Do23May2013

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Mittwoch, 20 Februar 2013 10:46

Ich fahre lieber Trabi statt Ferrari

geschrieben von in 360°-Pass

Ein Tag im Mai 2013 Folge 5 von 21

Es war noch ein weiter Weg bis zu diesem Tag im Mai. Fußballabende, die nicht von Lauterer Beteiligung geprägt waren, gehörten auch dazu. Der 19.02.2013 war so einer:

Dienstabend. Championsleague. Arsenal London gegen Bayern München. Als Lautern-Fan – und somit ständig neutraler Beobachter der europäischen Wettbewerbe – stelle ich mir mitten in der Woche immer dieselbe Frage: Zu wem halte ich? Da gehen die Meinungen ja weit auseinander. Die einen blenden jeden nationalen Konkurrenzkampf aus und halten zur deutschen Mannschaft. Der Uefa 5-Jahreswertung zu Liebe. Die anderen können eben diesen nationalen Konkurrenzkampf nicht ausblenden und wünschen dem deutschen Vertreter auch auf internationaler Ebene alles schlechte.

Bayern München und 1. FC Kaiserslautern. Das sind ja zwei Gegenstücke, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten. Zwei verschiedene Welten, mit zwei verschiedenen Wertesystemen. Wie Vegetarier vs. Fleischesser; Autofahrer vs. Fahrradfahrer; Katzenliebhaber vs. Hundeliebhaber. Vermutlich trägt jeder FCK-Fan diese Sympathie für den Schwächeren, den Underdog, dem Unterschätzten in sich.

Trotzdem sind meine Sympathien klar verteilt.

Zu sehr Patriot, als das ich nicht auch gerne die Überschriften der englischen Tageszeitungen morgen lese möchte, die dem deutschen Fußball huldigen. Ich gönne Bayern den Sieg, ich muss es zugeben: Das ist alles schon sehr nah dran am perfekten Fußball. Kroos erzielt schon früh das 1:0. Arsenal wird an die Wand gespielt. Müller erhöht auf 2:0. Arsenal hat eine kleine Drangphase, erzielt auch den Anschlusstreffer. Bayern schiebt das verdiente 3:1 nach.

Es ist ein Gourmet für die Fußballaugen

Insbesondere, wenn man nur Rohkost in der Zweiten Liga gewöhnt ist. Ich genieße es, schönen Fußball zu sehen. Bin ich ein Fremdgeher? Wenn das nur der 1. FC Kaiserslautern sehen würde, wie ich den schönen Fußball genieße. Bin ich gerade etwa auf dem Weg, zum  Bayern-Fan zu werden? Ich horche in mich hinein und stelle ganz klar fest: Nein, ausgeschlossen.

Bei allem Genuss, fehlt da doch ein ganzes Stück, um in Begeisterung auszuarten. Es ist halt mehr, als das schöne Spiel. Es fehlt der Reiz, das gewisse etwas. Die Kombinationen sind ganz nett, keine Frage. Ein Ribery, Müller, Schweinsteiger würde dem Lauterer Spiel auch ganz gut tun. Hacke, Spitze 1,2,3 ist aber nicht gleichzusetzen, mit dem, warum man eigentlich Fan ist. Zumindest für mich.

Es ist zu perfekt.

Es gibt keine Ecken und Kanten. Ich könnte mich über nichts aufregen. Sicher, als Bayern-Fan hätte ich vermutlich 5 Jahre mehr Lebenszeit. Die grauen Haare kämen auch erst später. Aber würde doch etwas fehlen: der erkämpfte Sieg, gekrönt durch einen Sonntagsschuss in der letzten Minute; die Hasstiraden auf den Außenverteidiger, der keine gerade Flanke zustande bringt und dann doch die eine zum Siegtor beisteuert; die geringen Erwartungen, die ab und zu durch auch mal gesprengt werden; einfach jedes Erlebnis, dass jeder Fan kennt. Abstieg, Aufstieg, Frustration, Jubel, Enttäuschung, Überraschung, Leidenschaft, Lethargie. Das komplette Paket. Vom Himmel bis zur Hölle – und das oft nur in einer Saison. Bei Bayern würde ich nur den Himmel sehen. Hat man aber einmal die Hölle miterlebt, weiß man den Himmel umso mehr zu schätzen.

Bayern München spielt schönen Fußball, aber ich könnte niemals Fan dieser Mannschaft sein. Da fehlt einfach etwas. Das ist wie von Hand gewaschen: Wird zwar zuverlässig sauber, aber ist auch langweilig. Lieber dann der Waschgang bei 2000 Umdrehungen pro Minute, mit allem drum und dran.

renntrabbiEs ist so, als wenn ich an diesem Abend einen Ferrari vor der Haustür stehen habe, der mich aber vollkommen kalt lässt. Ich steige lieber wieder in den gar nicht so schlechten Trabi ein. Und der Fußballgott weiß nur allzu gut: Es gab Zeiten, da wollte der Ferrari die Punkte lieber mit der Post zum Betzenberg schicken. Ich bleibe Fan vom Trabi. Damit komm ich vielleicht später – oder gar nicht mehr  – zum Zielort, der sich Meisterschaft, Pokalsieg oder Europacuptriumph nennt, dafür genieße ich den Weg umso mehr. Ich spüre jede Bodenwelle, aber das gehört dazu. 

Fortsetzung wie immer hier: Dreihundertsechzig

Bild: Jörn / pixelio.de

KRINGE218 Jahre bei einem Verein zu spielen und diesem treu ergeben zu sein. Wenn man sich das vor Augen führt, dann fällt einem meist nur der Dorfverein um die Ecke ein, wo der gute Willy sein 500tes Spiel in der Kreisliga macht und danach wieder mit den Jungs einen kippen geht. Aber im Profifußball sind diese Tugenden im 21 Jahrhundert doch recht selten geworden. Das große Geld, das im Fußball zu verdienen ist, bringt viele Wechselspielchen mit und Spieler betrachten die Vereine lediglich als Arbeitgeber.

Aber es gibt auch Spieler wie Florian Kringe, Florian war 18 Jahre beim BVB, ist die Jugendabteilungen beim BVB durchlaufen und wurde dann Profi. Eigentlich eine Bilderbuchkarriere würde man meinen. Aber Florian hatte nie wirklich das große Talent bei dem man sagen konnte, er wäre unverzichtbar. Im Gegenteil, er wurde 2x verliehen und stand im Schatten von Amoroso, Koller oder Ewerthon, die der BVB teuer zusammengekauft hatte.

Dann aber passierte etwas wundersames, der BVB ging pleite, Stars wie Amoroso hinterließen ein Trümmerhaufen. Plötzlich stand Florian Kringe im Mittelpunkt, wurde Stammspieler und kämpfte in der schwersten BVB Zeit für den Verein, schoss sich in die Herzen der Fans und wurde zum gefeierten Held. Ein echter Borusse eben, gemeinsam mit Dede und Ricken mussten nun die Alteingesessenen ran und den Verein vor dem Abstieg bewahren, während ein damals noch unbekannter Hans-Joachim Watzke finanziell den Karren aus dem Dreck gefahren hat. Statt Abstiegsangst, gab es durch Kampf und Leidenschaft UI Cup, auch ein Verdienst von Stars, die vorher keiner mehr wollte.

Montag, 18 Februar 2013 08:56

Ein Tag im Mai 2013 - Folge 4/21

geschrieben von in 360°-Pass

Ein Tag im Mai 2013 Folge 4 von 21Duisburg gegen Kaiserslautern. 0:0. Eins der besseren Art – meinte zumindest der Kommentator. Für mich war es das absolute Grauen. Nicht nur aufgrund fehlender Tore, sondern weil man meinen hätte können, Sky überträgt gerade eine Theatervorführung live aus der Schauinsland-Arena in Duisburg (oder wie auch immer das Stadion da gerade heißt). Achtung, Schenkelklopfer: Heute war es die Schaubloßweg-Arena. Aber rollen wir das Ganze von hinten auf. Angefangen bei einer Szene, die nicht allzu lange her ist und sich in Spanien abgespielte:

68. Minute im Halbfinale der Copa Del Rey zwischen dem FC Barcelona und Real Madrid. Ein Feuerzeug wird von Madrid-Fans aufs Spielfeld geworfen. Barca-Verteidiger Gerard Pique hebt es auf, macht sich auf den Weg zum Schiedsrichter; natürlich mit der Hoffnung, die Madrilenen ins schlechte Schlicht zu rücken und einen Vorteil für sein Team herauszuholen. Was dann geschah, verdient höchsten Respekt. Carles Puyol – Barca-Urgestein und Leader des Teams – schritt ein, nahm das Feuerzeug aus Pique’s Hand, warf es ins Toraus und mahnte seinen jüngeren Teamkollegen zur Konzentration auf das Wesentliche: den Fußball.

Heute hätte man sich so einen Carles Puyol in Duisburg gewünscht, wobei einer wohl nicht gereicht hätte, um die Schauspieleinlagen, Petzereien und das Rumgeflenne zu unterbinden. Und das auf beiden Seiten.

So ein Platzverweis für den Gegner kann ja auch Freude auslösen. Heute war da nur Scham, Kopfschütteln und Unverständnis. Sukalo und Baumjohann rangelten sich am Boden und in guter alter Norbert Meyer vs. Albert Streit-Manier gingen beide nach sanfter Berührung zu Boden – wie vom Blitz getroffen.

Baumjohann’s Schauspieleinlagen gingen so weit, dass er sich 3 Minuten danach noch mehrmals an Lippe und Wange fasste, um etwaige Platzwunden sofort identifizieren zu können. So ein Verhalten erwarte ich von der italienischen Nationalmannschaft, aber nicht vom FCK. Sukalo provozierte die Szene, flog zu recht vom Platz. Vielleicht hätte es auch Gelb getan, aber das ist müßig, weil er ohnehin schon vorverwarnt war.

Der FCK musste etwas später auch seinen absehbaren Platzverweis hinnehmen. Idrissou bettelte darum, die Duisburger taten alles dafür, seinen Wunsch wahr werden zu lassen und Franco Foda tat sein übriges dazu, indem er statt dem für alle sichtbar Rotgefährdeten Idrissou, Bunjaku auswechselte.

Wer trägt die Schuld für dieses Theater?

Die weit unterdurchschnittliche Leistung des Schiedsrichtergespanns hatte sicher seinen Anteil daran. Ob Foulspiel oder nicht, bemaß sich vor allem am Dezibelwert des Aufschrei’s und der Falltechnik. Möglichst spektakulär musste sie sein. Selbst ein Dominique Heintz ließ sich irgendwann davon anstecken und setze zum eleganten Purzelbaum an.

Letztendlich war es aber das Verhalten der Spieler, das Kopfschütteln hervorrief – zumindest bei mir. Auch wenn das Schiedsrichtergespann offensichtlich zu unfähig war, Situationen objektiv zu beurteilen, muss es da eine Grenze geben. Ich will erst gar nicht mit dem Fair-Play Gedanken anfangen, der ohnehin zum Großteil leeres Geschwätz ist. Von der Einhaltung eines Ehrenkodex zu sprechen, würde sicher auch nur leises Gelächter auslösen. Ein Hauch von einem Carles Puyol oder Miro Klose hätte dem Spiel gut getan. Wenigstens ein bisschen.

Fußball wurde zwischen dem Gepfeife übrigens auch noch gespielt, dessen Zusammenfassung man allerdings kurz halten kann. Wir hätten in der 31. Minute durch Bunjaku in Führung gehen können, stattdessen gab’s einen Lattenknaller. Dann noch eine gefährliche Szene von Idrissou und ja…das war’s gefühlt dann eigentlich auch schon. Alle gefährlichen Szenen entstanden aus einer Mischung von Zufall, individueller Klasse und dem Unvermögen des Gegners.

Der Mannschaft mangelt es an Ballsicherheit, Einfällen, Struktur und einem Spielsystem – so mein Empfinden, dass ich weder mit Zahlen untermauern, noch als absolute Wahrheit definieren kann. Fußball ist ja sehr subjektiv, aber das ist auch das Erschreckende zugleich. Denn wer mit der Leistung zufrieden ist, sie sogar noch schönredet, dessen Ansprüche können nicht der Aufstieg sein.

Die Neuzugänge, die diese Probleme beheben sollten, sind jetzt zugleich die Argumentation dafür, dass die Probleme vorhanden sind. Ironisch oder? Zeit wird gefordert, Eingespieltheit müsse erst entstehen, aber irgendwie wird man das Gefühl nicht los, das Zeit nicht die kritische Variable ist, sondern etwas anderes. Ohne System und funktionierende Mechanismen können noch so viele individuell starke Spieler kommen und gehen und es wird sich nichts ändern.

Wäre ich genauso pessimistisch, wenn Bunjaku statt der Latte, das Tor getroffen hätte? Schwer zu sagen. Mir ist der Spaß am Fußball heute irgendwann vergangen und das hatte nicht nur mit der Spielweise zu tun. Ein Spiel zum Vergessen. Die besten waren Torrejon, Heintz, Löwe und Bunjaku. Weniger überzeugen konnten Köhler, Weiser, Dick und Idrissou. Ein Drazan sollte sich in seinen wenigen Einsatzminuten deutlich mehr ins Zeug legen, bevor Parallelen mit einem griechischen Nationalspieler aufkommen, der es wieder mal nicht in den Kader für das Spiel geschafft hat. Mentalität siegt über Talent, wie Armin Veh in irgendeinem Interview von sich gab. Recht hat er.

Am Ende des Tages, nach Subtrahierung der Emotionen und Einordnung des Spiels in den Gesamtkontext war dennoch alles halbwegs im Lot. Tabellenplatz 3 war zumindest gesichert. Das, was wir an jenem Tag sahen, entfachte kein Feuer der Begeisterung, aber löschte auch nicht das letzte Lichtlein. Da hatten wir schon viel Schlimmeres gesehen. Was blieb, war die Hoffnung. Das Relegationsspiel rückte immer näher. Hoffenheim festigte an diesem Tag seinen Relegationsplatz und vieles deutete an diesem 17.02.2013 schon darauf hin, was erst ein Vierteljahr später Gewissheit werden sollte.

Fortsetzung wie immer hier: Dreihundertsechzig

Donnerstag, 14 Februar 2013 11:59

Ein Tag ohne Medien

geschrieben von in 360°-Pass

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Lothar Mathäus hat ne‘ neue – und es ist vorbei; Die Peter Neururer‘s dieser Welt geben ihre Statements ab; Es geht immer weiter: Stellungnahmen, Gegenstellungnahmen, verbale Attacken, Gegenattacken. Die Medien bieten uns täglich mehr als genug Stoff – Informationen ohne Ende. Das Gehirn ist bemüht, die wirklich brauchbaren Informationen zu filtern. Auf so vieles könnten wir verzichten, aber kommen auch nur schwer dran vorbei. Fernseher, Radio, Computer, Internet, Handy, Print, Smartphones. Was wäre die Welt ohne Medien? Soziale Plattformen virtualisieren unser Leben: Facebook, Google+, Xing, Instagram, Twitter. Die Welt ist ein Dorf. Alles ist sofort abrufbar: Informationen, Wissen, Menschen. Ein Segen der Einfachheit, ein Fluch der Isolierung von der Realität. Medien haben uns abhängig gemacht: Wir mutieren zu modernen Zombies.

zombie

Auch der Fußball ist diesen Phänomenen unterworfen. Als Außenstehende profitieren wir ja ungemein von den Medien. Wir wissen alles: zu jeder Zeit, an jedem Ort. Aber Vereine haben es schwierig. Sie stehen unter ständiger Beobachtung. Jeder Furz kann ein Erdbeben ausrichten. Man gewinnt den Eindruck, Vereine richten ihr gesamtes Handeln nur noch nach dem Stimmungsbild der Berichterstattung, den Schlagzeilen der Tageszeitung und den Aussagen der Konkurrenz aus. Niemand möchte Fehler machen. Sie werden auf Schritt und Tritt beobachtet, jede Mücke wird zum Elefanten gemacht. Kein Wunder, dass Vereine nur noch wie glattgeschliffener Einheitsbrei wirken. Die Angriffsfläche wird möglichst klein gehalten, eigentlich nur allzu menschlich. 

Wie wäre wohl so ein Tag ohne Medien? Was würden wir alle ohne diese Vernetzung machen? Keine Bewertungen, keine Noten für die Spieler, keine Transfergerüchte, keine Panik beim Aufschlagen der Tagespresse, keine Kommunikation über irgendwelche Kanäle, aber auch alles Gute wäre dahin: Frank Buschmann, die Live-Übertragung der Meisterfeier, das Interview mit dem Siegtorschützen – alles wäre weg.

Wären wir ein Stück ärmer oder reicher?

Das was uns erspart bliebe, würden wir sicher schätzen. Zum Beispiel die Schlagzeilen von Lothar‘s neuer Geliebten. Was würde er wohl tun an diesem Tag ohne Medien? Bei der Bild-Redaktion geht keiner ans Telefon, alle Leitungen sind tot. Dann halt mal schnell twittern und auf der Facebookpinnwand eintragen. Geht nicht, das Internet ist down. Wie es ihm wohl ginge? Keine Anerkennung, keine Aufmerksamkeit für das, was er der Welt mitzuteilen hat. Ärger, Frust?

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So würde es vielleicht vielen von uns gehen. Wir haben das grandiose Spitzenspiel live im Stadion miterlebt. Macht es diesen Moment weniger wichtig, wenn wir kein Bild davon geschossen haben, uns nicht am Ort verlinken und später nicht der Welt mitteilen können, wie geil es war? Keine Anerkennung, keine neidischen Kommentare. Macht es das weniger wertvoll? Genügt Lothar das Unterwäschemodell noch, wenn niemand weiß, dass sie seine Begleitung ist? Oder anders herum: Verliert er vielleicht auch an wert? Keine Schlagzeilen für sie, keine Pressefotos, die durch die Welt gehen. Generiert sich der Wert nur aus Anerkennung und Aufmerksamkeit? Oft scheint es so.

Ohne die Medien würde aber auch vieles im Dunkeln bleiben. Die Menschheit wäre ein Stück ärmer. Straftaten nach dem Spiel würden unentdeckt bleiben, kaum jemand außer die Beteiligten würden davon erfahren. Nicht nur das: Tür und Schloß für Korruption und Absprachen wären geöffnet. Die Medien haben auch eine Kontrollfunktion – das macht sie so wertvoll.

Viele Trainer würden sich an diesem Tag ohne Medien freuen. Keine Sorgen mehr um die Wortwahl im Interview nach Spielende. Wir leben in einer Zeit, in der jedes Wort auf die Goldwaage gelegt wird. Für alle Zeiten gespeichert. Doch nach dem Spiel ist da kein Interviewer. Keiner möchte die Gründe für die Niederlage wissen. Niemand berichtet über das Spiel und stellt die Trainerfrage nach der dritten Niederlage in Folge.

Genauso wird sein Kollege gegenüber morgen keine Schlagzeile lesen, die lauten könnte: „Gegner degradiert! 5:0 Kantersieg. Rentenvertrag für Trainer XY?“

text2Die ständige Bewertung bedeutet Druck. Bewertung zu jeder Zeit, mal objektiv, meistens aber subjektiv. Schießt Spieler A im Finale das entscheidende Tor in der Nachspielzeit, wird er zum Helden. Trifft er nur den Pfosten, dann gnade ihm Gott. Dieser Mechanismus ist ebenso ungerecht, wie unabänderlich. Es sind die Monster, die wir selbst geschaffen haben. Wir werden bewertet, weil wir bewertet werden wollen. Die Bewertung geht aber oft so weit, dass sie der einzige Maßstab für Wert ist. Von 1 Million Likes ist noch kein Kind in Afrika satt geworden.

Freie Meinungsäußerung - Fluch und Segen.

Der Segen der freien Meinungsäußerung ist auch zugleich ein Fluch. Das gedruckte Wort in der Zeitung oder das gesprochene Wort von (vermeintlichen) Experten wird oft für bare Münze genommen. Man schenkt Vertrauen. Es ist eine Autorität der Wahrheit. Dabei ist es nichts anderes als Meinung, die von einer großen Zahl von Menschen aufgesogen wird – und letztendlich als eigener Standpunkt verkauft wird. Sich eine eigene Meinung zu machen ist eben viel anstrengender, als der Autorität zu glauben. Die „Diskussion“ um die Sicherheit in deutschen Stadien war so ein Beispiel. Die Wahrnehmung der Menschen wird dadurch gesteuert, was sie zu sehen bekommen. Wenn nur brennende Fahnen mit der Überschrift „Terror in deutschen Stadien“ zu sehen sind, existiert eben dieser Terror in den Köpfen der Menschen – unabhängig von der Faktenlage.

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Auch wenn wir die ganze Welt auf einem Blick zu scheinen haben, ist unser Kosmos doch arg begrenzt. Wir sehen und hören nur das, was wir sehen sollen und wollen. Bewertung sorgt für Bedeutung. Sind 50 Tote bei einem Busunfall in Somalia weniger bedeutend, als 50 Tote in Folge eines Busunfalls in den USA? Gemessen an der Bedeutung und Platzierung der Schlagzeilen bzw. der Berichterstattung ist es offensichtlich ein Unterschied.

Der Framing-Effekt relativiert die Bedeutung. Nackte Menschen in der Sauna sind vollkommen normal; ein nackter Flitzer auf dem Spielfeld allerdings schockiert. Der Rahmen gibt die Bedeutung vor. Ist eine Aussage in dicker Schrift auf der Titelseite platziert, hat sie eine andere Bedeutung, als ein kleiner Artikel am unteren Bildrand.

Die Medien haben eine Evolutionsphase eingeleitet. Eine Phase der Menschheit, in der wir Dinge nicht mehr für uns machen, sondern damit andere sehen, dass wir es machen. Die neuen Medien rund um Facebook & Co. sind der nächste Schritt auf der Jagd nach Aufmerksamkeit, Anerkennung und Geltung. Es fällt schwer sich davon zu befreien. Letztendlich sitze ich – während ich das hier schreibe – auch alleine vor meinem Laptop. Kommunikation findet nur per Druck auf die Buchstaben der Tastatur statt. Es ist eine Form der Kommunikation, die Bestandteil unseres Lebens ist.   Ich bin damit aufgewachsen und es ist Normalität.

Trotz alledem ist die Wirkung der Medien schon famos. Das Leben, der Fußball, alles was wir wahrnehmen, wäre so viel anders – und vermutlich auch ursprünglicher und echter – als es mit den Medien ist. So ein Tag ohne alle Medien, ohne diese sich immer schneller drehende Spirale, würde allen vielleicht mal ganz gut tun.

Bild: SalFalko / flickr

Sonntag, 10 Februar 2013 19:54

Risikospiel? - Da ist wohl etwas schief gelaufen....

geschrieben von in Jochen G

Bus nach Dresden 1Gleich zu Beginn der Hinweis, dass ich mich mit diesem Blog vermutlich auf sehr dünnes Eis begebe. Dünnes Eis deshalb, weil ich mich weigere in das, nach unserem Spiel gegen Dynamo Dresden am vergangenen Freitag, unsägliche Verurteilen und Verteufeln aller Anhänger des Vereins aus Dresden einzustimmen. Weil ich mich weigere die kollektive Verurteilung aller Fans mitzumachen und weil ich mich weigere dem Wunsch der Internetgemeinde nach Lizenzentzug zuzustimmen. Ich weigere mich, weil es eine pauschale Verurteilung von Menschen ist, gegen die wir Anhänger unseres Vereins uns genauso wehren sollten. Am Beispiel der Berichterstattung vom Freitag bzw. Samstag ist wieder einmal offensichtlich, woran es den Berichterstattern mangelt. Differenzierte Sicht und Abgrenzung gegenüber pauschalen Urteilen.


Dünnes Eis aber auch, da es sehr wohl auf Angriffe auf Shuttlebusse seitens Anhänger der SG Dynamo Dresden kam und die dabei in den Bussen angegriffenen Personen sehr wohl Ängste ausstehen mussten und, zumindest zwei von ihnen, Verletzungen davontrugen. Völlig unabhängig davon kam es zur Sachbeschädigung an den Shuttlebussen von ca. 70.000 Euro. Das alleine ist verwerflich und hat mit Fußball überhaupt nichts zu tun und wird selbstverständlich auch von mir verurteilt. Dieses Austicken, ausrasten oder wie es jemand schrieb “zombiehafte” Verhalten drückt sich offenbar in einer unendlichen Missachtung gegenüber anderen Menschen aus. Fußball scheint da eher ein Anlass als ein Grund für diesen Hass zu sein.

Samstag, 09 Februar 2013 14:19

Ein Tag im Mai 2013 - Folge 3/21

geschrieben von in 360°-Pass

Ein Tag im Mai 2013 Folge 3 von 21Und so nahm die Geschichte ihren Lauf. Dynamo Dresden hieß der Gegner im nächsten Spiel. Kein Aufeinandertreffen, das in die Geschichte eingehen sollte, aber Balsam auf das strapazierte FCK-Nervenkostüm. Nach 45 Minuten führten wir schon mit 5:0 – alle Abseitstore mitgezählt. Ohne leider nur 2:0. Baumjohann hatte Bock, das ist allgemein nicht die schlechteste Voraussetzung. Nur seine Vorlage zum 2:0 war schon das Eintrittsgeld wert. Idrissou vollendete, nachdem er zuvor auf dem besten Weg zum alleinigen Weltrekordhalter war: für die meisten Abseitsstellungen in einem Spiel.

Aber von vorne:

Karl sorgte für das zwischenzeitliche 1:0. Der eiserne Karl. Er bringt all das mit, was man als Identifikationsfigur auf dem Betzenberg braucht. Der Harry Koch der Neuzeit. Nur ohne Locken und mit mehr fußballerischem Talent ausgestattet. Kultfigur nach 2 Spielen, so schnell geht das. Heute braucht es nicht mehr viel, um ein Held zu werden. Ebenso schnell geht es in die andere Richtung. Idrissou stand gerade genau auf dieser Kippe: zwischen Held und Sündenbock. Das laute Stöhnen nach jedem vertändelten Ball und jeder unnötigen Abseitsstellung auf der einen, der unbändige Einsatz für die Mannschaft und die Torjägerqualitäten auf der anderen Seite.

Jimmy Hoffer ist noch einer von denen, die auf der Heldenseite standen. Ich hätte mein Leben darauf gewettet, dass er noch trifft. Die langgezogenen Jimmy-Rufe nach jeder Ballberührung müssen einen Dopamin-Rausch in ihm auslösen, die wie die Kohle für eine Dampflok wirken. Das wusste er in der 81. Minute zu nutzen. 3:0 durch Jimmy Hoffer.

Es ist müßig, zu viele Worte über das Spiel zu verlieren. Dresden war kein Gegner auf Augenhöhe. Man hatte vor dem Spiel schon so ein Gefühl, dass da nichts schief gehen kann. Flutlichtspiel, erstes Heimspiel im Jahr und viele kleine Dinge ließen ein Gefühl entstehen: Siegesgewissheit. Das kennt vermutlich jeder von sich selbst. Ich bilde mir zumindest ein, ein untrügerisches Gefühl dafür zu haben, wie die Spiele ausgehen. Ich spüre, wenn ein gutes Spiel bevorsteht. Rationale Argumente dafür? Man hat’s einfach im Urin – zumindest dieses Mal behielt ich mal Recht.

Na gut, wir haben sie nicht gnadenlos abgeschossen, aber so ein 3:0 ist ein gefühltes 6:0. Die Zeichen standen einfach passend. Wie die richtige Konstellation von Planeten, die für Sonnenfinsternis sorgen. Damals 2010 gegen Bayern war das zum Beispiel der Fall. Es war klar, dass es eine Sonnenfinsternis geben würde – für die Bayern.

Nun war das Spiel gegen Dresden keins vom Ausmaß einer Sonnenfinsternis. Das einzige, was mit absoluter Sicherheit als finster bezeichnet werden konnte, waren die Köpfe einiger Dresden-Anhänger. Viel Schatten, wenig Licht: Sonnenfinsternis im Kopf. Was soll man sonst dazu sagen, wenn wild gewordene Zombies Busse überfallen, Scheiben einschlagen und Menschen herauszerren?

Nach der Partie sprach man vom besten Spiel der Saison. Das war es tatsächlich, doch war da noch eine Menge Luft nach oben. Trotz der hohen Qualität war es doch stellenweise eine hohe Fehlpassquote, die vielen die Nerven raubte. Hingegen schonte Chris Löwe hinten links viele dieser Nerven - im Vergleich zu seinem Vorgänger. Dominique Heintz, unser Lucio aus der Pfalz, das Bollwerk in der Abwehr. Torrejon spielte Dresdens Sturm mit spanischen Pirrouetten schwindlig. Weiser hatte noch Probleme mit der Effizienz: Gerade Spielertypen mit seinen (vermeintlich) hohen spielerischen Veranlagungen haben es in der Pfalz oft schwer, wenn die Realität nicht mit der Erwartung übereinstimmt. Einem Christopher Drazan merkte man an, dass ihm noch Selbstvertrauen fehlte. Ein Junge, der Streicheleinheiten braucht, um sein volles Potenzial abrufen zu können – so zumindest mein Eindruck. Zu Markus Karl muss man nicht viel sagen. Noch mehr solcher Spiele von ihm und wir spielen vielleicht bald schon im Markus-Karl Stadion. Bunjaku unermüdlich. Ihm hätte man ein Erfolgserlebnis gegönnt. Und auch sonst fiel leistungsmäßig kein Spieler aus dieser kompakten Elf ab.

Der Abstand zu Platz 2 sollte allmählich kleiner werden. Noch war kein Zittern in Berlin oder Braunschweig zu vernehmen, aber es wurde doch langsam deutlich, dass sich die Spitzenreiter zu früh auf der Ziellinie wähnten. Siegesgewissheit kann halt auch manchmal täuschen.

In Duisburg sollte das nächste Kapitel geschrieben werden. Der Ort, an dem noch eine Rechnung offen war. Hatte sich der FCK doch im Viertelfinale des DFB Pokals 2011 mit 2:0 düpieren lassen und sich somit der realistischen Chance auf einen Durchmarsch bis zum Finale selbst beraubt – in dem eben dieser MSV Duisburg schließlich landete.

Ein optimistisches Gefühl machte sich langsam breit. Die ersten beiden Plätze sollten noch lange nicht vergeben sein, denn spätestens seit 2008 wussten wir: Wenn eine Mannschaft prädestiniert für Aufholjagden ist, dann der FCK.


Fortsetzung wie immer hier: 
Dreihundertsechzig

Dienstag, 05 Februar 2013 12:15

Ein Tag im Mai 2013 - Folge 2/21

geschrieben von in 360°-Pass

Ein Tag im Mai 2013 Folge 2 von 21

 

Zugegeben: Ich bin einer von denen, die faul auf dem Sofa sitzen, statt die Mannschaft im Stadion zu unterstützen – zumindest an diesem Montagabend. Montagsspiele sind grausam. Das Wochenende ist der heilige Rahmen des Fußballs. Der Montag das gefühlte Nachsitzen, weil man es letztes Jahr verbockt hat. Der FCK genießt immer noch hohes Ansehen in Fußballdeutschland, und so erwischt uns das Schicksal des Montagsspiels umso häufiger. Masochistisch angehaucht, wie man als FCK-Fan nun mal sein muss, ziehe ich mir den halbstündigen Vorbericht auf Sport1 rein. Schließlich ist ja heute „Fußballexperte“ Peter Neururer zu Gast. Ich überlege kurz, ob ich den Ton ausschalte, komme aber dann schnell zu einem Entschluss: Wenn schon leiden, dann die volle Dröhnung. Der Ton bleibt an.

Diese Montagsspiele haben ja auch ihr Gutes. Man sitzt am Samstagabend mit Kollegen zusammen, macht sich über Schalkes Niederlage gegen Fürth lustig, spottet über alle anderen Klubs und muss außer ein: „Guckt lieber auf Euch“ nicht mit viel Gegenwind rechnen. Unser Spiel ist ja erst am Montag. Es ist so, als wenn man auf eine Geburtstagsfeier kommt, alle Getränke leer sind, die ersten schon gehen und Rausschmeißer-Musik läuft  – dieses elende Montagsspiel; mit Peter Neururer an den Turntables.

Der Wahrsagerguru

Sicher, ich könnte auch Sky gucken, doch macht es das wirklich besser? Pest oder Cholera. Sky oder Sport1? Ich beginne bei Sport1 (gibt es jemanden der das wirklich so nennt? Für mich bleibt es DSF). Der Vorbericht dreht sich um das Chaos bei 1860. Das Leid des Einen ist doch auch irgendwie die Freude des Anderen. Besser als jede Soap. Die folgende Szene hätte Potenzial für den Jahresrückblick 2013. Der Aufsichtsratschef von 1860 kommt zu Wort und erläutert: Man sei nicht der ruhigste Klub Deutschlands, aber das wolle man auch gar nicht werden. Es ginge nur darum, das „Chaos zu kultivieren“. Bravo. Ich versuche an seinem Gesichtsausdruck abzulesen, ob er das auch selber glaubt, was er da gerade von sich gibt – ja, offensichtlich. Es geht zurück zu Peter Neururer – in Fachkreisen auch der Wahrsagerguru genannt. Seine Vermutung: Es ist ein Endspiel für 1860. In jedem Fall bekämen wir ein torreiches Spiel zu sehen.

Fürs erste reicht es mit DSF – ich zappe auf Sky. Ein prüfender Blick auf die Zahl am Receiver. Nein, es muss tatsächlich Sky sein. Zuletzt hat man immer mehr die Vermutung, auf RTL Now gelandet zu sein. Moderatoren sind ja jetzt ja out – hübsche Moderatorinnen geben mehr her, auch wenn es von Sky offiziell als Emanzipation verkauft wird, nehme ich doch irgendwie genau das Gegenteil davon wahr. Na gut, immerhin ist es optisch ansprechender als das Moderatoren-Team auf DSF (Achtung, war das jetzt etwa schon Sexismus??), aber der tiefste Fußballsachverstand ist hier auch nicht zu Hause.

Batman – bist du es?

Irgendwann fing tatsächlich noch das Spiel an. Lautern startete mit vier neuen in der Startelf, 1860 mit drei neuen. Offensichtlich unter anderem mit Batman als Kapitän bei der Seitenwahl – Irrtum, es ist doch nur Daniel Bierofka mit Doppel-Carbonmaske. Ich entschied mich ab Minute 6 wieder für DSF, der Masochismus hat sich durchgesetzt. Das Spiel plätschert so vor sich hin, der größte Aufreger bis zur 10. Minute? Der Kommentar behauptet, Markus Karl wäre vom FC Ingolstadt gekommen. Unterdessen erblicke ich ein 1860-Three Lions Banner hinter dem Tor der 60er. Sven-Göran du alter Fuchs.

In der 15. Minute rettet uns Sippel vor dem sicheren Gegentor. In der 24. tut es die Latte und in der 31. Minute ist es ein überirrdisches Wunder, dass uns davor beschützt mit nur noch 10 Mann auf dem Platz zu stehen. In der Wiederholung des Ellbogenchecks von Idrissou meine ich den fliegenden Zahn erkennen zu können. Die Zweikampfstatistik weist 65% gewonnene Zweikämpfe für 1860 München aus. Ich wünsche mir zwischenzeitlich die Winterpause zurück. Neues Leben vermag mir nur Peter Neururer mit seinem scharfsinnigen Kommentar in der 42. Minute einzuhauchen: „Die Spieler machen sich nun bereit, um sich neue Instruktionen einzuholen.“ Und wie sie das machen…

Schneider vs. Sedlaczek

Die Halbzeitpause ist wieder Sky gewidmet. 1860-Präsident Schneider wolle sich nun vermehrt auf das sportliche Geschehen konzentrieren, so sagt er im Interview. Er beginnt damit, sich 10 Minuten von Esther Sedlaczek nach dem Hik-Hak um Ismaik ausquetschen zu lassen. 1:0 für Esther. Einen kleinen Punktsieg erzielt Schneider dann doch noch, als er drauf hinweist, dass Dubai nicht mit Abu Dhabi zu verwechseln ist. Er wirkt so zufrieden, wie lange nicht mehr.

Das Spiel geht weiter. Die lautstarke Unterstützung der Lauterer Anhänger wird unterbrochen von einem weiteren scharfsinnigen Kommentar des „Fußballexperten“ Peter Neururer. Idrissou’s Stärke sei vor allem, dass er sich keine Gedanken mache, egal ob er trifft oder nicht trifft – ähnliches vermutet man auch bei Peter Neururer selbst.

Das Spiel wird fahrig. Vier neue in der Startelf wirken sich merklich auf die Eingespielheit aus: Markus Karl, der inzwischen auch vom Moderator korrigiert, von Union Berlin kam, ist unser bester Mann. Robust, passsicher, präsent. Benny Köhler merkt man die fehlende Spielpraxis an, Löwe macht seine Sache hinten links souverän und Mitchell Weiser versucht sich zu oft als Robben-Double. Leben kommt auf einmal in die Bude, als Jimmy „die Dampflok“ Hoffer eingewechselt wird. Die langgezogenen Jimmyyy-Rufe bringen ein wenig Feuer in die abgeflachte Partie.

Wir schreiben die 68. Minute. Der Moderator erinnert noch einmal wortwörtlich an den „Wahrsagerguru Peter Neururer“, dessen Prognose eines torreichen Spiels sich bislang ins Gegenteil umkehrte. Das ist für Peter aber kein Grund, seine These noch einmal auszubauen: „Es bleibt auf keinen Fall 0:0.“ Und als ob es nicht genug wäre, betont er den Satz ein zweites Mal: „auf keinen Fall 0:0.“ Der Moderator huldigt seinen Worten: „Wir wissen das es kein Unentschieden gibt, weil Peter das Gegenteil behauptet“. Sei gepriesen, du heiliger Peter.

Das Tor steht in der Mitte.

In der 84. Minuten entdeckt Neururer nun endlich den Grund für das torlose Spiel: Er stellt fest, dass das Tor in der Mitte steht und man deswegen auch durch die Mitte spielen muss. Hätten die Spieler das doch nur vorher gewusst. Der FCK bereitet seinen letzten Wechsel vor. Franco Foda scheint einen emotionalen Wutausbruch zu erleiden, als dies nicht auf Anhieb klappt. Ohnehin wirkt unser Trainer heute mit Baumwollstrickschal statt Seidenumhängsel deutlich mehr FCK-like.

Und das Wunder sollte geschehen. Idrissou stand noch auf dem Platz und folgende Szenerie ereignete sich in Minute 87: Flanke Drazan, verunglückte Abwehr von Kiraly, erster Ballkontakt Florian Riedel und drin ist das Ding. Umarmungen, wilder Jubel, frenetisches Gehüpfe – bei Peter Neururer, der endlich sein prognostiziertes Tor bekommt. Florian Riedel freut sich auch.

Abpfiff.

Die Erleichterung ist bis ins Wohnzimmer zu spüren – vor allem bei Franco Foda, auch wenn seine Aussagen etwas vom Siegtreffer überstrahlt klingen. Florian Riedel spricht danach aus, was alle gesehen haben: „80 Minuten Grottenkick, aber trotzdem gewonnen“. Sein Geheimrezept gibt er auch noch preis: „Pfälzer Saumagen.“ Peter Neururer ist zwar nicht mehr zu hören, aber diesen Geheimtipp hat er sich notiert. Pfälzer Saumagen – hätten wir das doch nur vorher gewusst.

Fortsetzung wie immer hier: Dreihundertsechzig