Nachdem uns Susanne die rechtliche Situation dargestellt hat, kommen wir in der Reihe „Gesellschaft und Fankultur“ nun zur Politik.
„Politik“ passiert immer dann, wenn eine Autorität einer Gesellschaft, die ihr untersteht, Werte vermittelt und Werte verteilt (Wikipedia). Was hat Fußball mit Politik zu tun? Es ist noch gar nicht so lange her, da sagten wir wie aus meinem Mund: „Nüscht!!!“. Im letzten halben Jahr haben wir dann aber das Wort „Politik“ ziemlich oft in den Mund genommen. Es scheint, als habe Fußball mehr mit Politik zu tun, als man das spontan meinen und wünschen könnte.
Was gehört zur „Politik“? Da ist eine „Autorität“, eine Führung. Allgemein verstehen wir darunter die Institutionen, Inhalte und Maßnahmen zur Lenkung einer Gesellschaft betreffen – „das Parlament“, „die Verwaltung“, „die Gerichte“, usw. Die „Gesellschaft“ ist der nächste Teil von „Politik“. Das sind diejenigen Leute und Güter, für die die „Autorität“ zuständig ist – „wir“, „das Volk“, „das Land“, „der Staat“, die „Infrastruktur“ usw. Die Autorität steuert die Gesellschaft durch Vermittlung und Verteilung von „Werten“. Diese können materiell sein , z.B. Geld, oder immateriell, wie z.B. „life, liberty and the pursuit of happiness“.
Die Autorität stellt die Regeln für das Zusammenleben der Gesellschaft auf und erwartet, daß diese sich an die Regeln hält. Dabei gewährt sie eine Menge Freiheiten, läßt aber durchgreifen, wenn ihre Regeln übertreten werden. Die Gesellschaft erwartet von der Autorität, daß sie das Zusammenleben in ihrem Sinne regelt, dazu wählt sie eigene Vertreter in die Autorität. Außerdem erwartet die Gesellschaft, daß die Autorität ihr ein geordnetes, sicheres und sorgenfreies Leben ermöglicht, in dem sie sich mit so wenig Einschränkung wie möglich entfalten kann, auch was Einschränkungen durch die Autorität betrifft.
Die Herausforderung einer jeden Politik liegt also darin, die perfekte Balance zwischen folgenden Fragen zu finden:
- Wie weit kann die Gesellschaft ihre Freiheiten ausleben, ohne daß sie sich untereinander gefährdet?
- Wo fängt die Entfaltung der Gesellschaft an, gegen die Regeln der Autorität zu verstoßen?
- Wo fangen die Werte und Regeln der Autorität an, die Entfaltung der Gesellschaft zu beeinträchtigen?
- Wann und wie sollte, wann und wie muß die Autorität eingreifen?
Zu 1.)
Fußballfans wollen auf den Tribünen mitfiebern. Sie wollen ihre Leidenschaft für den Verein ausleben. Sie wollen sich Ausgleich zum geregelten Alltag verschaffen. Sie wollen, wie Franz-Josef Degenhardt es ausdrückte, „im Chor die Worte röhren, die im Gottesdienst nur stören“. Das Stadion ist für Fans ein Ort der erlaubten Anarchie und damit eine politikfreie Zone. Fans sehen in der Kurve zunächst keine gegenseitige Gefährdung. Gewalt wird mit überwiegender Mehrheit abgelehnt. Man setzt bei Konflikten auf die Selbstreinigungskraft der Fanszene. Spätestens die rege Beteiligung an der Initiative „Ich fühl‘ mich sicher“ hat gezeigt, daß unter den Fans kein Gefühl der Gefährdung herrscht. Allerdings ist es eben die Anarchie, die Fußballfans ein Image als Rüpel, Schläger oder Prolls einbringt. Anarchie ist nicht mit den Vorstellungen einer Gesellschaft vereinbar, die ein möglichst geregeltes Leben wünscht. Und es herrschen latente Gefahren auf den Tribünen. Zwei Beispiele: Wo viele Menschen eng beinander sind, besteht immer ein Risiko der Massenpanik. Wo so viel Adrenalin – gerne in Kombination mit Alkohol - im Spiel ist, besteht immer das Risiko fliegender Fäuste.
Zu 2.)
Die „politischen Autoritäten“ für Fußballfans sind neben den gewählten Volksvertretern auch die Verbände, die Vereine und die Wirtschaft. Die Volksvertreter, „Politiker“, regeln das allgemeine Zusammenleben durch das Aufstellen und Verabschieden von Rechtsvorschriften. Die Verbände und Vereine regeln neben dem Spielbetrieb auch das „Stadionerlebnis“ (das Wort ist auf den zweiten Blick sehr anschaulich!). Die Wirtschaft finanziert die Infrastruktur des Sports, fordert im Gegenzug die Aufteilung von Spieltagen und „Klatschpappen-Sponsoring“. Fußballfans verstoßen dann gegen diese „Werte“, sobald sie diesen nicht mehr entsprechen oder die Regeln übertreten. Das ist zum Beispiel dann der Fall, wenn Straftaten begangen werden, gegen Pyroverbote verstoßen wird oder eine Choreo nicht fernsehtauglich ist.
Zu 3.)
Und genau in diesen Zusammenhang ist auch eine gewisse Politisierung der Fans festzustellen. Wenn Fans die Kurve als politikenfreien Raum der Anarchie begreifen, ist klar, daß jede Form der „Einmischung“ von außen, geschweigedenn eine Reglementierung, als Beschränkung der eigenen Entfaltung verstanden wird. Mittlerweile haben wir die Leidenschaft für den Verein und das Ausleben unserer Emotionen zu politischen Werten gemacht. Die deutlichen Äußerungen gegen die Kommerzialisierung des Fußballs, die „12doppelpunkt12“- Aktion und vieles mehr sind Ausdruck einer Politik des Protestes. Schon am Namen der Initiative „Emotionen respektieren – Pyrotechnik legalisieren“ wird das sehr deutlich. Der Einsatz von Pyrotechnik sagt sowieso eine Menge darüber aus: War sie früher Ausdruck und Emphase der Emotion, ist sie heute ein bewußt gewähltes Mittel der Auflehnung.
Zu 4.)
Die Allgemeinheit bekommt zur besten Sendezeit „Gewalt“, „Chaotentum“ und „Taliban des Fußballs“ präsentiert. Ihre Vorstellung vom möglichst geregelten Leben, das den „Volkssport Nr.1“ natürlich mit einschließt, wird mit einer Bedrohung konfrontiert. Mögen die Medien die Realität in diesem Zusammenhang auch gewaltig strapazieren- Fußballfans sind gegenwärtig im Fokus einer nicht unbedingt wohlgesinnten Öffentlichkeit. Und diese tut, was sie immer tut, wenn sie sich bedroht fühlt: Sie fordert von der gewählten Autorität, neben Arbeitsplätzen, sauberem Strom, sicheren Renten und Zahnersatz auch Sicherheit und Ordnung zu garantieren. Unter öffentlichem und medialen Druck formulierten die Innenminister der Länder einen Handlungskatalog an den Profifußball, den Innenminister Friedrich als „klares Handlungssignal“ verstanden wissen wollte. Konsequenz war das „Sichere Stadionerlebnis“. In der Theorie ist die Frage, wann und welchen Mitteln einzugreifen ist, leicht zu beantworten: Es muß mit geeigneten Mitteln ein Rahmen geschaffen werden, in dem Fußballgucken möglich ist, ohne daß sich die Besucher gegenseitig gefährden. Vor allem krankt es an den geeigneten Mitteln: Die Verhältnismäßigkeit von Geisterspielen, beschränkten Kartenkontigenten, Pyrohunden und „Partyzelten“ wird lang diskutiert und zurecht kritisiert.
Abschließend ist zu sagen, daß eine „perfekte Balance“ zwischen etablierter Politik und Fanpolitik zum gegenwärtigen Stand und mit den gegenwärtig auf allen Seiten eingesetzten Mitteln nicht zu finden ist. Es ist allen Seiten Augenmaß und Fingerspitzengefühl zu wünschen, ohne daß man sich gegenseitig zu „Chaoten“ und „Unterdrückern“ abstempelt. Keinesfalls zu wünschen ist, daß das im Moment so herrlich populistische Thema „Fußballfans“ zum Wahlkampfthema wird. Es ist auf dem besten Wege dazu. Wie sonst erkläre ich mir den „Sicherheitseuro“ des Herrn Bouffier? Wie sonst erkläre ich mir die plötzliche Solidarität der Grünen, deren zentrale politsche Inhalte nun wirklich gar nichts mit Fußballfans zu tun haben? Wie erkläre ich mir, daß bürgerliche Parteien am lautesten gegen „Anarchie“ wettern? Wie erkläre ich mir, daß die Linke Fußballfans auf einmal in ihre „solidargemeinschaftliche Basis“ aufnimmt?
Mal ehrlich, liebe Politik, liebe Gesellschaft, liebe Fans: Wir haben wichtigere Probleme. Zum Beispiel, daß auch die Neobraunen bei uns auf Stimmenfang gehen.
Im nächsten Beitrag bringt Nena Euch ein Thema näher, das wie wohl kein zweites im Zusammenhang mit „Fußball als Spiegel der Gesellschaft“ diskutiert wird: Die „Gewalt“.
Am Spielfeld