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Dienstag, 13 Mai 2014 12:55

„Pro Köln“, der Aufstieg des 1. FC Köln und ein Instrumentalisierungsversuch

geschrieben von  Elmar Vieregge

Coloniacs SpuckiNach zweijähriger Abstinenz ist dem 1. FC Köln der Wiederaufstieg in die Bundesliga gelungen. Das Ereignis versetzte zunächst die Domstadt in Hochstimmung, verleitete dann aber auch die Vereinigung „Pro Köln“ dazu, den sportlichen Erfolg des Vereins für den eigenen Kommunalwahlkampf zu missbrauchen. Diese Maßnahme erweckte zwar die erwartete Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit, führte aber nicht nur zu einem Protest des Clubs, sondern auch zu einer heftigen Reaktion einer seiner Ultra-Gruppen.

Der diesjährige Endspurt der 2. Bundesliga entwickelte sich für den rheinischen Traditionsverein nach einer souverän gespielten Saison aufgrund des vorzeitig feststehenden Aufstiegs zu einer entspannten Angelegenheit. Die dadurch ausgelöste Euphorie war,  aufgrund der erheblichen Bedeutung der „Geißböcke“ für das lokale Seelenleben, in der gesamten Stadt zu spüren. Unter den aus allen gesellschaftlichen Bereichen eingehenden Glückwünschen befand auch eine am 22. April veröffentlichte Grußbotschaft des „Pro Köln“-Vorsitzenden Markus Beisicht.

Offensivbemühung von „Pro Köln“

Beisicht beließ es allerdings nicht bei einer reinen Sympathiebekundung, sondern zog eine Verbindung zuwischen dem Aufstieg und dem eigenen Wahlkampf, indem er erklärte:

 

„Was nun sportlich im Bereich des Fußballs erreicht wurde, können die Kölner Wähler am 25. Mai auch politisch schaffen: mit einer Stimme für PRO KÖLN die Domstadt endlich auch politisch wieder in die Erstklassigkeit führen.“

http://pro-koeln.org/koeln-jetzt-auch-politisch-wieder-in-die-erstklassigkeit-fuehren/

Mit dieser Erklärung versuchte die Vereinigung auf eine plumpe Weise an den Triumph des Vereins anzudocken. Sie ist ein weiteres Beispiel für ihre übliche Vorgehensweise, mit provokanten Verlautbarungen die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit wecken. Das erfolgte etwa 2013 durch die später zurückgezogene Anmeldung einer Teilnahme an der „Christopher-Street-Day“-Parade oder aktuell durch die ebenfalls später zurückgenommene Ankündigung eines Wahlkampfstandes in der Nähe der 2004 von einem rechtsterroristischen Bombenanschlag betroffenen Keupstraße. Im Fall des FC setze dann auch die zu erwartende Berichterstattung der Medien ein.

Konter des 1. FC Köln

 

Allerdings reagierte nicht nur die Presse, sondern auch der 1. FC Köln. Der Club veröffentlichte am 24. April eine Gegenerklärung auf seiner Homepage, in der er auf seine offene, tolerante und parteipolitisch neutrale Grundhaltung verwies. Ferner hieß es:

„Über den Missbrauch unseres Erfolgs für eine Wahlkampfbotschaft sind wir empört. Der Aufstieg ist eine Leistung des Clubs.  … Dem Versuch, sich als Trittbrettfahrer von diesem Erfolg zu Zielen tragen zu lassen, die mit dem 1. FC Köln und seinen Werten nichts zu tun haben, erteilen wir eine eindeutige Absage.“

http://www.fc-koeln.de/news/club/detailansicht/?tx_ttnews[tt_news]=7622&cHasch=731910e7a08c0f40198407b9d9f13f09

Kurvenaktion der „Coloniacs“

Bereits durch die Maßnahme des Vereins war „Pro Köln“ mit einer gegen sie gerichteten Reaktion konfrontiert. Doch es blieb nicht bei dabei, denn auch eine Formation aus dem aktivsten Teil der Vereinsanhängerschaft wurde aktiv. Es waren die linksorientierten „Coloniacs“. Sie sind eine von drei die Stimmung in der Fankurve prägenden „Ultra-Gruppen“. Von diesen ist die „Wilde Horde“ die älteste, personalstärkste und somit einflussreichste Organisation. Daneben besteht mit den „Boyz“ eine deutlich kleinere, unter anderem wegen ihrer Verbindung zu den Dortmunder „Desperados“ als rechtsorientiert geltende Truppe. Am 4. Mai nutze die ebenfalls kleinere Gruppe „Coloniacs“ das Heimspiel gegen den FC St. Pauli für eine spezielle Form des Protests. Dazu hielten ihre Angehörigen zunächst dutzende zuvor gestohlene Wahlplakate von „Pro Köln“ in die Höhe. Daraufhin zerstörten sie die Werbemittel vor den Augen der Spielbetrachter, wobei im Stadion „Nazis raus!“-Rufe deutlich vernehmbar waren. Parallel dazu brachten sie hinter dem Tor Spruchbänder mit den Aufschriften an:

 „Diese Stadt und diese Kurve bleiben Multikulti! Pro Köln verpiss dich!!!“

„Scheiss Pro Köln!! Brauner Müll!!“

http://www.coloniacs.com/?page_id=2681 (Bilder 31/51, 33/51, 34/51, 37/51)

Um mögliche Unklarheiten auszuschließen, flankierten die „Coloniacs“ ihre Aktion mit einer Erklärung. In ihr beklagten sie sowohl den Missbrauch des „geliebten Fußballclub(s)“ als auch eine „rassistische Hetze“, der sie sich als „Ultrà-Gruppe mit einem antirassistischen Grundkonsens entschieden entgegen(stellen).“ Darüber hinaus kündigten sie weitere Maßnahmen an, forderten ihre Anhänger zu Aktivitäten auf und äußerten gegenüber den „Pro Köln“-Angehörigen:

„Ihr seid für uns als Coloniacs die Schande unserer Stadt. Euer braunes Geschwafel repräsentiert eine Minderheit von Verlierern und kaputten Köpfen. Euer armseliger Hass wird niemals siegen. Wir werden erst aufhören Euch zu bekämpfen, wenn Ihr euch verpisst habt!“

http://www.coloniacs.com?p=4580#more-4580

Nachspielzeit für „Pro Köln“

Auf die Kurvenaktion reagierte am 7. Mai wiederum „Pro Köln“ mit einer Verlautbarung, in der sie „dutzendfachen Diebstahl und Sachbeschädigung von PRO-Wahlplakaten“ beklagte und bekundete, Anzeige gestellt zu haben. Während die Vereinigung dabei nicht auf die deutlich ablehnende Reaktion des 1. FC einging, behauptete sie, „Dutzende von positiven E-Mails und Anrufen von FC KÖLN-Fans erhalten“ zu haben.

http://pro-koeln.org/ein-rot-weisser-schal-macht-aus-einem-asozialen-linken-straftaeter-noch-lange-keinen-fussballfan/

Spielanalyse

Die Grußbotschaft von „Pro Köln“ war nicht nur eine für sie typische Propagandaaktion, sondern auch ein Versuch der Instrumentalisierung des Fußballs. Wie bei vergleichbaren Aktionen genügte eine einfache Verlautbarung, um eine Reaktion der Medien hervorzurufen. Dabei ging die Vereinigung wohl nach dem Prinzip vor, dass auch ablehnende Berichte gute Berichte sein können, sofern man dadurch in die Schlagzeilen gerät. Im Fall des 1. FC Köln erfolgte jedoch eine deutliche Zurückweisung durch den Großverein, die sicherlich nicht zu einer Verbesserung des Ansehens der Vereinigung unter breiten Kreisen der örtlichen Wahlbevölkerung geführt hat. Verschärfend wirkte sich die Kurvenaktion der Ultras aus. Die Kombination beider Maßnahmen bewirkte innerhalb der sich im sechsstelligen Bereich befindenden Masse der FC-Anhänger eine propagandistische Niederlage, bei der „Pro Köln“ lediglich eine Selbstdarstellung als Opfer „asoziale(r) linke(r) Straftäter“ blieb. Dabei dürfte der Verweis auf das durch Diebstahl und Sachbeschädigung erfolgte strafbare Verhalten der „Coloniacs“ nicht nur der überwiegenden Mehrheit der FC-Anhänger, sondern auch der großen Mehrheit der Fans anderer Vereine egal sein. Zu groß ist in der deutschen Fanszene die grundsätzliche Abneigung gegen politische Vereinnahmungsversuche.

Für „Pro Köln“ dürfte es sich zukünftig auch als hinderlich erweisen, mit den „Coloniacs“ einen anhaltenden Gegner zu haben. Diese sind zwar nicht die dominierende Kraft des Kölner Fanlagers, doch sind sie aufgrund ihrer Einsatzbereitschaft auch außerhalb des Stadions handlungsfähig. Innerhalb des FC-Anhangs besteht weiterhin die interessante Konstellation, dass neben einer mitgliederstarken Ultra-Gruppe gleichzeitig zwei kleinere Vereinigungen existieren, von denen eine einen „antirassistischen Grundkonsens“ hat und die andere als rechtsorientiert gilt.

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