Mi26Apr2017

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Daniel Mertens

Daniel Mertens

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Turin - der Ausflug in das Piemont geriet zu einer touristisch größeren und sportlich kleineren Enttäuschung. Nun gebe ich zu, dass ich mich im Vorfeld nicht sonderlich mit der Stadt beschäftigt habe - aber dennoch hätte ich von der norditalienischen Metropole mehr erwartet, als sie letztlich zu bieten hatte. Auf dem Weg zum Treffpunkt am Corso Vittorio Emanuele II - die anreisenden Busse wurden vor den Toren der Stadt gesammelt und per Polizei-Eskorte in die Stadt geleitet - präsentierte sich die vorbeiziehende Stadt als eher unschöne Industrie-Siedlung, unterbrochen lediglich von einem kurzen ansehnlichen Stück, das den Eindruck einer historischen Altstadt erweckte.

Turin22Ob diese Impressionen nun Turin tatsächlich gerecht werden - ich vermag es nicht abschließend einzuschätzen, da sich unser Aktionsradius nach der Bus-Ankunft am Dienstagmittag weitgehend um den Corso Vittorio Emanuele II erstreckte. So wenig die Stadt dort touristisch zu bieten hatte, so sehr bot sie jedoch kulinarisch allerfeinste Spezialitäten auf die Gabel. Die Wahl fiel auf das „Masaniello e Turnat“ in der anliegenden Via Ormea, 1/B. Einige mögen behaupten, es habe sich doch lediglich um eine normale Pizza mit ein bisschen Salat gehandelt, ich entgegne dem: Es war der Traum einer Pizza und eines Salates. Entgegenkommen sollte uns zudem, dass die Betreiberin offenbar eine Anhängerin des mit Juve rivalisierenden FC Turin ist, sodass sie direkt zum Schaltausch bat. Die restliche Zeit bis zur Abfahrt der Shuttle-Busse zum Stadion ließ sich im Pub „Texas Ranger“ ganz gut totschlagen.

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Ab 17 Uhr sollten ebendiese Shuttle-Busse in Richtung Stadion rollen. Hier zeigten sich die Turiner aber zunächst weniger geschickt als beispielsweise die Istanbuler. Gab es seinerzeit im Herbst noch ausreichend Busse, sodass alle Borussen in einem einzigen Konvoi zum Stadion geleitet werden konnten, so fanden sich zunächst nur vier mickrige Busse am Treffpunkt ein. Entsprechend groß war das Gedränge. Nach und nach tröpfelte immer mal wieder ein Bus ein, sodass allmählich alle Borussen den Weg zum Juventus Stadium fanden.

Einmal einen Platz im Bus ergattert, so sollte sich auch zeigen, warum die Busse immer nur vereinzelt den Weg zum Fan-Treff fanden. Eskortiert von Moped- und Auto-Streifen bewegten sich die Busse unter Umgehung einer vermutlich auch in Turin geltenden Straßenverkehrsordnung in Richtung Stadion. Abrupte Abbiege-Manöver in letzter Sekunde auf Weisung des vorausfahrenden Moped-Cops gehörten dabei ebenso zur Routine für die Busfahrer wie ruckartiges Anfahren auf eine Kreuzung bei eigenem Rotzeichen. Die Beschreibung GTA-Style trifft die Anreise wohl ganz gut - auch wenn ich mir immer noch nicht sicher bin, ob die Cops zu jeder Zeit überhaupt noch wussten, wo man sich gerade eigentlich befand und wie der richtige Weg zum Stadion aussah.

Nach einer rund 45-minütigen dauernden Abenteuerfahrt durch den Turiner Feierabendverkehr - erstaunlich war übrigens, dass man, wie schon den gesamten Tag über, wesentlich mehr wohlwollende als ablehnende Gesten der Turiner erntete - ragte endlich das Juventus Stadium vor uns empor, das auf dem Grund des alten Stadio delle Alpi errichtet und im Jahr 2011 eröffnet wurde. Man kann nun jedoch wahrlich nicht behaupten, dass man dort mit offenen Armen empfangen worden wäre. Bei der Busankunft bildeten die Cops in voller Montur eine Kette, die einen zum Gästeeingang geleiten sollte. Etwas nervös konnte man im Bus werden, wenn man draußen vor der Ausstiegstür bereits die behelmten Cops betrachtete, wie wiederum sie nervös wirkend mit dem Schlagstock auf ihre Plastik-Schilde eintrommelten. Beim Verlassen des Busses gaben sie auch direkte Anweisungen, ein Warten auf den Rest der Gruppe wurde nicht gestattet, jeder musste sich auf direktem Wege zum Gästeeingang begeben. Hallo, Gastfreundlichkeit!

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Gesteigert werden sollte dies noch durch die Eingangskontrollen. Hier zeigten sich die Italiener von ihrer gründlichen Seite. Abgetastet wurde bis auf den Schlüpper - und leider auch weit darunter hinaus. Nicht alle, aber doch sehr viele Borussen durften zudem auch die Schuhe ausziehen. Der Cop übernahm dann die Aufgabe, den Straßendreck des Tages auf dem Asphalt abzuklopfen. Eine nette Geste.

Turin10Der Aufgang zum Gästeblock ist völlig steril gehalten und durch Metallgitter komplett vom Heimbereich abgegrenzt. Das Stadion selbst - charakteristisch sind die beiden in den Himmel ragenden Dachträger auf beiden Hintertor-Seiten - ist jedoch im Vergleich zu vielen anderen neugebauten Arenen auf dem ganzen Kontinent als eine der lebhafteren und charakteristischeren einzustufen. Die Juve-Anhänger zeigten insbesondere vor und zu Beginn des Spiels, was in dem Stadion für eine beeindruckende Stimmung herrschen kann, sofern alle mitziehen. Der Bedeutung des Spiels angemessen präsentierte der Juve-Anhang auch eine recht ansehnliche Choreo. Im Verlauf der zweiten Halbzeit ebbte der Support der Heimfans jedoch zusehends ab.

Zwischendurch brachte Juves Heimkurve ihre Ablehnung gegenüber dem BVB sowie den mit Teilen der Dortmunder Ultras befreundeten Lagern aus Catania und Napoli zum Ausdruck. Auf den auf Deutsch gehaltenen Transparenten hieß es: „Der Freund meines Feindes ist mein Feind - Dortmund Scheiße - Catania Merda - Napoli Colera“.

Turin7In den direkt angrenzenden Bereichen unseres Gästeblockes auf der „Tribuna Ospiti 1^ Anello“ waren beide denkbaren Reaktionen der Turiner Fans zu beobachten. Einige kamen an die Trennscheibe und signalisierten ihren Willen zum Schaltausch, andere wiederum zogen ihre Daseinsberechtigung an diesem Abend aus penetrant-nervigen Dauer-Provokationen, aus denen sich heraus das eine oder andere amüsante Wortgefecht entwickelte. Die Ordner mussten zudem mehrmals in den angrenzenden Blöcken eingreifen und zumeist dort sitzende Dortmunder Fans sicherheitshalber hinausbegleiten.

Von schwarzgelber Seite entwickelte sich hingegen unterm Strich kein überbordender Support, von dem man noch in einigen Jahren sprechen wird. Als nachteilig entpuppten sich hier insbesondere die fehlenden Trommeln und Megafone, die im Vorfeld bereits verboten worden waren. Zwar versuchte sich der vordere Bereich des Unterranges, der vornehmlich von TU bevölkert wurde, redlich, doch der Funke wollte nie wirklich und dauerhaft auf den Rest überspringen.

Turin8Ein Vorbild an dem Juventus Stadium kann sich übrigens insbesondere Werder Bremen nehmen. Blockiert einem an der Weser die extrem dämlich angebrachte Anzeigetafel nicht nur die Sicht auf das Spielfeld, sondern natürlich auch die Sicht auf die genau gegenüber angebrachte Anzeigetafel, so wurde zumindest der letztgenannte Aspekt in Turin dadurch gelöst, dass auf der Hinterseite der Anzeigetafel eine kleine weitere Leinwand eingebaut wurde, sodass man auch hinter dem Tor einen Blick auf die Spielzeit werfen kann.

 

Nach dem Schlusspfiff garantierte eine doppelte Ordnerreihe sowie die dahinter postierte und sich lässig unterhaltende Polizei die international übliche Blocksperre, die sich nach rund 40 Minuten endlich aufzulösen begann - scheinbar. Die Polizisten zogen plötzlich völlig deeskalierend ihre Helme auf und brachten Schilde und Schlagstöcke in Position - und zogen sich zurück. Zwar konnte man nun den Block verlassen, doch unten vor dem Stadion zogen die Cops nun an den Eingangsdrehkreuzen eine neue Sperre auf, diesmal ohne entspannte Dialoge untereinander, dafür in kompletter Montur und vorne postierten Schutzschilden. Abermals tat sich minutenlang nichts - eine Info, was nun genau weiter passieren wird und wann wir zu unseren Bussen - die zwischenzeitlich aus der Stadt vor das Stadion geleitet wurden - durften, gab es nicht.

Turin9Das Gelände rundherum war weit jenseits der 23-Uhr-Grenze bereits menschenleer - und wenn die Cops einen Angriff seitens italienischer Gruppen befürchtet haben, so waren sie mit ihrer Verteidigungshaltung in unsere Richtung falsch postiert. Seitens des Dortmunder Lagers gab es jedenfalls nicht die geringste Lust auf Aktionen, wie sie beispielsweise Feyenoord Rotterdam in der vergangenen Woche in Rom zeigte, sondern wir wollten einfach nur in die Busse und nach Hause. Irgendwann, aus heiterem Himmel, lösten die Cops ihre Sperre auf und gaben den Weg endlich frei. Die mittlerweile aufgestaute Wut brach sich nun in dem einen oder anderen hitzigen Wortgefecht Bahn und wieder einmal gab es ein Parade-Beispiel dafür, wie eine völlig verfehlte Polizeitaktik bei einer friedlich eingestellten Masse erst zu aufkommenden Emotionen führt.

Das Spiel als solches ging zwar leider verloren, doch mit dem 1:2 kann man wohl dennoch nicht ohne Zuversicht in das Rückspiel am 18. März gehen. Es bleibt also zu hoffen, dass der Ausflug nach Turin auf absehbare Zeit noch nicht der letzte Trip durch Europa gewesen ist. 

 

 

 

Istanbul4Istanbul. Bosporus. Mindestens 14 Millionen Einwohner - und fast genauso viele Eindrücke, die man hier gewinnen kann. Es war zwar erst der dritte Vorrunden-Spieltag und das zweite Auswärtsspiel, doch vermutlich haben wir mit dem Spiel in Istanbul bereits d a s Highlight der diesjährigen Champions-League-Saison erlebt.

Die Reise in die Metropole an der Grenze zwischen Europa und Asien begann bereits am Montag. Und der erste Kulturschock sollte bereits direkt nach der Landung folgen. Mit dem Taxi ging es vom Flughafen zum Hotel, das etwas unterhalb des „Grand Bazaars“ gelegen war. Ließ die Fahrt auf der Hauptstraße am Hafen entlang noch die Schönheit dieser Millionenstadt erahnen, so tauchten wir ganz unvermittelt in den hektischen Alltag Istanbuls ein, als der Taxifahrer plötzlich in eine Seitenstraße abbog. Nun befanden wir uns mittendrin in dem wirklichen Istanbul: Hektisches Treiben in engen Gassen, zahllose Geschäfte und einfach unfassbar viele Menschen, die sich - aus den unterschiedlichsten Gründen - durch die Straßen von A nach B drängelten. Das Viertel mutete zudem etwas eigenartig an und nachts bei Dunkelheit nicht gerade vertrauenswürdig - dachten wir, doch dieser Eindruck verflog.

Istanbul3Eine erste Erkundungstour durch die Stadt führte uns durch den Großen Basar (ein unfassbar verwinkeltes Gänge-System, in dem bestimmt schon so mancher Auswärtsfan verschwunden ist) am Hafen vorbei hin über die Galata-Brücke zum Taksim-Platz. Letzterer war irgendwie kleiner, als ich ihn mir aus den Fernsehsendungen der letzten Monate über die Proteste am Gezi-Park vorgestellt hatte.

Hochinteressant hingegen war das Leben rund um die Galata-Brücke. Während unter der Brücke eine Cafe-Meile angesiedelt ist, stehen Seite an Seite an der darüber verlaufenden Straße über den Hafen die Angler und halten ihre Köder in das Becken. Mit ein bisschen Pech kann es einem hier also gut passieren, dass einem beim Ansetzen des Bierkruges ein ums Überleben kämpfender Fisch an die Wange klatschte, während er seinem Schicksal in den Eimer toter Artgenossen unentrinnbar näherkam. 

Istanbul5Der Dienstag brachte eins der kulturellen Höhepunkte der Fahrt, eine Hafenrundfahrt auf dem Bosporus. Die Bootsbesitzer entsenden jeweils einen Werber für ihre Fahrten an die Hafenpromenade, sodass man mitunter gar nicht eines der Schiffe erwischt, die da genau vor der eigenen Nase im Wasser liegen. Genau dies widerfuhr uns, als wir bei einem Werber eine Tour für 10 Lira pro Nase (etwa 3,50 Euro) aushandelten. Was uns wie ein Schnäppchen vorkam (übrigens sollten wir den Preis niemandem verraten, also psssst!), sollte plötzlich bitterer Ernst werden. Mit einem Transporter ging es zu einer anderen Anlegestelle, an der ein kleiner Kutter auf uns wartete, der bereits bedenklich in den Wellen schaukelte, während er im Hafen vor Anker lag.

Unsere Frage nach Bier an Bord versetzte den Adjutanten des Schiffskapitäns in hektisches Treiben, denn nun versuchte er extra für uns am Hafen irgendwo einige Dosen Efes aufzutreiben. Die Fahrt verzögerte sich dadurch zwar um eine Viertelstunde, doch dafür kehrte des Käpt’ns Helferlein stolz mit einer weißen Tüte mit goldenem Inhalt zurück. Diesen Dienst ließ sich der Matrose mit weiteren 10 Lira pro Halbliterdose bezahlen.

Istanbul1Das Boot konnte nun endlich Fahrt aufnehmen - und mitten auf dem Bosporus gab es allerlei zu bestaunen. So konnte man nicht nur den Möwen beim Geschlechtsakt zusehen, sondern konnte auch Blicke auf die durchaus imposante Istanbuler Skyline erhaschen. Unter der Galata-Brücke hindurch - das rote Warnsignal interessierte den Käpt’n nicht sonderlich - ging es am Stadtteil Besiktas vorbei Richtung Bosporus-Brücke, der Verbindung zwischen Europa und Asien in dieser Stadt. Besonders beeindruckend, insbesondere aufgrund der Lage, war die Ortaköy-Moschee direkt am Wasser vor der Bosporus-Brücke. Den kompletten Gegensatz dazu bildete die künstliche Insel „Galatasaray Adasi“ etwas weiter nördlich mitten im Bosporus, auf der die Betuchteren dieser Stadt unbeschwerte Stunden am Pool und bei Hochprozentigem verbringen können.

Istanbul2Mehr als zwei Stunden dauerte die Fahrt über das Wasser. Die Geldscheine, die am Ende den Besitzer wechselten, ließen die Augen von Kapitän und Adjutant immer größer werden - und nachdem wir das Boot verlassen hatten, schien die Besatzung Feierabend zu machen und schipperte von dannen; eine Rundfahrt, die ich jedem Istanbul-Urlauber nur sehr ans Herz legen möchte - wie ich generell einen Trip in die heimliche Hauptstadt der Türkei aufgrund ihres orientalischen Flairs nur empfehlen kann.

 

 

Istanbul7Und eines ist sicher: So, wie die Menschen sich über die Straßen fortbewegen, so verrückt fahren sie auch auf dem Wasser. Ähnlich wie vor einem Jahr in Neapel war es auch hier wieder extrem verwunderlich, dass bei dem interessanten Istanbuler Fahrstil nichts Gravierendes zu passieren scheint. Die Hölle ist übrigens der Istanbuler Feierabendverkehr - der Stau auf der A1 an der Leverkusener Brücke ist nichts dagegen. Ein Hinweis ist aber genauso wichtig: Istanbul ist eine Stadt, in der jeder jeden über den Tisch zu ziehen scheint. Dies gilt insbesondere für Taxifahrer und Geschäftstreibende an den Basar-Ständen.

Im La Viola Café in einer Seitengasse der vom Taksim-Platz wegführenden Einkaufsmeile, glitten wir bei Shisha und Efes in den Spieltag über. Mit Shuttle-Bussen sollte es am Spieltag zum Galatasaray-Stadion gehen. Treffpunkt und Abfahrt war dabei am Fuße des neuen Besiktas-Stadions, das sich derzeit noch im Bau befindet und im Jahr 2015 eröffnet werden soll.

Istanbul6Eine Besichtigung der Baustelle am Vorabend war übrigens strikt verboten. Auch das Klettern durch einen Maschendrahtzaun unterbanden die Baustellenwächter freundlich, aber doch bestimmt. Es blieb also nur der Blick von einer vorbeiführenden Brücke in den Stadion-Rohbau, der genau auf dem Grund des ehemaligen Inönü-Stadions entsteht, welches 2013 abgerissen wurde. Besiktas trägt seine Heimspiele übrigens bis zur Fertigstellung seines neuen Stadions im Atatürk-Olympiastadion aus.

Die Busfahrer in den Shuttle-Bussen kassierten übrigens fünf Euro, ja, Euro. Neben dem Busfahrer stand in den Bussen eine ominöse Person, die bereits beeindruckend viele Euro-Scheine in der Hand hielt, und kassierte den Fünfer pro Person. Wir hatten keine Ahnung, welche dunklen Kanäle wir damit wohl wieder unterstützen würden, aber wir wollten auch einfach nur zum Stadion.

Rund 40 Minuten dauerte der Transfer der rund 20 Busse in den Ali-Sami-Yen-Sportkomplex in Seyrantepe im Norden Istanbuls. Das Stadion wurde 2011 eröffnet und löste als Heimspielstätte das altehrwürdige Ali-Sami-Yen-Stadion aus dem Stadtteil Sisli ab. So modern und komfortabel das Stadion auch ist - es besitzt zwei gravierende Nachteile. Es trägt offiziell den Namen eines türkischen Telekommunikationsunternehmens und es ist als Neubau ähnlich charakteristisch wie alle Arenen, die seit einigen Jahren überall von Augsburg über Sinsheim, London und Manchester aus dem Boden schießen. Die Architektur des Stadions geht übrigens auf eine Stuttgarter Firma zurück, die auch für den Umbau des Neckarstadions verantwortlich war.

Istanbul8Nach dem Gastspiel im San Paolo in Neapel stufte ich die Fans der Hellblauen als das mit Abstand enthusiastischste und fanatischste ein, das ich jemals erlebt hatte. Doch nach allem, was man so aus Istanbul gesehen und gehört hatte, erwartete ich, dass die Galatasaray-Anhänger dies noch einmal toppen würden. Zunächst schienen die Fans diesem Anspruch - sie selbst begrüßten uns schließlich auch mit dem Spruch „Welcome to hell“ - gerecht zu werden. Zum Einmarsch der Mannschaften zeigte UltrAslan eine beeindruckende Choreografie und auch die Dezibel-Zahl erreichte die erwarteten Höhen. Hinter beiden Toren waren aktive Kurven angesiedelt, doch die anfängliche Euphorie war schnell verflogen. Nun war der Spielverlauf mit unseren beiden Toren sicherlich nicht stimmungsfördernd, aber unter dem Strich war ich sehr enttäuscht vom nachlassenden Support der Gala-Anhänger. Dies gipfelte in der Massenflucht des Publikums, die so um die 70. Minute einsetzte. Spätestens fünf Minuten vor dem Abpfiff herrschte eine gähnende Leere im Stadion, die ich so nicht erwartet hatte. Vielleicht wollten die Leute aber auch einfach nach dem enttäuschenden Spiel nur deswegen schneller aus dem Stadion, weil die U-Bahn zum Stadion im Moment baustellenbedingt nicht fährt und daher ein noch größeres Verkehrschaos vorprogrammiert war.

Mit einem teilweise berauschenden Spiel und drei Punkten im Gepäck stand am frühen Donnerstagmorgen die Heimreise an. Was bleibt, sind unzählige Eindrücke, die hier nur zu einem Bruchteil wiedergegeben werden konnten. Fahrt einfach selbst mal hin und taucht ein in das orientalische Leben an der Grenze zwischen Europa und Asien. Ihr werdet es nicht bereuen.

 

 

 

United 19. und 23. April 1997. Champions-League-Halbfinale. Borussia Dortmund gegen Manchester United. An jenen Tagen kam ich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Weltverein aus dem Norden Englands in engeren Kontakt. Rene Tretschok traf zum 1:0-Erfolg im Hinspiel, Lars Ricken zum 1:0-Auswärtssieg im Old Trafford. Borussias Jürgen Kohler stieg in diesen Duellen zum Fußballgott auf und brachte nicht nur den Topstar Eric Cantona zur Verzweiflung.

Für mich waren dies zwei Fußball-Feiertage, für die Jungs aus Manchester nur eine kleine Episode in ihrer langjährigen, ruhmreichen Geschichte. Und über ebenjene hat nun der renommierte Autor Dietrich Schulze-Marmeling eine detailreiche, aber hochspannende Chronik veröffentlicht, sie trägt den prägnanten Titel „United - Vom Arbeiterverein zum Fußball-Unternehmen“.

Auf rund 400 Seiten schildert der Verfasser den Werdegang des Klubs von seiner Gründung als Eisenbahner-Verein Newton Heath LYR Football Club im Jahre 1878 über die Umbenennung in Manchester United FC 1902 bis hin zur heute global bekannten Fußball-Macht. Taucht man ein in diese glänzend aufbereitete Vereinschronik, dann mag man kaum glauben, dass United in der laufenden Saison nicht in den europäischen Vereinswettbewerben vertreten ist und auch in der Liga aktuell abermals mit acht Punkten nach sechs Spielen nur im Mittelfeld der Premier League herumdümpelt.

Doch bei näherem Betrachten zieht sich genau dieses Auf und Ab durch die Geschichte des Vereins. Grandiosen Titeln folgten bittere Abstiege. In lesegerechten Happen - die einzelnen Kapitel sind jeweils etwa zehn bis zwölf Seiten lang - schildert Schulze-Marmeling den Werdegang zu Zeiten Friedrich Engels‘ hin zur Entfaltung des Unternehmens Manchester United in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts. Die kurzen Kapitel sind abermals mit einigen Zwischenüberschriften übersehen - und wenn man nicht auf die Uhr achtet, dann ist man plötzlich zwei oder mehr Stunden in die Historie dieses wundersamen Vereines abgetaucht.

United 2Als Dortmund-Fan waren dabei natürlich insbesondere auch einige eher nebensächliche Aspekte von gesteigertem Interesse, wie die Erwähnung des allerersten Flutlichtspiels in der Dortmunder Roten Erde am 21. November 1956 im Achtelfinal-Rückspiel des Landesmeister-Pokals (S. 134). Oder ebenjenes eingangs skizziertes Champions-League-Halbfinale 1997 (S. 272) und jüngst im Jahre 2012 der Wechsel Shinji Kagawas auf die Insel (S. 354/Der Wechsel zurück nach Dortmund fand übrigens erst nach dem Erscheinen des Buches statt.).

Natürlich gehört das Flugzeugunglück 1958 untrennbar zu Manchester United, doch der Buchautor widersteht der Versuchung auf angenehme Art, dem ohnehin bereits intensiv aufgearbeiteten Drama allzu viel Platz zu bieten. Vielmehr widmet sich Schulze-Marmeling den Auswirkungen auf den Verein und den Wandel, den der Klub infolge des Unglücks sowohl intern als auch in der Außenwahrnehmung vollzieht.

Leider wird in diesem Zusammenhang jedoch eine Chance zur Aufklärung in dem Buch verpasst. Das landläufige „ManU“ als Abkürzung ist hierzulande zwar in aller Munde, doch eigentlich schließt man sich damit unwissentlich den Spottgesängen gegnerischer Fans nach dem Flugzeugunglück an. Eine kurze Thematisierung, wie beispielsweise auf den Internet-Seiten der „United Devils“, hätte das Buch abgerundet.

Aufgelockert wird das textlastige Buch durch zwei jeweils achtseitige Foto-Collagen, mit denen die Geschichte Uniteds auch optisch dargelegt wird. Alles in allem legt Dietrich Schulze-Marmeling mit „United“ ein hochspannendes Werk vor, wenn man sich für die Entwicklung eines englischen Spitzenvereins interessiert hin zu dem, was er heute verkörpert. Das Buch dürfte bei englandaffinen Fußballfans ein passendes Weihnachtsgeschenk darstellen - und die adäquate Lektüre rund um den diesjährigen „Boxing Day“.

  •  Dietrich Schulze-Marmeling: United - Vom Arbeiterverein zum Fußball-Unternehmen, Verlag DIE WERKSTATT, Gedruckte Ausgabe: 400 Seiten, Paperback. ISBN: 978-3-7307-0098-3, Preis: 16,90 €
Donnerstag, 02 Oktober 2014 11:06

Zum Staatsbesuch nach Belgien

 

IMG 8064Auswärts in Belgien - konnte einem im Vorfeld des Duells aufgrund der dilettantischen Planung des RSC Anderlecht und der restriktiven Vorgaben der belgischen Polizei die Vorfreude auf das Spiel vergehen, so entpuppte sich die Reise vor Ort doch als überraschend angenehm.

Da waren zunächst einmal die wundersam verloren gegangenen Karten auf dem Postweg von Anderlecht nach Dortmund, die eine Verteilung der wenigen, dafür aber umso heißer begehrten Tickets verzögerte. Erst deutlich weniger als eine Woche vor dem Anstoß im Constant-Vanden-Stock-Stadion waren die eilig ausgestellten - und als „Duplicata“ gekennzeichneten - Ersatzkarten endlich in Dortmund angekommen und konnten verteilt werden. Ob man aber mit Duplikaten wohl ins Stadion kommen würde?

Eine professionelle Planung - die UEFA reglementiert doch sonst jeden Quatsch, wie beispielsweise den zentimetergenauen Abstand eines Banners auf dem Rasen vor Spielbeginn von der Seitenauslinie - sieht anders aus und war seitens des RSC Anderlecht eines Champions-League-Teilnehmers unwürdig. Selbst der SSC Neapel(!) bekam die Planung im Vorjahr bei einem wesentlich geringeren Vorlauf besser über die Bühne.

IMG 8065Doch ein Verdacht lässt sich hier nicht leugnen, nämlich der, dass die belgische Hinhalte-Taktik mit Absicht geschah. Diese These drängt sich auf, wenn man Anderlechts Karten-Planung mit der restriktiven Vorbereitung der belgischen Polizei in Kombination betrachtet. Gästefans schienen demnach nicht besonders willkommen zu sein. Gerade die internationalen Auswärtsfahrten leben aber doch davon, dass man sich - gerade auch am Spieltag - in der Innenstadt aufhalten sowie Land und Leute kennenlernen kann. Dies war in Anderlecht unmöglich, denn die Vorgabe hieß, dass man nach dem Treff aller anreisenden Busse am Grenzübergang Lichtenbusch um 17 Uhr mit Polizeieskorte bis vor den Gästeblock transportiert wird. Stadtbesuch? Non!

Sind wir in diesen Wochen nach dem „Konzept“ unseres NRW-Innenministers Ralle Jäger eine verringerte Polizei-Präsenz gewohnt, so konnte man nun in Belgien das komplette Gegenteil davon erleben. Die unzähligen Cops auf ihren Motorrädern sperrten mal eben die komplette A3/E40 hinter der Grenze, um den Buskonvoi Richtung Anderlecht zu geleiten. Die Szenerie erinnerte ein wenig an einen präsidialen Staatsbesuch im Königreich Belgien, nur dass man nicht den Bundeskanzler oder wenigstens den Fußball-Kaiser, sondern „nur“ rund tausend Dortmunder Fußballfans durch das Land eskortierte.

IMG 8055Noch skurriler wurde die Szenerie auf dem vollen Autobahnring kurz vor Brüssel im Feierabendverkehr. Nachdem die Autobahn mittlerweile dreispurig geworden war und die Polizei sodann die linke Spur für den normalen belgischen Feierabendverkehr freigab, lotste sie nun vor der europäischen Hauptstadt plötzlich alle Busse auf die linke Spur. Mit recht drastischer Gestik vertrieben die Moped-Cops die einheimische Bevölkerung regelrecht von dieser schnellsten aller Autobahnspuren. Leider entpuppte sich dies als nicht konsequent durchdacht, denn nachdem ein Cop alle Autos von links in die Mitte lotste, schoss er mit seinem Moped die hunderte Meter nach vorne bis zum vorausfahrenden Bus. Die Belgier wiederum dankten für diese Lücke und stießen sofort wieder auf die linke Spur, sodass der Cop wieder für Ordnung sorgen musste.

Dieses Spiel wiederholte sich einige Male, bis wir schließlich die vor uns fahrenden Busse komplett verloren hatten, weil die Belgier die Anweisungen zunehmend ignorierten, was insbesondere angesichts eines vor uns fahrenden roten Golf 1 als sehr interessant anmutete. Dasselbe Bild bot sich schließlich auch nach hinten und die Polizei war urplötzlich auch noch komplett verschwunden. 100 Kilometer wird man über plattes Land von den Cops begleitet, doch wenn es darauf ankommt, den Weg zum Stadion zu leiten, waren sie plötzlich wie vom Erdboden verschluckt.

IMG 8054Nun griff also hier in Belgien urplötzlich und überraschend doch noch das Konzept der verminderten Polizeipräsenz von Ralle Jäger. Mit einem einzigen verbliebenen anderen Dortmunder Bus versuchten wir uns nun auf eigene Faust zum Stadion durchzuschlagen, was jedoch von keinem durchschlagenden Erfolg gekrönt sein sollte. Nach einigem Umherirren auf der belgischen Autobahn und einem Wendemanöver in die Gegenrichtung tauchte plötzlich auf einem Abfahrtsschild das erlösende Wort „Anderlecht“ auf, doch leider war diese Abfahrt völlig überlastet und unter dem Verkehr zusammengebrochen. IMG 8059Und plötzlich, als keiner mehr damit rechnete, schossen völlig unerwartet aus der Finsternis die Blaulicht-Mopeds hervor wie Gandalfs Reiter im Kampf gegen Mordor. Die Cops lotsten uns von der Anderlecht-Ausfahrt weg und - das hätte wohl keiner mehr gedacht - binnen weniger Minuten fanden wir uns auf dem hermetisch vom Heimbereich abgeriegelten Gästeparkplatz wieder.

Nach dem ganzen Vorlauf war nun am Blockeingang eigentlich eine intensive Ganzkörperkontrolle gereizter belgischer Cops zu erwarten. Doch die Ordner an den Drehkreuzen sowie die dahinter postierte Polizei war völlig tiefenentspannt und - anders als es die Planungen vermuten ließen - durchaus gastfreundlich gestimmt. Die Eingangskontrolle ist so auch eher als oberflächlich einzustufen, was den Belgiern weitere Pluspunkte einbringt.

Die Rückreise aus Anderlecht war ebenfalls sehr fanfreundlich gestaltet. Mit weniger als 15 Minuten fiel die obligatorische Blocksperre erfreulich kurz aus, wenngleich auf der „Tribune 2“ hinter dem Tor nicht alle Blöcke gleichzeitig öffneten, sondern einer nach dem anderen freigelassen wurde. Um kurz nach halb 12 setzte sich schließlich der Dortmunder Bus-Konvoi unter Blaulicht in Bewegung in Richtung Heimat.

IMG 8062Ein Punkt sei noch abschließend erwähnt. Das Entgegenkommen der belgischen Polizei zeigte sich auch darin, dass sie uns sowohl auf dem Hinweg als auch auf dem Rückweg jeweils eine staatlich verordnete und bewachte Pause genehmigte. Etwas irritierend war hierbei auf dem Heimweg die Pause lediglich etwa 40 Kilometer vor Aachen, auch wenn böse Zungen hier behaupten, dass die Polizisten selbst nur mal tanken und aufs Klo mussten. Es erscheint jedoch fraglich, ob die deutschen Kollegen gerade auf dem Heimweg etwas Ähnliches vollbringen würden.

Unterm Strich bleibt so jedoch eine rundum gelungene Auswärtsfahrt, die mit einem guten Spiel der Borussia und hochverdienten drei Punkten im Gepäck tief in der Nacht - oder eher früh am Morgen - ihr Ende fand.

 

Police4Etwas ist faul im Rechtsstaate südlich von Dänemark. Die jüngsten Vorfälle im Hamburger Volksparkstadion machen mich sprachlos, nein, die Bilder des vergangenen Spieltags aus dem hohen Norden machen mich regelrecht wütend. Da stürmen behelmte und mit Schlagstöcken und Pfefferspray bewaffnete Verteidiger des Rechtsstaats in einen dicht besiedelten Block - und verkaufen diese unverhältnismäßige Tat am Ende sogar noch ebenso frech wie dreist als Verteidigung des geltenden Rechts.

Völlig zurecht spricht die Hamburger Gruppierung „Chosen Few“ (CFHH) in ihrer Stellungnahme von einer „Kriegserklärung der Polizei“. Diese richtet sich jedoch nicht nur an die HSV-Anhänger, sondern an die gesamte aktive Fan-Szene. Gefordert ist jetzt eine vereinsübergreifende Solidarität, denn die Vorkommnisse stellen offenbar nur einen vorläufigen Tiefpunkt im Verhältnis zwischen Polizei und aktiver Fanszene dar. Doch der Reihe nach!

Bevor sich die Polizei am vergangenen Samstag zu einem Blocksturm entschieden hatte, ist es anscheinend bereits zu einigen Auseinandersetzungen zwischen den Beamten und Hamburger Fußballfans gekommen. Die Darstellungen gehen naturgemäß auseinander, wie der eingangs bereits genannten Stellungnahme der CFHH sowie der Polizeimeldung zu entnehmen ist. Doch egal, wie der Vorlauf auch ausgesehen hat und von wem eine etwaige aggressive, gewalttätige Atmosphäre ausgegangen sein mag - das, was dann folgte, ist einer Polizei unwürdig. Aufgrund aufgehängter Banner mit der Aufschrift „A.C.A.B.“ entschieden sich die Beamten zu einem gewaltsamen Blocksturm.

Police3Nun zeugt die Vertretung des Standpunktes „A.C.A.B.“ einerseits nicht unbedingt von einer freundlich gesinnten Grundeinstellung gegenüber der Polizei und andererseits auch nicht von allzu großem Nachdenken über eigene Standpunkte. Fakt ist jedoch: Die Strafbarkeit der Parole „A.C.A.B.“ ist alles andere als eindeutig. Die 11. Kleine Strafkammer des Landgerichts Karlsruhe negierte mit ihrem Urteil vom 8. Dezember 2011 explizit den Beleidigungstatbestand (Az. 11 Ns 410 Js 5815/11) der Parole „A.C.A.B.“ Die Rechtslage ist also alles andere als eindeutig, auch wenn die Hamburger Sektion der „Gewerkschaft der Polizei“ (GdP) dies in ihrer aktuellen Stellungnahme unter der Überschrift „Der HSV hat ein Gewaltproblem“ wider die Faktenlage anders behauptet.

Nein, liebe GdP, nicht der HSV hat ein Gewaltproblem, im vorliegenden Fall hat offensichtlich die Hamburger Polizei ein ganz massives Gewaltproblem. Wie komme ich auf die Idee, in einen mit Menschen(!) vollbesetzten Block zu marschieren, um dort ein Banner zu entfernen, dessen Strafbarkeit alles andere als eindeutig ist. Es dürfte die Polizeikräfte nicht ernsthaft überrascht haben, dass man beim gewaltsamen Eindringen in den Fanblock daher nicht mit offenen Armen empfangen wird; zur Sicherheit hatte man daher den Schlagstock und das Pfefferspray griffbereit und auch recht aktiv eingesetzt.  Liebe Hamburger Polizei, habt ihr denn gar nichts aus den Bildern des 21. August 2013 gelernt, als unter einem ebenso fadenscheinigen wie lächerlichen Vorwand ein vermummter Blocksturm durch die Polizei in Gelsenkirchen vorgenommen wurde? Ein Blocksturm der Polizei ist nicht nur völlig unsinnig, in Hamburg drängt sich erneut die Frage der Verhältnismäßigkeit massiv auf. Wegen eines juristisch nur mühsam greifbaren Banners nimmt die Polizei bewusst in Kauf, dass Unbeteiligte verletzt werden - und man gezielt eine aggressive Stimmung schafft, die man bei einem besonnenem Verhalten vermeiden könnte.

Die Stadien sind heutzutage mit hochauflösenden Kameras ausgestattet, die jedes Nasenhaar erkennen könnten. Wenn man nun also der Meinung ist, dass ein Transparent gegen geltendes Recht verstößt, bleibt als mildestes Mittel die Identifizierung der Plakataufhänger mittels des Bildmaterials und eine etwaige Strafverfolgung - mal sehen, wie weit man damit in der Strafverfolgung wohl kommen würde. Angesichts dieses Sachverhaltes und möglicher milderer Mittel ist ein Blocksturm alles andere als verhältnismäßig - sondern schlicht Ausdruck eines absolut dilettantischen Vorgehens der Hamburger Polizei.

Was ist das nun aber für ein Bild, das sich mir als unbeteiligtem Beobachter bietet? Da stürmen vollmontierte Beamte in einen Fußballblock wegen eines Banners, dessen Strafbarkeit juristisch höchst umstritten ist. Und dafür knüppelt man blind drauf los und verletzt Unbeteiligte. Wer hat hier ein Gewaltproblem? Es grenzt an Hohn, dass die Fußballfans sodann in der Polizeimeldung als „Störer“ und „Straftäter“ diffamiert werden.

Police1Ins Bild passt leider die mittlerweile gewohnte GdP-Agitation, die oftmals an der Wahrheit vorbeizielt. Dort werden die Fußballfans, die sich gegen das gewaltsame Eindringen in den Fanblock zur Wehr setzten, als „gewaltfanatische Straftäter“ herabgewürdigt und die Polizeikräfte heroisiert als Wahrer der Rechtsordnung. Ferner behauptet die GdP entgegen der in diesem Text dargelegten Fakten in ihrer Stellungnahme, dass die Parole „A.C.A.B.“ „nach ständiger Rechtsprechung als Straftat qualifiziert wird“ und spricht von „Menschenverachtung, die seitens der ‚Fans‘ der Hamburger Polizei entgegengebracht wird“.

 Wenn ich mir die Bilder des vergangenen Samstags anschaue, dann kommt mir die Frage in den Sinn, ob es nicht die sogenannte „Polizei“  - eine weitere Unart dieser ‚Polizei‘ ist es, aktive Fans durchgängig als „sogenannt“ oder in Anführungszeichen zu beschreiben - ist, die den Fußballanhängern durch blindes Knüppeln und Pfeffern wegen eines Stückes Stoff - gelinde gesagt - relativ wenig Achtung entgegenbringt. In Adaption der GdP-Passagen, die sich seit geraumer Zeit in NRW auch der sogenannte Innenminister Ralle Jäger (SPD) zu eigen gemacht hat, sage ich:

Der aktive Fußballfan erwartet ein deutliches und umgehendes Zeichen der Polizei gegen Gewalt durch ihre sogenannten Beamten. Fußballarenen und deren Umfelder sind keine rechtsfreien Räume für kriminelle Gewalttäter und Fußballfans kein Freiwild! Wer solche Blockstürme vornimmt, handelt bewusst menschenverachtend. Ich erwarte, dass sich die GdP eindeutig von den Gewalttätern distanziert und entsprechende Konsequenzen zieht. Denn diese Menschen sind keine Rechtsverteidiger - sie zerstören das Ansehen der Polizei! Die Gewaltausübung durch einen kleinen Teil der Polizisten ist ein weiter aufwachsendes Problem. Die Zeit der langen Diskussionen ist vorbei! Konsequentes rechtsstaatliches Vorgehen steht genauso auf der Tagesordnung wie die konsequente Ausgrenzung dieser Straftäter durch die Polizei!

Denn die Vorfälle aus dem Hamburger Volkspark sind leider bei weitem kein Einzelfall. Polizeiwillkür zieht sich gerade in dieser Spielzeit wie ein roter Faden durch die Saison.

Die Vorfälle aus der Champions-League-Qualifikation in Gelsenkirchen wurden bereits thematisiert. Tage zuvor entschloss sich die Dortmunder Polizei damals vor dem Bundesliga-Heimspiel gegen Eintracht Braunschweig zu völlig unverhältnismäßigen Schikanen gegen die Ultras.

Police2Bei den Spielen der zweiten Mannschaft des BVB frage ich mich regelmäßig, warum eigentlich derartig viele Polizisten rund um die Rote Erde postiert werden (inklusive Reiterstaffel), während der Gästeblock von einem oder höchstens zwei Dutzend Fans bevölkert wird - und das Verhältnis der Vereine auch alles andere als rivalisierend einzustufen ist. Die Spitze bildete das Heimspiel gegen den SV Wehen Wiesbaden vor wenigen Tagen, als auf rund 10 Gästefans an einem Freitagabend gleich mindestens acht(!) gezählte Polizeipferde kamen.

Warum?

Warum wird vor dem Heimspiel gegen Borussia Mönchengladbach vor der Nordtribüne des Westfalenstadions eine unendlich erscheinende Polizeiarmada aufgebaut - während ich auf der Anreise über den Umschlagplatz Hagen Hauptbahnhof keinen einzigen Beamten entdecken kann - und sich die Fanlager munter - und friedlich - mischen?

Warum?

Warum steige ich jüngst gegen Hoffenheim, ein Gegner mit etwa 21 Gästefans, am Westfalenstadion aus der Bahn und werde aus dem Einsatzwagen heraus von kleffenden Hunden begrüßt, die wie unter Tollwut höchstaggressiv bellend gegen die Käfiggitter springen - und ich mir nur inständig eine stabile Käfigwände wünsche.

Warum?

Warum will die Polizei beim Bundesliga-Gastspiel in Stuttgart zunächst penetrant verhindern, dass ich mich mit einem bekannten VfB-Fan auf ein Bier an unserem Gäste-Bus treffe; was dann übrigens doch irgendwann klappt - ohne, dass wir beide oder meine Mitfahrer uns mit ihm ein wildes Gemetzel auf der Stadionwiese liefern, was die Polizei ja offensichtlich befürchtet zu haben scheint.

Warum?

Warum muss man überall immer mit Helm und Schlagstock in Reichweite stehen - Deeskalation sieht anders aus! Natürlich, etwa beim Revierderby ist diese Montur - leider - geboten. Aber in 16 von 17 Heimspielen - gerade auch gegen Gegner wie Hoffenheim oder - so gesehen - Wolfsburg oder Augsburg, sind sowohl die Personenstärke als auch die Montur lächerlich überzogen. Am Saisonende kann man dann aber wieder über hohe Einsatzstunden der Polizisten jammern, nicht wahr, Herr Wendt oder Herr Jäger?

Wie kann man die Situation nun aber lösen? Ich ziehe dafür einen älteren Artikel heran, den ich auch nach zwischenzeitlich weiteren Gastspielen in England heute genauso schreiben würde. Für den überwiegenden Bundesliga-Alltag, und das dürften mindestens 300 der 306 Spiele einer Saison sein, dienen die englischen Cops als Vorbilder:

„Bereits zuvor in der Innenstadt hielten sich die Gesetzeshüter erfrischend im Hintergrund, zeigten aber dennoch Präsenz und suggerierten damit, dass sie keinerlei Verstöße gegen das Gesetz tolerieren würden. Besonders angenehm war dabei die optische Erscheinung der Polizisten: Statt wie in Deutschland mit Helm und Ganzkörperprotektoren ausgestattet, neben dem Wasserwerfer stehend und der Hand quasi immer am Schlagstock standen die Polizisten in England mit ihren eigentümlich anmutenden schwarzen Hüten da und strahlten trotz auch ohne Schlagstock und sichtbare Waffen eine Autorität aus, die einem sagte: ‚Wir sind Dein bester Freund oder Dein größter Feind. Es liegt bei Dir!‘“ Später im Stadion sorgten „orangene Ordner und gelbe Polizisten für eine klare Abgrenzung zwischen Heim- und Gästebereich. Auch hier traten sowohl die Ordner als auch die Polizisten superfreundlich auf - solange man sich an ihre Regeln hielt.“

Im Sinne einer Entspannung im Verhältnis zwischen der aktiven Fußball-Fanszene und der Polizei sollte sich die deutsche Polizei dringend ein Beispiel an ihren englischen Kollegen nehmen. Wir Fußballfans wollen den Stress um Bundesliga-Spiele genauso wenig wie die Beamten. Also lasst uns doch einfach in Ruhe den Fußball genießen. Tretet weniger martialisch auf, verhaltet euch lässiger - und ihr werdet sehen, wie schnell sich die Atmosphäre rund um die Stadien spürbar entspannt. Man muss es nur wollen. Die Hand ist ausgestreckt...

 

KölnschalDas vermehrte Auftauchen schwarzgelber Fan-Artikel im Müngersdorfer Stadion und auch in dessen Herzen, der Südkurve, ist der Kölner Ultra-Gruppierung „Coloniacs“ ein Dorn im Auge. Unter der Überschrift „Respekt und Toleranz“ wendet sich die Gruppe daher nun auf ihrer Homepage mit einem Appell gegen eine angebliche Freundschaft zwischen dem 1. FC Köln und Borussia Dortmund zu Wort.

Einleitend legen die „Coloniacs“ in dem Text dar, was Freundschaft grundsätzlich für sie bedeutet - und dass sie die Kurve behutsam mit bestehenden Fan-Freundschaften vertraut machen. „Freundschaft [ist] etwas Besonderes. Ein unschätzbar hohes Gut, das durch Taten und nicht durch Worte gepflegt wird. [...] Es wird darauf geachtet, dass sich andere FC-Fans nicht überrumpelt fühlen durch die Anwesenheit unserer Freunde.“ Genannt werden im Text in diesem Zusammenhang die Städte Paris und Florenz. Weiter heißt es: „Seit Jahren klären wir aktiv über diese Freundschaften auf. Etliche Besuche und Reisen dokumentieren diese. Es ist einfach ein Niveau erreicht worden, auf dem diese Freundschaft offen im Stadion gelebt werden kann.“

Vor diesem Hintergrund langjährig aufgebauter Freundschaften stören sich die „Coloniacs“ nun daran, dass in letzter Zeit vermehrt Fan-Utensilien des Revierclubs Borussia Dortmund im Müngersdorfer Stadion zu sehen waren - als Sympathiebekundung für den BVB, teils sogar in der Südkurve, dem Heiligtum des FC.

Im Blick haben die Ultras dabei eine Interessenseite in dem sozialen Netzwerk „Facebook“ mit dem Titel „1. FC Köln & BVB 09 - Fanfreundschaft“, die aktuell über mehr als 42.000 „Gefällt mir“-Angaben verfügt - Tendenz steigend. Diese „Facebook“-Seite verbindet User, die sowohl Sympathien für den 1. FC Köln als auch für den BVB hegen. Es werden unter anderem Fotos gesammelt und veröffentlicht, die diese Verbindung belegen, etwa durch das Tragen von Fanutensilien des einen Vereins im Stadion des anderen. Zugleich wurden über diese Seite bereits zwei Fantreffen organisiert. Das erste fand im Jahr 2012 statt, das zweite erst kürzlich am 18. Januar 2014 in einer Gaststätte in unmittelbarer Nähe des Kölner Doms.

Köln FBDie Organisatoren der Seite ließen zudem einen rotweiß-schwarzgelben Schal mit den Aufschriften „Köln“, „Dortmund“ sowie auf der Rückseite „Tradition verbindet“ produzieren und boten diesen zum Kauf an. Insbesondere diesen Schal sieht man bei Heimspielen des FC häufiger im Müngersdorfer Stadion - und vereinzelt auch im Dortmunder Westfalenstadion. Dies stößt bei den „Coloniacs“ jedoch auf Unverständnis, „wenn Menschen ohne jeglichen Bezug BVB-Schals in der Südkurve tragen. Gleiches gilt für die unsäglichen ,Freundschafts‘-Schals“. Diese dienen in ihren Augen nur dazu, „windigen Geschäftsleuten die Taschen zu füllen“; sie sprechen in diesem Kontext von der „Ware Freundschaft“. Die „Facebook“-Seite wird durch die „Coloniacs“ abgelehnt: „Ein Aufruf bei Facebook macht noch keine Freundschaft [...] und das Tragen eines Freundschaftsschals lässt keine Freundschaft entstehen.“

Auch die in den beiden Vereinen weit verbreitete Abneigung gegenüber dem FC Schalke 04 lassen die Kölner Ultras nicht als Argument gelten: „ein gemeinsamer Gegner macht den anderen nicht zum Freund“. Die Gruppe kommt daher in ihrem Text zu dem finalen Aufruf: „Wir lehnen diese Entwicklung ab und positionieren uns im Stadion auch klar in diese Richtung. Tut euch selber einen Gefallen und lasst diese Scheiße zuhause.“

Als leidenschaftlicher Dortmund-Fan und mittlerweile seit einigen Jahren auch FC-Sympathisant stimme ich den „Coloniacs“ in einem Punkt zu: Das Tragen von Fanartikeln des jeweils anderen Vereins im Herzen des Stadions - der Südkurve in Müngersdorf und der Südtribüne in Dortmund - halte ich für ein hochsensibles Thema. Zwar dulde ich selbst etwaige Köln-Schals auf der Gelben Wand im Westfalenstadion aufgrund meiner Sympathie zum FC, würde aber selbst nicht auf die Idee kommen, bei Besuchen in Müngersdorf einen BVB-Schal in der Südkurve zu tragen. Sympathie ist hier der eine Aspekt, Respekt jedoch der andere.

Da ich mir der Ablehnung des BVB bzw. einer engen Bindung zwischen dem BVB und dem FC Köln von Teilen der Südkurve bewusst bin, würde ich das Tragen schwarzgelber Fan-Utensilien als respektlos gegenüber dem FC und seiner Fankurve ansehen. Als unproblematisch erachte ich hingegen das Tragen des bereits angesprochenen Freundschaftsschals - den ich selbst übrigens ebenso wenig besitze wie grundsätzliche FC-Fanartikel - im Rest des Stadions außerhalb der Heimkurve, in Köln wie in Dortmund.

Widersprechen muss ich den „Coloniacs“ jedoch in einem anderen, zentralen Punkt, scheinen mir hierbei doch Ursache und Wirkung vertauscht worden zu sein. So haben sich die „Coloniacs“ in ihrem Appell anscheinend auf die „Facebook“-Seite eingeschossen und suggerieren, dass ein entsprechender Aufruf im Internet die Verbindungen zwischen beiden Vereinen erst begründen bzw. eine Basis dafür legen würde. Richtig erscheint mir jedoch eher eine andere Wechselwirkung zu sein, nämlich die, dass die „Facebook“-Seite bereits vorhandene Sympathien lediglich reflektiert und kanalisiert.

Um hier falschen Ansichten vorzubeugen, möchte ich betonen, dass ich mit der „Facebook“-Seite über mein „Gefällt mir“ hinausgehend nichts zu tun habe, also auch hier nicht Gefahr laufe, Eigenwerbung zu betreiben.

Kritisch zu hinterfragen ist auch, warum die „Coloniacs“ - eine Gruppe, deren Engagement ich grundsätzlich durchaus wohlwollend verfolge - für sich in Anspruch nimmt, der gesamten Fan-Szene des FC Köln vorschreiben zu können oder zumindest zu wollen, für welchen Verein man individuell Sympathie empfindet und diese mitunter auch optisch zum Ausdruck bringt. Als Außenstehender scheint sich dies mit den eigentlich erfrischend offenherzigen Worten auf der Website der „Coloniacs“ zu widersprechen, heißt es doch dort, dass der „Austausch mit Gleichgesinnten extrem wichtig“ sei, „da alle davon profitieren können“. Man versuche daher, „einen entspannten Umgang mit allen zu pflegen, die nicht explizit unsere Feinde sind. Solange wir ein neutrales Verhältnis zu anderen Gruppen haben, werden wir dieses von uns aus nicht ändern, da dies nicht unserer Vorstellung von einer funktionierenden Subkultur entspricht.“

Es erscheint daher falsch, die Existenz einer - zumindest rudimentären - Freundschaft oder mindestens wechselseitigen Sympathie bei einem Teil beider Fanszenen zu negieren. Dem widerspricht auch die freundschaftliche Beziehung zwischen der Kölner Ultra-Gruppierung „Boyz“ und den Dortmunder „Desperados“, wenngleich diese völlig losgelöst von der auf Supporter-Ebene anzusiedelnden „Facebook“-Seite zu betrachten ist.

Im Sinne einer „funktionierenden Subkultur“ ist daher festzuhalten: Schwarzgelbe Schals in der Südkurve müssen tatsächlich nicht sein; sich in eine „Facebook“-Seite mit über 40.000 „Likes“ zu verbeißen und dieser und der allgemeinen Beziehung zwischen manchen Kölnern und manchen Dortmundern das Entwicklungspotenzial abzusprechen, halte ich für falsch - auch die Freundschaften nach Paris und Florenz haben einmal klein angefangen.

 

BoyzHumor beweist die Kölner Ultra-Gruppierung „Boyz“ mit ihrer aktuellsten Aktion. Hintergrund dafür ist ein Bericht vom vergangenen Donnerstag auf dem Online-Portal der Kölner Boulevardpostille „EXPRESS“. Unter der Überschrift „Chaoten von den Boyz sorgen für Stau auf der A 57“ berichtete die Zeitung darüber, dass Styropor-Platten von einer Autobahnbrücke zu stürzen drohten, die den Schriftzug „Boyz“ bildeten. Für die Beseitigung der Styropor-Platten sei es notwendig gewesen, eine Fahrbahn zu sperren, was einen kilometerlangen Stau verursacht habe. Weiter wurde im Text spekuliert:

„Offenbar will die Gruppe, die nach Polizeiangaben auch an der Hooligan-Schlägerei am Rudolfplatz vor einigen Wochen beteiligt gewesen sein soll, ihr Revier abstecken. [...]Wohl nicht nur aus Gründen der Verkehrssicherheit wurden die Behörden in diesem Fall tätig. Wie aus Polizeikreisen zu erfahren war, wollte man es sich nicht bieten lassen, dass die Chaoten im öffentlichen Raum unerlaubt ‚Werbung‘ für sich machen. [...] In der Szene ist bekannt, dass Teile der Boyz von Rechtsradikalen unterwandert werden. Beim Rheinderby in Düsseldorf war ein Transparent gehisst worden. Darauf zu lesen: ‚James Boyz 007 - Hitlergrüße aus Moskau.‘“

Seit wenigen Tagen prangt an der Stelle, an der vor Kurzem noch der Boyz-Schriftzug hing, nun in weißer Schrift auf rotem Grund „EXPRESS.DE“. Auf ihrer Internetseite „bekannten“ sich die Kölner Ultras zu dieser Aktion und veröffentlichten neben zwei Fotos einen Text unter der Überschrift: „Chaoten vom Express sorgen für Stau auf der A 57“. Ihren Text zogen die Boyz dabei stilistisch identisch auf wie wenige Tage zuvor der Express, jedoch natürlich nahezu identisch umgemünzt auf die Tageszeitung. So heißt es im Text:

„Offenbar will das Schandblatt, welches laut Insiderinformationen schon seit geraumer Zeit unqualifizierte und fahrlässig recherchierte Artikel über die Kölner Fanszene veröffentlicht, sein Revier abstecken. An einer Eisenbahnbrücke klebten sie mit Styroporplatten den Schriftzug ‚Express.de‘. [...] Da die Platten herunterzustürzen drohten, wurden sie am Morgen von dem Unternehmen Häfen und Güterverkehr Köln in Zusammenarbeit mit der Straßenmeisterei entfernt. Eine Fahrbahn musste gesperrt werden. [...]Kurz nach 13:12 Uhr staute sich der Verkehr auf einer Länge von mehreren Kilometern. [...] Zuletzt distanzierten sich auch die Qualitätsmedien vom schwarzen Schaf der Branche. In der Szene ist bekannt, dass Teile des Express von Demagogen unterwandert werden. Beim Redaktionsgrillen war ein Transparent gehisst worden. Darauf zu lesen: ‚Jexpress Bond 007 - Hitlergrüße von der Amsterdamerstr.‘“

 

 

BTSV 4Borussia zu Gast beim Aufsteiger, dem Traditionsverein und Deutschen Meister von 1967, Eintracht Braunschweig. Dies bedeutete zugleich einen neuen Stadionpunkt für mich, hatte ich doch das denkwürdige 1:2-Erstrundenaus im DFB-Pokal der Saison 2005/06 an gleicher Stelle - inklusive des Stromausfalls - verpasst. Nun wartete es also, das gegenwärtig wohl nostalgischste Stadion der Ersten Bundesliga, das Eintracht-Stadion. Eröffnet wurde es schon im Jahr 1923, wurde seither aber einige Male umgebaut und renoviert. 23.325 Zuschauer passen offiziell in das Oval und selbstverständlich war das Stadion bis auf den letzten Platz ausverkauft, als das Flutlicht zum Anpfiff des 19. Spieltages eingeschaltet wurde.

BTSV IIDer erste Eindruck vor Ort am Stadion transportierte angesichts der Plattenbauten rund um das Eintracht-Stadion direkt das Bewusstsein, dass die Grenze zur ehemaligen DDR von hier nicht mehr allzu weit entfernt ist. Auf dem Gästeparkplatz ließ die Eintracht zunächst eine Vorkontrolle für die Gästefans einrichten, durch welche wir Schlachtenbummler in kleineren Gruppen zur eigentlichen Eingangskontrolle geschleust wurden. Mit dieser Doppelkontrolle sollte einerseits ein zu starker Andrang an den Eingangstoren als auch ein möglicher Blocksturm verhindert werden. Rund 30 Ordner waren hier für den reibungslosen Ablauf zuständig.

Etwas gewöhnungsbedürftig war dann jedoch das kulinarische Angebot im Gästebereich. Das Engagement eines lokal ansässigen Automobilkonzerns schlug sich sodann auch in der offiziellen Bezeichnung der Braunschweiger Currywurst nieder. Damit kam diese schon einmal nicht als Mittel gegen den leeren Magen in Betracht. Zur Wahl stand nun noch eine „Spezialwurst“, dessen Besonderheit sich in einer Extraschärfe entfaltete. BTSV 1Schnell sollte sich auch herausstellen, dass es einen Unterschied zwischen der Bestellung „Currywurst mit Pommes“ und „Multiplatte“ geben sollte. Bei der ersten Bestellvariante gab es zwei kleine Schälchen, was sich beim Essen für manchen als nicht hundertprozentig vorteilhaft erweisen sollte. Bei der „Multiplatte“ wiederum gab es - wie es der Name schon suggeriert - eine multiple Platte mit Currywurst und Pommes in einer Schale. Nach den Irrungen und Wirrungen der Nahrungsaufnahme sollte fortan jedoch das Spiel im Mittelpunkt stehen.

Das Eintracht-Stadion, noch mit dem Charme einer Laufbahn um das Spielfeld und guten alten Flutlichtmasten in den Ecken ausgestattet, versprühte eine ganz besondere Atmosphäre, wie sie sich in den heutigen zwar komfortablen, aber doch meist sterilen Arenen der Bundesliga kaum noch entwickeln kann. Die Heim-Fans auf der Südkurve begrüßten beide Mannschaften beim Einlauf mit einer kleinen Choreo bestehend aus einem Konterfei von Konrad Koch, einem der Initiatoren des Fußballspiels in Deutschland im 19. Jahrhundert. Dazu mahnten die Braunschweiger Supporter darunter mit zwei Bannern: BTSV 3„Konrad Koch hat es als erster erkannt, Fußball ist weltoffen und tolerant!“ Ein weiteres Transparent forderte die Blau-Gelben dazu auf: „Dortmund vernaschen“. Apropos vernaschen: Ein Lied des BTSV blieb mir als Freund saftigen Fleisches und einer norddeutschen Automarke kurz vor dem Anstoß doch sehr nachhaltig in Erinnerung, heißt es dort doch in sehr bemerkenswerter Weise: „Die Wurst in meinem Kühlschrank, die hält nur ein paar Tage. Mein guter alter Golf fährt höchstens noch zwei Jahre. [...]Zum Glück gibt‘s noch immer Eintracht Braunschweig“.

Der schwarzgelbe Support im Gästeblock musste wiederum zunächst noch ohne die Ultra-Gruppierung „The Unity“ auskommen, deren Mitglieder erst verspätet nach rund 20 Minuten im Gästeblock eintrafen, aber dann alsbald das optische und akustische Bild auf der Nordkurve (und das Wort nehme ich als Dortmunder nur äußerst ungerne in den Mund) abrundeten. Vor den Stadiontoren verbrachten einige Stadionverbotler, an die auch im Block mittels der einschlägigen Parolen gedacht wurde, die 90 Minuten.

Unterm Strich war der Ausflug nach Braunschweig unter fankulturellen Aspekten ein voller Erfolg. Ein Stadion wie dieses sucht heutzutage sicherlich seinesgleichen.

 

 

Napoli20141Neapel - in keiner anderen Stadt Europas wird der Fußball wohl so gelebt wie in dieser süditalienischen Stadt. Der SSC Neapel ist mehr als nur ein Fußballverein, er ist das Lebensgefühl von Millionen Menschen, der Kitt im brüchigen Gefüge der sozialen Schichten.

Der freie Journalist und langjährige Italien-Korrespondent des Sportmagazins „kicker“, Oliver Birkner, hat dem Verein nun ein literarisches Denkmal gesetzt. Unter dem Titel „Eines Tages im Mai - Die Geschichte des SSC Neapel“ präsentiert er die Historie eines Vereins, den man eigentlich nur lieben kann, wenn man sich näher mit ihm beschäftigt.

Um das weitere Buch verstehen zu können, führt Birkner seine Leser zunächst in das Lebensgefühl („Was ist Napoletanità?“) der Napolitaner ein, bei denen der stetige Konflikt zwischen dem armen Süden und dem reichen Norden des Landes ebenso von elementarer Bedeutung ist („Die Südproblematik“).

In den rund 250 Seiten beginnt Birkner schließlich seine Zeitreise mit den Anfängen des Fußballs in Italien. Doch hier entsteht keine langweilige Geschichtsreise, denn schnell schlägt der Autor den Bogen zu den Anfängen des Fußballs in Neapel. Der 1. August 1926, als der lokale Unternehmer Giorgio Ascarelli die Associazione Calcio Napoli ausruft, gilt schließlich als das Geburtsdatum des späteren SSC Neapel. In kurzweiliger Art und Weise präsentiert Birkner die facettenreiche Historie des Vereins. Eigenwillige Präsidenten wie Achille Lauro und Corrado Ferlaino werden ebenso porträtiert, wie die Verpflichtungen von Stars ihrer Zeit wie José Altafini und Omar Sivori 1965/66, Dino Zoff 1967/68 oder Ruud Krol 1980 thematisiert. Die Einflüsse der organisierten Kriminalität, persönlicher Eitelkeiten und mysteriös verpasste Scudetti bleiben ebenfalls nicht unerwähnt.

Napoli20142Gegen Ende nimmt selbstverständlich die Ära Maradona eine zentrale Position ein: Von der Verpflichtung über die sportlichen Höhenflüge rund um die zwei Meisterschaften 1987 und 1990 sowie den Triumph im Uefa-Pokal 1989 bis hin zum fußballerischen und menschlichen Niedergang des Superstars Anfang der 1990er stellt Birkner die wohl prägendste Epoche des Vereins lebendig dar. Abgerundet wird dieses Kapitel mit zahlreichen Interviews, darunter mit Thomas Berthold, Lothar Matthäus, Maurizio Gaudino und Giuseppe Bergomi.

In den Schlussseiten bekommt der Leser abermals ein Gefühl für die Bedeutung des SSC Neapel für die Menschen der Stadt, wenn der Autor die wundersame Wiederauferstehung des Vereins aus der Serie C bis hin in die Champions League unter dem neuen Präsidenten Aurelio De Laurentiis beschreibt. Zum Ausklang liefert das Buch einen umfangreichen Statistikteil sowie eine Zeittafel.

Alles in allem stellt das Buch eine Pflichtlektüre für Fußballfans dar, die sich für einen, wenn nicht sogar den ausgefallensten Verein Europas interessieren. Das runde Leder stellt in Neapel das materialisierte Lebensgefühl von Millionen Menschen dar - und Oliver Birkner transportiert genau dies mit seinem Buch. Gänsehautgefühle sind dabei garantiert - insbesondere bei der Schilderung der ersten Meisterschaft 1987, der erfüllten Sehnsucht nach jahrzehntelanger Warterei.

 

  • Oliver Birkner: Eines Tages im Mai - Die Geschichte des SSC Neapel, Verlag Die Werkstatt, ca. 250 Seiten, ISBN 978-3-7307-0009-9, 14,90 €.

 Ruf1„Wieder einmal ein Buch über d i e Ultras?“ Diese Frage schießt einem unwillkürlich in den Kopf beim Blick auf das neue Buch des freien Journalisten Christoph Ruf. Unter dem Titel „Kurvenrebellen - Die Ultras - Einblicke in eine widersprüchliche Szene“ ist das Werk vor kurzer Zeit erschienen. Rund ein Jahr, nachdem die deutsche Ultra-Szene nicht zuletzt rund um die 12:12-Proteste bundesweit im Fokus stand, legt der Autor nun ein Buch vor, das sich der Szene von innen nähert und sie erfrischend differenzierter darstellt, als es oftmals in den meisten Medien der Fall ist.

Unterteilt ist das Buch nach der Einleitung in 19 Kapitel, in denen Ruf einen Streifzug durch die deutsche Ultra-Landschaft vollzieht. Der Journalist spricht dabei nicht nur ü b e r, sondern vielmehr m i t den Angehörigen dieser jugendlichen Subkultur, die in den vergangenen 24 Monaten in der öffentlichen Darstellung einigen Kredit verloren.

Dabei lässt sich das Buch grob in zwei Abschnitte unterteilen. Zunächst widmet sich Ruf der Selbstdefinition der Ultra-Szene, hierbei insbesondere der Vorliebe für Pyrotechnik, dem Hass auf die Polizei und den Angriffen auf Ultras anderer Vereine. Wie es der Untertitel des Werkes bereits suggeriert, arbeitet Ruf hier auch einige Widersprüche innerhalb der Subkultur hervor; beispielsweise bei der Verwendung von Pyrotechnik, die den Verein nach eigenem Verständnis unterstützen soll, diesem gleichzeitig aber auch teilweise drakonische Strafen einbringt. Auch die Ablehnung der Polizei von Personen, die vermutlich noch nie in ihrem Leben mit den Gesetzeshütern in Konflikt geraten sind, darf als Beispiel nicht fehlen.

Ruf porträtiert eine „Szene zwischen Gewaltfaszination und Nachdenklichkeit“ und warum beim „Feindbild Polizei [...] die Fronten verhärtet bleiben“. Durch zahlreiche O-Töne aus dem Ultra-Spektrum gewinnt der Leser hier zahlreiche interessante Einblicke in die Denkweise dieser extremsten aller Fußballanhänger.

Im thematisch zweiten Teil des Buches nähert sich Ruf dem zunehmend aufkommenden Konflikt zwischen der Ultra- und der Hooligan-Szene sowie den rechtsextremistischen Einflüssen in den deutschen Fankurven. Die einschlägigen Beispiele Duisburg, Dortmund, Aachen dürfen dabei natürlich nicht fehlen.

Ruf2Abgerundet wird das Buch durch zwei separate Blöcke mit Farbfotos, mit denen die Aktivitäten der Ultra-Szene bildlich dokumentiert werden.

Während der zweite Teil des Buches gerade nach dem medialen Hype im vergangenen Jahr 2013 wenig Neues, dafür aber eine kompakte Zusammenfassung liefert, besticht insbesondere der erste Teil, der sich mit der Eigendefinition und dem dazu teils konträren Verhalten der Ultras auseinandersetzt. Insofern stellt das Buch eine ideale Lektüre für die Zeit bis zum Rückrundenstart dar, wenn man sich als Sympathisant des deutschen Fußballs und seiner Fankultur einmal näher mit der Ultra-Thematik auseinandersetzen möchte, ohne dabei nur auf das oftmals einseitige mediale und (polizei-)politische Gezeter angewiesen zu sein.

  • Christoph Ruf: Kurvenrebellen - Die Ultras - Einblicke in eine widersprüchliche Szene, Verlag Die Werkstatt, 189 Seiten, ISBN 978-3-7307-0044-0, 12,90 €.

 

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