Di25Apr2017

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United 19. und 23. April 1997. Champions-League-Halbfinale. Borussia Dortmund gegen Manchester United. An jenen Tagen kam ich zum ersten Mal in meinem Leben mit dem Weltverein aus dem Norden Englands in engeren Kontakt. Rene Tretschok traf zum 1:0-Erfolg im Hinspiel, Lars Ricken zum 1:0-Auswärtssieg im Old Trafford. Borussias Jürgen Kohler stieg in diesen Duellen zum Fußballgott auf und brachte nicht nur den Topstar Eric Cantona zur Verzweiflung.

Für mich waren dies zwei Fußball-Feiertage, für die Jungs aus Manchester nur eine kleine Episode in ihrer langjährigen, ruhmreichen Geschichte. Und über ebenjene hat nun der renommierte Autor Dietrich Schulze-Marmeling eine detailreiche, aber hochspannende Chronik veröffentlicht, sie trägt den prägnanten Titel „United - Vom Arbeiterverein zum Fußball-Unternehmen“.

Auf rund 400 Seiten schildert der Verfasser den Werdegang des Klubs von seiner Gründung als Eisenbahner-Verein Newton Heath LYR Football Club im Jahre 1878 über die Umbenennung in Manchester United FC 1902 bis hin zur heute global bekannten Fußball-Macht. Taucht man ein in diese glänzend aufbereitete Vereinschronik, dann mag man kaum glauben, dass United in der laufenden Saison nicht in den europäischen Vereinswettbewerben vertreten ist und auch in der Liga aktuell abermals mit acht Punkten nach sechs Spielen nur im Mittelfeld der Premier League herumdümpelt.

Doch bei näherem Betrachten zieht sich genau dieses Auf und Ab durch die Geschichte des Vereins. Grandiosen Titeln folgten bittere Abstiege. In lesegerechten Happen - die einzelnen Kapitel sind jeweils etwa zehn bis zwölf Seiten lang - schildert Schulze-Marmeling den Werdegang zu Zeiten Friedrich Engels‘ hin zur Entfaltung des Unternehmens Manchester United in der globalisierten Welt des 21. Jahrhunderts. Die kurzen Kapitel sind abermals mit einigen Zwischenüberschriften übersehen - und wenn man nicht auf die Uhr achtet, dann ist man plötzlich zwei oder mehr Stunden in die Historie dieses wundersamen Vereines abgetaucht.

United 2Als Dortmund-Fan waren dabei natürlich insbesondere auch einige eher nebensächliche Aspekte von gesteigertem Interesse, wie die Erwähnung des allerersten Flutlichtspiels in der Dortmunder Roten Erde am 21. November 1956 im Achtelfinal-Rückspiel des Landesmeister-Pokals (S. 134). Oder ebenjenes eingangs skizziertes Champions-League-Halbfinale 1997 (S. 272) und jüngst im Jahre 2012 der Wechsel Shinji Kagawas auf die Insel (S. 354/Der Wechsel zurück nach Dortmund fand übrigens erst nach dem Erscheinen des Buches statt.).

Natürlich gehört das Flugzeugunglück 1958 untrennbar zu Manchester United, doch der Buchautor widersteht der Versuchung auf angenehme Art, dem ohnehin bereits intensiv aufgearbeiteten Drama allzu viel Platz zu bieten. Vielmehr widmet sich Schulze-Marmeling den Auswirkungen auf den Verein und den Wandel, den der Klub infolge des Unglücks sowohl intern als auch in der Außenwahrnehmung vollzieht.

Leider wird in diesem Zusammenhang jedoch eine Chance zur Aufklärung in dem Buch verpasst. Das landläufige „ManU“ als Abkürzung ist hierzulande zwar in aller Munde, doch eigentlich schließt man sich damit unwissentlich den Spottgesängen gegnerischer Fans nach dem Flugzeugunglück an. Eine kurze Thematisierung, wie beispielsweise auf den Internet-Seiten der „United Devils“, hätte das Buch abgerundet.

Aufgelockert wird das textlastige Buch durch zwei jeweils achtseitige Foto-Collagen, mit denen die Geschichte Uniteds auch optisch dargelegt wird. Alles in allem legt Dietrich Schulze-Marmeling mit „United“ ein hochspannendes Werk vor, wenn man sich für die Entwicklung eines englischen Spitzenvereins interessiert hin zu dem, was er heute verkörpert. Das Buch dürfte bei englandaffinen Fußballfans ein passendes Weihnachtsgeschenk darstellen - und die adäquate Lektüre rund um den diesjährigen „Boxing Day“.

  •  Dietrich Schulze-Marmeling: United - Vom Arbeiterverein zum Fußball-Unternehmen, Verlag DIE WERKSTATT, Gedruckte Ausgabe: 400 Seiten, Paperback. ISBN: 978-3-7307-0098-3, Preis: 16,90 €
Freitag, 26 September 2014 13:36

Lumpis Mosaik

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Wenn Fans einen Fußballer lieben, lieben sie ihn für seine Bodenständigkeit und für seinen ehrlichen, beinharten Einsatz für den Verein. Frank Lehmkuhl, FOCUS-Sportredakteur und selbst Fan von Fortuna Düsseldorf, hat nun ein Buch über einen solchen Fußballer geschrieben. „Lumpis Weg“ erzählt, so der Untertitel, „die einzigartige Geschichte des Düsseldorfer Fußballers Andreas Lambertz“. Und die Geschichte des Andreas Lambertz ist „einzigartig“. Als einziger Balltreter im deutschen Fußball spielte der „Düsseldorfer des Jahres 2007“  in den vier höchsten deutschen Spielklassen für einen einzigen Verein und erzielte in jeder Spielklasse mindestens ein Tor. Er zerreißt sich auf dem Platz und gibt alles für seine Fortuna trotz des einen oder anderen spielerischen Defizits und ist dabei ein Mensch ohne Allüren. Frank Lehmkuhl beobachtete Lambertz, sammelte Medienberichte, sprach mit Weggefährten und natürlich auch mit Lambertz selbst. So entstand, wie der Autor selbst im Vorwort schreibt, ein „buntes Karrieremosaik“.

Donnerstag, 03 Juli 2014 16:05

Istanbul United

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istanbul unitedBeeindruckend. Das war schon mein Gedanke, als ich über den Zusammenschluss der Istanbuler Fans bei den Gezi Park Protesten hörte. Nach diesem Film weiß ich, dass es dieses Wort nicht mal ansatzweise trifft.

Gestern Abend fand auf dem Filmfest München die Deutschlandpremiere von „Istanbul United“ statt. Die Dokumentation zeigt die Fangruppen der drei großen Istanbuler Vereine Besiktas, Fenerbahce und Galatasaray. Ihre Liebe zum Verein, ihren Hass aufeinander. Und wie es dazu kam, alle Abneigung über Bord zu werfen, und gemeinsam am Taksim Platz die Protestbewegung zu unterstützen. „Es war nicht geplant, es war nicht organisiert. Es passierte auf dem Platz.“  erzählt Kerem Gürbüz, Mitglied der Ultraslan (Ultragruppierung von Galatasaray).

Während die polizeilichen Statistiken zum Straftatenaufkommen im deutschen Fußball eine für den normalen Stadionbesucher generell gute Sicherheitslage belegen, steigerte sich in letzter Zeit die Aggressivität in Teilen der Fanszene. Dies führte bei einigen Vereinen zu einer Ausweitung von Hooliganaktivitäten, einer Verstärkung der Auseinandersetzungen zwischen Ultras und Sicherheitskräften oder einer stärkeren Präsenz von Rechtsextremisten. Der Sportreporter Klaus Blume hat diese Entwicklung thematisiert und sieht in „Tatort Fankurve“ ein Ausufern von „Fußball, Gewalt und Rechtsextremismus“.

Der Autor beschäftigt sich nach Verlagsangaben „seit 1964 journalistisch mit dem Fußballsport und dessen Hintergründen“ und arbeitete für renommierte Blätter wie „Welt“ oder „Neue Zürcher Zeitung“. Aufgrund seiner dabei gewonnenen Erfahrung, seiner Kenntnisse über den Ligabetrieb und seiner persönlichen Kontakte hätte er gute Voraussetzungen für die Untersuchung einer in der Öffentlichkeit mit großem Interesse aufgenommenen Problematik gehabt. Bedauerlicherweise führte ein überbordendes Engagement dazu, dass er ihr nicht gerecht wurde und ein Buch verfasste, das sich in Spekulationen verliert.

Nazis, Ultras und Hooligans

Blume thematisiert in den einzelnen Kapiteln eine nach seiner Auffassung erfolgende „Naziunterwanderung“ von Fankurven, angebliche Verbindungen des rechtsterroristischen „Nationalsozialistischen Untergrunds“ (NSU) zur Hooliganszene und eine Gewaltwelle der Ultrabewegung. Dabei bedient er ein breites Themenfeld und führt detailreich eine große Zahl rechtsextremistischer Vorfälle an. So stellt er mehrere Hooligangruppen vor, berichtet über rechtsextremistische Aktivitäten bei Borussia Dortmund oder Eintracht Frankfurt und weist auf das Engagement von NPD-Angehörigen im Freizeitfußball hin. Er betrachtet sowohl Ereignisse im deutschen Fußball als auch entsprechende Vorfälle aus verschiedenen europäischen Ligen und stellt Hooligan- und Ultragewalt in Beziehung zu rechtsextremistischen Aktivitäten. Dies erfolgt jedoch nicht im Rahmen einer systematischen Übersicht, sondern als Zusammenstellung einzelner Vorfälle. Dabei unterbleibt häufig deren Einordnung in die Gesamtsituation, so dass der Eindruck entsteht, als breite sich eine mächtige Gewalt- und Rechtsextremismuswelle im deutschen Fußball aus.

Kühnens Strategiepapier und NSU-Verbindungen

Den nachhaltigen Charakter rechtextremistischer Bemühungen versucht Blume anhand von Überlegungen des in den 1980er Jahren führenden Neonazis Michal Kühnen zu belegen, der bereits damals versuchte, Anhänger in Fußballstadien zu gewinnen. Dabei misst der Autor einem „Strategiepapier“ des Neonazis eine große Bedeutung zu, verzichtet jedoch auf dessen zumindest in Auszügen erfolgten Abdruck (S. 47-49). Ebenso unterbleibt eine ausgewogene Diskussion darüber, ob das Papier Grundlage einer nachweisbaren Entwicklung oder nur eines von vielen die eigenen Kräfte überschätzenden Gedankenspielen Kühnens war. So hätte Blume in Betracht ziehen müssen, dass Kühnen mehrfach groß angelegte Pläne propagiert hatte, deren Resultate bei weitem nicht den Ankündigungen entsprachen, die aber die Aufmerksamkeit der Medien erregten. Stattdessen behauptet er, dass die Bemühungen des 1991 verstorbenen Rechtsextremisten erfolgreich waren und sieht in ihm einen „rechte(n) Fußballstratege(n)“ (S. 56), in dessen Sinne Rechtsradikale heute „immer mehr Fuß fassen“ (S. 58).

Dies ist nicht die einzige unbelegte Behauptung, die im Falle ihres Zutreffens eine erhebliche Wirkung entfalten würde, denn der Autor sieht auch eine Verbindung des NSU zur Hooliganszene. So äußert er in einem Interview mit Barbara John, der Ombudsfrau für die Hinterbliebenen der NSU-Morde, im Verlauf seiner Recherchen den Eindruck gewonnen zu haben, sich „mit jedem Schritt geradezu unaufhaltsam auf den Nationalsozialistischen Untergrund (NSU) zu bewegen.“ Zudem gibt er unter Berufung auf „rechtsradikale Fußball-Hooligans“ an, auf Hinweise auf „mögliche Unterschlupfwinkel“ vor allem im Dortmunder, im Mannheim-Ludwigshafener und im Braunschweiger Raum gestoßen zu sein. Während er einen Beleg für seinen Endruck schuldig bleibt, zeigt er bei der Gesprächspartnerin Wirkung, reagiert diese doch mit den Worten: „Das ist ja eine Bombe! … Ich falle ja fast vom Stuhl bei diesem Gedanken!“ (S. 42-43). Letztendlich macht der Autor eine dramatische Aussage, die bislang weder durch die parlamentarischen Untersuchungsausschüsse, noch durch die intensiv recherchierenden Medien oder den gegen Beate Zschäpe geführten Strafprozess gestützt wird.

Dramatisierung ohne Analyse

Die vermeintliche NSU-Hooligan-Verbindung ist nicht die einige dramatische, doch unbelegte Aussage des Buches. Dessen Botschaft beschreibt der Verlag auf der Rückseite mit den Worten: „… ohne Krawall und Exzess geht es im deutschen Fußball nicht mehr. Allwöchentlich attackieren sich gegnerische Hooligans, auch die eigentlich friedlichen Ultra-Gruppen werden immer radikaler. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem Phänomen seitens des DFB und der Politik findet nicht statt. … Das Fußballstadion ist längst zu einer Bühne der Gewalt geworden – und die Fankurve zum Tatort.“ In diesem Sinn unterstellt Blume Anhängern von Eintracht Braunschweig, die am 20./21. Mai 2013 nach dem Erstligaaufstieg in ihrer Heimatstadt randalierten, dass sie die „Innenstadt in Schutt und Asche legen wollten“ (S. 8). Im Hinblick auf die Hooligan-Szene beschreibt der Verfasser deren Angehörige als „Schläger und Raufbolde mit … oft eindeutiger rechtsradikaler Ausrichtung“ (S. 83). Bezüglich ihrer Handlungsfähigkeiten vertritt er die Auffassung, dass sie „in deutschen Stadien „bestimmen“, was geschehen darf – und was nicht. Die Ordner kuschen, die Polizei schaut weg …“ (S. 83). Dabei schreibt er ihnen sogar über Landesgrenzen reichende Machtstrukturen zu, vertritt er doch die Meinung, dass es „sehr schwer (ist), gewalttätigen Rechtsradikalen“ selbst durch eine Flucht ins Ausland zu entkommen, da „alle diese rechtsradikalen Gruppen … untereinander international erstklassig vernetzt (sind)“ (S. 153).

Blumes Überschätzung der Ressourcen der rechtsextremistischen Szene zeigt sich auch dadurch, dass er die „World Union of National Socialists“ (WUNS) charakterisiert, indem er sie als „Weltorganisation der Nazis“ (S. 159) bezeichnet, aber auf eine Einordnung hinsichtlich der realen Stärke dieser mit einem großspurigen Namen versehenen Vereinigung verzichtet. So erweckt er den Eindruck, als existiere eine global handlungsfähige NS-Organisation. In seiner unkritischen Art macht der Autor zudem quer durch Europa verlaufende „Geldströme der Rechten“ (S. 19) aus und erklärt, dass sie „beim Kampf unpolitischer Fans gegen Kommerzialisierung, Repression oder Polizeiwillkür mühelos andocken können“ (S. 59). Die durchgängige Kombination aus Dramatisierung und Analysemangel prägt das Buch in einem Ausmaß negativ, dass Erkenntnis fördernde Passagen in den Hintergrund treten. Zu diesen gehört etwa ein Interview mit dem Fansprecher von Lokomotive Leipzig, dass unter anderem die Nähe von Angehörigen der Fangruppe „Scenario” zur NPD behandelt (S. 116-118).

Fazit

Über den Fußball und den Rechtsextremismus erscheinen permanent Bücher unterschiedlicher Güte. „Tatort Fankurve“ gehört zu den überflüssigen Werken. Für das Buch spricht seine Detailfülle. Andererseits wird sie durch eklatante Versäumnisse überdeckt. So besteht eine analytische Schwäche, da Blume seine Quellen nicht hinterfragt und nicht ausreichend belegte Thesen aufstellt. Darüber hinaus ist Blumes Buch zu stark von einer sich aus seiner Abscheu vor rechtsextremistischen Aktivitäten ergebenden moralischen Absicht geprägt. Dies ist zwar für einen jahrzehntelang tätigen Sportjournalisten nachvollziehbar, wirkt sich jedoch stark nachteilig auf seine Veröffentlichung aus. Der sich aus seinem großen persönlichen Engagement ergebende Mangel an Distanz verstellt dann auch den Blick auf das tatsächliche Ausmaß rechtsextremistischer Aktivitäten im Fußball und führt zu einem regelrechten Alarmismus. Von einem Verfasser, der sich seit der Gründungszeit der Bundesliga professionell mit dem Fußball beschäftigt, hätte man hingegen eine sorgfältige und ausgewogene Beschäftigung mit dem Problem rechtsextremistischer Aktivitäten im deutschen Fußball erwarten können.

tatort-fankurve buchDa dies nicht erfolgte, könnte ist es möglich, das der ein oder andere Rechtsextremist „Tatort Fankurve“ sowie die Klage seines Verfassers „Fußball-Deutschland, wie rechts bist du geworden“ (S. 77) mit einem amüsierten Gemüt liest, da es ihrem Lager eine in der Realität nicht vorhandene Stärke unterstellt. Darüber hinaus könnten sie es als Beispiel einer generellen medialen Übertreibung herausstellen, um von ihren tatsächlichen Aktivitäten abzulenken. Somit hat der Sportjournalist Blume zwar eine Publikation über ein öffentlichkeitswirksames Thema auf den Buckmarkt geworfen, doch als Mittel zur Aufklärung des realen Ausmaßes von „Fußball, Gewalt und Rechtsextremismus“ ist sie leider ungeeignet.

Klaus Blume
Tatort Fankurve
Berlin 2013
14,99 Euro

Erschienen im Rotbuch-Verlag

 

Mittwoch, 11 Juni 2014 18:35

Kopf der Woche: Fußballfan

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zdf kopfderwocheIm Rahmen der Reihe "Kopf der Woche" widmet sich der Spartensender zdf.kultur heute dem "Fußballfan" Ab 20.15 Uhr zeigt der Sender unter dem Motto "Sitzplatzhocker, Kuttenträger, Ultra oder Hooligan" Reportagen, Spielfilme und Dokumentationen rund um das Thema Fußballfan. "Für manche ist die Liebe zur schönsten Nebensache der Welt auch nur Vorwand oder Mittel zum Zweck, aber eins sind sie doch alle: Fußballfans." heißt es in der Ankündigung zum Abend.

Samstag, 24 Mai 2014 12:12

Ein festes Bündnis mit dem Glück?

geschrieben von

 allianz ffDer DFB hat die Namensrechte der Frauenfußballbundesliga veräußert. Ab der Saison 2014/2015 wird sie „Allianz Frauenbundesliga“ heißen. Das gaben DFB und Vertreter des Münchener Finanzgiganten am 8. April bekannt. Ist dieser Deal  „ein festes Bündnis mit dem Glück“, wie die Allianz-Werbespots in den 1980ern trällerten?

Coloniacs SpuckiNach zweijähriger Abstinenz ist dem 1. FC Köln der Wiederaufstieg in die Bundesliga gelungen. Das Ereignis versetzte zunächst die Domstadt in Hochstimmung, verleitete dann aber auch die Vereinigung „Pro Köln“ dazu, den sportlichen Erfolg des Vereins für den eigenen Kommunalwahlkampf zu missbrauchen. Diese Maßnahme erweckte zwar die erwartete Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, führte aber nicht nur zu einem Protest des Clubs, sondern auch zu einer heftigen Reaktion einer seiner Ultra-Gruppen.

Der diesjährige Endspurt der 2. Bundesliga entwickelte sich für den rheinischen Traditionsverein nach einer souverän gespielten Saison aufgrund des vorzeitig feststehenden Aufstiegs zu einer entspannten Angelegenheit. Die dadurch ausgelöste Euphorie war,  aufgrund der erheblichen Bedeutung der „Geißböcke“ für das lokale Seelenleben, in der gesamten Stadt zu spüren. Unter den aus allen gesellschaftlichen Bereichen eingehenden Glückwünschen befand auch eine am 22. April veröffentlichte Grußbotschaft des „Pro Köln“-Vorsitzenden Markus Beisicht.

Offensivbemühung von „Pro Köln“

Beisicht beließ es allerdings nicht bei einer reinen Sympathiebekundung, sondern zog eine Verbindung zuwischen dem Aufstieg und dem eigenen Wahlkampf, indem er erklärte:

 

„Was nun sportlich im Bereich des Fußballs erreicht wurde, können die Kölner Wähler am 25. Mai auch politisch schaffen: mit einer Stimme für PRO KÖLN die Domstadt endlich auch politisch wieder in die Erstklassigkeit führen.“

http://pro-koeln.org/koeln-jetzt-auch-politisch-wieder-in-die-erstklassigkeit-fuehren/

Mit dieser Erklärung versuchte die Vereinigung auf eine plumpe Weise an den Triumph des Vereins anzudocken. Sie ist ein weiteres Beispiel für ihre übliche Vorgehensweise, mit provokanten Verlautbarungen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wecken. Das erfolgte etwa 2013 durch die später zurückgezogene Anmeldung einer Teilnahme an der „Christopher-Street-Day“-Parade oder aktuell durch die ebenfalls später zurückgenommene Ankündigung eines Wahlkampfstandes in der Nähe der 2004 von einem rechtsterroristischen Bombenanschlag betroffenen Keupstraße. Im Fall des FC setze dann auch die zu erwartende Berichterstattung der Medien ein.

Konter des 1. FC Köln

 

Allerdings reagierte nicht nur die Presse, sondern auch der 1. FC Köln. Der Club veröffentlichte am 24. April eine Gegenerklärung auf seiner Homepage, in der er auf seine offene, tolerante und parteipolitisch neutrale Grundhaltung verwies. Ferner hieß es:

„Über den Missbrauch unseres Erfolgs für eine Wahlkampfbotschaft sind wir empört. Der Aufstieg ist eine Leistung des Clubs.  … Dem Versuch, sich als Trittbrettfahrer von diesem Erfolg zu Zielen tragen zu lassen, die mit dem 1. FC Köln und seinen Werten nichts zu tun haben, erteilen wir eine eindeutige Absage.“

http://www.fc-koeln.de/news/club/detailansicht/?tx_ttnews[tt_news]=7622&cHasch=731910e7a08c0f40198407b9d9f13f09

Kurvenaktion der „Coloniacs“

Bereits durch die Maßnahme des Vereins war „Pro Köln“ mit einer gegen sie gerichteten Reaktion konfrontiert. Doch es blieb nicht bei dabei, denn auch eine Formation aus dem aktivsten Teil der Vereinsanhängerschaft wurde aktiv. Es waren die linksorientierten „Coloniacs“. Sie sind eine von drei die Stimmung in der Fankurve prägenden „Ultra-Gruppen“. Von diesen ist die „Wilde Horde“ die älteste, personalstärkste und somit einflussreichste Organisation. Daneben besteht mit den „Boyz“ eine deutlich kleinere, unter anderem wegen ihrer Verbindung zu den Dortmunder „Desperados“ als rechtsorientiert geltende Truppe. Am 4. Mai nutze die ebenfalls kleinere Gruppe „Coloniacs“ das Heimspiel gegen den FC St. Pauli für eine spezielle Form des Protests. Dazu hielten ihre Angehörigen zunächst dutzende zuvor gestohlene Wahlplakate von „Pro Köln“ in die Höhe. Daraufhin zerstörten sie die Werbemittel vor den Augen der Spielbetrachter, wobei im Stadion „Nazis raus!“-Rufe deutlich vernehmbar waren. Parallel dazu brachten sie hinter dem Tor Spruchbänder mit den Aufschriften an:

 „Diese Stadt und diese Kurve bleiben Multikulti! Pro Köln verpiss dich!!!“

„Scheiss Pro Köln!! Brauner Müll!!“

http://www.coloniacs.com/?page_id=2681 (Bilder 31/51, 33/51, 34/51, 37/51)

Um mögliche Unklarheiten auszuschließen, flankierten die „Coloniacs“ ihre Aktion mit einer Erklärung. In ihr beklagten sie sowohl den Missbrauch des „geliebten Fußballclub(s)“ als auch eine „rassistische Hetze“, der sie sich als „Ultrà-Gruppe mit einem antirassistischen Grundkonsens entschieden entgegen(stellen).“ Darüber hinaus kündigten sie weitere Maßnahmen an, forderten ihre Anhänger zu Aktivitäten auf und äußerten gegenüber den „Pro Köln“-Angehörigen:

„Ihr seid für uns als Coloniacs die Schande unserer Stadt. Euer braunes Geschwafel repräsentiert eine Minderheit von Verlierern und kaputten Köpfen. Euer armseliger Hass wird niemals siegen. Wir werden erst aufhören Euch zu bekämpfen, wenn Ihr euch verpisst habt!“

http://www.coloniacs.com?p=4580#more-4580

Nachspielzeit für „Pro Köln“

Auf die Kurvenaktion reagierte am 7. Mai wiederum „Pro Köln“ mit einer Verlautbarung, in der sie „dutzendfachen Diebstahl und Sachbeschädigung von PRO-Wahlplakaten“ beklagte und bekundete, Anzeige gestellt zu haben. Während die Vereinigung dabei nicht auf die deutlich ablehnende Reaktion des 1. FC einging, behauptete sie, „Dutzende von positiven E-Mails und Anrufen von FC KÖLN-Fans erhalten“ zu haben.

http://pro-koeln.org/ein-rot-weisser-schal-macht-aus-einem-asozialen-linken-straftaeter-noch-lange-keinen-fussballfan/

Spielanalyse

Die Grußbotschaft von „Pro Köln“ war nicht nur eine für sie typische Propagandaaktion, sondern auch ein Versuch der Instrumentalisierung des Fußballs. Wie bei vergleichbaren Aktionen genügte eine einfache Verlautbarung, um eine Reaktion der Medien hervorzurufen. Dabei ging die Vereinigung wohl nach dem Prinzip vor, dass auch ablehnende Berichte gute Berichte sein können, sofern man dadurch in die Schlagzeilen gerät. Im Fall des 1. FC Köln erfolgte jedoch eine deutliche Zurückweisung durch den Großverein, die sicherlich nicht zu einer Verbesserung des Ansehens der Vereinigung unter breiten Kreisen der örtlichen Wahlbevölkerung geführt hat. Verschärfend wirkte sich die Kurvenaktion der Ultras aus. Die Kombination beider Maßnahmen bewirkte innerhalb der sich im sechsstelligen Bereich befindenden Masse der FC-Anhänger eine propagandistische Niederlage, bei der „Pro Köln“ lediglich eine Selbstdarstellung als Opfer „asoziale(r) linke(r) Straftäter“ blieb. Dabei dürfte der Verweis auf das durch Diebstahl und Sachbeschädigung erfolgte strafbare Verhalten der „Coloniacs“ nicht nur der überwiegenden Mehrheit der FC-Anhänger, sondern auch der großen Mehrheit der Fans anderer Vereine egal sein. Zu groß ist in der deutschen Fanszene die grundsätzliche Abneigung gegen politische Vereinnahmungsversuche.

Für „Pro Köln“ dürfte es sich zukünftig auch als hinderlich erweisen, mit den „Coloniacs“ einen anhaltenden Gegner zu haben. Diese sind zwar nicht die dominierende Kraft des Kölner Fanlagers, doch sind sie aufgrund ihrer Einsatzbereitschaft auch außerhalb des Stadions handlungsfähig. Innerhalb des FC-Anhangs besteht weiterhin die interessante Konstellation, dass neben einer mitgliederstarken Ultra-Gruppe gleichzeitig zwei kleinere Vereinigungen existieren, von denen eine einen „antirassistischen Grundkonsens“ hat und die andere als rechtsorientiert gilt.

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