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Donnerstag, 23 Januar 2014 21:43

Die Fußball-Schlägerei vom Kölner Rudolfplatz …

geschrieben von  Elmar Vieregge

Rudolfplatz

Am 18. Januar 2014 kam es in der Kölner Innenstadt vor einem Testspiel zwischen dem 1. FC Köln und Schalke 04 zu einer von etwa 200 Personen geführten Schlägerei, bei der ein Beteiligter beinahe sein Leben verlor. Das Ereignis wies mehrere ungewöhnliche Aspekte auf. Dazu gehörte nicht nur, dass sich offenbar Ultras an einer Hooligan-Auseinandersetzung beteiligten, sondern dass mit den Schalkern verfeindete Dortmunder an der Seite befreundeter Kölner losschlugen.

Letzteres führte unter anderem dazu, dass ein Pressesprecher der Polizei seine Verwunderung über die Beteiligung der Dortmunder äußerte. Diese Aussage überraschte wiederum manch einen Fußballanhänger, denn die vom 1. FC Köln erfolgte Ansetzung eines „Freundschaftsspiels“ gegen Schalke 04 beinhaltete von vornherein ein erhöhtes Risiko. Es begründete sich aus einer freundschaftlichen Verbindung der Kölner Ultra-Gruppe „Boyz“ mit der Dortmunder Ultra-Gruppe „Desperados“ sowie dem Umstand, dass beiden Zusammenschlüssen rechtsextremistische Tendenzen nachgesagt werden. Darüber hinaus war es im Verlauf eines im vergangenen Oktober in Gelsenkirchen ausgetragenen Revierderbys zu erheblichen Ausschreitungen Dortmunder Fans gekommen. Vor diesem Hintergrund mussten nicht nur eingeweihte Erlebnisorientierte mit einem gewalttätigen Aufeinandertreffen verfeindeter Vereinsanhänger rechnen.

Wer sich am Vormittag des 18. Januar im Kölner Zentrum aufhielt, konnte eine Polizeipräsenz feststellen, die in ihrer Stärke nicht dem Testspielbetrieb, sondern brisanten Bundesligabegegnungen entsprach. So sicherten mit Köperschutz ausgestattete Bundespolizisten den Hauptbahnhof und hielten in dessen für schnelle Gruppenbewegungen geeigneten Seitengang so genannte Hamburger Gitter als Absperrmittel bereit. Auf dem Bahnhofsvorplatz zeigte Landespolizei Präsenz. Während sich dadurch andeutete, dass sich die Sicherheitskräfte auf ein so genanntes Risikospiel vorbereitet hatten, trafen sich im geräumigen Saal des angrenzenden Gaffel-Brauhauses FC-Fans mit schwarz-gelb bekleideten BVB-lern.

Im Kontrast zur unauffällig bleibenden Lage rund um den Hauptbahnhof, kam es etwa anderthalb Kilometer davon entfernt um etwa 14:45 Uhr zu einem plötzlichen Gewaltausbruch. Er ereignete sich auf dem Rudolfplatz, einem innenstädtischen Verkehrsknotenpunkt mit U-Bahn-Station, Straßenbahnhaltestelle und angrenzenden Einkaufsstraßen. Dabei entstand aufgrund der großen Anzahl der Beteiligten eine unübersichtliche Situation, in der eine Person lebensgefährlich verletzt wurde. Die Schlägerei dauerte lediglich eine geschätzte Minute, bevor mit Mannschaftstransportern herangeführte Polizisten in Einsatzausrüstung eintrafen. Diese erwiesen sich als gut vorbereitet und äußerst handlungsfähig. So brachten sie nicht nur den Platz innerhalb kurzer Zeit unter ihre Kontrolle, sondern verhafteten auch mehrere in die Nachbarstraßen geflüchtete Personen. Darunter befanden sich ältere Hooligans mit einem Erscheinungsbild im Stil Bomberjacke-Kraftsport-Anabolika, die nach der Verhaftung durchaus entspannt wirkten, da ihnen das weitere behördliche Verfahren bekannt sein dürfte.

Zur gleichen Zeit rang eine im Verlauf der Auseinandersetzung niedergestreckte Person mit dem Tod. Bei dem Mann, dessen Gesundheitszustand später stabilisiert werden konnte, handelte es sich nach Angaben der Polizei um einen 40-jährigen, einschlägig bekannten Schalker, der unter Drogeneinfluss stand. Die Presse veröffentlichte dazu ein Foto, das ihn mit Quarzsandhandschuhen zeigte, die Straßenkämpfen zum Schutz der eigenen Fäuste und zur Verstärkung der Schlagwirkung eingesetzt werden. Sie gab zudem an, dass die Polizei etwa 50 Personen verhaftet und Ermittlungen gegen die beiden Ultra-Gruppen in die Wege geleitet habe.

In der Nachbetrachtung verwundert, dass der Rudolfplatz zum Austragungsort wurde, da Hooligans sich heutzutage in der Regel abseits der mit modernen Sicherheitseinrichtungen ausgestatteten Stadien „auf dem Acker“ verabreden, um sich dadurch dem Zugriff der Polizei zu entziehen. Ein innenstädtischer Verkehrsknotenpunkt ist für ein derartiges Vorhaben denkbar ungeeignet, was die schnelle Zuführung der Einsatzkräfte belegt. Die Konsequenzen bestanden nicht nur in einer raschen Beendigung der Schlägerei und umfangreichen Verhaftungen, sondern auch in dem Umstand, dass sich der Polizei aufgrund der Aufzeichnungen der Sicherheitskameras der Verkehrsbetriebe und der anliegenden Geschäfte diverse Ermittlungsansätze eröffnen könnten.

Wenngleich der Bestand an gesicherten Hintergrundinformationen noch begrenzt ist und sich nähere Erkenntnisse erst mittelfristig im Rahmen der strafrechtlichen Aufarbeitung ergeben werden, können folgende Thesen aufgestellt werden:

  1. Die von einer dreistelligen Personenzahl ausgetragene Auseinandersetzung widerspricht der zuweilen in der Presse geäußerten Annahme, nach der die Hooliganszene nicht mehr handlungsfähig ist.
  2. Das gleichzeitige Auftreten älterer Hooligans und junger Ultras stützt die vom Fanforscher Gunter A. Pilz vertretene Auffassung, nach der sich diese Fanarten teilweise zu so genannte Hooltras vermischen.
  3. Das für den Abend des 25. März 2014 (um 20:00 Uhr!) terminierte Heimspiel des BVB Dortmund gegen Schalke 04 birgt ein nun noch weiter gesteigertes Gefahrenpotenzial.
  4. Die kombinierte Schlagkraft der Kölner und Dortmunder Erlebnisorientierten dürfte nicht nur bei entsprechend eingestellten Schalkern zu gewissen Überlegungen führen, sondern auch bei mit den Kölnern verfeindeten Mönchengladbachern und Leverkusenern.

Die Verantwortlichen der drei Bundesligisten werden sich intensiv mit der Auseinandersetzung beschäftigen müssen. Das betrifft aufgrund des speziellen Charakters der Ultra-Verbindung vor allem die Vereinsführungen von Borussia Dortmund und des 1. FC Köln. Für die Westfalen war es bereits der zweite Gewaltexzess innerhalb weniger Monate. Zudem thematisierten im vergangenen Jahr mehrere Presseveröffentlichungen rechtsextremistische Aktivitäten beim BVB und benannten dabei auch die „Desperados“. Aufgrund der Verbindung der „Boyz“ zu dieser Gruppe ergibt sich innerhalb des FC eine besondere Brisanz. Denn während sich in der Ruhrgebietsmetropole das Zentrum der rechtsextremistischen Szene Nordrhein-Westfalens befindet und seit den 1980er Jahren begrenzte Gruppen rechtsextremistischer Fans hervortreten, herrscht in der Domstadt ein tolerantes und liberales Klima, dass sich in seinem Vorzeigeverein spiegelt. Da die weit überwiegende Mehrheit der FC-Fans Rechtsextremismus entschieden ablehnt, könnten sich innerhalb seiner Anhängerschaft Kontoversen über die Haltung zu den „Boyz“ entwickeln. Dies könnte auch die Frage nach deren Stellung innerhalb der Kurve beinhalten, deren Klima von der weitaus größeren Ultra-Gruppe „Wilde Horde“ dominiert wird. Vor diesem Hintergrund darf man gespannt sein, in welcher Atmosphäre das nächste Heimspiel ausgetragen wird.

Letztendlich ergibt sich aus der Schlägerei auch eine bittere Ironie für die gesamte deutsche Fanszene, da sich am Tag der Auseinandersetzung engagierte Anhänger unterschiedlicher Vereine zu einem Fankongress trafen, der unter anderem eine nach Ansicht der Veranstaltungsteilnehmer überbordende Sicherheitspolitik kritisierte. Die Massenschlägerei vom Rudolfplatz hat nun allerdings die Argumentationsposition der Verfechter schärferer Bestimmungen gestärkt.

Anmerkung: Die Situation um den Bahnhof wurde vom Verfasser beobachtet. Die Schilderung der der Schlägerei auf dem Rudolfplatz erfolgte aufgrund der Angaben von zwei dem Verfasser bekannten, zufällig anwesenden, langjährig aktiven Fans.

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