Wie viel Populismus verträgt der Fußball?
geschrieben von Daniel Mertens in Kommentare
„100 % das Spiel, 0 % Gewalt.“ Seit einigen Wochen wird dem treuen Fußballkonsumenten im Fernsehen nun bereits dieser Slogan um die Ohren gehauen. Anfangs verfolgte ich diesen Spot vor, während und nach den Live-Übertragungen eher gelangweilt, doch ich begann mich damit umso intensiver auseinanderzusetzen, je öfter ich damit penetriert wurde.
Nun ist es ja so, dass Kampagnen aufgrund bestimmter Anlässe ins Leben gerufen werden. Da sich hier gegen Gewalt im Stadion bzw. rund um den Fußball positioniert wird, muss es ja entsprechende gewalttätige Auseinandersetzungen gegeben haben, deren Folge es ist, dass sich die große Masse der Stadiongänger ihres Lebens nicht mehr sicher sein kann, wenn sie sich samstags auf den Weg in die deutschen Arenen macht.
Ich begann aufgrund dessen schließlich damit, im Internet nach einer Seite zu der Kampagne zu suchen. Ich landete auf der Seite von Sky, auf der es heißt:
„Die jüngsten Entwicklungen in den Stadien der Bundesliga und 2. Bundesliga und die darum entstandene Diskussion haben es deutlich gemacht: Die überwältigende Mehrheit der Fans wünscht sich ein sicheres und gewaltfreies Stadionerlebnis.“
Aber welche jüngsten Entwicklungen meinen die Initiatoren hier? Gewaltexzesse, an deren Ende sich Familien nicht mehr in die Stadien trauen, sind mir nicht bekannt. Es ist mir ebenso nicht bekannt, dass man diesen verängstigten potenziellen Stadionbesuchern umso mehr eine Stimme verleihen muss, um ihre Lobby zu stärken. Jeder Vater kann mit seinem Steppke an jedem Stadion der Republik in Ruhe eine Bratwurst essen und danach ohne Lebensgefahr die Drehkreuze in Richtung Tribüne passieren - es gibt faktisch keine Gefahr für Leib und Leben!!
Nun mag es möglicherweise so sein, dass einigen Fans subjektiv mulmig zumute ist, wenn sie an einen Stadionbesuch denken. Doch, wie oben bereits angedeutet, faktisch sind diese Sorgen absolut unbegründet! Woher rührt also die Gefahr? Sie rührt aus der hysterischen Medienkampagne, die seit rund anderthalb Jahren geführt wird. Die Angst ist in unsäglichen Leitartikeln und Kommentaren ahnungsloser Journalisten begründet, in den noch unqualifizierteren Forderungen abgehobener, populistischer Politiker. Dieses Gemenge an Unwissenheit, Populismus und Schlagzeilen-Hascherei ist eine Gefahr für die Bundesliga, und zwar um ein Vielfaches mehr als die nicht vorhandenen Gewaltexzesse, gegen die sich die Kampagne richtet.
Zusammengefasst drängt sich mir also zunehmend der Verdacht auf, dass sich Sky sowie die ARD, LIGA total!, SPORT1 und das ZDF - die diese Initiative alle gemeinschaftlich initiiert hatten - dem Kreuzzug des Populismus angeschlossen haben. Letztlich wenden sich die Initiatoren mit ihrer Kampagne gegen sich selbst, denn potenziell vorhandene, aber unbegründete Angst vor Gewalt haben die Initiatoren in ihrer eigenen Berichterstattung zuvor erst geschürt.
Die große Frage lautet aber nun: Wie viel Populismus verträgt der Fußball? Die Zukunft wird es uns zeigen. Bis dahin wünsche ich mir aber ein schnelles Verschwinden des unsäglichen Kampagnentrailers in den Archiven der beteiligten Medienanstalten.
Frohe Ostern!
Franz Beckenbauer, uns' Kaiser, wusste es schon 1985. Im ZDF-Sportstudio sagte er zum Thema Sportkommentare „Der Marcel Reif, der spricht wunderbare politische Kommentare, aber bitt'schön lasst ihn vom Fußball weg!“ Hätte man mal auf den guten Herrn gehört. Heute kann der Kaiser alles sagen und alles ist richtig. Wie sagt man da? Zu wenig, zu spät.
Beim absoluten Topspiel, dem DFB-Pokal Viertelfinale zwischen dem BVB und dem FC Bayern hatte die ARD einen Marktanteil von über 34%. Man kann davon ausgehen, dass bei einem solchen Marktanteil auch Zuschauer, die eigentlich Sky haben und dafür bezahlen, trotzdem aufs erste Programm umschalteten. Beim gleichen Spiel auf beiden Sendern ist der gravierende Unterschied der Kommentator – es war Marc Nathan Reif.
Beim Derby am vergangenen Wochenende hatten die Dortmunder noch „Körner im Kopf“ vom Champions League Match, Bayern spielt schonmal im „4-3-1-3 System“ und wenn man das Spiel „atemberaubend findet, hat man es an den Bronchien“. Dass Marcel Reif unkreativ ist, kann man ihm nun wirklich nicht vorwerfen, wie dringend man diese zum Teil fehlplatzierten und nichtssagenden Kommentare bei einer Übertragung braucht, lasse ich jetzt aber mal offen.
In der letzten Zeit scheinen sich die Kritiken am Kommentator linear zu den Topspielen zu erhöhen, die er kommentieren darf.
Schon seit inzwischen 27 Jahren kommentiert er. In die Geschichte ging er spätestens mit dem Zitat „Noch nie hätte ein Tor einem Spiel so gut getan wie heute “ ein, was nicht etwas von einem langweiligen Remis herrührte, sondern von der Champions League Partie des BVB gegen Real Madrid 1998 als sich eins der beiden Tore schon vor Anpfiff verabschiedete. Aus heutiger Sicht hätte ich eher einen Kommentar erwarte wie „das Tor kann das hohe Niveau dieses Spiels nicht mehr mithalten“ oder Ähnliches. Co-Kommentator war damals übrigens Günther Jauch, daran kann sich vermutlich kaum noch jemand erinnern, auch wenn beide dafür ausgezeichnet wurden. Überhaupt hat Reif schon viele Auszeichnungen für seine Kommentare erhalten – so schlimm kann er also eigentlich nicht sein. Eigentlich.
Es ist ja auch nicht so, dass Marcel Reif das Übel der Kommentatorenwelt ist, nein, wir haben noch weitere Originale. Wolf-Dieter Poschmann steht auf Verniedlichungen, da rollen die Bällchen im Spielchen. Fritz von Thurn und Taxis „geht mit der Entscheidung des Schiris“ irgendwohin und Steffen Simon kommt einem immer wieder etwas unsicher vor.
Trotzdem ist es Reif, der jede Fangemeinschaft aufstöhnen lässt, wenn sie merkt, dass er das Spiel ihrer Mannschaft kommentiert. Manche stellen dann den Kommentar stumm und hören dabei Radioberichte oder benutzen die Stadionatmo-Tonspur.
Andere wiederum suchen sich einen Kanal für ihre Meinung. Die Seite „Marcel Reif – Kommentarverbot“ hat auf Facebook über 62000 Fans, innerhalb der zwei Jahre, die sie besteht waren es zwischenzeitlich über 80000. Eine Person, die polarisiert. Er selbst findet diese Diskussionen um sich und seine Kommentare „dumpfbackig“ - nicht gerade eine Antwort, die mehr Sympathien bringt.
In einem Interview sagte mir Manni Breuckmann mal, dass man „vor jedem Spiel einen Packen mit Statistik bekommt,davon kann man vielleicht 5% nutzen. Den Rest sollte man einfach direkt in die Tonne kloppen“. Das sieht Marcel Reif definitiv nicht so. Der gewöhnliche Kommentar eines Marcel Reif sieht nämlich so aus:
Minute 1-25: statistische Daten werden nach jedem Satz eingestreut. Von der Anzahl der früheren Spiele der beiden Mannschaften bis hin zum Friseur des Innenverteidigers ist alles dabei – und natürlich hat auch irgend jemand Geburtstag.
Minute 25-45: Da jetzt ein Teil des Spiels gelaufen ist kann auch mal darüber erzählt werden, außerdem ist jetzt schon klar wer die bessere Mannschaft ist, die andere „läuft hinterher“. Außerdem gibt es ganz viel über den Schiri zu erzählen, der meistens nicht gut wegkommt.
Minute 45-70: Das Wort Kabine wird so oft benutzt, dass man ein Trinkspiel daraus machen könnte. Die Mannschaft im Rückstand wird jetzt erstmal ordentlich fertig gemacht, wir sind ja nicht zum Spaß hier.
Minute 70-90: Reif wird stiller, aber in 20 Minuten Spiel ist ja auch eigentlich nix mehr zu machen. Das Spiel wird jetzt schon zusammengefasst und wer immernoch den Kommentatorenton an hat, weil er die Atmosphäre mag,dem sei nicht nur gesagt, das es dafür eine extra Tonspur gibt, sondern auch, dass sogar Herr reif selbst desöfteren dazu auffordert, z.B. mit „Ich bin zwar nicht Peter Lustig, aber abschalten würde bei diesem Spiel jetzt trotzdem helfen.“
Es gibt da doch diesen neuen Trend, dass sich verzweifelte Menschen, die Aufmerksamkeit brauchen vor die Kamera stellen und ein „bei x Mio. Likes mach ich irgend etwas, das niemanden interessiert“- Schild hochhalten. Das fing ganz süß an mit Kindern,die einen Hund haben wollten und ist inzwischen einfach albern. Aber warum nutzt man dies nicht mal für was sinnvolles? Ich bin überzeugt, dass egal, wie viele Likes gefordert werden, um Marcel Reif nicht nur keine Dortmund.Spiele sondern einfach mal gar keine Spiele mehr kommentieren zu lassen, man würde sie zusammen kriegen.
Der von der Zeit als „Damit-kann-ich-leben-Mann“ bezeichnet wurde hat jüngst seinen Sky Vertrag bis 2016 verlängert. Dass es auf diese Meldung viele böse Kommentare gab, muss nicht noch einmal erwähnt werden. Doch es zeigt auch: Marcel Reif ist eine Kommentatoren-Instanz Und es gibt Leute, die ihn scheinbar gut finden. Oder „sie haben Körner im Kopf“.
Bild: http://pro-talents.de/
Initiative der Bundesligasender gegen Gewalt im Stadion – ernsthaftes Bestreben oder Imagekampagne?
geschrieben von Stefan Viehauser in Kommentare
Die übertragenden Sender der Fußball Bundesliga starten am 15. Januar mit einer gemeinsamen Initiative gegen Gewalt im Stadion. Der Name: "100 Prozent Das Spiel - 0 Prozent Gewalt". Nur wenige Tage, nachdem Pyrotechnik bei der Übertragung der Vierschanzentournee als Stilmittel der Stimmung gelobt wurde, während sie bei Fußballspielen als Gewalteskalation verdammt wird. Nur wenige Tage, nachdem im ARD Nachtmagazin ein langer Bericht gesendet wurde, der eingestand, dass das „Gewaltproblem“ in deutschen Stadien viel weniger dramatisch ist, als dargestellt. Wie Professor Harald Lange vom Institut für Fankultur in dem Bericht feststellt, war ein Stadionbesuch noch nie so sicher wie heute. Die Gewalt im Fußballstadion nimmt sogar ab, so der Zeithistoriker Rudolf Oswald im selben Beitrag.
Nun soll ein extra produzierter Kurzfilm der „überwältigenden Mehrheit der Fans“ eine Stimme geben. Dazu gibt es eine kontinuierliche Berichterstattung zu dem Thema, welche schon am Dienstag mit der Sondersendung „Wem gehört der Fußball?“ beginnt. Der Sender: Phoenix. Marktanteil 1%, bei den meisten deutschen Fußballfans wahrscheinlich nicht unter den ersten 30 eingespeicherten Sendern zu finden (wenn überhaupt).
Erfreulich ist die Zusammensetzung der Diskussionsrunde. So sind nicht nur der Fußball durch DFL Geschäftsführer Andreas Rettig, die Politik durch Reinhard Gall, Innenminister von Baden Württemberg, und die teilnehmenden Sender durch WDR-Sportchef Steffen Simon vertreten. Mit Philipp Markhardt, Sprecher von „ProFans“ kommt auch die Seite zu Wort, um die sich alles dreht. Dazu ist mit 11-Freunde-Chefredakteur Philipp Köster noch ein eher fannahes Medium eingeladen.
Fragwürdig ist dennoch, weshalb ein Imagefilm auf allen Sendern breit gestreut wird, die (hoffentlich) tiefer gehende Diskussion jedoch auf einen kleinen Spartensender ausgelagert wird. Es entsteht der Eindruck, dass von den Unternehmen in erster Linie ihr hochpreisig eingekauftes Produkt „Fußball“ vor Image- und somit Zuschauerverlust geschützt werden soll. Etwas mehr Relevanz der Berichterstattung und Aufklärungsarbeit wäre durchaus wünschenswert.
Ein Kommentar von Stefan Viehauser
Bildquelle: obs/Sky Deutschland
Weiterführende Links:
Terror in der Kurve - Kommentar zum Spiegel Kommentar
geschrieben von Christoph Burr in Kommentare
Man ist es ja inzwischen fast gewohnt, wenn in Zusammenhang mit Fußballspielen von „kriegsänlichen Zuständen“ gesprochen wird. Seit Sandra Maischbergers „Taliban der Fußballfans“ ist der Terrorismus auch in den deutschen Stadien medial angekommen. In der neuen Spiegel-Printausgabe wird ein Kommentar das Thema erneut anheizen. Jörg Kramer stellt dabei nicht weniger als den Wunsch nach Dialog in Frage: Er stellt den völlig sachfremden und indiskutablen Vergleich auf, dass man die "Terroristen" auch nicht nach Verbesserungsmöglichkeiten bei der Sicherheit fragen würde.
Aufhänger sind einmal mehr Ultras und deren Position zum Einsatz von Bengalos. Nun ist Pyrotechnik schon längst ein Politikum geworden, ein Thema, das wie kein anderes den Konflikt zwischen Fans und Verbänden widerspiegelt. Die Rückschlüsse, die Kramer daraus zieht, zeigen aber das eigentliche Dilemma. Solang die Debatte nicht auf eine sachliche Ebene zurückkehrt, wird es keine Beruhigung geben. Und dazu, lieber Herr Kramer, gehört nun mal auch das Gespräch miteinander. Gleiches gilt im Übrigen auch für Polizeigewerkschafter Wendt, der nicht müde wird zu betonen, wie sehr er es doch bedauere, dass Ultras nicht mit der Polizei reden. Um dann im gleichen Atemzug klarzustellen, dass es einen Dialog auf Augenhöhe nicht geben könne. Dieser Teufelskreis, die Quadratur des Kreises, wird weiter gehen, wenn sich beide Parteien weiter gegenseitig Radikalisierung vorwerfen.
Natürlich sind laut ZIS-Statistik (Zentrale Informationsstelle Sporteinsätze) die Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz um 77% gestiegen. Zur Ursache freilich sagt Kramer nichts, denn (und das stellt die ZIS in ihrem Bericht ja selbst fest) nicht zuletzt die beendeten Gespräche mit den Fans haben dazu beigetragen: „Im Anschluss daran hatte der Vorsitzende des Nationalen Ausschusses Sport und Sicherheit, (… ) gebeten, dass die einsatzführenden Polizeibehörden keine Zweifel an der klaren Absage aufkommen lassen und jeglichen Versuchen, Pyrotechnik im Stadion zuzulassen, konsequent entgegenwirken. Dieser Hinweis dürfte zu einer weiteren Intensivierung der Strafverfolgungsmaßnahmen mit der Folge eines außerordentlichen Anstieges der eingeleiteten Ermittlungsverfahren geführt haben.“ Oder kurz gesagt: Wer sucht, der findet.
Diese angebliche „Geisterdiskussion“, die im Kommentar wieder angesprochen wird („Angeblich soll ein früherer Verbandsfunktionier mal einen Kompromiss zur Pyro Frage in Aussicht gestellt haben…“) war nicht dergleichen, was sich eigentlich inzwischen auch in die Redaktionsstuben des "Spiegels" herum gesprochen haben dürfte. Wer noch nicht Bescheid weiß, darf sich gern das auf dieser Seite veröffentlichte Interview mit Helmut Spahn durchlesen. „Ich denke wir waren auf einem guten Weg“ – Solche pragmatische, an der sachlichen Auseinandersetzung orientierte Einschätzungen wären in der aktuellen Debatte sehr hilfreich, anstatt die Terror-Keule auszupacken.
An den letzten drei Spieltagen haben die Fans jeweils 12 Minuten und 12 Sekunden geschwiegen. Ein Schweigen, das bei jedem, der Fußball so liebt wie wir ihn kennen und schätzen gelernt haben, grübeln auslöst. Spieler, Funktionäre, Trainer, Medien haben erkannt: Ein solches Szenario kann man nicht wollen.
Kramer behauptet zudem: „Ultras beanspruchen für sich, die einzigen echten Fans zu sein, und halten sich für unverzichtbar“. Es sind aber, und genau deswegen wird dieser Protest der Kampagne „Ohne Stimme keine Stimmung“ auch von einer breiten Masse unterstützt, nicht nur die Ultras, welche von den Sicherheitsmaßnahmen betroffen sind. UItras alleine bringen kein Stadion mit 80.000 Zuschauern zum Schweigen. In Stuttgart wurde der Protest von der Kurve „gefordert“, obwohl es keine Vorgabe von den „Stimmungskanonen“ – den einzig wahren Fans – gab. Ein FC Bayern München, und vielleicht noch ein oder zwei weitere Vereine, werden ihr Stadion auch ohne „aktive Fanszene“ füllen und für jede Stehplatzkarte drei Sitzplatz-Interessenten finden. Bei allen anderen Clubs werden die jetzt schon sichersten Stadien der Welt womöglich leer bleiben. Im Kommentar heißt es "Keiner würde sie vermissen" Die Wahrheit ist aber, ob mit oder ohne Ultras: Ohne Stimme wird man die Stimmung vermissen.
In der arabischen Welt wird der Wunsch nach Mitsprache von den westlichen Medien als streben nach Demokratie gefeiert. Wo, wenn nicht in einer Demokratie selbst, sollte es möglich sein gemeinsam an einem Tisch über Lösungen zu sprechen. In vielen Vereinen wird das vor Ort mit der Fanszene – auch mit Ultras – gemacht. Mit Erfolg. „Natürlich sind Fans keine Terroristen“ – Was soll dann bitte dieser Kommentar, Herr Kramer?
Pyrotechnik ist kein Vebrechen, aber...
geschrieben von Christoph Burr in Kommentare
Auch gestern hallte es zu Spielbeginn durch das Stadion. Düsseldorfer Fans erwiderten mit „Pyrotechnik ist kein Verbrechen“ Sprechchören die Pyro-Aktion der Gäste aus Hamburg. Wenige Minuten später blieb dieser Satz dann wohl manchem im Hals stecken. Plötzlich brannten nicht nur die Fackeln sondern ein Plakat sowie die am Zaun angebrachten Zaunfahnen der HSV-Ultras.
Auch wenn es leichte Verletzte gab, angesichts eines vollen Gästeblocks nochmal Glück gehabt. Folgenlos wird die Aktion so oder so nicht bleiben. Neben den üblichen Strafen für den Hamburger Sportverein wird die Debatte um Stadionsicherheit seit gestern durch einen neuen Fakt befeuert: Das Pyrotechnik unter den gegebenen Umständen eben nicht risikofrei eingesetzt werden kann. Was Sicherheitsbehörden, Verbände und Politik schon lange sagen, müssen auch die Anhänger der Feuerkunst eingestehen. Nun kann man sagen: Seit dem Vorfall Anfang 2010 in Bochum, wo durch den Einsatz von Pyrotechnik ein Nürnberger Fan im Gästeblock durch Pyrotechnik schwer verletzt wurde, ist bisher nichts mehr passiert. Seit gestern ziemlich schwaches Argument.
Was als Argument bleibt: Wenn ein legaler, kontrollierter Einsatz möglich wäre, kann so etwas wie in Nürnberg oder nun in Düsseldorf nicht passiert. Wenn das Wörtchen wenn nicht wäre…. Vom Anliegen der Kampagne „Pyrotechnik legalisieren – Emotionen respektieren“ ist man wohl noch nie so weit weg gewesen wie dieser Tage. So legitim das Bestreben der Kampagne ist, die Erfolgsaussichten gehen nicht erst seit gestern gegen null. Als Fan muss man fast froh sein, wenn der aktuelle Status in deutschen Stadien erhalten bleibt und nicht weiter beschränkt wird. Weniger Stehplätze, weiter steigende Kartenpreise und verringertes Gästekontingent wären erste Auswirkungen die alle Zuschauer zu spüren bekommen würden. Vielleicht ganz gut das die aktive Fan bzw. Ultrasszene eine neue gemeinsame Kampagne initiiert hat. 12:12 – Ohne Stimme keine Stimmung. Man möchte Druck ausüben und Einigkeit zeigen wenn es darum geht das Ansinnen von Politik und DFL zu verhindern, unter dem Deckmantel „Stadionsicherheit“ weitere Beschränkungen für die aktive Fanszene durchzusetzen. Bis zum 12. Dezember möchte man in und um die deutsche Stadien Aufklärungsarbeit leisten und in verschiedenen lokalen Aktionsformen für die eigenen Anliegen werben. „DFL Papier ablehnen“ prangte groß an der Brüstung des Oberrangs über dem Gästeblock. So gesehen war die Pyro-Aktion in Düsseldorf wohl auch als Protestaktion gegen das DFL-Papier zu verstehen. An diesem Wochenende startet die Aktion offiziell: Die Hamburger Szene hat dazu direkt einen negativen Beitrag beigesteuert.
Womöglich haben die Hamburger Pyro-Aktivisten bewusst versucht, ihr Anliegen mit einigen roten Fackeln zu untermauern. Vermutlich in der sicheren Annahme, das nichts schief geht. Nun muss man sich mit den Konsequenzen auseinander setzen. Das die Zaunfahne der Chosen Few mit in Rauch aufging und von den Düsseldorfern hämisch besungen wurde, darf dabei nur Nebensache sein.
Pyrotechnik ist kein Verbrechen, aber verboten. Und wer unter dieser Voraussetzung nicht für einen verantwortungsvollen Einsatz sorgen kann, der muss darauf verzichten. Diese Konsequenz sollten die beteiligten Gruppen aus Hamburg ziehen - und nicht nur in Hamburg.
Im Übrigen: Auf dem Plakat vor dem Block stand „Lasst uns ein Spiel spielen“ Das Spiel dauerte wenige Sekunden und ging verloren. Selten dämlich.
Fränkisch – Bayerisches Derby: Ein Zwischenruf
geschrieben von Julius Wiechmann in Kommentare
von unserem Autor Julius Wiechmann
Bayern-Derby. Der Glubb gegen die Bayern. Ein brisantes Spiel. Die Schickeria München ist zu Gast bei den Ultras Nürnberg. Ein Spiel, das Spannung verspricht. Im Vorfeld haben der kürzlich wiedergewählte Bayern-Präsident Uli Hoeneß wie auch Kapitän Lahm und Sportdirektor Sammer dazu aufgerufen, auf pyrotechnische Gegenstände zu verzichten. Gebracht hat der Appell scheinbar nichts. Bereits kurz vor Anpfiff brennt und raucht es im Münchner Block. Gerade der Verein, der Verein, der den Richtlinien des Papiers „Sicherer Stadionbesuch“, das auch die rigorose Ablehnung von Pyrotechnik beinhaltet, scheint einen Teil seiner Fans nicht im Griff zu haben. Hoeneß und Co. Möchten das Image eines Vereins pflegen, der über eine selber aufgebaute, starke Wirtschaftskraft verfügt und der dank seiner vorbildlichen Fans in Europa und der Bundesliga immer gern gesehen ist. Das scheint nur bedingt zu klappen.
Was nicht passt, wird passend gemacht
geschrieben von Christoph Burr in Kommentare
Der FC Bayern hat es also geschafft. Er hat zwei Zelte aufgestellt und damit eindrucksvoll bewiesen wie Stadionsicherheit im Jahr 2012 funktioniert. Nichts ist passiert, beim Hochsicherheitsspiel gegen die Eintracht aus Frankfurt. Nicht mal von Wunderkerze im Stadioninnenraum ist die Rede. Folgerichtig verkündet der Vorzeigeverein aus Bayern auf seiner Webseite die erfolgreiche Durchführung der Maßnahmen und ist stolz wie Bolle ob des Lobs durch die DFB-Sicherheitsaufsicht in Person von Kurt Benisch, der „die Maßnahme begleitet, protokolliert und für gut befunden.“ hat. Und obendrauf noch ein Schreiben von Polizeivizepräsidenten Robert Kopp, für den der Samstag ein erneuter Beleg dafür ist, „dass der FC Bayern München seiner Verantwortung für die Gewährleistung des sicheren Verlaufs von Fußballspielen nachkommt.“ Glückwunsch FC Bayern - wir gratulieren!
Zu was eigentlich? Dazu, dass man es geschafft hat ohne Not Öl ins Feuer zu gießen? Dazu, dass man es einmal mehr geschafft hat zu zeigen, dass dem FC Bayern an Fans mit eigener Meinung nichts zu liegen scheint - man es gar für angemessen hält offizielle Stellen des gegnerischen Vereins zu ignorieren.
Die Maßnahmen seien ein Erfolg, weil man es geschafft hat die Sicherheit von 71.000 Zuschauern zu gewährleisten. Ich fall vom Hocker! Mord und Totschlag in allen anderen Stadien, aber zwei Zelte und beim FC Bayern herrscht Sicherheit. Und damit die Aktion auch erfolgreich wird, verzichtete man im Vorfeld auf die Einbindung von Fanbetreuung und Sicherheitsbeauftragten aus Frankfurt. Wehrmutstropfen: Die schlauen Hessen haben davon durch Zufall mitbekommen und wollten darüber reden. „Was reden?! A geh… mia san mia“ *tut tut tut* *aufgelegt* Dialog Fehlanzeige. Dass die Eintracht-Verantwortlichen sich vor Ort darum bemühten, die Untersuchungen im Zelt zu verfolgen. Lästig! Unerwünscht! Allein die Tatsache, dass man sich zu den „Boykotteuren“ stellte, Majestätsbeleidigung im Freistaat Bayern. Die Staatsanwaltschaft scheinbar verwundert, ob des Verhaltens. Tja ihr Bayern, in Frankfurt kümmert man sich wohl um seinen Anhang.
20 Messer, 2 Schlagstöcke, 1 Schlagring, 1 Sturmhaube, Pfefferspray und Kokain. Das ist die Bilanz von Samstag. Nun muss man klar festhalten: Wer sich mit derartigen Gegenständen in Richtung eines Fußball-Stadions begibt, braucht kein Zelt, sondern andere geschlossene Einrichtungen. Und beim ersten Lesen der Pressemitteilung des FC Bayern könnte man tatsächlich denken: „Gott sei danke haben sie Zelten aufgebaut um das Zeug zu finden.“ Aber man könnte sich auch Fragen: „Was zum Geier machen den die Ordnungsdienste falsch, wenn solche Utensilien erst im Zelt gefunden werden.“ Alles einer Frage der Sichtweise. Die zweite Meinung fällt aus, wäre sie doch ein Armutszeugnis für den FC Bayern München.
Der FC Bayern jedenfalls verkauft die Aktion als Erfolg. Nur jetzt wird’s ganz dumm. Nichts davon wurde in den extra aufgebauten Zelten gefunden. Ja Sakrament! Schlagstöcke, Schlagring, Sturmhaube und Sprays gehen laut Polizei auf eine Vorkontrolle von vier PKW Insassen an einem Rastplatz zurück. Die Messer tauchen im Polizeibericht nicht mal auf. Bayern München erklärte, die Messer seien im ganzen Stadionumfeld gefunden worden. Wo genau, könne man nun auch nicht mehr sagen.
Wozu also all der Terz? Wozu diese Provokation? Wozu all das, was Vereins- und Fanvertreter in der Diskussion rund um das Sicherheitspapier gefordert haben, mit Füßen treten? Wegen der Erkenntnis, dass ja alles Problemlos ablief und „nur“ rund 250 Fans vor den Stadiontoren blieben. Ja, liebe Bayern – die geringe Solidarität des Frankfurter Anhangs ist sicher für kommende Aktionen ein Erkenntnisgewinn und aus eurer Sicht – und derer der Sicherheits-Hardliner – als Erfolg zu werten. Eure Versuche es schön zu schreiben, sind aber einfach nur als kläglich zu bezeichnen. Was nicht passt, wird passend gemacht? Wenn ich einen Tipp geben darf: Macht euren Umgang mit Fans mal passend, der passt nämlich zur Zeit gar nicht. Am Donnerstag ist Eure Jahreshauptversammlung: Vielleicht beginnt da der Dialog. Wobei.. vielleicht geht eurem Uli H. bei Fan-Themen wieder das Messer in der Hose auf. Vielleicht eines der 20, die man im Stadionumfeld aufgesammelt hat. Passt scho!
Am Spielfeld