritt. Die Vorstellung, dass der HSV Fußball jetzt und auf alle Ewigkeit durch diese Leuten gekauft wird und somit ihnen gehört, ist für uns unerträglich.

Dabei ist auch nicht nur die Deutlichkeit des Mitgliedervotums für uns und unsere Ideale ein Schlag ins Gesicht, sondern vor allem auch die Art und Weise, wie im Vorfelde argumentiert, teilweise manipuliert und agiert wurde. Durch das konsequente Ausbuhen, Zwischenrufen und auch die Argumentation einiger Mitglieder auf der Versammlung ist vielen von uns klar geworden, dass wir uns in diesem Kreise schlicht und ergreifend nicht ansatzweise zuhause fühlen. Das Niveau, auf dem beispielsweise verdiente Amateursportler auf der MV angegangen wurden, weil sie zur Vorsicht mahnten, ist nicht hinnehmbar.

Hinzu kommt das Verhalten des Vereins im Zusammenhang mit dem Angriff der Polizei beim München-Spiel auf den Block 22c, bei dem etwa 150 Fans verletzt wurden. Zu keinem Zeitpunkt hat uns hier der Verein unterstützt. Im Gegenteil, später kam heraus, dass der Vorstand des HSV diesen Einsatz abgesegnet hatte und später noch in einer Stellungnahme gegen uns nachgetreten hat. Unsere Kommunikationsangebote und unser offener Brief bleiben bis zum heutigen Tage unbeantwortet.

Stattdessen hat sich der HSV offenbar entschieden, unseren Infostand und den Choreo-Lagerraum im Stadion zu verbieten. Das Absurde daran ist, dass uns bis heute nicht mitgeteilt wurde, dass dies offenbar eine Sanktion für die nicht angemeldeten Spruchbänder beim München-Spiel ist, sondern uns wurden lediglich mögliche Termine zur Räumung zugetragen. Wenn man bedenkt, dass dieser Raum seit über zehn Jahren für viele Fans und Gruppen dazu diente, gut und gerne 80-100 Choreos zu lagern und zu organisieren und wenn man beachtet, dass die CFHH diese Raumnutzung nie missbraucht hat, dann ist diese Maßnahme nicht nur dumm, sie ist auch absolut überzogen.

Abgesehen von der sehr eindeutigen Symbolik dieses Vorgehens macht uns diese "Sanktion" auch die Umsetzung von Choreos unnötig schwerer. Ohne Infostand: kaum Choreo- Spendengeld. Ohne Choreo-Lagerraum: kein Platz für Choreos.

Das unsägliche Thema Beleidigungen und andere Lächerlichkeiten durch Möchtegern-HSVer vor allem im Internet und deutlich seltener im Stadion gegen Mitglieder und Freunde unserer Gruppe und das trotzdem existierende Anspruchsdenken "Ey, macht mal ne Choreo, das ist ja schließlich eure Aufgabe!" wäre zwar ein weiterer Punkt. Wir wollen ihn hier aber nicht groß vertiefen. Nur soviel: Die CFHH lässt sich von diesen Leuten nicht einschüchtern!

Wir sind nicht bereit, weiter für einen HSV, der offenbar mit allen Mitteln versucht, kritische Stimmen mundtot zu machen und eine Tribüne, die offenbar zu sehr großer Mehrheit andere Ziele und Ideale hat, die Unterhalter und Animateure zu spielen. Ein Verein, nein eine Organisation, in der kaum ein Mitglied mehr die Möglichkeit hat mitzureden, in der man ganz bewusst kritische Stimmen ausgrenzen will und die sich immer mehr in die finanzielle Abhängigkeit von Investoren bewegt, anstatt sich auf die eigenen Stärken und die Unterstützung der Mitglieder zu verlassen, widerspricht dem, wofür die CFHH seit 15 Jahren kämpft und steht.

Kritiker mögen sagen, dass es auch andere Fanszenen gibt, die AGs unterstützen, dass Kühne ein echter HSVer ist, der nur das Beste will und dass Dietmar Hopp und Red Bull Leipzig total klasse sind, weil sie so viel für die Region und die Jugendarbeit tun. Einige werden sagen, dass die Polizei und der Vorstand genau richtig gehandelt haben, denn die Spruchbänder waren nicht in Ordnung und dafür haben wir nun mal "eins in die Fresse verdient". Euch möchten wir gar nichts sagen, denn wir sind euch keine Rechenschaft schuldig!

Ausdrücklich danken möchten wir hingegen dem Block 22c, allen Freunden, Weggefährten und Gruppen, die uns in den letzten Jahren zur Seite standen und uns in dieser Entscheidung  unterstützen, ja vielleicht sogar folgen werden.

Wir bedauern diesen Schritt, doch er ist für uns unter diesen Umständen die einzig ehrliche Möglichkeit.

Wir werden in der Zukunft regelmäßig zu Alternativveranstaltungen unter anderem rund um den HSV e.V. aufrufen und freuen uns, euch auch weiterhin bei unseren Donnerstagstreffen begrüßen zu können.

Chosen Few Hamburg am 1. Juli 2014

Quelle: http://cfhh.net/?p=4553

Trotz der 2012 ausgetragenen Europameisterschaft ist das Interesse am Fußballland Polen in Deutschland gering. Dabei bietet der noch nicht von den Mechanismen der modernen Sportwirtschaft geprägte Spielbetrieb einige beachtenswerte Besonderheiten. So existiert in der Hauptstadt mit „KPS Polonia Warschau“ ein Klub, dessen Stadion an das der Nation im Zweiten Weltkrieg zugefügte Leid erinnert und dessen Anhänger sportkulturelle Charakteristika des Nachbarlandes aufzeigen.

Während die polnische Hauptstadt fußballerisch mit dem international bekannten Verein „Legia Warschau“ und dem am östlichen Weichselufer gelegenen „Nationalstadion“ bekannt ist, spielt „Polonia“ infolge von Finanz- und Lizenzproblemen lediglich in der vierten Liga. Dort empfing der Klub am 5. April 2014 den Provinzverein „Blekitni Raciaz“, wobei der Gastgeber das Spiel von Beginn an dominierte. Zwar kam es weder zu technischen Finessen noch zu überraschenden Spielzügen, doch bestritten beide Mannschaften eine von Engagement und sicheren Kombinationen geprägte Partie, die „Polonia“ kurz vor dem Abpfiff mit 2:1 für sich entschied. Bemerkenswerter als der Spielverlauf waren hingegen die Ausgestaltung des Stadions sowie einige Eigenarten der Zuschauer und Ordnungskräfte.

Polonia Stadion Name

Flutlichtmasten, Säulen und Bilder der Vernichtung

Das 7.000 Plätze umfassende „Polonia-Warschau-Stadion“ ist auf den ersten Blick eine klassische Spielstätte mit Flutlichtmasten, einer schmalen Laufbahn, Haupt- und Gegentribüne sowie Stehplätzen in nicht überdachten Kurven. Dabei fällt die Haupttribüne durch ihre mit Säulen versehene Fassade auf, da sie sich stilistisch an die Straßenfronten der stuckverzierten Bürgerhäuser der ersten Jahrzehnte des vergangenen Jahrhunderts anlehnt.

Polonia Stadion Waggon

Das Besondere der Spielstätte ergibt sich weniger aufgrund ihrer Architektur, sondern vor allem wegen ihrer Lage am nordwestlichen Rand der rekonstruierten Altstadt. Damit liegt sie im geografischen Zentrum der Polen im Zweiten Weltkrieg zugefügten und bis in die Gegenwart traumatisch nachwirkenden Verbrechen. Im Stadtzentrum erinnern diverse Mahnmale an den unter sowjetischer Beteiligung erfolgten deutschen Überfall, die Bombardierung Warschaus durch die Luftwaffe, die fünfjährige Besatzung, die Ermordung der jüdischen Bürger sowie die 200.000 Menschenleben fordernde vollständige Vernichtung Warschaus nach dem erfolglosen Aufstand seiner Bevölkerung. Eines der Mahnmale befindet sich auf der vor dem Stadion gelegenen Kreuzung. Dort erinnert die Skulptur eines mit Kreuzen gefüllten Eisengahnwaggons an das Schicksal der im sowjetischen Besatzungsgebiet oder nach ihrer Deportation in die UdSSR getöteten Polen. In der Nähe thematisiert an einer der Stadionmauern eine Reihe von Wandbildern den 1944 niedergeschlagenen Warschauer Aufstand. Die Malereinen zeigen sich erhebende Bürger, deutsche Soldaten mit der Parole „Achtung! Achtung!  Achtung!“, deren vorrückende Panzer sowie die niederbrennende Stadt.

Polonia Stadion Achtung

„Hallelujah, Hallelujah, Hallelujah … Polonia“

Zu den weiteren Besonderheiten des Vereins gehört der Ticketkauf, der sich bei der Partie gegen „Blekitni Raciaz“ aufgrund des erheblichen Risikopotenzials des polnischen Hooliganismus äußerst zäh gestaltete. So hatte sich jeder Besucher auszuweisen und erhielt die Eintrittkarte erst nach einer namentlichen Registrierung. Diese Zugangsregelung diente zwar der Verbesserung der Sicherheitslage, führte aber auch dazu, dass noch nach Spielbeginn etliche Fans vor den Kartenhäuschen anstanden. Diese verhielten sich jedoch ebenso entspannt, wie der Rest der etwa 2.000 Stadionbesucher. So kam es auch nicht zu aggressiven Handlungen gegenüber den nur etwa zwei dutzend Auswärtsfahrern, die ihr Team in die Hauptstadt begleitet hatten. Nichtsdestotrotz deutete das Erscheinungsbild einiger Heimfans an, dass bei dem Klub durchaus ein gewisses erlebnisbereites Potenzial existiert. So erschienen einige Personen mit einer Kombination aus rasierter Glatze, Stiernacken, Kunstfaserjogginganzug und einem Gesichtsausdruck, als wären sie gerade aus ihrer Boxbude herausgeflogen. Deren sportmodischem Auftreten entsprach dann auch dem von den Ordnern gepflegte Stil unter Einschluss von Flecktarnhosen und Einsatzstiefeln.

Eine weitere Eigenart bestand in einem kinderfreundlichen Klima. Dazu gehörte, dass der Nachwuchs der Stadionbesucher in einer in die Haupttribüne integrierten Sporthalle betreut wurde. Ungewöhnlich war auch der Umstand, dass zwei junge Mütter ihre Säuglinge nicht nur im Kinderwagen ins Stadion brachten, sondern sich mit den Gefährten unbeanstandet im zentralen Block aufhielten.

Polonia Raciaz 5 4 2014 Spielfeld

Während die Gegengerade nicht genutzt wurde, unterteilten die Fans ihre Haupttribüne in drei Teile. Den linken Bereich belegte eine 500 Personen umfassende Singing Crowd. Deren Angehörige verzichteten auf Ausschmückungen und Pyrotechnik und unterstützten ihre Mannschaft stattdessen unter Einsatz eines Vorsängers mit einer Kombination aus Sprechchören und Liedern. Das Zentrum belegten zwar eher unauffällige Tribünengeher, sie beteiligten sich jedoch mehrfach an der akustischen Unterstützung. Den rechten Bereich nahm unter anderem eine weitere, rund 200 Personen umfassende Supporter-Gruppe ein, die mit zwei dutzend gleichartigen Fahnen in den schwarz-weiß-roten Vereinsfarben optische Akzente setzen. Insgesamt zeigte sich der „Polonia“-Anhang ebenso engagiert wie sangesfreudig, wobei ein Schlachtruf wie „Halleluja, Hallelujah, Hallelujah  … Polonia“ auch den sprachunkundigen Gast darauf hinwies, dass er sich in einem katholisch geprägten Land befand.

Ausblick: EM-Qualifikation

Aufgrund ihrer geringen internationalen Wettbewerbesfähigkeit werden in absehbarer Zeit weder der polnische Fußball noch „Polonia Warschau“ das Interesse der deutschen Fanszene wecken. Allerdings wird Warschau zumindest am 11. Oktober 2014 in deren zeitweiliges Blickfeld geraten, da für diesen Tag das EM-Qualifikationsspiel zwischen Polen und Deutschland im „Nationalstadion“ angesetzt ist. Diese Begegnung wird ein hohes Sicherheitsrisiko bergen. Ursächlich dafür ist einerseits der Umstand, dass in Osteuropa ausgetragene Spiele der deutschen Nationalmannschaft wiederholt von rechtsextremistisch motivierten Hooligans und „Wir sind wieder einmarschiert!“ singenden Provokateuren begleitet wurden. Andererseits dürfte die Erwartung eines derartigen Gegners auch die ohnehin schon überdurchschnittlich gewaltbereiten polnischen Hooligans entsprechend motivieren.

Am 04.05.2014 wird der FC Schalke 04 nicht nur stolze 110 Jahre alt, gleichzeitig findet an diesem Tage auch die Mitgliederversammlung des FC Gelsenkirchen-Schalke 04 e.V. statt. Das oberste Beschlussorgan des Vereines wird dann wegweisende Entscheidungen für die zukünftige Ausrichtung des Vereines treffen müssen. Neben den wichtigen Wahlen zum Wahlausschuss und zum Aufsichtsrat stehen auch diverse Satzungsänderungsanträge auf der Tagesordnung.

Daher lädt SchalkeVereint am kommenden Sonntag (27.04.) alle Schalkerinnen und Schalker sowie Medienvertreter zu einer Informationsveranstaltung in die Kampfbahn Glückauf ein. Alle Kandidaten für den Wahlausschuss sowie den Aufsichtsrat haben dann die Möglichkeit, sich einem breiten Spektrum interessierter Mitglieder vorzustellen. Ebenso werden die verschiedenen Satzungsänderungsanträge erläutert und diskutiert. SchalkeVereint selbst wird die Möglichkeit nutzen, sich den Mitgliedern als unabhängige Initiative zu präsentieren und diesen Rede und Antwort stehen.

Der Anpfiff der Informationsveranstaltung erfolgt um 13.04 Uhr, um 15.30 Uhr stellt die BOGESTRA Sonderbahnen der Linie 302 bereit, um alle Teilnehmer pünktlich und sicher zur Arena zu bringen. Der Besuch ist selbstverständlich kostenfrei, für das leibliche Wohl ist gesorgt.

Die Initiative SchalkeVereint hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Mitgliederrechte zu stärken und alle Schalke-Mitglieder möglichst sachlich und objektiv über sämtliche Belange unseres Vereinslebens zu informieren. Dies ist besonders vor der Mitgliederversammlung bedeutsam, da an diesem Tag wichtige Entscheidungen getroffen werden, die für alle Mitglieder bindend und zukunftsweisend sind. Das geht nur mit bestmöglich informierten Mitgliedern.

schalke verein plakat

Mehr zu SchalkeVereint auch unter: http://www.SchalkeVereint.de

Dienstag, 01 April 2014 09:03

Die Welt des FC Bayern – Ein Erlebnis

geschrieben von

Die Demontage der blauen Leuchtstoffröhren in der Allianz-Arena, den Gewinn des Triples und ein Vereinsmuseum. Das wünscht sich Armin Radke im Jahr 2009 in seinem Roman „Sehnsucht FC Bayern“ und sprach dabei vielen Fans aus ihren rot/weißen Herzen. Letzteres wurde im Mai 2012 erfüllt. Sechs Tage nach dem schmerzlichen Finale Dahoam öffneten sich die Tore der FC Bayern Erlebniswelt. Auf 3.050 Quadratmetern sollen dort die über 110 Jahre alte Geschichte des FCBs sowie die Werte des Vereins den Fans nähergebracht werden. Dafür stehen Stellwände mit Text genauso zur Verfügung wie einzigartige Video- und Audioelemente. Architekt Kurt Ranger und Projektleiterin Sabine Hoeneß ist dabei eines besonders wichtig – Emotionen. Es funktioniert! Einen Schritt und man ist in einer anderen Welt. Durch einen schwarzen Tunnel, begleitet von Bildern der Vereinsgeschichte und Jubelgesängen vergangener Erfolge, gelangt man in die Welt des FC Bayern. Pure Gänsehaut. Der FCB ganz nahe.

Samstag, 08 März 2014 21:36

Torwandschießen am Autobahnkreuz

geschrieben von

Nadine Lotte 2Ein schnöder Dienstag im März. Die Champions League hat letzte Woche beherrscht, diese Woche ist da Pause. Was macht man also mit dem Abend? Man nimmt, was die Prime-Time (verdienterweise) zu bieten hat:

KölnschalDas vermehrte Auftauchen schwarzgelber Fan-Artikel im Müngersdorfer Stadion und auch in dessen Herzen, der Südkurve, ist der Kölner Ultra-Gruppierung „Coloniacs“ ein Dorn im Auge. Unter der Überschrift „Respekt und Toleranz“ wendet sich die Gruppe daher nun auf ihrer Homepage mit einem Appell gegen eine angebliche Freundschaft zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Dortmund zu Wort.

Einleitend legen die „Coloniacs“ in dem Text dar, was Freundschaft grundsätzlich für sie bedeutet - und dass sie die Kurve behutsam mit bestehenden Fan-Freundschaften vertraut machen. „Freundschaft [ist] etwas Besonderes. Ein unschätzbar hohes Gut, das durch Taten und nicht durch Worte gepflegt wird. [...] Es wird darauf geachtet, dass sich andere FC-Fans nicht überrumpelt fühlen durch die Anwesenheit unserer Freunde.“ Genannt werden im Text in diesem Zusammenhang die Städte Paris und Florenz. Weiter heißt es: „Seit Jahren klären wir aktiv über diese Freundschaften auf. Etliche Besuche und Reisen dokumentieren diese. Es ist einfach ein Niveau erreicht worden, auf dem diese Freundschaft offen im Stadion gelebt werden kann.“

Vor diesem Hintergrund langjährig aufgebauter Freundschaften stören sich die „Coloniacs“ nun daran, dass in letzter Zeit vermehrt Fan-Utensilien des Revierclubs Borussia Dortmund im Müngersdorfer Stadion zu sehen waren - als Sympathiebekundung für den BVB, teils sogar in der Südkurve, dem Heiligtum des FC.

Im Blick haben die Ultras dabei eine Interessenseite in dem sozialen Netzwerk „Facebook“ mit dem Titel „1. FC Köln & BVB 09 - Fanfreundschaft“, die aktuell über mehr als 42.000 „Gefällt mir“-Angaben verfügt - Tendenz steigend. Diese „Facebook“-Seite verbindet User, die sowohl Sympathien für den 1. FC Köln als auch für den BVB hegen. Es werden unter anderem Fotos gesammelt und veröffentlicht, die diese Verbindung belegen, etwa durch das Tragen von Fanutensilien des einen Vereins im Stadion des anderen. Zugleich wurden über diese Seite bereits zwei Fantreffen organisiert. Das erste fand im Jahr 2012 statt, das zweite erst kürzlich am 18. Januar 2014 in einer Gaststätte in unmittelbarer Nähe des Kölner Doms.

Köln FBDie Organisatoren der Seite ließen zudem einen rotweiß-schwarzgelben Schal mit den Aufschriften „Köln“, „Dortmund“ sowie auf der Rückseite „Tradition verbindet“ produzieren und boten diesen zum Kauf an. Insbesondere diesen Schal sieht man bei Heimspielen des FC häufiger im Müngersdorfer Stadion - und vereinzelt auch im Dortmunder Westfalenstadion. Dies stößt bei den „Coloniacs“ jedoch auf Unverständnis, „wenn Menschen ohne jeglichen Bezug BVB-Schals in der Südkurve tragen. Gleiches gilt für die unsäglichen ,Freundschafts‘-Schals“. Diese dienen in ihren Augen nur dazu, „windigen Geschäftsleuten die Taschen zu füllen“; sie sprechen in diesem Kontext von der „Ware Freundschaft“. Die „Facebook“-Seite wird durch die „Coloniacs“ abgelehnt: „Ein Aufruf bei Facebook macht noch keine Freundschaft [...] und das Tragen eines Freundschaftsschals lässt keine Freundschaft entstehen.“

Auch die in den beiden Vereinen weit verbreitete Abneigung gegenüber dem FC Schalke 04 lassen die Kölner Ultras nicht als Argument gelten: „ein gemeinsamer Gegner macht den anderen nicht zum Freund“. Die Gruppe kommt daher in ihrem Text zu dem finalen Aufruf: „Wir lehnen diese Entwicklung ab und positionieren uns im Stadion auch klar in diese Richtung. Tut euch selber einen Gefallen und lasst diese Scheiße zuhause.“

Als leidenschaftlicher Dortmund-Fan und mittlerweile seit einigen Jahren auch FC-Sympathisant stimme ich den „Coloniacs“ in einem Punkt zu: Das Tragen von Fanartikeln des jeweils anderen Vereins im Herzen des Stadions - der Südkurve in Müngersdorf und der Südtribüne in Dortmund - halte ich für ein hochsensibles Thema. Zwar dulde ich selbst etwaige Köln-Schals auf der Gelben Wand im Westfalenstadion aufgrund meiner Sympathie zum FC, würde aber selbst nicht auf die Idee kommen, bei Besuchen in Müngersdorf einen BVB-Schal in der Südkurve zu tragen. Sympathie ist hier der eine Aspekt, Respekt jedoch der andere.

Da ich mir der Ablehnung des BVB bzw. einer engen Bindung zwischen dem BVB und dem FC Köln von Teilen der Südkurve bewusst bin, würde ich das Tragen schwarzgelber Fan-Utensilien als respektlos gegenüber dem FC und seiner Fankurve ansehen. Als unproblematisch erachte ich hingegen das Tragen des bereits angesprochenen Freundschaftsschals - den ich selbst übrigens ebenso wenig besitze wie grundsätzliche FC-Fanartikel - im Rest des Stadions außerhalb der Heimkurve, in Köln wie in Dortmund.

Widersprechen muss ich den „Coloniacs“ jedoch in einem anderen, zentralen Punkt, scheinen mir hierbei doch Ursache und Wirkung vertauscht worden zu sein. So haben sich die „Coloniacs“ in ihrem Appell anscheinend auf die „Facebook“-Seite eingeschossen und suggerieren, dass ein entsprechender Aufruf im Internet die Verbindungen zwischen beiden Vereinen erst begründen bzw. eine Basis dafür legen würde. Richtig erscheint mir jedoch eher eine andere Wechselwirkung zu sein, nämlich die, dass die „Facebook“-Seite bereits vorhandene Sympathien lediglich reflektiert und kanalisiert.

Um hier falschen Ansichten vorzubeugen, möchte ich betonen, dass ich mit der „Facebook“-Seite über mein „Gefällt mir“ hinausgehend nichts zu tun habe, also auch hier nicht Gefahr laufe, Eigenwerbung zu betreiben.

Kritisch zu hinterfragen ist auch, warum die „Coloniacs“ - eine Gruppe, deren Engagement ich grundsätzlich durchaus wohlwollend verfolge - für sich in Anspruch nimmt, der gesamten Fan-Szene des FC Köln vorschreiben zu können oder zumindest zu wollen, für welchen Verein man individuell Sympathie empfindet und diese mitunter auch optisch zum Ausdruck bringt. Als Außenstehender scheint sich dies mit den eigentlich erfrischend offenherzigen Worten auf der Website der „Coloniacs“ zu widersprechen, heißt es doch dort, dass der „Austausch mit Gleichgesinnten extrem wichtig“ sei, „da alle davon profitieren können“. Man versuche daher, „einen entspannten Umgang mit allen zu pflegen, die nicht explizit unsere Feinde sind. Solange wir ein neutrales Verhältnis zu anderen Gruppen haben, werden wir dieses von uns aus nicht ändern, da dies nicht unserer Vorstellung von einer funktionierenden Subkultur entspricht.“

Es erscheint daher falsch, die Existenz einer - zumindest rudimentären - Freundschaft oder mindestens wechselseitigen Sympathie bei einem Teil beider Fanszenen zu negieren. Dem widerspricht auch die freundschaftliche Beziehung zwischen der Kölner Ultra-Gruppierung „Boyz“ und den Dortmunder „Desperados“, wenngleich diese völlig losgelöst von der auf Supporter-Ebene anzusiedelnden „Facebook“-Seite zu betrachten ist.

Im Sinne einer „funktionierenden Subkultur“ ist daher festzuhalten: Schwarzgelbe Schals in der Südkurve müssen tatsächlich nicht sein; sich in eine „Facebook“-Seite mit über 40.000 „Likes“ zu verbeißen und dieser und der allgemeinen Beziehung zwischen manchen Kölnern und manchen Dortmundern das Entwicklungspotenzial abzusprechen, halte ich für falsch - auch die Freundschaften nach Paris und Florenz haben einmal klein angefangen.

Anpfiff

Bolzplatz

Fan-Block