Mo20May2013

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real130. März 2007, etwa 22 Uhr: Soeben hat Jonas Kamper das 1:0 für den DSC Arminia erzielt - und meinen BVB damit auf den 17. Platz geschossen. Vorletzter nach 27 Spieltagen. In Dortmund schienen die Lichter langsam auszugehen, wir standen mit einem Bein in der zweiten Liga. Was dann folgte, ist oft genug beschrieben worden. Doch die wundersame Wiederauferstehung des Ballspielvereins sollte stets eine Mahnung sein, wo wir noch vor wenigen Jahren standen. Umso unglaublicher ist es, dass ich jetzt, knapp sechs Jahre später, mit gepacktem Rucksack hier stehe und bereit bin für die Abfahrt. Die Abfahrt nach Madrid. Zum Champions-League-Halbfinal-Rückspiel. Mit einem 4:1-Heimerfolg im Gepäck. Wahnsinn!

Zu sechst wollen wir uns vom BVB-Fanclub Supporters Lennetal auf den Weg nach Spanien machen. Unser Leihwagen, ein Neunsitzer eines Rüsselsheimer Automobilherstellers, ist vollgepackt bis obenhin: Getränke, Essen, ein Grill - und jede Menge Taschen. 12 Uhr, die Fahrt kann beginnen. Doch zunächst schießen wir noch ein Startfoto vor dem Westfalenstadion. Und dann geht es los: 1800 Kilometer liegen vor uns von Dortmund nach Madrid. Wir werden uns beim Fahren abwechseln, sodass jeder „nur“ noch etwa 300 Kilometer fahren muss. Angepeilte Ankunft: Montagvormittag, gegen 10 Uhr.

ddorf2Beinahe wäre diese seit längerer Zeit geplante Reisereportage doch noch ausgefallen. Der offenbar verdorbene Dönerteller vom Donnerstagabend ließ mich am Freitag körperlich Achterbahn fahren. Es entwickelte sich ein Kampf gegen die Zeit: Von der Fahrt nach Düsseldorf hatte ich mich - ans Bett gefesselt - bereits innerlich verabschiedet, aber zumindest die Fahrt nach Madrid am Sonntag wollte ich unbedingt mitmachen. Regelrechte Panik machte sich breit, als selbst am Freitagabend immer noch keine Besserung in Sicht war.

Doch 14 Stunden Schlaf in der Nacht auf Samstag bewirkten wahre Wunder: Ich war soweit wieder fit, dass ich mich sogar auf den Weg nach Düsseldorf machen konnte. Erst einmal war ich zuvor in Düsseldorf, vor gut anderthalb Jahren beim DFB-Pokalspiel. Schon damals hatte sich ein bleibend positiver Eindruck hinsichtlich der Zu- und Abfuhr der Gästefans eingeprägt. Und so bestieg ich am Samstagnachmittag frohen Mutes die Regionalbahn zum Düsseldorfer Flughafen, der als Ankunftsort für die Gästefans ausgegeben wurde, während die Fortunen über den Hauptbahnhof anreisten. Vom Flughafen ließ ich mich zusammen mit den anderen Borussen per Shuttlebus zum Stadion befördern. Der Transport und - insbesondere nach dem Schlusspfiff - die strikte Trennung der beiden Fanlager muss als positives Beispiel für andere Stadion herausgehoben werden.

Den einzigen Kritikpunkt bildet die Parksituation, die ich am Rande aufschnappte: Es wird in Reihen ohne Zwischenfahrbahn direkt nebeneinander geparkt. Dadurch besitzen Autos in den hinteren Positionen keine Chance, den Parkplatz vorzeitig zu verlassen. Stattdessen fließt nach dem Schlusspfiff Reihe um Reihe von vorne nach hinten ab - was aber sicher nachteilig ist, wenn sich die Fahrer der vorderen Kfz nach dem Schlusspfiff sehr viel Zeit lassen, man selbst aber gerne möglichst schnell weg möchte.

ddorf1Die Stimmung im Düsseldorfer Stadion war geprägt von der Euphorie nach dem 4:1 über Real Madrid wenige Tage zuvor und der Anspannung, was das Rückspiel drei Tage später bringen würde. Entsprechend war das Spiel auf dem Rasen - das seitens der Borussia mit einer komplett umgestellten Mannschaft begangen wurde - zwar sehr nah, aber doch so fern. Sahins Traumtor löste diese seltsame Grundstimmung und sorgte für eine Welle der Euphorie, wenngleich die Fangesänge letztlich doch irgendwie wieder nur wie ein Einsingen für das Bernabeu wirkten.

Am Ende wurde es nach Kubas zwischenzeitlichem 0:2 und Bodzeks 1:2 kurz vor Schluss noch einmal unnötig spannend, doch das Zittern wandelte sich in Erleichterung, als Schiri Weiner endlich abgepfiffen hatte. Die Hürde Düsseldorf war übersprungen, ab sofort drehten sich alle Gedanken vollends nur noch um Real.

Nach den Vorrundenspielen in Manchester und Amsterdam wartete nun das dritte Europapokal-Auswärtsspiel in dieser Saison auf mich. Mit fünf weiteren Mitgliedern meines Fanclubs sollte es ab Sonntagmittag in einem Leihwagen eines Rüsselsheimer Automobilkonzerns auf in die spanische Hauptstadt gehen. Zunächst klang die Idee völlig verrückt, doch vermutlich war es gerade dieser Umstand, der die Reise für meine Mitstreiter und mich so attraktiv erscheinen ließ. Und es sollte letztlich eine sehr denkwürdige Reise werden, auf der Arnd Zeigler eine nicht unbedeutende Rolle spielen sollte und die niemand von uns wohl so schnell vergessen wird.

Freut Euch daher auf den zweiten Teil meiner Reisereportage, den ihr ab Montag hier lesen könnt.

Dienstag, 30 April 2013 13:14

Wachablösung?

geschrieben von in Rotstift

FCB - FCB

Hätte ich diesen Text wie geplant letzte Woche geschrieben, wäre hinter der Überschrift kein Fragezeichen, sondern ein Ausrufezeichen gestanden. Die Emotionen, die der 4:0 Sieg auslöste, waren grandios. Ich fühlte mich wie der König der Welt, selbst zwei Tage danach.

Es war so unglaublich, so überwältigend, dass es nicht in Worte zu fassen schien. Und auch eine Woche später habe ich zwar viele, sehr viele Texte zu dem Spiel gelesen und gehört. Von Journalisten, Sportreportern, Bloggern oder ganz normalen Menschen in den sozialen Medien. Aber wirklich einfangen konnte diesen Abend keiner. Auch ich werde mit Sicherheit daran scheitern.

HorrorshowTransparent„Erst viaNOgo, dann Red Bull, was kommt als Nächstes?“ prangte beim letzten Heimspiel gegen Bayer Leverkusen als Transparent über der Nordkurve. Seit gestern ist diese prophetische Frage in einer Weise beantwortet, die selbst die wahrlich an Tiefschläge durch die Vereinsführung gewöhnte Schalker Fanszene nicht für möglich gehalten hätte: Eine JHV als „Erlebnis- und Familientag“ mit „vielen Höhepunkten und Überraschungen“ mit einer „Showbühne im Innenraum“, wo als „besonderer Höhepunkt“ das Ensemble des Musicals We will rock you ein Best-Of präsentiert. „Viele Hingucker“ werde es geben, Autogramme und Sonder-Vorverkauf für Bundesliga-Heimspiele…

…und ganz am Rande wird erwähnt, dass es eine „Jahreshauptversammlung für möglichst viele Schalke-Mitglieder sein soll, die mitgestalten, mitentscheiden und so die demokratischen Strukturen des Vereins aktiv nutzen wollen“. Demokratie auf Schalke, da war doch was? Noch vor weniger als drei Monaten äußerte sich Finanzvorstand Peter Peters im Rahmen der Sitzung des enteierten Kartenpreisausschusses, Schalke sei keine solche.

Dieser Versuch, möglichst viele ansonsten nicht am Vereinsgeschehen und der JHV interessierte und von den Grabenkämpfen des vergangenen Jahres unbeleckte Mitglieder als uninformiertes und deshalb gegenüber den schönen Hochglanzbildchen der Vorstandspropaganda-Präsentationen unkritisches Stimmvieh zu JHV zur bringen, ist so durchschaubar, dass es schon peinlich ist. Interessierten Lesern seien dazu der Königsblog „Würste für die Wiederwahl, Musik statt Mitbestimmung“, das Schalke Unser und die ebenso ausführliche wie ausgezeichnete Stellungnahme des Supporters Clubs anempfohlen.HorrorshowKreisel

Nur mal kurz zur Erinnerung: Die Jahreshauptversammlung eines Vereins ist das oberste Vereinsorgan, dem die Beschlussfassung über zahlreiche wichtige und grundlegende Angelegenheiten des Vereins obliegt – und es gibt verdammt viele Themen der letzten zwölf Monate, die dort aufbereitet gehören. Wenn diese nun durch eine weitere Verknappung der ohnehin schon begrenzten Redezeit (begrenzt für Mitglieder wohlbemerkt, die Vorstände bekommen selbstverständlich genug Zeit, mit wunderhübschen Wortgirlanden für ihr Tun und ihre Entlastung zu werben), sei es durch die Show-Acts, sei es durch kritisches Nachfragen genervtes und murrendes Eventpublikum zum Ringelpiez mit Anfassen verkommt, ist dies eine bodenlose Unverschämtheit. Dass Peters, Jobst und Tönnies notfalls nackig „Let meeeeeeeeeee entertain you!”-trällernd auftreten würden, um von den Ungeheuerlichkeiten des zurückliegenden Jahres abzulenken, geschenkt. Aber es hat einen guten Grund, warum im Bundestag bei wichtigen Debatten nicht gleichzeitig das Fernsehballett die Showtreppe herunterschreitet und für die Familien der Abgeordneten die Hüpfburg bereitsteht: Die Leute sollen sich nach Möglichkeit auf die Thematik konzentrieren und mit einem Mindestmaß an Verständnis für das Problem ausgestattet sein, bevor sie ihre Entscheidung treffen, die für viele andere Menschen von weitreichender Bedeutung ist.

Die Schalker Vereinsführung wiederholt durch das Manöver, die immer zahlreicher werdenden kritischen Stimmen durch jubelnde Musical-Besucher und glückliche Kartenkäufer übertönen zu lassen, einen gefährlichen Fehler: Die solchermaßen niedergejuchzten Kritiker werden nicht mitträllern, sie werden auch nicht schweigen. Sie werden sich sagen „jetzt erst Recht“, wie man bereits sehr schön nach dem Sündenfall des Kartenpreisausschusses, bei dem zahlreiche engagierte Mitglieder monatelang hingehalten und dann vor vollendete vianogo-Tatsachen gestellt wurden, was in der Folge zu der aufsehenerregenden vianogo-Initiative führte, sehen konnte. Wenn ihre berechtigten Anliegen und der Wunsch nach einer kritisch-konstruktiven Debatte zum wiederholten Male abgebügelt und lächerlich gemacht werden, bleibt nur der radikale Konfrontationskurs. Zu der Satzungsänderung wird eine Zweidrittelmehrheit benötigt?  Hmmm, warum sollte man ein elektronische Abstimmverfahren, dessen Manipulierbarkeit nicht überprüft werden kann und das zudem in das freie Ermessen (!!!) des Versammlungsleiters gestellt wird, befürworten…? Der Vorstand möchte entlastet werden? Tja, ich möchte auch über einiges sprechen.

Horrorshow JHVDieses „Wie Du mir, so ich Dir“ ist sicher nicht der Gipfel der konstruktiven Auseinandersetzung, aber was sollen Schalker Mitglieder machen, deren zahlreiche Fragen und berechtigte Kritik vom Showprogramm verdrängt werden?

Am Ende könnten Mitglieder gar auf die Idee kommen, dass ein „respektvoller Dialog auf Augenhöhe“, wie er in den schönen Worten des Leitbilds gefordert wird, mit dieser Vereinsführung schlicht nicht möglich ist. Und diese Vereinsführung sollte nicht darauf vertrauen, dass sie sich dann leise weinend in ihr Kämmerlein zurückziehen, um Schalke in der gewünschten Weise - unkritisch und konsumfreudig - zu „leben“. Irgendwann hat nämlich auch der geduldigste Schalker es herzlich satt, sich bei dem Versuch, sich konstruktiv einzubringen, eine blutige Nase zu holen – und erinnert sich unter Umständen daran, dass das prägendste Mitglied der Vereinsführung am Ende der JHV, wenn einige der Eventkunden schon glücklich mit Karte, Autogrammen und Zuckerwatte gesättigt wieder abgezogen sind, wiedergewählt werden möchte…

Blau-weiße Grüße

Susanne Blondundblau

 

 

Donnerstag, 25 April 2013 22:02

Der Osterdeich-Schnack verabschiedet sich

geschrieben von in Osterdeich-Schnack

blue werderLiebe Leser, Mit-Werderaner und sonstige Interessenten,

heute richtige ich mich mit einem persönlichen Wort in eigener Sache an Euch. Ich bedaure sehr mitteilen zu müssen dass ich meine Tätigkeit als Blogger aus gesundheitlichen Gründen auf unbestimmte Zeit einstellen muss. Ob es den "Osterdeich-Schnack" irgendwann mal wieder geben wird und falls ja wann, kann ich heute leider überhaupt noch nicht abschätzen.

Ich möchte mich an dieser Stelle bei einigen Leuten herzlichen bedanken: zunächst einmal bei Martin Thein, Christoph Burr und Jannis Linkelmann von fankultur.com dafür, dass sie mir fast ein Jahr lang die Möglichkeit gaben, hier meine Beiträge zu veröffentlichen. Des weiteren an alle meine Blogger-Kolleginnen und -Kollegen, die eine wirklich großartige Truppe sind. Es fällt mir sehr schwer von ihnen Abschied nehmen zu müssen. Darüber hinaus möchte ich noch folgenden Leuten danken: meiner guten Freundin Filiz, mein Fels und mein Sonnenschein; Tina und Denti aus München, die selbst als Anhänger des FC Bayern Fans meines Blogs waren; dem Werder-Stadionsprecher Arnd Zeigler für Lob, Kritik und Inspiration; meinen Vater Ronald und meine Schwester Franca-Maria, zudem Maria aus Puerto la Cruz, die selbst im entfernten Venezuela Werder Bremen immer leidenschaftlich die Daumen gedrückt hat. Außerdem möchte ich mich natürlich auch sehr bei meinen Lesern bedanken, denn für Euch habe ich das alles schließlich gemacht. Ich danke auch allen meinen Kritikern, die mich oft verflucht haben, mir wöchentlich geschrieben haben wie sehr sie meine Texte geringschätzen, dass ich ja absolut keine Ahnung von gar nichts hätte und sowieso kein "wahrer Fan" sei; ich werde Euch zwar nicht vermissen aber ich danke Euch trotzdem, denn Eure Pöbeleien sah ich immer als Ansporn erst recht weiterzumachen.

Zuletzt noch ein Wort an den SV Werder Bremen, dem immer mein ganzes Fanherz gehören wird: reisst Euch mal zusammen Leute! Ihr habt den Luxus Euch "nur" über Punkte, Tore und Klassenerhalt Sorgen machen zu müssen. Ich werde mich in den nächsten Wochen und Monaten mit Dingen auseinandersetzen müssen, gegen die Eure Sorgen wirklich verdammt winzig aussehen. Also macht was draus, reißt Euch den Arsch auf, fresst Gras und überzeugt mich und alle anderen Fans davon, dass das Trikot das Ihr tragt, nicht nur eine simple Arbeitsbekleidung wie in Blaumann für Euch ist. Im Moment sind sich sehr viele Fans da nämlich wirklich nicht sehr sicher.

Ich beende meinen (vorerst) letzten Blog mit den Worten meines absoluten Lieblings-Autors Douglas Adams:

So long, and thanks for all the fish.

Dienstag, 23 April 2013 10:10

Von Choreographien, Feigenblättern und Demokratie

geschrieben von in Rotstift

Choreo LyonMittwoch, 21. April 2010, 20.40 Uhr. Allianz Arena München. Es ist das Halbfinal-Hinspiel der Champions League zwischen dem FC Bayern München und Olympique Lyon. Die Spieler betreten den Rasen und laufen auf einen riesigen Schriftzug zu. „Pack ma’s“ steht da geschrieben. Die Franzosen verstehen sicher nicht die Worte, aber die Bedeutung ist auch ihnen klar. Sie blicken sich um und sehen keine Fans. Nur eine riesige, rot-weiße Wand. Rund um sie herum. Im Stadion war man natürlich zu weit weg, aber wer es sich im TV oder danach als Aufzeichnung angesehen hat, der hat gesehen, wie einer nach dem anderen erst mal schlucken musste, sobald er aus dem Spielertunnel kam.

Dienstag, 23. April 2013, 20.40 Uhr. Allianz Arena München. Es ist das Halbfinal-Hinspiel der Champions League zwischen dem FC Bayern München und dem FC Barcelona. Die Spieler betreten den Rasen und laufen in ein Stadion ein, wie sie es schon hundert Mal gemacht haben. Es ist sicher eine größere Anspannung zu spüren, sowohl bei den Spielern, als auch bei den Fans. Aber schlucken - schlucken muss keiner.

Dienstag, 23 April 2013 03:08

Werder Bremen: Fünf vor Abstieg

geschrieben von in Osterdeich-Schnack

Away-Trikot 350x240Der "Weser-Report" ist die auflagenstärkste Anzeigenzeitung im Großraum Bremen. Innovativen Sportjournalismus sucht man hier vergebens, dafür findet man eine gelegentlich eine große Portion Lokalpatriotismus. Und zum Lokalpatriotimus der meisten Bremer gehört auch Werder Bremen, so auch für den Chefredakteur des Weser-Reports. Axel Schuller heißt der gute Mann, der mit einer Art offenen Brief 48 Stunden vor dem Heimspiel gegen den VfL Wolfsburg die Werder-Fans aufrütteln wollte. "Jahrelang hat es sich niemand vorstellen können, doch jetzt holt uns die Wirklichkeit ein: Werder Bremen spielt um den Verbleib in der ersten Bundesliga", hieß es in dem kleinen Dreispalter, und weiter: "Wir als Bremer Publikum (...) müssen den Spielern den Rücken stärken. Durch bedingungslose Unterstützung, ohne Wenn und Aber, ohne Pfiffe oder Stille im Stadion." Nun, wie wir heute, drei Tage nach der 0:3-Niederlage gegen Wolfsburg wissen, gab es Pfiffe, und zwar nicht gerade wenig. Und ich muss leider sagen: wäre ich im Stadion gewesen, hätte ich auch gepfiffen. Denn dass, was die Spieler gegen Wolfsburg "geleistet" haben (das Wort verbietet sich hier eigentlich), war schlicht eine Unverschämtheit und es kotzt mich sowas von an, mit Durchhalteparolen wie diesen eingeredet zu bekommen, was ich als Fan zu tun und zu lassen habe!

Aus einem mir absolut nicht nachvollziehbaren Grund hat sich in den Köpfen erschreckend vieler Anhänger die Mähr festgesetzt, mein sei nur dann ein "wahrer" Fan, wenn man jeden Rotz, der einem von den Herren Profis geboten wird, kritiklos schluckt. Tut mir leid, ich bin wirklich ein sehr geduldiger Mann, aber dieser Meinung kann und will ich mich nicht anschließen. Ich habe schlicht die Schnauze voll. Ich habe genug von hohlen Durchhalte-Phrasen, von bedingungslose-Unterstützung-Gelaber und all dem ähnlichen Mist, egal ob ich es von anderen Fans, von Medienvertretern oder von Vereinsangehörigen aufgetischt bekomme. Ich kann es echt nicht mehr hören! Ich denke wirklich nicht, dass ich "meiner" Mannschaft tatsächlich damit helfe, wenn ich brav weiterjuble, obwohl sie gerade zum unzähligsten Mal in dieser Saison ein Herumgegurke präsentiert hat, dessen sich jeder Bezirksligist schämen würde – und um ihnen bei diesem Gegurke zuzujubeln habe ich auch noch über 30 Ocken auf den Tresen gelegt. Wenn mir nicht gefällt, was ich da auf dem Rasen sehe, dann habe ich verdammt nochmal auch das Recht, nein, sogar die Pflicht, meinem Unmut darüber Ausdruck zu verleihen!

In seinem offenen Brief schreibt Axel Schuller weiter: "Das Ziel: Werder muss in der nächsten Saison wieder den Sprung auf die internationale Bühne schaffen." – Jetzt mal ernsthaft, lieber Axel: kann ich von dem Stoff, den Du genommen hast, auch was haben, aber weniger? Ich dachte eigentlich, selbst der letzte Taubblinde hätte mittlerweile realisiert, dass der Werder-Kurs sehr hart in Richtung Paderborn, Ingolstadt und Cottbus geht – Mailand, Madrid und London sind Lichtjahre* weit weg! Selbst wenn der Klassenerhalt gelingen sollte, glaube ich kaum dass es an der Weser in absehbarer Zeit wieder Europapokalabende geben wird – oder sind mir irgendwelche Nachrichten, Zeichen, Indizien oder Hinweise entgangen, die auf eine aufstrebende Tendenz deuten lassen? Nein, ich denke nicht. Der Trend geht seit Wochen, Monaten, Jahren nur bergab. Ein Abstieg wäre die logischere Konsequenz als eine Europapokal-Qualifikation. Ich sehe derzeit leider nichts, was auf ein solches Wunder auch nur andeutungsweise hinweisen würde. Ich sehe tonnenweise heiße Luft, von den Spielern, vom Vorstand, vom Aufsichtsrat, von den Medien,... aber das bringt auch keine Punkte.

Man sollte aber auch nicht den Fehler machen und Kritik-üben und Unmut-äußern mit Liebesentzug verwechseln. Selbst wenn Werder Bremen absteigen würde, man könnte mich trotzdem noch regelmäßig im Weserstadion antreffen, ich würde trotzdem noch mit Stolz das grün-weiße Trikot tragen und die Werder-Fahne in mein Fenster hängen. Meine Fantreue zum Verein ist nicht abhängig davon, ob Europapokal gespielt wird oder in welcher Spielklasse man antritt. Im Gegensatz zu den meisten Werderfans, besuche ich auch Spiele der U23 (Regionalliga Nord = 4. Liga), der U21 (Oberliga Bremen = 5. Liga) oder der Frauen-Mannschaft (2. Frauen-Bundesliga Nord), hinzu kommen noch die Spiele meines lokalen Amateurklubs, dem Bremer TS Neustadt (Landesliga Bremen = 6. Liga) – soviel zum Thema "Wahrer Fan". All die "wahren" Fans, die mir in schöner Regelmäßigkeit vorpredigen wie "wahrer Fan" ihrer Meinung nach geht, lassen sich in diesen Spielklassen nur extrem selten blicken.

Leidenschaft zu einem Verein, "Fan-sein", schließt meinem Empfinden nach auch ein, Kritik zu äußern, wenn etwas schief läuft. Und bei Werder Bremen läuft zur Zeit verdammt viel schief. Der gefühlt fünfundzwanzigste "Umbruch" in den letzten drei Jahren verpuffte ins Nichts, für den kommenden Sommer ist schon der nächste angekündigt. Laut Axel-Springer-Verlag (allen voran mal wieder "Die Welt", die in Sachen Vollpfostenjournalismus der "Bild" in nichts nachsteht) wird Thomas Schaaf dann nicht mehr Trainer sein, die Schreiberlinge behaupten gar zu wissen, Schaaf wäre schon seinen Job los, sollte Werder am kommenden Samstag in Leverkusen verlieren (wovon ich ausgehe). Ich persönlich halte es für am wahrscheinlichsten, dass Schaaf bis zum Saisonende noch auf der Bank sitzen und anschließend ein anderer Coach versuchen wird, diesen Scherbenhaufen wieder zu kitten.

Ob beziehungsweise in welchem Umfang Schaaf für diesen Scherbenhaufen verantwortlich ist lasse ich jetzt mal dahingestellt. Den jahrelangen Niedergang von Werder Bremen nur an einer Person festzumachen halte ich jedoch für völlig falsch. Ich werde sehr oft (fast täglich gefragt), wo die Ursache für diese Krise zu suchen ist. Ich kann nur immer wieder antworten: ich weiß es nicht. Und ich bin der Meinung, all die "Experten" da draussen wissen es auch nicht, die raten, rätseln und spekulieren sich bloß was zusammen. Wirklich wissen dass wohl nur die Personen, die ihren Scheibtisch in den Bürotürmen am Osterdeich stehen haben, doch die halten natürlich die Klappe. Wie allen anderen auch steht mir als Informationsquelle nur das zur Verfügung, was ich mit meinen eigenen Augen beobachten kann (was wiederum alles, was hinter "verschlossenen Türen" vorgeht, schon mal ausschließt) und das, was Werder durch die Medien veröffentlichen lässt – und das wird bestimmt immer peinlich genau gefiltert, seziert und weichgewaschen, bevor es freigegeben wird, zur Zeit sicher mehr denn je. Fakt ist: nur noch fünf Punkte trennen den SV Werder Bremen von der Absteigszone, bei noch vier ausstehenden Spielen (auswärts in Leverkusen, dann zwei Heimspiele gegen Hoffenheim und Frankfurt, zum Schluß auswärts in Nürnberg) ist das kein sehr großes Polster.

Mittlerweile bin ich soweit, dass ich nur noch das Ende dieser katastrophalen Saison herbeisehne. Und das der nächste Umbruch, der vermutlich nicht nur die Namensliste des Profikaders kräftig durcheinanderwirbeln wird, sondern auch des Trainerstabes und der oberen Vereinsetagen, endlich auch mal seines Namens gerecht wird. Nach all dem Gemecker, Gezeter und Geschimpfe möchte ich diesen Blog mit einer guten Nachricht abschließen, und zwar betrifft diese die langfristige Zukunft der Bremer Mannschaft: sowohl die U23 als auch die U21, die A-Junioren und die B-Junioren sind unter den ersten fünf Mannschaften ihrer jeweiligen Ligen zu finden, die U21 ist sogar Tabellenführer (die U23 ist derzeit Fünfter, die A- und B-Junioren stehen aktuell jeweils auf dem zweiten Platz). Wenigstens eine Zukunftsperspektive bei Werder Bremen, die Hoffnung macht.

 

 

* Ich habe leider feststellen müssen dass man dieses Wort erklären muss. Mit Lichtjahren wird nicht, wie fälschlicherweise oft angenommen, ein Zeitraum berechnet, sondern die Länge einer Strecke. Ein Lichtjahr ist die Entfernung, die das Licht (im Vakuum) in einem Jahr zurücklegt. Die Lichtgeschwindigkeit im Vakuum beträgt 299.792,458 Kilometer pro Sekunde, daraus folgt: 1 Lichtjahr = ca. 9.454.254.955.480 Kilometer.