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Mittwoch, 17 Oktober 2012 17:45

Bayern-Fan um Sackhaaresbreite

stadionbesuch teaserVor wenigen Tagen ist im Werkstatt-Verlag das Buch "Mein erster Stadionbesuch" von Jannis Linkelmann, Heidi Marinowa und Martin Thein erschienen. Zuletzt hatten wir an dieser Stelle bereits zwei Texte veröffentlicht, die es leider nicht in das Buch geschafft hatten. Heute präsentieren wir Euch als weiteren Appetithappen einen Text, den ihr auch im Buch wiederfindet. Aljoscha Pause, seines Zeichens Fan des FC Bayern, beschreibt, wie er trotz linksalternativer Erziehung zum Schrecken seiner Eltern seine Liebe zum FC Bayern entdeckte - und wie er das letzte Spiel des Kaisers live erlebte.

"Fan eines Clubs bleibt man – mehr oder weniger intensiv – bis ans Ende seiner Tage. Doch dafür, dass es sich bei der Vereinswahl um die erste große Lebensentscheidung handelt, hängt erschreckend viel vom Zufall ab. Insofern ist es nicht wirklich eine Entscheidung. Natürlich kann man in Magnetfelder hinein geboren werden, die kaum eine Wahl zulassen. Wird man allerdings, regional wie familiär, in der fußballerischen Diaspora sozialisiert, sind es oft Schlüsselerlebnisse, die einen lebenslänglich auf eine Lieblingsfarbe festnageln. Vielfach ist es – je nach Veranlagung – der aktuelle Deutsche Meister, der einen 6-, 7- oder 8-Jährigen für immer in seinen Bann zieht.

Ich wurde im Januar 1972 in Bonn geboren. Alternativer Künstlerhaushalt. Während andere Väter ihre Jungs mit ins Stadion nahmen, verbrachte ich schon früh unzählige Stunden auf Friedens-Demos und auf den Klettersteigen der Dolomiten und der Zillertaler Alpen. Mein Vater stammt aus einer Münchner Bergsteiger- und Skifahrerfamilie. Fußball spielte bei uns keine Rolle.

In der Welt meiner Kindheit war Bonn Bundeshauptstadt. „Bonn!“ So begann fast jede Tagesschau. Aber nie die Sportnachrichten. Die einzige Saison in der 2. Bundesliga beendete der Bonner SC, für den ich später selber spielte, 1976/77 mit Lizenzentzug und Zwangsabstieg. Ende der 1970er Jahre sprach nicht viel dafür, dass aus mir einmal ein großer Fußballfan werden würde.

Doch dann trat jemand in mein Leben, der alles schlagartig verändern sollte. Sein Name war Karl-Heinz Rummenigge. In der Saison 1979/80 wurde der 24-jährige Außenstürmer des FC Bayern München Torschützenkönig. Mit 26 Treffern. In der darauf folgenden Spielzeit brachte er es sogar auf 29 Tore – und schoss den FC Bayern so zweimal in Folge zur Meisterschaft. Jeweils knapp vor dem Hamburger SV. Rummenigge wurde in beiden Jahren zu Europas Fußballer des Jahres gekürt. Der Strahlkraft dieser Erfolge konnte ich mich nicht entziehen. Von da an sah ich jede Sportsendung. Fußball sowieso. Das Fieber hatte mich gepackt. Zum Entsetzen meines links-intellektuellen Elternhauses pflasterte ich mein Kinderzimmer mit dem Spruch „Die Bullen kommen!“. Dem Werbeslogan des damaligen Bayern-Sponsors Magirus-Deutz.
Mein erster Stadionbesuch ließ weiter auf sich warten. Mit wem sollte ich auch gehen? Und wohin? Zwar lag das Müngersdorfer Stadion in nur 25 Kilometer Luftlinie von unserem Haus. Doch wurde dort weitaus weniger attraktiver Fußball gespielt als in München – der glorreiche Double-Gewinn des 1. FC Köln 1978 hatte freilich noch völlig jenseits meines sechsjährigen Horizonts stattgefunden. Ich kaufte mir also jeden Samstag gegenüber bei Aldi eine Tafel Schogetten und eine Tüte Chips. Und setzte mich vor das Radio in meinem Zimmer. Alleine. Heilige Zeit. Die Begeisterung dafür kam ganz aus mir selbst heraus.

Nach der Trennung meiner Eltern zog meine Mutter mit ihrem neuen Mann nach Hamburg, wo ich sie regelmäßig besuchte. Am Samstag, dem 17. Oktober 1981 war es dann soweit. Der Mann meiner Mutter nahm mich mit ins Volksparkstadion. HSV gegen Borussia Mönchengladbach. Auf Seiten der Hamburger spielte die legendäre Achse Stein-Kaltz-Magath-Hrubesch. Bei Borussia war der Generationswechsel in vollem Gange. Wolfgang Kleff stand noch im Tor – im Mittelfeld wirbelte der 20-jährige Lothar Matthäus. Doch diese Personalien nahm ich als Neunjähriger nicht wirklich wahr. Wir standen in einer der Kurven, und für mich war praktisch alles neu. Der Geruch, die Menschen, die Kommentare, die Gesänge. Der Mann meiner Mutter war ein gemütlicher Studienrat. Er drehte die Zigaretten selber, trank Bier und benutzte Formulierungen wie „um Sackhaaresbreite“. Das hinterließ bei mir bleibenden Eindruck. Das 1:1-Endergebnis an diesem Tag eigentlich weniger.

Nur einige Monate später gingen wir zum zweiten Mal zum HSV. Und ich durfte live dabei sein, als am 29. Mai 1982 deutsche Fußball-Geschichte geschrieben wurde. Es war der 34. Spieltag und die Hamburger brauchten als Tabellenführer gegen den KSC nur noch einen Punkt, um vor dem 1. FC Köln sicher Deutscher Meister zu werden. Doch vor dem Anstoß lag noch aus einem anderen Grund ein unbeschreibliches und für mich damals faszinierendes Knistern in der Luft des prall gefüllten Volksparkstadions. Nach längerer Verletzungspause stand ein gewisser Franz Beckenbauer in Ernst Happels Startelf. Zum 424. und letzten Mal in seiner ruhmreichen Bundesligalaufbahn. Seine Erfolge hatte ich genauestens studiert, und so verfolgte ich ehrfürchtig Beckenbauers letzte Ballkontakte. Der HSV ging früh mit 3:0 in Führung. Hrubesch, Kaltz, Hartwig. Die 50.000 Zuschauer waren wie elektrisiert. Dann kam der große Moment des Kaisers. In der 41. Minute wurde er unter tosendem Beifall ausgewechselt. Seine Welt-Karriere ging an diesem Nachmittag zu Ende. Mir erschloss sich die wirkliche Dimension dessen erst viele Jahre später. Der HSV leistete sich noch drei Gegentore. Und war nach 90 Minuten doch Deutscher Meister. Mit drei Punkten Vorsprung vor Köln. Fünf Punkte vor „meinem“ FC Bayern. Auch ich jubelte. Und sah als Zehnjähriger zum ersten Mal live die Meister-Schale. Die in den beiden Jahren zuvor noch Karl-Heinz Rummenigge in die Höhe gereckt hatte. Was wäre wohl gewesen, wenn ich all das vor meiner ersten Begegnung mit dem FC Bayern erlebt hätte? Ich konnte es mir nicht verkneifen, den Gassenhauer dieser Tage mitzusingen. „Wer wird Deutscher Meister? H-H-H-HSV.“ Doch ich blieb Bayern-Fan. Um Sackhaaresbreite."

Geschrieben von Aljoscha Pause, Fan des FC Bayern München

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