Sa29Apr2017

Back Aktuelle Seite: Buch Mein erster Stadionbesuch Der Bier-Schorsch als Ausdruck des ehrlichen Fußballs vergangener Tage
Freitag, 12 Oktober 2012 08:40

Der Bier-Schorsch als Ausdruck des ehrlichen Fußballs vergangener Tage

stadionbesuch teaserGestern ist im Werkstatt-Verlag das Buch "Mein erster Stadionbesuch" von Jannis Linkelmann, Heidi Marinowa und Martin Thein erschienen. Wie die Herausgeber im Interview uns schon sagten, gab es mehrere hundert Zuschriften die leider unmöglich alle in einem Buch Platz gefunden haben und trotzdem ihren persönlichen Charme besitzen. Als Vorgeschmack auf das Buch veröffentlichen wir heute einen Auszug, in dem ein bekennender Fan des 1. FC Nürnberg, Klaus Peter Fink, beschreibt, wie der Bier-Schorsch bei seinem ersten Stadionbesuch einen bleibenden Eindruck bei ihm hinterlassen hat:

"Ich bin, als gebürtiger Nürnberger und immer noch Fan des traditionsreichen 1. FC Nürnberg, schon als Kind bei Spielen im damaligen Stadion im Nürnberger Ortsteil Zerzabelshof, genannt „Zabo“, gewesen. Im Jahr 1947 geboren, erlebte ich noch die Nachkriegsjahre. Mit dem Virus „Fußball“ wurde ich durch den Gewinn der Weltmeisterschaft 1954 so richtig infiziert. Denn da spielte ja auch unser Nürnberger Held, Max „Maxl“ Morlock, mit. Als ich elf Jahre alt war (1958), nahm mich mein Vater zum ersten Mal mit ins „Zabo“-Stadion, um seinen Club zu sehen. Was ich damals noch nicht wusste, dieser Verein sollte die erste Liebe meines Lebens werden!

Von dem Spiel habe ich nicht so viel gesehen, da die Erwachsenen nicht zu „überschauen“ waren und es ja nur Stehplätze gab. Aber ein Erlebnis werde ich nie vergessen. Es war der „Bier-Schorsch“ mit seinem sogenannten Bauchladen: Ich sehe ihn noch heute vor mir. Schütteres, graues Haar, leichter Bauchansatz, auf dem rechten Auge hat er geschielt. Zu Spielbeginn war er immer mit einem blütenweißen Verkaufsmantel bekleidet. In einer Hand trug er einen hölzernen Träger, in dem sich zwölf 0,5-Liter-Bügel-Bierflaschen befanden, und vor dem Bauch den trefflich passend bezeichneten „Bauchladen“. In der anderen Hand ein Tablett mit belegten Fisch- und Lachs(ersatz)-Brötchen. So ging er dann immer vor den Zuschauerrängen umher. Damit sein Umsatz angekurbelt wurde, rief er mit lauter Stimme: „Zigarren, Zigaretten, Drops, Vivil, Kaugummi, das 1:0-Bier!“ Er rief das eigentlich immer, auch wenn der Club gerade hinten lag oder das Spiel schon 2:0 stand. Und dann gab es noch ein „Fischweckla“ (Anmerkung: Weckla ist die Nürnberger Dialektbezeichnung von Brötchen/Semmeln/Schrippen) obendrauf. Der „Bier-Schorsch" gehörte quasi zum Inventar des „Zabo“. Er war überall und jeder kannte ihn. Die Männer, Frauen gab es zu jener Zeit im Stadion nicht, auf den Zuschauerrängen signalisierten dem „Bier-Schorsch“ dann immer durch Handzeichen, dass sie was kaufen wollten, indem sie ihm ihren Wunsch zuriefen.

Ob er wirklich Georg hieß, weiß ich nicht, aber er wurde halt eben „Bier-Schorsch“ genannt. Wenn einer Mal weiter weg war vom „Bier-Schorsch“, und trotzdem eine Bestellung aufgeben wollte, wanderte das Geld oft über viele Reihen nach unten oder oben. Im Gegenzug gelangte die bestellte Ware und das Wechselgeld auf dem gleichen Weg wieder zum Kunden zurück. Und schon war das Geschäft getätigt. So war das halt damals, familiär und ehrlich. Da gab es keine Unregelmäßigkeiten oder ein Fremder behielt etwas für sich. Nein, alles lief ganz korrekt ab. Dann ging der „Bier-Schorsch“ einige Schritte weiter, sein legendärer Ruf: „Zigarren, Zigaretten, Drops, Vivil, Kaugummi, das 1:0-Bier“ erschallte aufs Neue und die gleiche Prozedur begann von vorne."

Geschrieben von Klaus Peter Fink, Fan des 1. FC Nürnberg

FANKULTUR.COM veröffentlicht Texte die im Rahmen des Buches "Mein erster Stadionbesuch" geschrieben wurden, jedoch nicht im Buch zu finden sind.

jetzt bestellen bei Amazon