Do20Jun2013

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Thilo Schmidt

Thilo Schmidt

Mein Name ist Thilo Schmidt, ich bin 31 Jahre Jahre alt und lebe im Bremer Stadtteil Neustadt, genau zwischen der Beck's-Brauerei und der Hachez-Schokoladenfabrik. Ich schreibe natürlich hauptsächlich über Werder Bremen, aber auch über allgemeine Fußball-Themen. Mein Erfassungsbereich beschränkt sich dabei nicht nur auf die Glamour-Welt des deutschen Profi-Fußballs, sondern umfasst auch Fußballplätze im Amateur-Bereich oder im Ausland.

Man kann mir auch auf Twitter folgen: https://twitter.com/Thilo_mit_H

Meine neue Facebook-Seite ist zu finden unter www.facebook.com/OsterdeichSchnack

Donnerstag, 25 April 2013 22:02

Der Osterdeich-Schnack verabschiedet sich

blue werderLiebe Leser, Mit-Werderaner und sonstige Interessenten,

heute richtige ich mich mit einem persönlichen Wort in eigener Sache an Euch. Ich bedaure sehr mitteilen zu müssen dass ich meine Tätigkeit als Blogger aus gesundheitlichen Gründen auf unbestimmte Zeit einstellen muss. Ob es den "Osterdeich-Schnack" irgendwann mal wieder geben wird und falls ja wann, kann ich heute leider überhaupt noch nicht abschätzen.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei einigen Leuten herzlichen bedanken: zunächst einmal bei Martin Thein, Christoph Burr und Jannis Linkelmann von fankultur.com dafür, dass sie mir fast ein Jahr lang die Möglichkeit gaben, hier meine Beiträge zu veröffentlichen. Des weiteren an alle meine Blogger-Kolleginnen und -Kollegen, die eine wirklich großartige Truppe sind. Es fällt mir sehr schwer von ihnen Abschied nehmen zu müssen. Darüber hinaus möchte ich noch folgenden Leuten danken: meiner guten Freundin Filiz, mein Fels und mein Sonnenschein; Tina und Denti aus München, die selbst als Anhänger des FC Bayern Fans meines Blogs waren; dem Werder-Stadionsprecher Arnd Zeigler für Lob, Kritik und Inspiration; meinen Vater Ronald und meine Schwester Franca-Maria, zudem Maria aus Puerto la Cruz, die selbst im entfernten Venezuela Werder Bremen immer leidenschaftlich die Daumen gedrückt hat. Außerdem möchte ich mich natürlich auch sehr bei meinen Lesern bedanken, denn für Euch habe ich das alles schließlich gemacht. Ich danke auch allen meinen Kritikern, die mich oft verflucht haben, mir wöchentlich geschrieben haben wie sehr sie meine Texte geringschätzen, dass ich ja absolut keine Ahnung von gar nichts hätte und sowieso kein "wahrer Fan" sei; ich werde Euch zwar nicht vermissen aber ich danke Euch trotzdem, denn Eure Pöbeleien sah ich immer als Ansporn erst recht weiterzumachen.

Zuletzt noch ein Wort an den SV Werder Bremen, dem immer mein ganzes Fanherz gehören wird: reisst Euch mal zusammen Leute! Ihr habt den Luxus Euch "nur" über Punkte, Tore und Klassenerhalt Sorgen machen zu müssen. Ich werde mich in den nächsten Wochen und Monaten mit Dingen auseinandersetzen müssen, gegen die Eure Sorgen wirklich verdammt winzig aussehen. Also macht was draus, reißt Euch den Arsch auf, fresst Gras und überzeugt mich und alle anderen Fans davon, dass das Trikot das Ihr tragt, nicht nur eine simple Arbeitsbekleidung wie in Blaumann für Euch ist. Im Moment sind sich sehr viele Fans da nämlich wirklich nicht sehr sicher.

Ich beende meinen (vorerst) letzten Blog mit den Worten meines absoluten Lieblings-Autors Douglas Adams:

So long, and thanks for all the fish.

Dienstag, 23 April 2013 03:08

Werder Bremen: Fünf vor Abstieg

Away-Trikot 350x240Der "Weser-Report" ist die auflagenstärkste Anzeigenzeitung im Großraum Bremen. Innovativen Sportjournalismus sucht man hier vergebens, dafür findet man eine gelegentlich eine große Portion Lokalpatriotismus. Und zum Lokalpatriotimus der meisten Bremer gehört auch Werder Bremen, so auch für den Chefredakteur des Weser-Reports. Axel Schuller heißt der gute Mann, der mit einer Art offenen Brief 48 Stunden vor dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg die Werder-Fans aufrütteln wollte. "Jahrelang hat es sich niemand vorstellen können, doch jetzt holt uns die Wirklichkeit ein: Werder Bremen spielt um den Verbleib in der ersten Bundesliga", hieß es in dem kleinen Dreispalter, und weiter: "Wir als Bremer Publikum (...) müssen den Spielern den Rücken stärken. Durch bedingungslose Unterstützung, ohne Wenn und Aber, ohne Pfiffe oder Stille im Stadion." Nun, wie wir heute, drei Tage nach der 0:3-Niederlage gegen Wolfsburg wissen, gab es Pfiffe, und zwar nicht gerade wenig. Und ich muss leider sagen: wäre ich im Stadion gewesen, hätte ich auch gepfiffen. Denn dass, was die Spieler gegen Wolfsburg "geleistet" haben (das Wort verbietet sich hier eigentlich), war schlicht eine Unverschämtheit und es kotzt mich sowas von an, mit Durchhalteparolen wie diesen eingeredet zu bekommen, was ich als Fan zu tun und zu lassen habe!

Aus einem mir absolut nicht nachvollziehbaren Grund hat sich in den Köpfen erschreckend vieler Anhänger die Mähr festgesetzt, mein sei nur dann ein "wahrer" Fan, wenn man jeden Rotz, der einem von den Herren Profis geboten wird, kritiklos schluckt. Tut mir leid, ich bin wirklich ein sehr geduldiger Mann, aber dieser Meinung kann und will ich mich nicht anschließen. Ich habe schlicht die Schnauze voll. Ich habe genug von hohlen Durchhalte-Phrasen, von bedingungslose-Unterstützung-Gelaber und all dem ähnlichen Mist, egal ob ich es von anderen Fans, von Medienvertretern oder von Vereinsangehörigen aufgetischt bekomme. Ich kann es echt nicht mehr hören! Ich denke wirklich nicht, dass ich "meiner" Mannschaft tatsächlich damit helfe, wenn ich brav weiterjuble, obwohl sie gerade zum unzähligsten Mal in dieser Saison ein Herumgegurke präsentiert hat, dessen sich jeder Bezirksligist schämen würde – und um ihnen bei diesem Gegurke zuzujubeln habe ich auch noch über 30 Ocken auf den Tresen gelegt. Wenn mir nicht gefällt, was ich da auf dem Rasen sehe, dann habe ich verdammt nochmal auch das Recht, nein, sogar die Pflicht, meinem Unmut darüber Ausdruck zu verleihen!

In seinem offenen Brief schreibt Axel Schuller weiter: "Das Ziel: Werder muss in der nächsten Saison wieder den Sprung auf die internationale Bühne schaffen." – Jetzt mal ernsthaft, lieber Axel: kann ich von dem Stoff, den Du genommen hast, auch was haben, aber weniger? Ich dachte eigentlich, selbst der letzte Taubblinde hätte mittlerweile realisiert, dass der Werder-Kurs sehr hart in Richtung Paderborn, Ingolstadt und Cottbus geht – Mailand, Madrid und London sind Lichtjahre* weit weg! Selbst wenn der Klassenerhalt gelingen sollte, glaube ich kaum dass es an der Weser in absehbarer Zeit wieder Europapokalabende geben wird – oder sind mir irgendwelche Nachrichten, Zeichen, Indizien oder Hinweise entgangen, die auf eine aufstrebende Tendenz deuten lassen? Nein, ich denke nicht. Der Trend geht seit Wochen, Monaten, Jahren nur bergab. Ein Abstieg wäre die logischere Konsequenz als eine Europapokal-Qualifikation. Ich sehe derzeit leider nichts, was auf ein solches Wunder auch nur andeutungsweise hinweisen würde. Ich sehe tonnenweise heiße Luft, von den Spielern, vom Vorstand, vom Aufsichtsrat, von den Medien,... aber das bringt auch keine Punkte.

Man sollte aber auch nicht den Fehler machen und Kritik-üben und Unmut-äußern mit Liebesentzug verwechseln. Selbst wenn Werder Bremen absteigen würde, man könnte mich trotzdem noch regelmäßig im Weserstadion antreffen, ich würde trotzdem noch mit Stolz das grün-weiße Trikot tragen und die Werder-Fahne in mein Fenster hängen. Meine Fantreue zum Verein ist nicht abhängig davon, ob Europapokal gespielt wird oder in welcher Spielklasse man antritt. Im Gegensatz zu den meisten Werderfans, besuche ich auch Spiele der U23 (Regionalliga Nord = 4. Liga), der U21 (Oberliga Bremen = 5. Liga) oder der Frauen-Mannschaft (2. Frauen-Bundesliga Nord), hinzu kommen noch die Spiele meines lokalen Amateurklubs, dem Bremer TS Neustadt (Landesliga Bremen = 6. Liga) – soviel zum Thema "Wahrer Fan". All die "wahren" Fans, die mir in schöner Regelmäßigkeit vorpredigen wie "wahrer Fan" ihrer Meinung nach geht, lassen sich in diesen Spielklassen nur extrem selten blicken.

Leidenschaft zu einem Verein, "Fan-sein", schließt meinem Empfinden nach auch ein, Kritik zu äußern, wenn etwas schief läuft. Und bei Werder Bremen läuft zur Zeit verdammt viel schief. Der gefühlt fünfundzwanzigste "Umbruch" in den letzten drei Jahren verpuffte ins Nichts, für den kommenden Sommer ist schon der nächste angekündigt. Laut Axel-Springer-Verlag (allen voran mal wieder "Die Welt", die in Sachen Vollpfostenjournalismus der "Bild" in nichts nachsteht) wird Thomas Schaaf dann nicht mehr Trainer sein, die Schreiberlinge behaupten gar zu wissen, Schaaf wäre schon seinen Job los, sollte Werder am kommenden Samstag in Leverkusen verlieren (wovon ich ausgehe). Ich persönlich halte es für am wahrscheinlichsten, dass Schaaf bis zum Saisonende noch auf der Bank sitzen und anschließend ein anderer Coach versuchen wird, diesen Scherbenhaufen wieder zu kitten.

Ob beziehungsweise in welchem Umfang Schaaf für diesen Scherbenhaufen verantwortlich ist lasse ich jetzt mal dahingestellt. Den jahrelangen Niedergang von Werder Bremen nur an einer Person festzumachen halte ich jedoch für völlig falsch. Ich werde sehr oft (fast täglich gefragt), wo die Ursache für diese Krise zu suchen ist. Ich kann nur immer wieder antworten: ich weiß es nicht. Und ich bin der Meinung, all die "Experten" da draussen wissen es auch nicht, die raten, rätseln und spekulieren sich bloß was zusammen. Wirklich wissen dass wohl nur die Personen, die ihren Scheibtisch in den Bürotürmen am Osterdeich stehen haben, doch die halten natürlich die Klappe. Wie allen anderen auch steht mir als Informationsquelle nur das zur Verfügung, was ich mit meinen eigenen Augen beobachten kann (was wiederum alles, was hinter "verschlossenen Türen" vorgeht, schon mal ausschließt) und das, was Werder durch die Medien veröffentlichen lässt – und das wird bestimmt immer peinlich genau gefiltert, seziert und weichgewaschen, bevor es freigegeben wird, zur Zeit sicher mehr denn je. Fakt ist: nur noch fünf Punkte trennen den SV Werder Bremen von der Absteigszone, bei noch vier ausstehenden Spielen (auswärts in Leverkusen, dann zwei Heimspiele gegen Hoffenheim und Frankfurt, zum Schluß auswärts in Nürnberg) ist das kein sehr großes Polster.

Mittlerweile bin ich soweit, dass ich nur noch das Ende dieser katastrophalen Saison herbeisehne. Und das der nächste Umbruch, der vermutlich nicht nur die Namensliste des Profikaders kräftig durcheinanderwirbeln wird, sondern auch des Trainerstabes und der oberen Vereinsetagen, endlich auch mal seines Namens gerecht wird. Nach all dem Gemecker, Gezeter und Geschimpfe möchte ich diesen Blog mit einer guten Nachricht abschließen, und zwar betrifft diese die langfristige Zukunft der Bremer Mannschaft: sowohl die U23 als auch die U21, die A-Junioren und die B-Junioren sind unter den ersten fünf Mannschaften ihrer jeweiligen Ligen zu finden, die U21 ist sogar Tabellenführer (die U23 ist derzeit Fünfter, die A- und B-Junioren stehen aktuell jeweils auf dem zweiten Platz). Wenigstens eine Zukunftsperspektive bei Werder Bremen, die Hoffnung macht.

 

 

* Ich habe leider feststellen müssen dass man dieses Wort erklären muss. Mit Lichtjahren wird nicht, wie fälschlicherweise oft angenommen, ein Zeitraum berechnet, sondern die Länge einer Strecke. Ein Lichtjahr ist die Entfernung, die das Licht (im Vakuum) in einem Jahr zurücklegt. Die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum beträgt 299.792,458 Kilometer pro Sekunde, daraus folgt: 1 Lichtjahr = ca. 9.454.254.955.480 Kilometer.

Sonntag, 14 April 2013 06:58

"Ausser'm Zeigler könnt Ihr alle geh'n!"

HometrikotMoin aus Bremen.

Ich weiß, ich habe relativ lange nichts von mir an dieser Stelle hören bzw. lesen lassen. Das tut mir auch leid, aber angesichts dessen, was sich derzeit bei Werder Bremen abspielt, fehlen mir mittlerweile ein wenig die Worte. Ich habe schon so viel über den mittlerweile mehrere Jahre andauernden, schleichenden Abstieg "meines" SV Werder geschrieben (manche meinen auch, zu viel), es fällt mir schwer mich nicht andauernd zu wiederholen. Ich vermute mal, den Präsidiums-, Aufsichtsrats-, Trainerstab- und Mannschaftsmitgliedern von Werder Bremen wird dieses Gefühl quälend bekannt vorkommen (und den Fans sowieso), wenn sie von Reportern, Journalisten und Fans immer wieder aufs neue gefragt werden, woran es denn hakt, wo die Ursache des Niedergangs zu suchen ist und wie man den Kopf wieder frei und die Punkte wieder an den Osterdeich bekommt. Auf immer wieder die selben Fragen folgen immer wieder die selben Antworten, aber eine spürbare Besserung ist nicht in Sicht.

Heute ist der Tag nach dem 2:2-Unentschieden bei Fortuna Düsseldorf. Ich möchte vorausschicken dass mir dieser Klub (und auch seine Fans) bisher immer sehr sympathisch war und dass ist auch immer noch so. Ich möchte also weder dem Verein noch seinen Anhängern zu nahe treten wenn ich sage, dass der SV Werder über einen solchen Gegner vor nicht allzu langer Zeit noch gelacht hätte. Ich rede hier natürlich von jenen Zeiten, als Werder noch Stammgast im Europapokal war, man an guten Tagen sogar Real Madrid, Inter Mailand oder den AC Mailand geschlagen hat und man im DFB-Pokal noch nicht in erschreckender Regelmäßigkeit gegen Drittligisten ausschied. Wenn ich heute über solche Zeiten rede glaube ich, dass sich mein Großvater so gefühlt haben muss, als er mir vom Wunder von Bern erzählte. Ein nostalgisch-schönes Kapitel in den Fußball-Geschichtsbüchern, mehr ist von diesem Glanz nicht mehr übrig. Das grün-weiße Herz weint bei dieser Erkenntnis.

Ich bin sicher, hätte Martin Latka gestern Nachmittag nicht den Ball versehentlich ins eigene Tor gelenkt, Werder hätte nicht einmal einen Punkt aus dem Rhein fischen können. Der Offensivmotor, der in der Vergangenheit die schon immer stark anfällige Bremer Abwehr stets hat erfolgreich kaschieren können, verfügt mittlerweile über weniger Power als ein alter Rasenmähermotor. Der spontane Reflex: wer hat Schuld? Meine Antwort: keine Ahnung. Vermutlich alle. Wird ein Spieler von einer Fangruppe hochgejubelt, so wird er von mindestens genauso vielen anderen Anhängern als Versager abgestempelt und umgekehrt. Halten manche die jüngste Transferpolitik für völligen Murks, so gibt es ebenso viele die alles genauso gemacht hätten. Und die Gretchenfrage nach dem Trainer? Ebenfalls unentschieden, wie so vieles. Ich habe in der Vergangenheit oft geschwankt, an manchen Tagen pro, an anderen Tagen eher contra Thomas Schaaf, meistens pro. Das klingt ratlos? Bin ich auch. Ich persönlich bin  mittlerweile zu dem Schluß gekommen, dass ich mir nicht mehr anmaßen möchte zu beurteilen, was richtig oder falsch wäre. Ich sehe die Spieler auf dem Platz, ich beobachte sie beim Training, teilweise höre ich was und wie sie miteinander reden, ich nehme ihre Körpersprache in Augenschein, ich lese was sie in den diversen sozialen Netzwerken so schreiben – aber reicht das um zu beurteilen, was im Team wirklich vorgeht? Ich habe da immer mehr Zweifel.

Ich bin es ehrlich gesagt auch müde. Es steht mir bis Oberkante Unterkiefer immer wieder aufs neue Erklärungen dafür finden zu müssen, warum Werder Bremen nicht nur nicht mehr der Bayern-Jäger Nummer eins ist, sondern sich ernsthaft mit den Routen zu Zweitligastadien beschäftigen muss anstatt Flüge nach London, Barcelona oder Mailand buchen zu können. Ich gehe ins Weserstadion und hoffe jedes Mal erneut das beste. Und das tun viele, trotz der derben sportlichen Talfahrt ist das Weserstadion fast immer ausverkauft. Zumindest die Fans haben in Bremen immer noch internationale Klasse, auch wenn die Vokabeln, die nun aus der Ostkurve schallen, nun gelegentlich andere sind. Mein "Favorit" unter diesen neuen Klängen: "Ausser'm Zeigler könnt Ihr alle geh'n!" Ganz so dramatisch ist es nun vielleicht doch nicht. Noch nicht.

Am Support der Fans liegt es also nun wirklich nicht. Die reissen sich jede Woche wieder den Allerwertesten auf, nicht zuletzt die Ultras mit ihren grandiosen Choreografien. Meinen fetten Respekt und Anerkennung in schärfster Form dafür! Doch wie geht es weiter? Absteig hin oder her, wie soll die Rückkehr an die Spitze erreicht werden? Ist diese überhaupt kurz- oder mittelfristig möglich? Und falls ja, mit Schaaf oder ohne? Hat es Lemke verbockt? Liegt es nur am schnöden Mammon? Ist der SV Werder Bremen nicht kommerzialisiert genug um oben konkurrenzfähig zu sein? Solche Fragen werden täglich gestellt und mich beschleicht immer stärker das Gefühl, dass selbst die Verantwortlichen sie nicht beantworten können – oder vielleicht nicht beantworten wollen, weil sie dann möglicherweise sich selbst und einer emotionsgeladenen Fangemeinde obendrein eingestehen müssten, dass sie Mist gebaut haben.

Der Verein hat bereits angekündigt, in der kommenden Transferperiode sich mit erfahrenen Personal verstärken zu wollen, mit Spielern "die sich bereits bewiesen haben." Dagegen ist prinzipiell nichts zu sagen, solange das nicht als der alleinige Ausweg angesehen wird. Auch frage ich mich, wieviele Umbrüche man den Fan noch verkaufen kann, bevor die Zuschauerzahlen einbrechen. Spätestens im Falle eines Abstieges dürfte hier vermutlich das Ende der Fahnenstange erreicht sein, was den sündhaft teuren Ausbau des Weserstadions zu einem Eigentor werden ließe.

Spreche ich mit anderen Werder-Fans, so blicke ich fast immer in verdrehte Augen, sehe abwinkende Gesten und höre Dinge wie "Ach, geh mir mit denen doch weg." Ich beobachte Enttäuschung, Resignation und Frust, und das immer öfter und immer intensiver. Der Glaube an eine Wende schwindet mit zunehmender Geschwindigkeit. Und das hat nichts damit zu tun ob man ein "wahrer" Fan ist oder nicht, bitte verschont mich mit diesen Kindergarten-Parolen! Selbst im treuesten Hardcore-Fan macht sich Frustration und Enttäuschung breit, wenn seine Hoffnungen jede Woche aufs neue enttäuscht werden. Ich bin voll von diesen Gefühlen in Bezug auf Werder Bremen, trotzdem wird man mich auch dann noch im Weserstadion antreffen können, wenn die Gegner Union Berlin, Paderborn oder Erzgebirge Aue heißen.

Eine nette Geschichte berichtete übrigens meine Blogger-Kollegin Nena, die hier auf fankultur.com den Fortuna Düsseldorf-Blog "...nur damit es jeder weiß!" verfasst. Da sie ein kleiner Hunger plagte und sie keine Lust auf die Arena-Brezeln hatte nahm sie gestern zwei Bananen mit in die Düsseldorfer Arena. Vermutlich besorgt ob eines bioterroristischen Anschlags wurde ihr vom örtlichen Sicherheitsdienst die Mitnahme der gelben Südfrüchte verweigert, es sei denn sie würde sie in kleine Stücke schneiden. Mangels Messer (hätte sie das mitnehmen dürfen? Der Logik dieser Argumentation zufolge schon) musste sich die gute Nena die Bananen zusammen mit einer Freundin per Druckbetankung einverleiben, so fanden die Bananen doch noch den Weg ins Stadion. Ich frage mich was Oliver Kahn durch den Kopf gehen würde, sollte er von dieser Geschichte erfahren.

Zurück zu Werder Bremen: ich hatte vor dem Spiel in Düsseldorf ein ganz mieses Gefühl und trotz des Punktgewinns sehe ich mich darin – leider! – bestätigt. Nächste Woche kommt der VfL Wolfsburg nach Bremen, großen Grund zu Optimismus sehe ich eigentlich nicht. Klaus Allofs hat damit gar nichts zu tun, das Thema ist für mich schon lange abgehakt. (Und, so ganz nebenbei: die Dreckschleudern aus dem Springer-Haus können so oft schreiben wie sie wollen, Allofs wolle den SV Werder "leerkaufen", deshalb glaube ich das trotzdem nicht!) Ich hoffe wirklich dass ich mich irre, aber mir fehlt einfach der Glaube daran dass in diesem Spiel mehr als ein Punkt rausspringt. Es wäre das neunte Spiel in Foge, dass Werder Bremen nicht gewinnt. Solche Bilanzen haben meistens nur Absteiger.

Wie gesagt, ich hoffe sehr, dass ich mich irre. Aber ich habe in dieser Saison schon sehr oft gehofft und es hat nichts geholfen. Aber ich hoffe weiter.

Euer Thilo

Fanblock FC Sankt Pauli HamburgJaja, die leidige Pyro-Debatte. Ich weiß nicht wie es Euch geht, aber mir geht sie gehörig auf die Nerven. Sie langweilt, ist ärgerlich und tatsächliche Lösungen sind wegen der betonhart verkrusteten Fronten auf allen Seiten lichtjahreweit nicht in Sicht. Die einzigen, die bisher von diesem Käse wirklich profitiert haben, sind diverse Talk-Shows im Fernsehen, die sich ansonsten nur höchst selten mit dem Thema Fußball beschäftigen, folglich von Fankultur höchstens oberflächlich eine Ahnung haben und sich trotzdem dieses Themas bemächtigen, weil man mit der Jagd nach den "Taliban der Fußballfans" (Sandra Maischberger) oder dem spektakulären Abfackeln einer Kleiderpuppe durch einen hochdramatisch entsetzen Johannes B. Kerner (in "Hart aber fair") eben klasse Quote machen kann.

Soweit der alltägliche TV-Wahnsinn, der an dieser Stelle ja auch schon oft genug durchgekaut worden ist. Der DFB hat sich bisher wunderbar vor diesen Karren spannen lassen, das zeigt unter anderem auch das neuste Beispiel. Die Fußball-Weisen aus Frankfurt haben nämlich nun in einem Brief an den FC Sankt Pauli Hamburg den Fans des Kiezklubs untersagt, am 1. April (nein, das ist kein Scherz!) im Spiel gegen den SC Paderborn 07 Wunderkerzen abzubrennen. Nein, es sind keine bengalischen Fackeln, Rauchbomben, Chinaböller, Kanonenschläge oder ähnliches schweres Kaliber gemeint, sondern Wunderkerzen: diese dürren Dinger, die einen netten kleinen Funkenregen abgeben, das ganze Jahr über frei erhältlich sind und laut Gesetz von jeder Person über drei Jahren benutzt werden dürfen. Was bei Kindergeburtstagen, auf unzähligen Partys, bei vielen Konzerten und anderen Sportveranstaltungen wie zum Beispiel Eishockey oder Wintersport, harmloser Alltag ist, wird plötzlich zum brisanten Sicherheitsrisiko, nur weil es sich in einem Fußballstadion abspielt.

Der Sicherheitsbeauftrage des FC Sankt Pauli führte laut Angaben der tagesschau aus, wenn Leute ein ganzes Bündel Wunderkerzen in der Hand hielten, könnten sich ähnliche "Hitzeherde" entwickeln wie bei anderen Pyroteilen, entsprechend hoch sei die Gefahr für Verbrennungen. Also werden Wunderkerzen jetzt aus den Stadien verbannt, weil man damit Blödsinn anstellen könnte. Da kommt mir spontan der Gedanke: welche Gegenstände müsste man dieser Argumentation nach noch im Stadion verbieten, weil man damit Schindluder treiben könnte? Ich könnte mit meinem Fanschal meinen Platznachbarn erwürgen. Mit der Stange einer Fahne (egal wie kurz sie ist) könnte ich jemanden ein Auge ausstechen. Mit meinem Bierbecher aus Plastik könnte ich jemanden eine fiese Platzwunde zufügen. Ich könnte mich am Papier meiner Eintrittkarte oder des Stadionmagazins übel in den Finger schneiden. Mit meiner Zigarette könnte ich meiner Freundin ihre tollen langen Haare abfakeln. Aaron Hunt könnte mit einem gezielten Schuss in Richtung Tribüne einem Zuschauer das Nasenbein brechen. Laufe ich im Oberrang die steile Treppe herunter könnte ich stolpern und zusammen mit anderen Zuschauern in den Unterrang stürzen.

Ihr merkt schon, die Liste ließe sich beliebig fortsetzen. Dazu passt auch der Kommentar eines Sankt Pauli-Fans, der ebenfalls von der tagesschau zitiert wird: "Was machen diese Sicherheitsfreaks eigentlich Silvester? Buchen die sich dann eine Nacht in 'nem Bunker?" Es ist mehr als unwahrscheinlich, dass man in deutschen Stadien Schals, Fahnenstangen, Plastikbecher, Eintrittskarten, Stadionhefte, Zigaretten, Fußbälle und Treppen verbieten wird, auch wenn sie eine Gefahrenquelle sein könnten. Die Tatsache, dass nun völlig harmlose Wunderkerzen auf den DFB-Index gesetzt werden, ist wohl eher der aktuellen Hysterie rund um das Thema Sicherheit geschuldet. Um Sicherheit geht es hierbei eher nur oberflächlich, ich vermute den Kern des Pudels eher im Bereich Imagepflege ("Wir vom DFB beschützen Euch hilflose Zuschauer!"), Angst vor schlechter Presse und ein stückweit wohl auch Wahlkampf (Innenminister will sein Amt behalten, Hardliner-Politik macht sich besser in der Bildzeitung, im September sind Wahlen, usw.). Für Wunderkerzen hat sich noch vor zwei Jahren (zurecht) keine Sau interessiert, damals wäre eine Choreografie mit den kleinen Funkenregen nicht verboten worden (wie letztes Jahr beim 1. FC Kaiserslautern und dem VfL Bochum), sondern im Fernsehen fett abgefeiert. Wie schnell sich die Zeiten doch andern können. Ich vermute, ich stehe mit diesem Gefühl bei weitem nicht alleine da wenn ich sage: mir geht diese schon fast lächerlich übertriebene und hysterische Sicherheitsfanatik allmählich ziemlich auf den Wecker und als Stadionbesucher wird es mir mehr und mehr lästig. Lästig wie ein Schwarm Schmeißfliegen, die um meinen Kopf herumschwirren und mir ununterbrochen einzureden versuchen, in welch großer Gefahr ich doch schweben würde, wenn sie nicht wären.

Arnautovic gegen MainzEbenfalls lästig wird mir so langsam die Sensationsgier, die sich hier in Bremen breitgemacht hat (was für 'ne Überleitung!). Gestern fetzte grell die Eilmeldung durch die Gegend, Marko Arnautović und Sokratis Papastathopoulos (der Name ist doch eigentlich ganz einfach, sprich: Pa-Pas-Ta-To-Pu-Los) hätten sich im Training "geprügelt" bzw. es sei zu "Rangeleien" gekommen. Als ich mich durch die diversen Berichte zu diesem "Vorfall" gelesen habe bekam ich rund ein halbes Dutzend unterschiedlicher Versionen vom dem geboten, was sich da auf dem Trainingplatz zugetragen haben soll. Am Ende war alles wohl halb so wild und ehrlich gesagt ist mir eine großzügige Portion Chilli-Pfeffer deutlich lieber, als wenn die Spieler nur stumpf ihr Pflichtprogramm herunterspulen würden. Diese Emotionen und der Trainingseifer zeigen doch, dass den Spielern die aktuell unbefriedigende sportliche Situation des SV Werder Bremen keineswegs egal sind. Ganz ähnlich sieht das auch Marko Arnautović, der heute auf seiner Facebook-Seite schrieb: "Und wieder mal können die Medien aus einer Mücke einen Elefanten machen. Das wir mit Emotionen und Ehrgeiz beim Training sind würde ich eher positiv bewerten. Da kommt so ein Zweikampf schon mal vor. Auch wenn man sich sonst eigentlich super versteht!" Diese Einstellung gefällt mir, Langeweiler und Drückeberger kann Werder momentan wirklich nicht gebrauchen. Ich hoffe allerdings auch, dass dieses Feuer auch noch am kommenden Samstag beim Auswärtsspiel in Mainz ebenso stark lodert. Überflüssig zu erwähnen, dass Werder die dort zu vergebenden drei Punkte verdammt gut gebrauchen kann. Man sollte auf keinen Fall den Fehler begehen und Mainz unterschätzen! (Sehr) frei nach Frank Rost: "Die Mainzer kommen auch nicht auf der Wurstbrühe dahergeschwommen."

Zuletzt noch ein Wort in eigener Sache: neben meiner Facebook-Seite "Osterdeich-Schnack" und der gleichnamigen Präsenz auf Twitter (an dieser Stelle ein herzliches Dankeschön an meine mittlerweile über Hundert Follower) wo ich Euch stets über Neuigkeiten diesen Blog betreffend und über sonstige Gedanken rund um den SV Werder Bremen auf den Laufenden halte, habe ich ein neues Facebook-Projekt namens "Werder Bremen Information Center" gestartet. Wie der Name schon sagt handelt es sich dabei um ein reines Nachrichtenportal, dass aber im Gegensatz zu fast allen anderen Werder-Seiten auf Facebook komplett auf Werbung, Gerüchte, Gossip, Klatsch & Tratsch, Gewinnspiele, Quizze sowie die mehr als lästigen Aufforderungen zum "Liken und Teilen!" verzichtet. Dort gibt es nur von mir selbst verfasste Nachrichten, Statistiken, Daten und Fakten; unaufgeregt, seriös und meinungsneutral. Anlass zu diesem neuen Projekt war die "Scholl-Affäre", über die ich in meinem letzten Blogbeitrag "When Saturday (be)comes (boring)" berichtet habe. Ich habe mir zum Ziel gesetzt: mach es besser als jene denen Du vorwirfst, dass sie's nicht können. Über einen Besuch und gegebenfalls eine Weiterempfehlung würde ich mich sehr freuen.

In diesem Sinne wünsche ich Euch allen eine schöne Osterzeit!

Donnerstag, 21 März 2013 16:32

When Saturday (be)comes (boring)

Weserstadion boringDieses Wochenende wird echt hart für mich. Meine Herzensdame ist verreist und normalerweise würde ich meine Zeit nun hauptsächlich mit meiner zweiten großen Liebe verbringen, dem Fußball. Doch das ist an diesem Wochenende einfacher gesagt als getan, denn aufgrund der anstehenden Länderspiele macht der deutsche Profifußball Pause, so natürlich auch mein SV Werder. Wegen der miesen Witterungsverhältnisse werden vermutlich wohl auch die meisten Amateurspiele ausfallen. Also kein Stadionbesuch, keine Livekonferenzen auf 90elf (die man genießen sollte solange man noch kann!), keine Diskussionen und Spielanalysen. Kein Fußball für Thilo. Das wird echt hart.

Klar, ein Spiel findet doch statt. Am morgigen Freitagabend werden die Bundes'schlandler unseres Bundesjogis wacker versuchen, das gigantische Fußballimperium Kasachstan zu Fall zu bringen. Das klingt nach einem rauschenden Fußballfest epischen Ausmaßes, von dem noch die Kinder unserer Kindeskinder mit feucht-verklärten Blick schwärmen werden. Es werden wieder schwarz-rot-geile Fahnenfetzen auf die Autos gepflanzt, die Gardinen in deutschen Wohnzimmern werden durch Deutschlandflaggen ersetzt, die Fan-Irokesenperücken werden entlaust und der Biervorrat auf den fünf Dutzend Fanmeilen, die es alleine hier in Bremen geben wird, kann gar nicht groß genug sein. Die Anwesenheit beim Public Viewing wird zum sozialen Muss und nachdem sich die Jungs vom Niveagesicht mühsam einen 1:0-Sieg zusammengegurkt haben darf der stundenlange laut hupende Autokorso quer durch die gesamte nächtliche Stadt (inklusive Wohngebiete) natürlich auch nicht fehlen. Alle werden sich in einem derart feucht-fröhlichen schwarz-rot-geilen Freudentaumel befinden dass es beinahe zum Kotzen ist. Wegen eines Sieges gegen Kasachstan.

Okay okay, all das wird morgen Abend garantiert nicht passieren. Denn das Match morgen Abend ist "nur" ein WM-Qualifikationsspiel, die Weltmeisterschaft selber ist noch weit weg, sowohl zeitlich als auch räumlich. Und alles was nicht im Rahmen einer WM- oder EM-Endrunde stattfindet, ist dieses ganze Tamtam nicht wert. Sicher, das Spiel wird natürlich trotzdem live im Fernsehen übertragen, aber höchstwahrscheinlich werde ich es mir nicht ansehen. Denn mit Spielen der deutschen Nationalmannschaft verbinde ich schon lange nur noch eines, nämlich gähnende Langeweile. Das Spiel findet auswärts statt, in Astana, und es werden wohl nur eine kleine Handvoll deutscher Fans dabei sein, wenn überhaupt. Aber selbst wenn es ein Heimspiel wäre, in der Regel fällt das Publikum bei DFB-Spielen vor allem durch kaum vorhandene Lautstärke oder (in den seltenen Fällen, in denen es doch mal laut wird) durch die langweiligsten, unkreativsten und schlichtweg peinlichsten Gesänge auf, die man sich nur vorstellen kann.

Ich träume von einer Gesangeskultur bei DFB-Spielen, die beispielsweise mit der der Iren ("You'll neeever beat the irish!") vergleichbar wäre. Selbst die Sprechchöre der Franzosen ("Alleeez les bleu!") finde ich anregender als das uninspirierte "Deutschlaaand, Deutschlaaand...", dass für mich das akustische Pendant zu einem alten Kaugummi darstellt, der unter der Fußsohle klebt. Ein Traum, der zu meinen Lebzeiten wohl kaum in Erfüllung gehen wird. Unter anderem deshalb baut der DFB vermutlich wohl auch so sehr auf den Eventeffekt rund um das Spiel, doch leider gehöre ich zu der Sorte Fußballinteressierter, dem dieses ganze Gedöns komplett und vollständig am Arsch vorbei geht. Erschwerend hinzu kommen noch die Tatsachen, dass die Spielweise des Nationalteams leider nur bedingt dazu geeignet ist mein Herz zu erwärmen und dass derzeit (leider zurecht) kein Werder-Spieler Mitglied dieser Truppe ist. Ich interessiere mich für das Spiel nicht, auch nicht für die Spieler, auch nicht dafür welchen supermodischen Schal Jogi Löw diesmal tragen wird. All das langweilt mich zu Tode.

Langeweile war es vielleicht auch, die gestern ein paar noch sehr junge Werder-Fans dazu getrieben hat, die Bremer Fangemeinde in helle Aufregung zu versetzen. Die noch minderjährigen Administratoren der Facebookseite "I i Follow, I Follow You, SV WERDER." [sic!], die zu diesem Zeitpunkt ungefähr 3.400 Fans hatte, setzten die Nachricht in die Welt sie selbst hätten Mehmet Scholl gesehen, wie er, angeblich durch mehrere Regenschirme vor neugierigen Blicken abgeschirmt, die Geschäftsstelle des SV Werder Bremen betrat. Die Nachricht wurde in Windeseile durch Facebook und Twitter weiterverbreitet, die Jungs von der besagten Seite überschlugen sich mit den neusten Sensationsmeldungen. Viele Journalisten seien anwesend, hieß es und das gerade auch Radio Energy und Radio Bremen die Anwesenheit Scholls bestätigt hätten.

Was sich viele zu diesem Zeitpunkt bereits gedacht hatten trat dann auch ein: das ganze stellte sich schnell als Falschmeldung heraus, nichts von alledem war je wirklich passiert. Mehmet Scholl weilte in München und kein einziger Bremer Radiosender hat an diesem Tag je etwas über Scholl gesendet. Der Effekt dieser Aktion war aber natürlich, dass besagte Facebook-Seite, die sich zuvor schon mehrmals entschieden für eine Entlassung von Trainer Thomas Schaaf ausgesprochen hatte, innerhalb kürzester Zeit über Hundert neuer Fans hinzugewann. Darüber freuen konnten sie sich allerdings nicht, denn als der Schwindel aufflog hagelte es zurecht wütende Proteste, so dass Facebook die Seite erst sperrte und schließlich ganz löschte. Das hat die Kiddies allerdings nicht davon abgehalten, eine neue Seite unter fast identischen Namen zu eröffnen. Vom abermaligen Streuen wildester Gerüchte werden die wohl in Zukunft Abstand nehmen und auch ansonsten hatte die Seite nie wirklich viel zu bieten, hauptsächlich Posts von der Sorte "Like wenn Du wasweißich, Teile wenn Du dasunddas". Das die Gier und die Geilheit nach Gefällt mir-Klicks solche Auswüchse annehmen kann und sogar den einen oder anderen Sky-Reporter beschäftigte hat aber selbst mich ein wenig überrascht, ebenso die Erkenntnis wie leicht sich völlig haltlose und realitätsferne Behauptungen als vermeintliche Wahrheit weiterverbreiten lassen.

Die Jungs, die "I i Follow, I Follow You, SV WERDER." betrieben haben sind vermutlich noch zu jung um mit dem Begriff "journalistische Sorgfaltspflicht" etwas anfangen zu können. Abgesehen von der Tatsache, dass man das Prinzip dieser Sorgfaltspflicht nur stark eingeschränkt auf von Fans betriebene Facebook-Seiten anwenden kann (wenn überhaupt), so dürfte dieses Erlebnis den Jungs wohl doch eine große Lehre gewesen sein: Übertreibt man es mit der "Like-Geilheit" erntet man möglicherweise (zurecht) einen Shitstorm. Und die Lehre für die betreffenden User ist so alt wie das Internet selber: glaubt nicht jeden Käse, den man Euch vorsetzt!

 

Links zum Blog:

Donnerstag, 14 März 2013 19:02

Brief an Tim Wiese

TimWieseLieber Tim,

nach Aílton bist Du wahrscheinlich der Ex-Werderaner mit der meisten Presse, die nichts oder nur indirekt etwas mit dem Fußballsport zu tun hat. Du sollst Dich im VIP-Raum einer Handballmannschaft daneben benommen haben, heißt es. Die Folge: kein Training mehr mit der Mannschaft, von Spieleinsätzen ganz zu schweigen. Ich sehe mir alte Fotos aus meinem Bilderarchiv an, auf denen Du, noch im Trikot "meines" SV Werder glücklich den DFB-Pokal in den Berliner Nachthimmel stemmst und frage mich: wie konnte es soweit kommen?

Du mußt zugeben, so ganz astrein verlief Dein Abgang hier in Bremen ja nicht gerade. Du wolltest Champions League spielen, hast Du damals gesagt und bist deshalb nach Hoffenheim gewechselt. Nun, wie wir alle mittlerweile wissen wird Hoffenheim in der nächsten Saison garantiert nicht gegen Real Madrid, Manchester United oder Inter Mailand antreten; im Moment sieht es eher nach Ingolstadt, Paderborn und Aalen aus. Sowas liefert Satirikern wie mir natürlich traumhafte Vorlagen, aber das hast Du bestmmt schon selber mitbekommen. Nun mal ehrlich, wie bist Du darauf gekommen Deine Champions League-Träume ausgerechnet in Hoffenheim verwirklichen zu können? Weil dort das Geld auf Bäumen wächst? Die Erkenntnis kommt vielleicht etwas spät, aber Mäzentum und Oligarchenmillionen bedeuten nicht automatisch die Champions League-Qualifikation. Wenn Du mir da nicht glaubst, dann frag mal in Salzburg nach. Die kennen sich da aus.

Nun gut, sei's drum, Du bist Profisportler und hast den Verein gewechselt im Glauben, Deine beruflichen und sportlichen (und natürlich auch finanziellen) Perspektiven verbessern zu können. Prinzipiell ist daran auch nichts auszusetzen, jeder von uns würde wohl zumindest ernsthaft darüber nachdenken den Arbeitgeber zu wechseln, wenn er/sie wonders mehr verdienen würde. Ich weiß nicht wie groß Dein Gehalt in Hoffenheim wirklich ist, aber ich vermute mal dass Dein Wechsel zumindest in dieser Hinsicht erfolgreich war. Du und Deine Familie, Ihr seid vermutlich finanziell recht gut abgesichert, wovon Millionen Familien in Deutschland nur träumen können. Sowas ist natürlich auch wichtig, das Leben besteht ja auch für einen Profifußballer nicht nur aus Fußball.

Sportlich wurde Dein Wechsel von grün zu blau jedoch ein völliger Reinfall. Das bittere Erwachen, nicht bei einem potenziellen Europapokalteilnehmer sondern bei einem Abstiegskandidaten gelandet zu sein, ging einher mit zwei Trainern, deren Erwartungen Du bestenfalls nur eingeschränkt erfüllen konntest. Nun, die Presse schreibt dieses und jenes, an einem Tag das und am nächsten Tag wieder etwas völlig anderes. Ich wohne mehrere hundert Kilometer von Sinsheim-Hoffenheim entfernt in Bremen und war noch nie bei einem Spiel der TSG anwesend, daher kann ich auch nicht beurteilen was da genau zwischen Dir und den Trainern Babbel und Kurz schief gelaufen ist. Das wirst Du selbst am besten wissen.

Ich denke zurück an glücklichere Werder-Tage. Grandiose Abende in der Champions League, spannende Duelle auf Augenhöhe (!) mit Bayern München, die Derby-Wochen gegen den HSV, zuletzt 2009 der Triumph im DFB-Pokal. Du warst immer dabei, ohne Dich wäre diese schöne Zeit nicht möglich gewesen. Du hattest mit Deinen Paraden, Deiner Leistung und Deiner Arbeit einen entscheidenen Anteil an diese goldene Bremer Ära, die die Werder-Fans heute so schmerzlich vermissen. Doch leider haben erschreckend viele Werder-Anhänger all das mittlerweile völlig vergessen und das macht mich traurig und beschämt mich zutiefst. Aus Bremen schlägt Dir nun jede Menge Hohn, Spott und Hähme entgegen, teilweise sogar derbste Beldigungen, grobe Anfeindungen oder gar blanker Hass.

Zu einem kleinen Teil hast Du Dir das zwar auch selbst zuzuschreiben, den einen oder anderen Spruch in Richtung der Bremer Fans hättest Du echt besser stecken lassen sollen. Doch das, was jetzt zur Zeit über Dich hereinbricht, geht zu weit, viel zu weit! Die Einladung von einem Spieler des badischen Kreisligisten BSC Mückenloch zum Training kann man ja vielleicht noch als netten Witz abtun, aber vieles andere hat die Gürtelgrenzen jeden Geschmacks weit hinter sich gelassen. Ob es nun die ekelhaften Schlagzeilen-Fetischisten des Axel-Springer-Verlages sind oder intelligenzbefreite Vollpfosten, die sich in der Anonymität des Internets feige auf Deiner Facebookseite auskotzen, es scheint ein Volkssport geworden zu sein auf einen Prominenten einzudreschen, der eine berufliche Krise durchläuft.

Der Tod Deines Torhüter-Kollegen Robert Enke ist nun gerade erst knapp dreieinhalb Jahre her, doch für unsere Hochgeschwindigkeitsgesellschaft, für die nichts älter sein kann als die Nachrichten von gestern, könnte dieser tragische Vorfall auch genauso gut im Mittelalter stattgefunden haben. Niemand denkt auch nur im Entferntesten darüber nach, wenn er Worte wie "Prolo", "Fliegenfänger aus dem Schweinestall", "haben immer auf Dich geschissen" oder "Kacklappen" auf Deine Facebook-Pinnwand rotzt. Robert Enke mußte (glücklicherweise!) keinen solchen Shitstorm über sich ergehen lassen, ebenso wie er hast auch Du eine solche unmenschliche Behandlung nicht verdient. Kein Mensch hat das!

Du warst schon immer ein Mensch, der polarisierte. Das hat Dich ausgemacht, das zeichnete Dich oft aus. Im Weserstadion hat man Dich dafür geliebt, im Volkspark oder in Fröttmaning eher weniger. Aber auch Menschen die polarisieren bleiben Menschen und es ist höchst erschreckend dass es offensichtlich erst einen Selbstmord braucht, nur damit die Meute wenigstens für eine paar Tage merkt, was für einen Mist man gedankenlos in den medialen Äther oder durch die (a)sozialen Netzwerke gejagt hat. Ich wünsche Dir auf jeden Fall dass Du bald wieder zur Ruhe kommst und Deinem Beruf in naher Zukunft wieder auf dem Niveau ausüben kannst, der einem Torhüter mit Deinen Fähigkeiten angemessen ist. Ich persönlich würde Dir dazu raten Deutschland zu verlassen und wenigstens für ein paar Jahre Auslandserfahrungen zu sammeln, bis dahin ist hier in Deutschland Gras über die Sache gewachsen.

Mir ist es wichtig klarzustellen, dass es auch noch einige Fans hier in Bremen gibt, die Dir wohlgesonnen und dankbar für Deine Leistungen im Werder-Trikot sind. Denen gegenüber, die ihren Verbaldurchfall auf Deiner Facebook-Seite abladen oder gar Anti-Wiese-Seiten gründen, kann ich nur mitteilen, wie sehr ich Ekel für ihre Feigheit und Mitleid für ihre geistige Limitierung empfinde.

Ein Shitstorm ist nie angenehm, auch ich habe schon einige über mich ergehen lassen müssen (zugegeben, wenn auch deutlich kleinere). Meine Erfahrung hat aber auch gezeigt: so schnell wie ein Shitstorm aufbrandet, so schnell ist er auch wieder vorbei. Also laß Dich nicht unterkriegen.

Mit den besten Wünschen aus Bremen.

 

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Freitag, 08 März 2013 04:31

Werder kontraproduktiv

TitelbildIch besuche ungefähr zwei- bis dreimal im Monat das Training bei Werder Bremen, sehe dabei den Übungseinheiten der Herren Schaaf und Rolff zu und beobachte, was sich allgemein auf dem Trainingsplatz neben dem Weserstadion so tut. Dabei bin ich für gewöhnlich nicht alleine, stets sind eine Handvoll weiterer Fans und auch der eine oder andere Medienvertreter dabei. Bisher haben sich die Trainingszuschauer immer sehr ruhig und zurückhaltend benommen, zumindest bei den Gelegenheiten, bei denen ich anwesend war. Nie hatte ich das Gefühl, dass sich Werder-Spieler oder -Trainer von unserer Anwesenheit gestört fühlen könnten, ganz im Gegenteil: ab und zu kommt es schon mal zu kleinen Scherzen zwischen Spielern und Fans, nette Pläuschen mit Autogrammjägern, ein lockerer Spruch hier, ein Witz dort. Normalerweise.

Nun, die Lage bei Werder ist zur Zeit aber nicht normal. Bei meinen letzten zwei oder drei Trainingsbesuchen hatte ich ein wenig das Gefühl, der Ton wäre rauer und die Atmosphäre angespannter geworden. Die Leichtigkeit, die beispielsweise noch zu Beginn der Saison oder unmittelbar nach Rückkehr aus dem Wintertrainingslager in Belek zu spüren war, schien verloren gegangen zu sein. Und dazu passt auch ein Artikel, den Spiegel Online gestern (Do., 7. März) publizierte. Dort bezeichnete Schaaf die Anwesenheit der Fans beim Training als "kontraproduktiv", schickte aber sofort hinterher, er möchte diese Bemerkung nicht als Beschwerde verstanden wissen. Er wies darauf hin, dass es in Ländern wie England oder Spanien absolut nicht üblich sei, dass die Fans das Training beobachten könnten. Nur in Deutschland wären Zuschauer beim Training "Normalität, weil wir uns auch gerne unter den Fans bewegen und gerne den nahen Kontakt haben." Etwas verwundert war ich von Schaafs Wahrnehmung, er sprach von "300, 400 oder 500 Leuten, die draussen stehen und zusehen wie ein Spieler etwas übt, was er vielleicht nicht so gut kann." Von meinen Besuchen kann ich diese Zahlen nicht bestätigen, nur sehr selten sah ich mehr als 20 Zaungäste, inklusive mir selbst. Ich muss wohl ausschließlich besonders ruhige Tage erwischt haben.

Noch mehr verwundert mich aber, dass Schaaf zum aktuellen Zeitpunkt überhaupt solche Statements in die Öffentlichkeit entsendet. Ihm ist sehr wohl bewusst dass die Anzahl seiner Kritiker in den letzten Wochen stark gestiegen ist, da wäre es doch ein dickes Eigentor, die ohnehin schon angeheizte Stimmung noch mehr gegen sich aufzubringen. Denn seine Aussagen könnte man, überspitzt formuliert, auch in diese Richtung interpretieren: "Ihr Fans geht uns auf die Nerven, bitte bleibt dem Training fern!" Eine solche fanfeindliche Einstellung kann ich mir beim besten Willen weder bei Schaaf noch bei sonst jemanden bei Werder Bremen vorstellen, niemand im Verein wäre so dämlich.

Nur die halbe Wahrheit

Der Hintergrund dieses Spiegel-Artikels, der sich auf Meldungen der Nachrichtenagenturen DPA und SID bezieht und der am Ende natürlich nicht darauf verzichten konnte nochmals darauf hinzuweisen, dass Schaaf zuletzt verstärkt in der Kritik stand, ist in der Pressekonferenz zu suchen, die Schaaf und Eichin nach dem Training gaben. Neben den eingangs zitierten Passagen sagte Schaaf dabei nämlich auch, dass es ihm unter anderem auch daraum geht, dass durch das öffentliche Training seine Aufstellung schon weit früher bekannt wäre, als er das eigentlich will. Das Worum zitiert Schaaf wie folgt: "Unsere Aufstellung wird jeden Tag abgelichtet. Irgendwo eine Formation zu bieten, die vorher einer nicht weiß, das findet hier nicht statt, doch wir nehmen das hin und arbeiten weiter. In der Bundesliga nehmen wir Dinge wahr, die wir als Normalität wahrnehmen, doch das ist sie nicht. In Spanien, in England ist das anders. Wir machen das mit, weil wir gerne die Fans erleben. Aber für unsere Arbeit ist das kontraproduktiv. Wenn einer etwas üben muss, was er nicht so gut kann, das vor 400, 500 Leuten tun muss."

Auf die Frage von Björn Knips (Kreiszeitung Syke), warum er dann nicht unter Ausschluss der Öffentlichkeit trainieren lasse, antwortete Schaaf: "Weil Sie am nächsten Tag einen Aufschrei haben: jetzt trainieren sie geheim! Wenn ich einen Ihrer Artikel vorzeitig veröffentliche, wie stehen Sie dann da – das, was Sie vorbereitet haben, hat jemand schon gelesen. Trotzdem, wir haben eine Situation, die so ist – und wir machen das mit. Wenn Sie etwas einüben wollen und alle kriegen das mit – üben heißt auch, dass gewisse Dinge nicht funktionieren. Wenn sie aber schon beim Üben die Rückmeldung bekommen: Das funktioniert nicht? Wir leben damit, setzen uns damit auseinander, arbeiten trotzdem damit."

Es geht Schaaf also keineswegs darum, dass die Fans ihn oder die Spieler beim Training nerven, ablenken oder stören würden, sondern um die Tatsache dass selbst Fehler, die im Training passieren (wozu ein Training aber doch wohl da ist) anschließend penibel seziert und als Versagen von Trainer und Spieler aufs Medienbrot geschmiert werden, sowie darum dass es unmöglich ist geheime Taktiken und/oder Aufstellungen zu erarbeiten. Für mich als Fan ist das eine durchaus nachvollziehbare und verständliche Haltung, die mit fanfeindlichen "Ihr seid schuld wenn wir versagen!"-Gedöns (ich übertreibe jetzt bewußt ein Stückchen) absolut nichts zu tun hat. Den Eindruck könnte man nach der Lektüre des Spiegel Online-Artikels aber leicht bekommen und ich unterstelle SPON jetzt einfach mal, dass das in deren Hamburger Redaktion durchaus gewollt ist. Sowas wäre ja ein Skandal und auf (vermeintliche) Skandale stürzt sich der Spiegel ja bekanntlich so gerne wie die Geier auf die gesammelten Innereien. Wenn hier etwas für Werder Bremen kontraproduktiv ist, dann ist das eher diese Form der skandalösen Berichterstattung, die die halbe Wahrheit einfach weglässt.

Kontraproduktive Anti-Stimmung

Mit dem Ausdruck "kontraproduktiv" hat Thomas Schaaf mir nicht nur den Titel für diesen Betrag geliefert, sondern auch eine Inspiration über andere Dinge nachzudenken, die beim SV Werder Bremen derzeit kontraproduktiv laufen. Und da war ich gelinde gesagt stark überrascht was für ein Ton derzeit im offiziellen Werder-Forum herrscht (der hochverehrte Kollege Arnd Zeigler hat mich netterweise darauf aufmerksam gemacht). In diesem Forum, in dem ich selbst schon seit längerer Zeit aus guten Grund nicht mehr aktiv bin, herrscht (grob zusammengefasst) die Meinung, man müsse nur eine genügend große "Anti-Stimmung" erzeugen, damit der Verein Schaaf feuert. Diese Einstellung ist in Bezug auf die Unterstützung der Mannschaft nicht nur extrem kontraproduktiv, sondern zeugt auch von einem ziemlich kranken Selbstbild. "Mein Lieblingsverein feuert den Trainer, wenn wir nur laut genug pfeifen" – mal ehrlich, hier ist wohl ein bißchen zuviel Selbstüberschätzung in die Tastatur getropft.

Um nicht falsch verstanden zu werden: ich gehöre zwar auch zu denjenigen, die mitterweile an Schaaf zweifeln, traue ihm die Wende aber prinzipiell immer noch zu. Thomas Schaaf wird zur Zeit oft als (ich übertreibe mal wieder ein wenig) nasenbohrender Volltrottel dargestellt, der scheinbar absichtlich Aufstellungen und Taktiken vermurkst, nur in der Absicht uns Fans zu ärgern. Das ist natürlich Blödsinn. Schaaf ist nicht weniger intelligent als wir Fans und im starken Gegensatz zu uns allen verfügt Schaaf über einen Trainerschein (Fußballlehrer-Lizenz) sowie über mehr als zweieinhalb Jahrzehnte an Trainer-Erfahrung. Wer von uns auf den Tribünen, die verächtlich über seine "veralteten Trainingsmethoden" schnauben und neunmalklug über Doppel-Sechsen oder Flügelzangen referieren, kann da mithalten? Sachliche Kritik ist legitim, aber vor allem in den letzten Wochen häufen sich vor Arroganz und Anmaßung triefende Kommentare von Leuten, die sich ernsthaft erdreisten zu behaupten ihre Kompetenz wäre größer als die von Schaaf und des restlichen Trainerstabes.

Gerade (aber nicht ausschließlich) die Fans der jüngeren Generation halten es scheinbar für selbstverständlich, dass sich der SV Werder nur auf den Tabellenplätzen eins bis sechs aufhält. Dabei ist das für einen Verein wie Werder, der in Bezug auf die Wirtschaftskraft bestenfalls in der unteren Hälfte des Mittelfeldes der Bundesliga anzusiedeln ist, absolut keine Selbstverständlichkeit, sondern eine verdammt große Ausnahme. Die Jahre 2004 bis 2009, in denen Werder dauerhaft in der Champions League vertreten war, sind keine Normalität, sondern eine bemerkenswerte und außergewöhnliche Spitzenleistung, von der viele Fans wohl noch sehr stark verwöhnt sind (ich gestehe, zeitweise zählte ich mich auch dazu). Überaus treffend hat das mal Trainer Hans Meyer ausgedrückt, als er sagte "In Bremen sollten sie recht bald kapieren dass nicht Platz 13 das Wunder ist, sondern die sechs Champions League-Teilnahmen." Dem ist nichts hinzuzufügen.

 

Links zum Thema:

  • Artikel auf Spiegel Online "Schaaf nennt Fans beim Training 'kontraproduktiv'": [klick mich!]
  • Mitschrift der Werder-Pressekonferenz auf worum.org[klick mich!]

 

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Montag, 04 März 2013 16:08

Werder: Ohne Worte.

Werderlogo erschüttertExakt 48 Stunden nach der 0:1-Niederlage gegen den FC Augsburg sitze ich an meinem Laptop und tippe diesen Text. Ich habe mir absichtlich diese zwei Tage Zeit gelassen, weil ich meine Gedanken und Gefühle erstmal sortieren und die erste derbe Enttäuschung und Erregung nach der erneuten Pleite abklingen lassen wollte. Doch nun merke ich, dass es mir immer noch sehr schwer fällt in Worte zu fassen, was da gerade mit meinem geliebten SV Werder passiert. Ich spüre in mir eine schon fast perverse Mischung aus Enttäuschung, Frustration, Wut, Letzter-Strohhalm-Hoffnung, dunkel-öligem Pessimismus, vorsichtig-hartnäckigem Optimismus und Trotz allem möglichen gegenüber. Ein wildes, unstrukturiertes und chaotisches Gefühls-Mischmasch, ja das ist da, aber keine Worte. Letzte Woche noch beklagten wir Bremer eine besonders deftige Niederlage beim FC Bayern. Okay, die Bayern spielen zur Zeit in einer eigenen Liga, fast schon außerirdisch dominant. Gegen so einen FC Bayern zu verlieren ist sicher keine Schande, auch wenn das Spiel für meinen Geschmack ein wenig zu hoch in den Sand gesetzt wurde. Aber egal ob 0:2 oder 1:6, die Punkte sind sowieso futsch und Torverhältnisse und -differenzen sind ohnehin völlig bedeutungslos, wenn schon die Punkte fehlen.

Dann kam das Heimspiel gegen den FC Augsburg. 1999, als Thomas Schaaf (ja, auf den Trainer werde ich später noch näher eingehen) in Bremen den Posten des Cheftrainers übernahm, spielte der FCA in der damals drittklassigen Regionalliga Süd, ein Jahr später mussten die Augsburger per Lizenzentzug sogar runter in die viertklassige Bayernliga und spielten dort gegen Mannschaften wie den SV Lohhof (quasi der Vorort eines Vorortes von München), den FC Starnberg (mein Geburtsort) oder dem FC Memmingen. 2002 kehrte der FCA in die Regionalliga zurück und gehörte ihr noch bis 2006 an. Während Werder Bremen in der Champions League gegen Teams wie Inter Mailand, dem FC Valencia oder Olympique Lyon nach europäischen Sternen griff, trug der Alltag des FC Augsburg Namen wie SC Pfullendorf, Sportfreunde Siegen oder 1. SC Feucht. Mittlerweile ist der FC Augsburg bekanntlich in der Bundesliga angekommen und in vier Versuchen gelang Werder Bremen gegen die Fuggerstädter kein einziger Sieg. Der Vergleich dieser letzten paar Jahre zeigt deutlich, welcher dieser beiden Vereine sich in der jüngeren Vergangenheit weiter entwickelt hat und welcher Klub im Sumpf der Stagnation festsitzt. Ohne Worte.

Und wieder brennt ein Name durch die Gazetten und sozialen Plattformen: Thomas Schaaf. Ich kann mich an keinen Zeitpunkt seiner Amtszeit erinnern, an dem sein Name mehr polarisierte als aktuell. Liest man sich durch die einschlägigen Foren, Facebook-Postings und Tweets wird deutlich, dass die Werder-Anhängerschaft in zwei Lager gespalten ist: zum einen die Pro-Schaaf-Fraktion, auf der anderen Seite die Schaaf-Raus!-Partei. Die Fronten zwischen diesen beiden Lagern haben sich in den letzten zehn Tagen deutlich in Richtung der Anti-Schaafer verschoben, ob diese aber auch schon die absolute Mehrheit stellen kann ich nicht abschätzen. Beide Seiten hauen sich ihre jeweiligen Argumente um die Ohren, beanspruchen die einzige Wahrheit für sich und werfen der jeweils anderen Seite vor, keine "echten" Werder-Fans zu sein. Ich erdreiste mich hier nun, zumindest den letzten Punkt als völligen Blödsinn zu bezeichnen, denn einem "unechten" Werder-Fan dürfte es schlicht egal sein, ob Werder in der 2. Liga oder im Europapokal gegen den Ball tritt.

Mittelfeldspieler Zlatko Junuzović gestand unlängst, dass auch im Training die Stimmung zuletzt eher mies gewesen war. Man mag jetzt vielleicht fragen ob diese schlechte Stimmung von den Zuschauerrängen auf den Trainingsplatz übergeschwappt ist oder umgekehrt, für mich spielt das allerdings keine Rolle. Fakt ist, die Stimmung ist am Osterdeich verdammt übel. Ist die Besserung der Stimmung tatsächlich abhängig davon, ob Thomas Schaaf Trainer bleibt oder nicht? Ich weiß es nicht. Ich habe zuletzt immer zu Schaaf gehalten, doch mir ist inzwischen klar geworden dass ich das in der jüngeren Vergangenheit vor allem deshalb getan habe, weil ich keinen Trainer auf dem Markt sah, der Werder wirklich weiterentwickeln kann und dessen Verpflichtung auch realistisch wäre. Die (oft gehörten) Namen Tuchel und Klopp fallen schon mal aus dem Raster, weil diese beiden Herren bei ihren Vereinen noch vertraglich gebunden sind und eine Ablöse im Wolfsburg-Stil die finanziellen Möglichkeiten des SV Werder Bremen wohl übersteigen dürfte. Mir sind sogar schon die Namen Basler, Neururer und Matthäus als Vorschläge über den Weg gelaufen... wer sich tatsächlich einen dieser drei als neuen Übungsleiter in Bremen wünscht, den möchte ich bitten meinen Blog nie mehr zu lesen.

Kürzlich wurde ich aber auf Twitter auf einen Trainer aufmerksam gemacht, der durchaus vielversprechend sein könnte. Ich spreche von Heiko Vogel, 37 Jahre alt, ehemaliger Chef-Trainer des schweizer Spitzenklubs FC Basel. Vogel begann seine Trainerkarriere beim FC Bayern München, dort betreute er diverse Juniorenteams und war dabei unter anderem mitverantwortlich für die Ausbildung von Spielern wie Philipp Lahm, Mehmet Ekici, Mats Hummels, Diego Contento oder Thomas Müller. Im Juli 2009 heuerte er beim FC Basel an, zunächst als Co-Trainer unter Thorsten Fink, ab Oktober 2011 ein Jahr lang als Chef-Trainer. In dieser Zeit gewann Vogel mit dem FC Basel je einmal die schweizer Meisterschaft und den schweizer Pokal, zudem erreichte er mit den Baslern das Achtelfinale in der Champions League. Vogel hat den Ruf, seinen Teams vor allem eine stabile Defensive zu verpassen, eine Eigenschaft die Werder Bremen seit mehreren Jahren schmerzlich abgeht. Und: Heiko Vogel wäre ablösefrei, weil derzeit vereinslos.

Das man mich bitte nicht falsch versteht: der Name Heiko Vogel ist nichts weiter als ein zwangloser Vorschlag von mir. Sollte es Thomas Schaaf schaffen, Werder Bremen wieder auf Kurs zu bringen und wieder weiterzuentwickeln, so wie er es schon mal getan hat, würde mich das auch sehr freuen. Nur mittlerweile fehlt mir der Glaube daran.

 

Bist Du ein Pro- oder Contra-Schaafer? Sagt es mir...

Dort gibt's auch jeden Tag noch mehr Osterdeich-Schnack von mir.

FringsDie knapp 38.000 Einwohner zählende Kleinstadt Würselen hat nicht viel, womit sie überregional oder gar deutschlandweit auf sich aufmerksam machen könnte. Das nahe der niederländischen Grenze in der Städteregion Aachen gelegende Städtchen ist zwar einigen Eingeweihten als die "Stadt der Jugendspiele" bekannt und auch die Burg Wilhelmstein dürfte vielen Musikinteressierten ein Begriff sein, aber am bekanntesten ist sicher einer der Söhne der Stadt, Profifußballer Torsten Frings. Der wird vor allem von den Fans des SV Werder Bremen oft schon als Legende angesehen, obwohl er sowohl als Spieler sowie als Typ keineswegs etwas mit einem Lionel Messi, Cristiano Ronaldo oder Zlatan Ibrahimović gemein hat. Der filigrane Techniker war Frings nie, auch kein großartiger Torjäger, aber das war auch gar nicht nötig um die Herzen der Werderaner zu erobern. Frings war ein Arbeiter, kantig, manchmal unbequem, ehrlich, direkt. Einer, der den Mund aufmacht, wo andere lieber den Schwanz einkneifen. So etwas polarisiert natürlich, doch unfaire Verbalattacken oder Populismus waren nie Frings' Ding.

Unschön bleibt seine Ausbootung durch Bundestrainer Joachim Löw im Vorfeld der Weltmeisterschaft 2010 in Südafrika in Erinnerung. Frings hatte nichts anderes getan wie immer: er machte seinen Mund auf, wenn ihm etwas nicht passte. Das wiederum passte dem Bundesjogi gar nicht, wodurch sich Frings die WM nur im Fernsehen ansehen konnte. Diese Entscheidung kam vor allem bei den Bremer Fans überhaupt nicht gut an, der Bremer Klamottenladen Go Bäng nahm prompt ein T-Shirt mit dem Aufdruck "Ich hätt' den Lutscher mitgenommen!" ins Sortiment auf – ein Zeichen der großen Wertschätzung, die ihm in Bremen immer noch entgegengebracht wurde (und immer noch wird). Seit dieser Geschichte hatte die Sympathiekurve von Jogi Löw bei sehr vielen Bremer Fußballinteressierten einen deutlichen Knacks, den das Nivea-Werbegesicht bis heute nicht vollständig hat kitten können.

Kurios die Geschichte seines Spitznamens "Lutscher", der, wird er für eine Schlagzeile verwendet, immer noch oft für wütende Proteste einiger Leser sorgt, weil sie irrtümlich annehmen, der Autor wolle Frings mit diesem Ausdruck beleidigen. Aufschluss über den Ursprung dieses ungewöhnlichen Rufnamens gibt ein Beitrag vom ehemaligen Werder-Profi Andreas Herzog im 11Freunde-Magazin, den der Österreicher anlässlich von Frings' Wechsel von Werder Bremen zum Toronto FC verfasst hatte. Darin beschreibt Herzog, wie Frings als 20-jähriger Neuzugang von Alemannia Aachen seine ersten Trainingseinheiten bei Werder Bremen absolvierte, aber trotz seines jungen Alters, seiner Unerfahrenheit und seines Status' als Neuzugang kein Blatt vor dem Mund nahm und im Eifer des (Trainings-)Gefechtes jedem seiner Mitspieler ein "Ey, du Lutscher!" ins Gesicht brüllte – und schon war der Spitzname geboren. Herzog bezeichnete dies als "Frings' 'Lutscher-Modus'", dem man ihm aber nicht übel nehmen konnte, was Frings wohl davor bewahrt hat, dass "Eisendieter" Eilts ihm per Tackling die Beine brach. Frings selbst empfindet den "Lutscher" keineswegs als Beleidigung, für ihn ist diese Anrede längst zur natürlichen Normalität geworden – was ihm weitere Sympathiepunkte bei den Fans einbrachte.

Mit seiner kompromisslosen, kantigen und ehrlichen Art, mit seiner Eigenschaft kein Blatt vor dem Mund zu nehmen und gelegentlich auch unbequem zu sein, stellt Frings einen Typ Mensch dar, der heute im (nicht nur deutschen) Profifußball akut vom Aussterben bedroht ist. Heute werdem vom überwiegenden Großteil der Spieler auswendig gelernte Phrasen vor den Mikrofonen heruntergespult, ausgedacht von PR-Beratern und Anwälten, die kein Mensch mehr hören kann und die meistens null Infomationsgehalt besitzen. Frings hob sich von dieser auf Linie getrimmten Masse erfrischend und erfreulich ab, er wirkte authentisch und war sich nicht zu fein Kritik zu üben, wo er sie als angebracht empfand. Dies ist meiner Meinung etwas, was dem aktuellen Kader von Werder Bremen aktuell fehlt.

Torsten Frings hat angekündigt, in naher Zukunft seinen Trainerschein machen zu wollen. Ich persönlich würde mich sehr freuen den "Lutscher" bald in irgendeiner Funktion wieder bei Werder Bremen zu sehen, ihn als Nachfolger von Thomas Schaaf zu handeln ist aber sicherlich noch viel zu früh. Wenn Frings seinen Trainerschein dann eines Tagen haben sollte könnte er beispielsweise erstmal erste Erfahungen als Trainer der U23 machen, die derzeit in der viertklassigen Regionalliga Nord ein eher tristes Dasein fristet und neue Impulse sicher gut gebrauchen kann. Egal in welcher Funktion, Frings gehört für mich einfach zum SVW.

Lieber Torsten, herzlichen Dank für alles und viel Glück und Erfolg für Deinen weiteren Lebensweg – hoffentlich spielt Grün-Weiß dabei eine wichtige Rolle.

 

Liste der Pflichtspiel-Einsätze von Torsten Frings:

  • 402× Bundesliga (49 Tore; 326× mit Werder Bremen, 47× mit Borussia Dortmund, 29× mit Bayern München)
  • 3× Canadian Championship (0 Tore; 3× mit Toronto FC)
  • 10× CONCACAF Champions League (0 Tore; 10× mit Toronto FC)
  • 37× DFB-Pokal (4 Tore; 29× mit Werder Bremen, 6× mit Bayern München, 2× mit Borussia Dortmund)
  • 11× Ligapokal (2 Tore; 7× mit Werder Bremen, 2× mit Bayern München, 2× mit Borussia Dortmund)
  • 33× Major League Soccer (2 Tore; 33x mit Toronto FC)
  • 1× Regionalliga Nord (1 Tor; 1× mit Werder Bremen U23)
  • 58× Regionalliga West/Südwest (13 Tore; 58× mit Alemannia Aachen)
  • 49× UEFA Champions League (6 Tore; 29× mit Werder Bremen, 12× mit Borussia Dortmund, 8× mit Bayern München)
  • 45× UEFA Europa League (5 Tore; 45× mit Werder Bremen)
  • 10× UEFA Intertoto Cup (3 Tore; 10× mit Werder Bremen)
  • plus 89 Einsätze bei der deutschen A-Nationalmannschaft (12 Tore)
  • GESAMT: 748 Pflichtspiel-Einsätze (97 Tore)

 

Liste der von Torsten Frings gewonnenen Titel:

  • 1× Deutscher Meister (2005 mit Bayern München)
  • 3× DFB-Pokalsieger (1999 und 2009 mit Werder Bremen, 2005 mit Bayern München)
  • 2× Ligapokalsieger (2004 mit Bayern München, 2006 mit Werder Bremen)
  • 1× Kanadischer Meister (2011 mit Toronto FC)

 

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Thomas Schaaf beim Training"Wenn eine knackige Niederlage droht, zeigt sich oft das wahre Gesicht einer Mannschaft." Diesen Satz habe ich in meinem letzten Blog-Beitrag geschrieben. Während ich diese Worte tippte, hatte ich sowohl hoffnungs- als auch sorgenvolle Gefühle. Hoffung, dass sich Werder Bremen entschlossen und aufopferungsvoll der unzweifelhaft erdrückenden Übermacht des FC Bayern München entgegenstellt und sich so teuer wie möglich verkauft. Sorgen, dass die Bremer bei einem Rückstand, wie es so schön heißt, auseinanderfallen, in ihre alte Fahrigkeit zurückstürzen und sich vielleicht sogar demütig in ihr Schicksal ergeben. Die Erkenntnis, die ich nach der 1:6-Niederlage in München für mich persönlich gewonnen habe, ist aber viel ernüchternder und weit weniger Pathos besitzt: Werder Bremen hat sich wieder auf dem Niveau der "grauen Maus" eingependelt, dort wo der Verein beispielsweise in den 1990er Jahren schon stand (okay, auch damals nahm man ein paar mal am Europapokal teil, doch das war größtenteils dem UI-Cup gedankt, den es heute nicht mehr gibt). Was meine ich mit "grauer Maus"? Nun, grob zusammengefasst: zu schlecht für den Europapokal, aber noch nicht so schlecht als dass man sich akut um den Abstieg sorgen müsste. Die Bundesligaränge zehn bis 14, das ist derzeit das leistungsgerechte Habitat der Grün-Weißen. Nun, das ist nichts neues, schon seit mehreren Jahren hat Werder Bremen diesen Status inne.

Die Pleite beim FC Bayern war zu erwarten, selbst die derbe Höhe hat mich nicht wirklich überrascht. Ein Team mit einer Defensive von der Stabilität eines Wackelpuddings, das zudem eine ganze Halbzeit lang (zurecht) auch noch mit einem Mann weniger auskommen muss, hat eben nicht den Hauch einer Chance gegen einen FC Bayern, der jeden kleinsten Fehler sofort mit der Schärfe eine OP-Skalpells bestraft und der selbst mit seiner B-Aufstellung noch souverän um die Meisterschaft mitspielen würde. Ich halte es aber für falsch, diese Niederlage an nur einer Person (namentlich Thomas Schaaf) festzumachen. Damit macht man es sich viel zu einfach. Dieses Spiel hat uns gelehrt, dass Werder Bremen im Kollektiv einem Spitzenteam derzeit qualitativ nicht mal ansatzweise das Wasser reichen kann. Würde man Thomas Schaaf durch eine Kreuzung von José Mourinho, Pep Guardiola, Jürgen Klopp und Jupp Heynckes ersetzen, so könnte dieser Supertrainer-Klon auch nur mit den Spielern arbeiten, die halt gerade zur Verfügung stehen. Und die Qualität des Kaders wird durch den aktuellen Tabellenstand recht gut widergespiegelt. Um den Kader aufzuwerten müßten sowohl die Nachwuchsarbeiten stark verbessert als auch teure Transfers getätigt werden, nur fehlt für beides das nötige Kleingeld. Das zu beschaffen ist zwar primär die Aufgabe von Management und Vorstand, die sind in ihren Möglichkeiten aber auch stark vom sportlichen Erfolg der Mannschaft abhängig... ich denke, es wird klar, wohin dieser Gedankengang führt.

Was mich selbst ein wenig enttäuscht hat waren die Reaktionen einiger Fans, beispielsweise auf der Facebook-Seite von Werder Bremen. In dem Posting, in dem Werder Bremen eingestand der FC Bayern sei "eine Nummer zu groß" gewesen, sammelten sich innerhalb von 24 Stunden über 1.500 Kommentare an, die teilweise von einer extrem mißratenden Erziehung zeugen, um es mal milde auszudrücken. Liest man sich diese Ergüsse mal komplett durch (was ich getan habe) bekommt man den Eindruck, einige Anhänger hätten tatsächlich einen Sieg bei den Bayern erwartet ("erwartet" im Sinne von "fordern"). Hier mal einige wenige Beispiele (unverfälscht, unzensiert und unverändert, auch auf die Korrektur von Rechtschreibfehlern habe ich verzichtet):

  • Ferdi Diel: "Einfach ein Haufen von CLOWNS!"
  • Diego Hame: "ihr lutschers" und "Schaaf und Lemek Rauß ihr gehört ins seniorenheim"
  • Nils Aus Bremen: "Fahr zur Hölle Schaaf und nimm den Spacko Lemke gleich mit."
  • Saume Alp: "Schaaf du ...... Raus mit dir !!! Geh verrecken"
  • Rene Tennemann: "Schaaf rauuuuuusss der Hurensohn !!!!"
  • Daniel Rogalla: "ich schäme mich aus bremen zu kommen peinlicher gehts nich... drecksmannschaft"
  • Hen Ry: "ihr seid die GRÖßTEN VERSAGER!"
  • Thomas Peh: "Das hatte was von Missbrauch..."
  • Silame Merdine Nicht Intressant: "Scheiß Werder die sind letzte zeit nur am verlieren die Hunde"
  • Lukas Nolte: "Abwehr ist So behindert"

Dies ist nur ein sehr kleiner Auszug, ich hatte hunderte Beispiele aufführen können. Selbst dem verbohrtesten Katholiken dürfte bei diesen Kommentaren klar werden, dass Menschen und Affen miteinander verwandt sein müssen. Und die Schaaf-raus-Fraktion war natürlich auch wieder am Start, diesmal begleitet von einer in ihrer Größe stetig wachsende Anti-Lemke-Bewegung. Naja, sich Luft zu machen ist das Recht eines jeden Fußballfans (allerdings kann man sich auch dabei einer zivilisierten und konstruktiven Ausdrucksweise bedienen), allerdings haben Facebook-Kommentare bisher noch keinen Trainer gefeuert – zum Glück, sonst würden Verträge mit Trainern nicht mehr auf Jahre, sondern nur noch auf Tage abgeschlossen werden.

So, und nun? Keine Ahnung. Trainer feuern? Wird nichts bringen, da lege ich mich fest. Werder den Rücken kehren? Blöde Frage. Die Tabellenplätze zehn bis 14 stehen nicht nur für die Farbe grau, sondern erzeugen auch eine emotionale Leere, schließlich geht es hier um rein gar nichts. Und die Prognose für die kommende Saison ist auch eher ernüchternd: es wird Bundesligaspiele im Weserstadion geben (ich betone: Bundesliga, nicht 2. Bundesliga), mit etwas Glück das eine oder andere DFB-Pokalspiel, aber keine Europapokalspiele. Am Ende bleibt mir leider nur, den Bayern zum verdienten Sieg und zur Meisterschaft zu gratulieren. Das mache ich nicht gerne, angemessen ist es aber trotzdem, denn die Bayern spielen derzeit mindestens eine Liga höher als alle anderen Mannschaften Deutschlands. Will Werder Bremen mal so weit kommen, so liegt noch ein verdammt weiter Weg vor dem SVW. Ein Weg, für dessen Bewältigung Dekaden nötig sind.

Wie seht Ihr die mittel- und langfristige Perspektive von Werder Bremen? Sagt es mir auf meiner "Osterdeich-Schnack"-Facebookseite!

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