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Donnerstag, 10 Januar 2013 16:00

Gesellschaft & Fußball - hier: Gewalt

geschrieben von 
gewalt 3Ich bedanke mich bei meinen Vorbloggern, die die Reihe schon wunderbar eingeleitet haben...Mein Thema ist Gewalt und ich stelle mir die Frage, ob es sich bei der viel beschriebenen Gewalt im Stadion wirklich um ein Problem rund um den Fußball handelt, oder ob es doch eher gesellschaftlich zu betrachten ist...Viel Spaß beim Lesen wünscht Euch, die Nena...
 
 

Samstagabend, Bolkerstraße, Düsseldorf...

Zwei Männer liefern sich ein Wortgefecht, das Altbierglas in der Hand, spuckende Münder, springende Körper...Die umstehenden Freunde versuchen, deeskalierend zu wirken, reden beschwichtigend auf die Kampfhähne ein, versuchen zu vermitteln, zu schlichten...Nichts dringt zu ihnen durch, die Körper der Kontrahenten bewegen sich in einem fort aufeinander zu, Adrenalin in Massen wird durch ihre Körper gepumpt und dann der erste Fausthieb, der alsbald gekontert wird...Niemand kann die beiden noch halten, die Umstehenden sind hilflos...Aus einer Ecke brüllt es: „Ruft die Bullen“ und ein anderer sagt: „Spinn nicht rum, die gehen sich jetzt mal richtig an die Köppe und gleich ist es wieder gut!“...

Es wird nur mehr zugeschaut, fassungslos, hilflos und wer nicht wegrennt oder wegschaut, feuert womöglich noch an, und in weniger als 40 Sekunden liegt einer von beiden auf dem Boden, und da wo vor 10 Jahren noch galt: Wer liegt wird nicht mehr angefasst, dürfen die Passanten jetzt beobachten, wie der stärkere der beiden auf den am Boden liegenden Freund, denn das war er bis eben noch, eintritt...Erst auf die Beine, dann in den Rücken...Das sich dort jemand windend vor Schmerzen am Boden krümmt, bemerkt er kaum...Tunnelblick...Ein Tritt in den Bauch...Nichts mehr hören...Noch einer...Nichts mehr sehen, nur noch getrieben von seiner Wut und gelenkt von seinen Aggressionen...Und dann der erste Tritt auf den Kopf...Noch einer...Noch einer...Und als er zu einem erneuten Tritt ansetzen will, kommt endlich die erlösende Hilfe...Mit 3 Polizisten muss er festgehalten werden, abgezogen werden von seinem Freund, auf den er schlussendlich noch spuckt...
Kurz nachdem die Polizei da ist, trifft auch der Krankenwagen ein...
Später dürfen wir erfahren, dass das Opfer diese Attacke überlebt hat...2 Schädelbrüche, Milzriss, mehrere gebrochene Rippen, Nase und Kiefer gebrochen...Seele ZERbrochen...

Der Täter..?...Ein 34jähriger Anwalt, der am Tag einen wichtigen, wenn nicht gar DEN wichtigsten, Prozess seines Lebens verloren hat und dem darüber hinaus die Scheidung von seiner Frau ins Haus steht...Hobbies: Theater, Oper, Golf und Tennis...Fragt man ihn nach Fußball wird er sagen: „Fußball? Ich? Nein! Damit habe ich nichts am Hut!“

So oder so ähnlich könnte es passiert sein...

Gewalt also kein explizites Fußballproblem, sondern ein gesellschaftliches...!?...In der Tat...Gerne werden Fußballfans als Rowdies bezeichnet, immer gewaltbereit und seit dem letzten Sommer gerne auch als „Terroristen“ und/oder als „Taliban des deutschen Fußballs“...Es gibt Auswärtsspiele mit besonders hohen Polizeiaufgebot, Hochsicherheitsspiele quasi, aber wird man erst und automatisch im Stadion zu einem Kriminellen...?...Nein...In der ganzen Debatte um Gewalt beim Fußball wird leider vergessen, respektive nie erwähnt, dass man nicht erst im Stadion kriminell wird...Das ausgerechnet der Fußball einen kriminell macht...Man IST es oder ist es nicht, und diverse Ereignisse können diese Energie triggern, oder eben nicht...
Wir sprechen hier also vielmehr von einem gesellschaftlichen, denn von einem Fußball Problem...

Wo aber ist nun die Grenze zwischen der Aggression, die wir alle kennen, wenn z. B. der Mann auf dem Platz, der früher komplett in schwarz gekleidet war, mal wieder absolute Grütze zusammenpfeift, oder unser Herzensverein durch mangelnde Arbeitsmoral wie eine Truppe frühseniler Hobbykicker daher kommt, und dem (extremen) Ausleben physischer Gewalt...?

Betrachten wir das Thema Gewalt doch einmal in seinen ganzen Facetten...

Was bedeutet Gewalt eigentlich...?

Unter den Begriff Gewalt (von althochdeutsch waltan – stark sein, beherrschen) fallen Handlungen, Vorgänge und Szenarien, in denen bzw. durch die auf Menschen, Tiere oder Gegenstände beeinflussend, verändernd und/oder schädigend eingewirkt wird. Gemeint ist das Vermögen zur Durchführung einer Handlung, die den inneren bzw. wesentlichen Kern einer Angelegenheit oder Struktur (be)trifft. (www.wikipedia.de)

Gewalt bedeutet also u. a., Macht über jemanden oder etwas auszuüben...Zu zeigen das man stärker oder überlegener ist und ist nicht genau das, was die Gesellschaft von uns erwartet...?...Schon im Kindergartenalter muss es höher, schneller, weiter sein...Ach was sage ich; schon junge Eltern übertrumpfen sich schon in der Schwangerschaft damit, wer den teuersten Kinderwagen fährt, die meisten 4D Ultraschallbilder besitzt und die bunteste Antistinkwindel...Dann betreibt man Kreißsaal Tourismus und wenn das Baby erst einmal da ist, geht es zum Schwimmen, PeKip und Baby Yoga...Ein voller Terminkalender mit 3 Monaten...Maßlos...
Und es geht weiter...Von Englisch für die Kleinen, über Spracherziehung für das perfekte Schauspiel, Musikkindergarten und Turnen mit Band...Maßlos...Zeit für die Freunde...?...Überhaupt Freundschaften knüpfen, außer auf Geburtstagen, die im Phantasialand gefeiert werden, oder zu denen ein Clown kommt, oder die man bei einer Schiffstour oder im Kino feiert, ist schwierig geworden...Alles ist so schnell, so maßlos und dann hat man Eltern, die einen auf Augenhöhe behandeln wollen...Mit so Sprüchen wie: „Mein Kind besitzt die gleiche Wertigkeit wie ich“ oder „Wir binden Balthasar (3) und Charlotte (7) selbstverständlich mit ein, wenn wir uns eine neue Wohnung suchen. Wenn es den Kindern gut geht, zahlen wir auch gerne die 300 Euro mehr Miete“ Da wird ein 3jähriger gefragt: „Was soll die Mama denn heute Abend für die ganze Familie kochen? Nudeln, Spinat oder doch lieber eine Suppe?“ „Pizza“ tönt es aus dem kleinen Mund und selbstverständlich gibt es selbstgemachte Bio Pizza...Versteht mich bitte nicht falsch, aber Kinder BRAUCHEN einfach ein gewisses Maß an Vorgabe...Man kann und soll demokratisch mit seinen Kindern umgehen, dabei sollte man aber nicht aus den Augen verlieren, was Kinder brauchen...Kinder brauchen Regeln...Kinder brauchen Halt...Kinder brauchen jemanden, der ihn/sie lenkt...Sie brauchen GRENZEN...Das gibt ihnen Sicherheit, schafft Vertrauen und lässt sich sich verwurzeln...Sie brauchen Menschen, die sie lieben...!!!...Bedingungslos mit ihren Stärken und vor allen Dingen mit ihren Schwächen...

Im Teenageralter geht es weiter mit der HöherSchnellerWeiter Mentalität...Da hat man ab zwölf ein Smartphone, einen eigenen Computer, bekommt laufend die neusten und angesagtesten Klamotten und fährt 2-4x im Jahr in den Urlaub und das nicht in den Schwarzwald, sondern mit dem Schüleraustausch nach New York und Italien und mit den Eltern dann noch Segeln in Holland und Entspannen auf Mallorca...Bitte versteht mich auch hier nicht falsch; ich finde es wichtig, dass man seinen Kindern etwas bietet, dass man seinen Kindern die Welt zeigt, dass man seine Kinder ziehen lässt, aber alles in einem gewissen Maß...Denn aus diesen maßlosen Kindern, werden auch maßlose Erwachsene...Erwachsene, die mit dem immer größer werdenden Überangebot nicht mehr zurecht kommen...Dieses Überangebot, ein Spiegel unserer Gesellschaft und somit bleibt in meiner Überlegung festzuhalten, dass diese Erwachsenen in der Gesellschaft nicht mehr zurecht kommen...Wir reden hier nicht von der großen Masse...Ich will auf die EXTREME hinaus...

Wir haben immer eine Wahl...Niemand MUSS gewalttätig werden...Niemand MUSS seinen Freund krankenhausreif prügeln...Aber wenn man hilflos und alleine gelassen durch die Gesellschaft wandert, dann sucht man sich Kanäle, dann sucht man sich Momente, seinen Druck abzubauen...Die meisten von uns können das, indem sie die Gründe, die dazu führen „auszurasten“ klein halten oder immer rechtzeitig abbauen...Sei es durch Sport, Gespräche mit Freunden, Musik, Literatur, etc...Kumuliert sich Stress aber, wird immer noch ein Schüppchen drauf und drauf geschüttet, ohne abzutragen, kann man sich vorstellen was dann irgendwann passiert...Vergleichbar einem Vulkan...Es wird wärmer und wärmer, irgendwann brodelt es und dann muss es raus und hier gibt es verschiedene Ventile. Manch einer wird depressiv, erleidet ein Burn-Out, oder erkrankt zB an einer Panikstörung mit oder ohne Angst. Genauso finden sich aber eben immer wieder auch Menschen, die dieses Feuer rauslassen, indem sie sich physischer Gewalt gegenüber anderen bedienen...

Und dann merkt das Gehirn sich, dass mit der Prügelei Druck abgebaut wird, dass man sich danach leichter fühlt...Und man prügelt sich wieder und wieder und das irgendwann zum puren Lustgewinn...

Woher kommt diese Gewaltbereitschaft...? 

Zusammenfassend kann man sagen, dass sie sich aus mehreren Faktoren zusammensetzt...

  • Genetik
  • psychische Motive
  • soziale Einflüsse
  • Stress

Gewaltbereite Teenager entstammen oft Familien, in denen Gewalt schon immer ein Thema war und auch da stellt sich mir die Frage: Warum...?...Warum lässt eine Gesellschaft es erst dazu kommen, dass so vielen Menschen zB Bildung verschlossen bleibt, Bildung die bessere Möglichkeiten auf dem Arbeitsmarkt bietet, schlussendlich im besten Fall zu weniger Arbeitslosigkeit und somit Unzufriedenheit und sozialer Ächtung führt...Warum greifen Jugendämter nicht eher ein, wenn angenommen wird, dass Fälle von Kindeswohlgefährdung vorliegen...Sie greifen nicht eher ein, weil einSachbearbeiter 80-120 Fälle zu bearbeiten hat...Warum macht man Eltern weiß, dass die Erziehung auch Sache der Lehrer ist und warum inkludiert ein gescheites Lehramtsstudium nicht auch zeitgerechte Pädagogik und Psychologie...?...Warum, warum, warum...So viele offene Fragen, die im Grunde so einfach zu klären wären, wenn man sie denn klären WILL...

Wir haben immer eine Wahl...

Der Soziologe Heinrich Popitz sagt dazu...

„Der Mensch muß nie, kann aber immer gewaltsam handeln, er muß nie, kann aber immer töten […] - jedermann. Gewalt überhaupt und Gewalt des Töten im besonderen ist […] kein bloßer Betriebsunfall sozialer Beziehungen, keine Randerscheinung sozialer Ordnung und nicht lediglich ein Extremfall oder eine ultima ratio (von der nicht so viel Wesens gemacht werden sollte). Gewalt ist in der Tat […] eine Option menschlichen Handelns, die ständig präsent ist. Keine umfassende soziale Ordnung beruht auf der Prämisse der Gewaltlosigkeit. Die Macht zu töten und die Ohnmacht des Opfers sind latent oder manifest Bestimmungsgründe der Struktur sozialen Zusammenlebens.“

Wir haben also immer eine Wahl...

Wir haben immer eine Wahl, unseren Kindern das zu geben was sie brauchen: Halt und Sicherheit...Die Gesellschaft hat immer die Wahl, ihren Jungendlichen etwas bereit zu stellen: Jugendtreffs, Sportgruppen, etc. pp...

Auf der einen Seite also dieses Überangebot und auf der anderen Seite dieses Non-Angebot...Da werden die Kinder, die Jugendlichen alleine gelassen...Sich selber überlassen...Was anderes können sich tun, als nicht zu wissen was man von ihnen erwartet...Es baut sich ein enormer Druck auf, gleich einem Schnellkochtopf oder wie in dem Beispiel von unserem Vulkan...Irgendwann muss der Druck raus, denn sonst implodiert man...Folge des Implodierens sind nicht selten Angst/Panikstörung, Burnout oder Depressionen...Dauerbelastung und Dinge wie Maßlosigkeit und/oder Hilflosigkeit schafft Druck und der Druck schafft sich immer Wege...Und somit sind die Täter nicht selten selber Opfer...Opfer einer Gesellschaft, in der sie sich nicht zurechtfinden, in der sie sich aber auch nicht zurecht finden können, weil ihnen die Mittel dazu nicht frühzeitig zur Verfügung gestellt wurden...Natürlich rechtfertigt dies niemals ihr Verhalten, denn wie gesagt; wir haben immer eine Wahl, aber man sollte dies nicht aussen vor lassen und vielleicht sind wir daher selber gefragt, etwas zu tun...Etwas zu verändern...

Zurück zum Fußball...Ja, es geht auch ohne Gewalt und in den meisten Fällen passiert so ein Fußballsamstag auch ohne Gewalt, aber bei 54.000 Zuschauern bei einem Fußballspiel im Stadion, haben wir einen Querschnitt durch die Gesellschaft geschaffen und dort werden wir alles und jeden finden...Vom Patrioten bis zum Pazifisten...Vom Punk bis zum Spießer...Vom Familienvater über den Streetfighter...Vom Anwalt über den Obdachlosen...Alles tummelt sich im Fußball und dass es da, nicht zuletzt unter dem Einfluss von Alkohol, der bekanntermaßen entfesselnd wirkt und im Auftreten in einer Gruppe, in der man sich oftmals stärker und sicherer fühlt, hier und da zu körperlichen Auseinandersetzungen kommt, ist in meinen Augen normal...Das es nicht schön ist, das müssen wir nicht erst noch betonen, aber das wird immer und immer wieder passieren, denn der Mensch ist eben auch nur das bessere Tier...Es ist jedoch kein Problem, dass sich nur im Fußball findet und keines, dass erst durch den Fußball geschaffen wird...
Fangen wir im Kleinen an und kehren wir zuerst einmal vor unserer Haustür...Und...?

Wir haben immer eine Wahl...

1 Kommentar

  • Kommentar-Link Natalie Keil Donnerstag, 10 Januar 2013 17:27 gepostet von Natalie Keil

    Wie Du schon treffend geschildert hast, geprügelt wurde sich schon immer, meinetwegen sei auch der solide Faustkampf zwischen zwei Streithähnen gestattet. Voraussetzung "alte Schule": Liegt einer am Boden - Stopp!
    Was mir persönlich als größtes Problem auffällt, ist die fehlende Empathie.
    Sinnlose, aus Nichtigkeiten entstehende Gewaltausbrüche. Du hast ja sehr schön die Genese von Gewaltpotenzial herausgearbeitet, dazu denke ich eben sehr oft, daß die Eltern meiner Generation und jünger teilweise unbeholfen bis unfähig zur Erziehung sind. Das Kind ist eben nicht Partner oder gleichberechtigter Freund (was ne Überforderung), sondern ein junger Mensch, der erzogen werden muß, damit er seinen Platz in der Gesellschaft findet.
    Das ist primär die Aufgabe der Eltern, Werte zu vermitteln. Und anderen, getreu dem Sprichwort "Es braucht ein Dorf, um einen Menschen zu erziehen."
    Was genau aber schief gelaufen ist nach der Generation meiner Eltern bis heute???
    Das Internet - als Verstärker, Katalysator?? Virtuelle Welt statt Wirklichkeit mit echten Gefühlen. Verrohung.
    Komischerweise ist das Stadion mit dem Fußball darin im Gegensatz dazu ein geradezu authentischer Ort mit echten Emotionen und Menschen, die Empathie kennen.
    Man hat immer die Wahl zu Einmischung und Zivilcourage.

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