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Sonntag, 16 Februar 2014 21:36

Manchester United - Willkommen im „Megastore“

geschrieben von  Elmar Vieregge

manu old trafford

Als der US-amerikanische Milliardär Malcolm Glazer 2005 den nordenglischen Großverein Manchester United aufkaufte, war dies mehr als die Übernahme durch einen finanzstarken Investor. Es war eine Zeitenwende, denn der von breiten Bevölkerungskreisen des einstigen Zentrums der Industrialisierung getragene Traditionsclub wurde zu einem weltweit vermarkteten Fußballunternehmen. Es festigte zwar mit einen finanziellen Möglichkeiten einen führenden Platz im Weltfußball, doch erfolgte dies auf Kosten sozial schwächerer sowie unangepasster Fans, die durch verteuerte Eintrittskarten und verschärfte Vorschriften aus dem Stadion von Old Trafford verdrängt wurden.

Die Umgestaltung des Vereins fiel mit einer Neugestaltung der gesamten Stadt Manchester zusammen. Deren von industriellem Niedergang und einem 1996 verübten IRA-Bombenschlag gezeichnete Innenstadt wandelte sich in eine von moderner Architektur, Finanzbetrieben und einer riesigen Shoppingmall geprägte City, die international Touristen anzieht. Die Entwicklung schloss auch in der Umgebung von Old Trafford ein, insbesondere die nördlich gelegenen Salford Quays. Der ehemalige Binnenhafen ist mit einer neu errichteten Einkaufsmall, einem BBC-Sendezentrum und dem Imperial War Museum North ein anschauliches Beispiel für den Verlust des industriellen Rückgrats Nordenglands, aber auch für die mit großen Investitionen betriebene Modernisierung.

manu gegengerade

In diesem Rahmen bildet das unter der Bezeichnung „Theatre of Dreams“ bekannte Stadion eine feste Größe der florierenden Tourismuswirtschaft der Stadt. Deren Betereiber bieten für etwa 20 Euro kombinierte Stadionführungen und Museumsbesuche an, deren Charakter dem Geist der neuen Zeit entsprechen. Während der Bau den Besucher mit seinen Tribünen und einem Fassungsvermögen von ca. 76.000 Zuschauern beeindruckt, herrscht bei den Rundgängen eine spezielle Atmosphäre. Dazu tragen dezent anwesende Security-Kräfte sowie Hinweise auf Konsequenzen bei etwaigem Fehlverhalten bei. Dem geschäftsmäßigen Ablauf entsprechend ist der Presseraum mit einer Figur des Trainers Alex Ferguson ausgestattet, mit der man sich gegen eine Sonderzahlung fotografieren lassen kann. Auf die globale Bedeutung der Unternehmung weisen die Zusammensetzung mancher Besuchergruppe sowie die Haltung vieler Gäste zum Fußball hin. So kann es passieren, dass man sich inmitten von Besuchern befindet, die zu erheblichen Teilen aus Indien, Singapur oder China stammen, nach eigenen Angaben keinen Fußballverein unterstützen und den Eindruck erwecken, als haben sie lediglich einen Abstecher vom innenstädtischen Shopping unternommen. Dazu passt, dass die Tour - kaufmännisch geschickt - im „Megastore“ genannten Vereinsladen endet.

Einen ebenso professionellen Stil wie der Tourbetrieb hat das Museum. Es thematisiert unter anderem den 6. Februar 1958, als mehrere Spieler bei einem Flugzeugabsturz in München starben, und enthält unter anderem einem Trophäenraum sowie einen sich mit dem einstigen Starspieler David Beckham beschäftigenden Sonderraum. In der Gesamtanlage beschränkt sich das Museum auf die reine Präsentation der Vereinsgeschichte und hat einen unkritischen Charakter. Dadurch wurde die Chance vertan, sich mit Aspekten des modernen Fußballs zu beschäftigen, zu dessen Entwicklung Manchester United entschieden beigetragen hat. So hätte etwa das Engagement Glazers eine Betrachtung aus verschiedenen Blickwinkeln verdient gehabt, die einerseits die ihm entgegengebrachten Anfeindungen thematisiert hätte, andererseits aber auch die Bedingungen, denen der Profifußball in einer kapitalistischen Gesellschaft unterliegt. In diesem Zusammenhang hätte man problematisierten können, welche Voraussetzungen für die Aufrechterhaltung einer internationalen Konkurrenzfähigkeit im Spitzensegment erfüllt ein müssen und inwieweit Investoren im wirtschaftlichen Wettbewerb der Großvereine unerlässlich sind. Voraussetzung dafür wäre allerdings eine gewisse Souveränität gewesen. Manchester United hat diese leider nicht.

Auf den stattdessen heute in Old Trafford herrschenden Stil weist auch der Umstand, dass man im Stadion Haftzellen unterhält, die für zwei Arten unauffälliger Personen gedacht sind. Eine sind Gewalttäter, was sich von selbst versteht. Die andere offenbar als besondere Gefahr angesehene Gruppe sind hingegen Angetrunkene. Damit diese in der neuen Fußballwelt keinen Spielbetrachter beinträchtigen, herrscht auch in den Straßen der Umgebung ein öffentliches Alkoholkonsumverbot. Im Kontrast zum neuen Stil erinnern eine Gedenkstätte sowie eine alte Stadionuhr an die Vergangenheit. Sie zeigt die Uhrzeit des Flugzeugabsturzes von München an und erinnert auch an die wechselvolle Geschichte des Clubs, der in kurzer Zeit einen weiten Weg zurückgelegt hat, um das zu werden, was er heute ist. Zwar beziehen sich die neuen Verantwortlichen den Verein dadurch auf die Vergangenheit, doch beim Blick auf die Uhr wird deutlich: Vorbei, ist vorbei, ist vorbei.

manu munchen uhr

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