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Dienstag, 09 April 2013 15:12

Polizei vs. Fans: Sevilla 2010 als Beispiel von Polizeigewalt im europäischen Fußball

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sevilla-bvbAuswärtsspiele im internationale Wettbewerbe sind für Vereine ein Highlight: Für die Spieler und für die Vereinsverantwortlichen geht es um Prestige und Geld. Für die oft zahlreich mitreisenden Fans deutscher Vereine spannende Kurztrips in die unterschiedlichsten Städte, Länder und Stadien.

Genau darauf freuten sich auch viele Fans von Borussia Dortmund als sie im Dezember 2010 ihrer Mannschaft zu dem Europa League Spiel ins spanische Sevilla begleiteten. Die dortigen Ereignisse entwickelten sich dann für viele Anhänger jedoch anders, als sie sich das vorgestellt hatten: Es kam zu Auseinandersetzungen mit der spanischen Polizei, welche für manch Einen noch bis heute Folgen hat. In den Medien finden diese Vorfälle und Nachwirkungen kaum mehr Beachtung.

Alexandra Schröder vom Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum hat sich in ihrer Dissertation unter anderem intensiv mit den Ereignisse in Sevilla und ihre Folgen beschäftigt.

Sevilla – Vorfreude auf ein „Endspiel“

Mit der Verpflichtung von Jürgen Klopp zur Saison 2008/2009 kehrte der sportliche Erfolg nach Dortmund zurück. So sicherte sich die Mannschaft in der Saison 2010/2011 bereits frühzeitig die Herbstmeisterschaft. In der Europa-League lief es jedoch noch nicht wie geplant. Und so benötigte der BVB in der Gruppenphase zum Erreichen der K.O.-Runde einen Sieg im Auswärtsspiel gegen den FC Sevilla. Viele Fans freuten sich auf die Begegnung in Spanien und reisten in freudiger Erwartung nach Andalusien. Das Auswärtsspiel in der Europa-League zwischen FC Sevilla und Borussia Dortmund im Dezember 2010 sollte ein unvergessliches Fußballerlebnis der besonderen Art werden. Das erspielte 2:2 reichte nicht fürs Weiterkommen. Unvergesslich wurde es dennoch, aber anders als gedacht: Es kam bereits vor Spielbeginn zu massiven Ausschreitungen zwischen der spanischen Polizei und den angereisten BVB-Fans.

Die Eskalation

Ausgangspunkt für einen tollen Fußballabend sollte ein gemeinsamer Fußmarsch zum Stadion werden. Nach Vorgabe der spanischen Verantwortlichen versammelten sich ca. 1.500 Dortmunder Fans am Viapol-Center – einem örtlichen Einkaufszentrum – um den ca. 15-minütigen Marsch gemeinsam zu absolvieren und die geliebten Farben des eigenen Vereins zu präsentieren. Bei der Tour durch die Stadt achteten die spanischen Polizisten äußerst penibel darauf, dass die Fans eng beisammen blieben. Wer sich freiwillig oder unfreiwillig aus der Gruppe herausbewegte – beispielsweise um sich Luft zu verschaffen oder stolperte bzw. hinfiel – bekam es mit der Polizei zu tun: Die Beamten sollen rigoros – häufig mit Schlagstöcken – gegen die „Abtrünnigen“ vorgegangen sein. Die Eskalation begann! Ausgelöst durch das massive Vorgehen kam es unter den eingepferchten 1500 Fans zu Drängeleien, und es sollen Gegenstände wie Flaschen geworfen worden sein. Beteiligte Fans sahen es als Gegenwehr.

Am Stadion – es war bereits dunkel – spitzte sich die Lage noch weiter zu: Die Fans wurden in Richtung Gästeeingang gedrängt. Für alle Fans führte der Weg ins Stadion durch zwei hintereinanderliegende Kontrollstellen. Die erste war lediglich mit maroden Bauzäunen abgesichert. Die Fans mussten hier einen schmalen Durchgang passieren, es kam in der Konsequenz zu Staus. Von hinten wurden die Fans jedoch weiter nach vorne gedrückt. In deren Folge stürzten die maroden Bauzäune in sich zusammen, Fans gingen zu Boden. Die Fans gerieten in Panik! Die Situation eskalierte, in dem die Polizei mit Pferden in die Menge ritt und nach Augenzeugenberichten auf alles einschlug, was sich irgendwie bewegte und damit als potentielle Gefahr bewertet wurde. Einigen Betroffenen wurde trotz Kopf- und anderer Verletzungen medizinische Hilfe verweigert.

Aber auch dies sorgte nicht für ein Umdenken bei der Polizei. Vielmehr wurde auch im Stadion die Eskalation fortgeführt: Polizisten sollen die Fans unter Schlagstockeinsatz in den schon überfüllten Gästeblock gezwungen haben. Im Gästeblock flogen Sitzschalen in Richtung der Beamten, einige BVB-Fans sollen die gegnerischen Fans bespuckt haben.  Erst nach dem Einschalten der BVB-Fanvertreter wurde ein zweiter, darunter liegender Block, geöffnet. Erst danach entspannte sich die Situation allmählich.

Zwar waren nach Aussage eines damaligen Fanprojekt-Mitarbeiters einige Fans an der Eskalation nicht ganz unschuldig, dennoch waren es zumeist friedliche Fans, die in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Die Folgen

17 BVB-Fans sind unter nicht rechtsstaatlichen Bedingungen inhaftiert und innerhalb eines Tages u. a. wegen Angriffs auf die Staatsautorität schnellverurteilt worden. Egal, ob Handlungen der BVB-Fans die spanischen Polizisten herausgefordert haben oder Gegenstände geworfen wurden: In einem Rechtsstaat ist es zwingende Voraussetzung, dass man auch einem rechtsstaatlichen Verfahren unterzogen wird. Gemeint sind Grundsätze wie eine ordnungsgemäße Dolmetscher- und Verteidigerbeiordnung, die Aufklärung über Vorwürfe sowie Beschuldigtenrechte, die Möglichkeit, Stellung zu nehmen usw. All dies ist in Sevilla offensichtlich nicht geschehen. Hinzu kommt, dass es für die Verurteilung einiger Fans schon ausreichte, dass sie „zur falschen Zeit am falschen Ort“ waren.

Um die Aufarbeitung der Ereignisse von Sevilla zu unterstützen, wurde am Lehrstuhl für Kriminologie, Kriminalpolitik und Polizeiwissenschaft der Ruhr-Universität Bochum in Kooperation mit den BVB-Fanvertretern im Februar 2011 die „Task Force Sevilla“ gegründet, um die betroffenen Fans zu unterstützen. Parallel hierzu entstand Alexandra Schröders Dissertationsschrift mit dem Titel „Polizeigewalt und Fußball im europäischen Kontext – Das Beispiel Spanien“. Schröder resümiert: „Die Verurteilungen aus Sevilla 2010 belasten die Betroffenen noch heute beruflich wie privat. Auch Verurteilungen im Ausland werden in das deutsche Bundeszentralregister eingetragen und tauchen je nach Schwere im Führungszeugnis auf. So geschehen im Fall der betroffenen Fans. Mit entsprechenden Eintragungen können keine Stellen im öffentlichen Dienst (z. B. Referendariat) angetreten werden, und für Dienst- und Urlaubsreisen in die USA werden keine Visa erteilt. Unsere Erfahrung hat gezeigt, dass es nahezu unmöglich ist, die Folgen der Verurteilungen rückgängig zu machen. Momentan ist noch für einen Betroffenen eine Verfassungsbeschwerde beim Bundesverfassungsgericht anhängig. Hier kämpfen wir nach wie vor um die Entfernung der Verurteilung aus dem Bundeszentralregister.“

Das, was sich in Sevilla zugetragen hat, „hätte jedem von uns passieren können und lässt sich auch für die Zukunft nicht ausschließen“, sagt Alexandra Schröder. Sie empfiehlt daher: „Falls es zu erneuten Ausschreitungen und Festnahmen in Spanien kommt, ist unser eindringlicher Appell an alle, dies öffentlich zu machen, und die Geschehnisse nicht auf sich beruhen zu lassen. Je mehr Erfahrungsberichte zusammen kommen, desto eher kann etwas erreicht werden.“

Das Buch

Die gesamte Dissertationsschrift von Alexandra Schröder ist im Felix-Verlag (Holzkirchen) erschienen. Sie beschäftigt sich mit den Geschehnissen in Sevilla und deren Folgen, nimmt aber auch die Spanien-Erlebnisse von Fans anderer Bundesligisten in den Blick. Der Inhalt ist auch als Hilfestellung für zukünftig Betroffene gedacht und soll auf die rigorose Vorgehensweise der spanischen Polizei und Justiz aufmerksam machen. Weitere Informationen findet Ihr auf der Webseite des Verlags.

Erlebnisse und Erfahrungen mit Polizeigewalt im Ausland könnt ihr gerne in den Kommentaren posten. Autorin Alexandra Schröder ist außerdem offen für Kontakt der jederzeit gerne über die Ruhr-Universität Bochum/ Lehrstuhl für Kriminologie (www.kriminologie.rub.de) oder direkt per Email Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! möglich ist

Alle Interessenten der gesamten Veröffentlichung können das Buch zum Sonderpreis von 15,00€ (statt 29,00€ Buchhandelspreis) direkt beim Verlag bestellen. Einfach bei der Bestellung per E-Mail an Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein! das Stichwort „Sonderpreis Sevilla“ angebt.

Foto: Gib mich die Kirsche

1 Kommentar

  • Kommentar-Link BVB-Iltis Freitag, 12 April 2013 10:52 gepostet von BVB-Iltis

    Das war in Sevilla nicht sehr toll! Als die Polizei mit Pferden in die Menge ritt, konnten wir uns noch so gerade zwischen die geparkten Einsatzfahrzeuge flüchten und so den wilden und zeillosen Keulenschlägen entkommen.

    Im Block angekommen dachten wir, es könne nicht schlimmer kommen. Es kam uns Wasser im Treppenhaus entgegen und dachten uns nicht viel, bis wir gemerkt haben, dass für den gesamten Gästeblock lediglich vier Dixieklos im Zwischengeschoss bereitstanden, diese bereits überliefen und da dies definitiv zu wenig war, gab es eben sehr viele Wildpinkler, die an die Wände und Aufgänge ihr Geschäft verrichtet haben (war ja auch egal, denn selbst ins Dixie geschifft, lief es ja eh durch die Gänge)...

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