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Freitag, 05 April 2013 11:09

Als Netzer zweimal traf

stadionbesuch teaserIm Rahmen eines Interviews zu den Höhepunkten seiner außergewöhnlichen Karriere befragt, erwähnte der seinerzeit als Rebell am Ball bezeichnete Superstar aus Mönchengladbach, Günter Netzer, eine Bundesligapartie seiner als Fohlenelf bekannten Borussen. Ein Spiel Anfang der Siebziger Jahre in der alten Radrennbahn zu Köln gegen den heimischen FC.

„Dieses Spiel gehört zu den unvergesslichen Höhepunkten meiner Karriere“, so Netzer heute. Ich kann mich, so wie Netzer auch, also über 40 Jahre später, gut an einzelne Gegebenheiten und unvergessliche Details erinnern. Denn  es war mein erster Stadionbesuch!

Das Bundesligaspiel zwischen Borussia Mönchengladbach und dem gastgebenden Ersten Fußballclub aus Köln, fand am 02.10.1971 statt und ich zählte gerade mal 12 Lenze.

Die Spielstätte, Radrennbahn, diente einige Jahre als Provisorium während des Umbaus des Müngersdorfer Stadions und bestand aus Holzbänken als Sitzplätze auf den Geraden. In den Kurven gab es ausschließlich Stehplätze. Einen Meter hinter der Auslinie befanden sich schon die ersten Reihen – selbstverständlich ohne Einzäunung. Die Fans befanden sich schon fast auf dem Spielfeld und kamen den Spielern gefährlich nahe, so wie es in  England seit jeher üblich ist. Es gab keine Logen, keine VIP Bereiche und es gab auch keine VIPs, außer den Präsidenten und einigen Funktionären. Es gab keine Videoleinwände und auch, ich bitte um Nachsicht, keine weiblichen Fußballfans. Die Radrennbahn war ein reines Fußballstadion, ohne jeglichen Eventcharakter.

Ins Stadioninnere gelangte man durch zweiflügelige Eisentore, die mit einfachen Vorhängeschlössern gesichert waren. Geöffnet wurden die Tore frühestens zwei Stunden vor Anpfiff durch betagte Rentner eines örtlichen Wachdienstes, in Begleitung noch betagteren Schäferhunden. Die Kartenkontrolle erfolgte sehr gemütlich, ganz wie im Kino. Wie wir später  bei nachfolgenden Spielen erfahren konnten, wurde man je nach Laune des Ordnungspersonals auch mal kostenfrei durchgewunken. Jedoch mit dem eindeutigen Hinweis, ohne Eintrittskarte, im Stadion unauffällig zu bleiben oder wie die Wachleute zu sagen pflegten: „Macht bloß keinen Mist“.

In der Schule erzählte man uns, dass man sich an Spieltagen Mittags in die Radrennbahn schleichen könne, um Spiele  kostenlos zu gucken. Generell weile um diese zeit niemand im weiten Rund. Dies war also der Zeitpunkt für uns Kinder es zu versuchen. In diesem Fall waren das mein Freund Ingo und ich. Zu Ingo muss man wissen, dass er ein riesiger Fan von Güner Netzer war, dass er nicht nur groß und Blond war, sondern auch sein Haar stets schulterlang und gescheitelt trug. Zum Schulfußball erschien er regelmäßig im Original Mönchengladbacher Trikot mit der Nummer 10 und der Spielführerbinde. Ingo war mein Freund auf dem Niveau von Huckleberry Finn und Tom Sawyer, oder Winnetou und Old Shatterhand. Mindestens !  So  wollten wir dann auch unbedingt das Spiel gegen die Fohlen schauen und obwohl wir ziemliche Angst hatten, fuhren wir am frühen Mittag nach Müngersdorf. Aus der Entfernung blickten wir aufs Stadion. Niemand war zu sehen. Unsicher schauten wir uns an. Die Zeit lief uns weg. Es war daran  zu überprüfen, ob eines der Tore rund ums Stadion zufällig unverschlossen war. Und als wir tatsächlich an jenem Samstag ein offenes Tor entdeckten, schlichen wir uns in das menschenleere Stadion. Ängstlich und zaudernd prüften wir die Lage und es war wirklich niemand zu sehen oder zu hören, so dass wir die Stufen erklommen und auf einmal in dieses herrliche Rund herabblicken konnten. Ich halte diesen Moment des Glücks sehr gerne  in unvergesslicher Erinnerung.

Dieses satte Grün vor Augen. Wie unbeschreiblich schön ein grüner Rasen sein kann, auf dem Fußball gespielt wird. Dieses Gefühl hält bis Heute an und jedes Mal, wenn ich eine fette, grüne Wiese sehe,  dann möchte ich am liebsten die Fußballschuhe schnüren und spielen und fühlen wie ein mich großer Spielmacher..

Gleich würden hier unsere Heldenauflaufen und  spielen und wir dürfen tatsächlich dabei sein.

ird man uns ohne Karten erwischen und aus dem Stadion schmeißen? Wir versteckten uns unter den Holztribünen und konnten zwischen den Sitzbänken hindurch sehen wie sich das Stadion füllte. Knappe 15 Minuten vor dem Anpfiff schlichen wir aus dem Unterbau und mit zwei, drei Schritten waren wir auf den Treppenstufen zum Glück angekommen und konnten uns auf eine Holzbank setzen. Zu diesen Zeiten gab es keine nummerierten Sitze, so dass es mit den bereits anwesenden Fußballfans keinen Ärger geben konnte. Man rutsche einfach unkompliziert zusammen.

Der Pulsschlag lag nun in Höhe des Herzklopfen wie beim ersten Rendezvous.

Nur es kam kein Mädchen – es kam Netzer! Und wie!!

Nie werde ich Augenblick des Erscheinens seiner Majestät vergessen. Wir kannten Netzer bislang aus dem Fernsehen und DER einzigen Fußballzeitung, dem „kicker“.

Aber selbst zu sehen, dass es sich um keine Trickfigur handelte, keine 25 Meter entfernt zu sein; ja gar feststellen zu müssen, er lebt, er ist echt, das war einfach nur gigantisch. In diesem Moment wurde klar, was Ingo so an Netzer faszinierte.

Er war eine natürliche Autorität mit langem blondem Haar, schritt königlich über das Spielfeld und es gab keinen Zweifel wer der Chef ist. Mit Netzers narzisstischen Darstellung vermochte niemand auch nur annähernd mitzuhalten.

Wir schauten ehrfürchtig und staunend zu, was der Meister darbietet. Günter Netzer nahm sich Zeit, um sich gut in Szene zu setzen.

Bei jedem Eckball und erst recht bei jedem Freistoss ging er in die Knie und hockte sich neben den Ball. Diesen legte er sich dann liebevoll zurecht, veränderte mehrmals die Position, bis für ihn dann alles passte. Die Zuschauer, vor allem die des Gegners, wurden durch diese Verzögerungen langsam ungeduldig, nervös und pfiffen lauthals. Netzer schien es nicht nur wissen, zu provozieren sondern auch zu genießen. Es passte in sein Kalkül.

In der ersten Halbzeit passierte es dann direkt vor unseren Augen. Direkter Freistoß für Mönchengladbach. Wir saßen in Höhe der Eckfahne mit guter Sicht auf den Strafraum. Das Ausführen von Eckbällen und Freistößen war bei der Borussia Mönchengladbach, wie gesagt Chefsache; sprich Netzers Sache.

Vom Freistoßpunkt aus konnte man eigentlich nur eine anständige Flanke in den Strafraum schlagen, aber an einen direkten Torschuss war für einen normalen Fußballer in keinster Weise zu denken. Die Flanken wurden hoch und weit in den Strafraum geschlagen. Heutzutage würde sich ein Torwart eine Tasse Kaffee einschenken, Zigarette anzünden und dann den Ball gemütlich aus der Luft pflücken, so lange war der Ball damals üblicherweise unterwegs.

Das Wort Effet gab es im Zusammenhang mit der Flugbahn eines Fußballes noch nicht einmal theoretisch.

Erst durch Netzer wurde dieser Umgang mit dem Ball, langsam aber sicher eingeleitet. Er vermochte es, allein durch seine Schusstechnik, dem Ball einen Schnitt mitzugeben, so dass dieser die zunächst eingeschlagene Flugrichtung im letzten Flugdrittel dramatisch veränderte. Um sich dies besser vor Augen zu führen muss man sich vorstellen, dass Netzer in der Lage war, einen Ball von der Eckfahne aus, mittels diesen Schnittes, direkt ins Tor zu schießen.

Netzer legte sich diesen Ball, direkt vor unseren Augen, zurecht. Es dauerte eine gefühlte Ewigkeit, dann lag der Ball so, wie er es sich vorgestellt hatte. Er ging aufreizend langsam zurück, verharrte und wartete auf den Pfiff des Schiedsrichters, der dann erfolgte. Er schaute sich noch einmal, fuhr sich mit der Hand durchs Haar und trat dann an.

Der Ball folg hoch und weit in den Strafraum – so wie die üblichen Freistoßbälle der Kollegen – so schien es. Der Torwart, Welz hieß er, bewegte sich von seiner Torlinie weg um den Ball zu fangen. Mit ihm die Abwehrspieler, die zuvor die Torlinie abgesichert hatten.

Hoch in der Luft veränderte der Ball urplötzlich seine Richtung. Netzer hatte dem Ball einen ordentlichen Schnitt mitgegeben. Der Ball machte eine scharfe Kurve Richtung Tor. Der Ball bog einfach ab. Nie im Leben werde ich diese Flugbahn vergessen. Der Ball senkte sich ins Tor. Der Torhüter befand sich im Niemandsland und sah recht unglücklich aus. Die Spieler beider Mannschaften sahen dem Ball nur noch hinterher. Wie wir Zuschauer. Dann lag der Ball zur Überraschung fast aller Protagonisten im Netz.

Nur Netzer wusste was passieren konnte. Danach hob er zum Jubeln ab. Ein hoher Sprung mit der Kraft von Apollo11 auf dem Weg zum Mond. Die lange blonde Mähne wallte in der Luft und nach der Landung des Außerirdischen standen die Jünger bereit um ihre Glückwünsche auszusprechen und dem Meister zu huldigen.

Das ist der magische Moment des 02.10.1971 der in meiner Erinnerung fest verankert ist und den wohl auch Günter Netzer meinen könnte, wenn er von diesem Spiel spricht.

Daher spielt es auch keine Rolle, dass der 1.FC Köln das gesamte Spiel noch mit 4:3 für sich entscheiden konnte. Vielleicht sei noch anzumerken, dass Borussia Mönchengladbach noch ein weiteres Tor durch einen direkt verwandelten Freistoß erzielen konnte. Torschütze? Ratet Sie mal.

Ingo Kleitzke gewidmet, dem einzig wahren Netzer Fan zu diesen Zeiten und einem alten Freund 

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Artikel ist erschienen im Buch "Mein erster Stadionbesuch"

Peter C. Moschinski

Peter C. Moschinski wurde 1959 in London geboren und lebt heute als freier Autor in Köln. Vor wenigen Tagen hat er die Biographie "Lebbe geht weider - Das Leben des Dragoslav Stepanovic" veröffentlicht.

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