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Mittwoch, 22 August 2012 17:58

Hitlergruß aus Halle

geschrieben von

Es ist der zweite Beitrag über meinen geliebten Spielverein und schon einer, der Brisantes und Politisches thematisiert – thematisieren muss! Es ist ja nicht so, als dass wir in Duisburg keine anderen Sorgen hätten. Zum Beispiel, dass unsere Elf meilenweit davon entfernt ist, bei einem Drittliga-Aufsteiger das Spiel zu dominieren. Oder dass bereits vor dem dritten (!) Spieltag sämtliche Alarmglocken schrillen und Trainerstuhlsägen surren. Dieser Tage möchte man als Duisburger nur noch schreien. "Scheiße, verdammte!" vielleicht, oder "Reck raus!" oder sowas. "Kanacken, Zigeuner und Juden" scheint mittlerweile auch eine Alternative zu sein. Im Fanforum des MSV schlugen die Vorfälle in den letzten Tagen hohe Wellen und auch auf diversen Nachrichtenportalen konnte ich – zusammen mit der ganzen Republik – beschämt nachlesen, wie in Duisburg nicht nur die "Mannschaft" unser Vereinswappen beschmutzt, sondern auch ein Trupp pöbelnder Asozialer in weißen Unterhemden.

Weiße Hemden, braune Sprüche

Rassistische Parolen, antisemitische Beschimpfungen sowohl gegen die Mannschaft als auch gegen Fans aus den eigenen Reihen, vorgetragen von einer Gruppe in weißen Unterhemden, die sich unten rechts im Gästeblock versammelt hatte. Diesen Sachverhalt schildern User im Fanforum des MSV, auf deren Aussagen sich auch die Presse in ihren Berichten stützt. Doch Vorsicht vor pauschalen Verurteilungen – denn sowohl ein Blick auf entstandene Fotos als auch die Aussagen einzelner User lassen erkennen: Nicht alle Weißhemden dürfen mit braunem Gedankengut in Verbindung gebracht werden. Zum einen ist ein Großteil der auf den Fotos abgelichteten Personen mit Sicherheit nicht dem rechten Spektrum zuzuordnen, was jeder Szenekundige bestätigen wird. Zum anderen soll es sich nach Aussage eines Users beim Tragen der Unterhemden um eine Fanaktion gehandelt haben, wie sie im Fußball vollkommen normal ist – und beispielsweise von der Eintracht aus Frankfurt gerne zelebriert wird.

Fakt ist allerdings auch: Es war nicht das erst Mal, dass Duisburger im Einheitslook gepöbelt haben. Bereits letzte Saison kam es beim Auswärtsspiel gegen den VfL Bochum zu hässlichen Szenen. Ein kleiner Teil der Mitgereisten, darunter Personen in T-Shirts mit der Aufschrift "47 Crime", bespuckte Balljungen und versuchte, Sitzschalen aufs Spielfeld zu schleudern. Doch auch hier ist Differenzierungsvermögen gefragt, denn besagte Shirts waren nicht etwa das optisches Aushängeschild einer bestimmten Gruppe, sondern konnten im Vorfeld der Partie von jedem Interessierten gekauft werden. Davon einmal ganz abgesehen, bereitet ein Umstand ganz besonders Bauchschmerzen: In Bochum handelte es sich um fragwürdige Auswüchse, ja, um frustrierten Vandalismus, okay, aber nicht um politisch motivierte Taten.

Bei den Vorfällen von Sonntag geht es weniger um die Fragen, wer ja, wer nein und was überhaupt, als vielmehr um die, ob Politik beim MSV Duisburg Einzug in die Kurve gehalten hat.

Situativer Ausbruch oder strukturelles Problem?

Verantwortlich für die Vorkommnisse in Halle ist laut eines Artikels der Rheinischen Post eine Gruppe, "die die Nähe zur Hooligan-Szene sucht, und die dem Vernehmen nach auch gegenüber MSV-Anhängern aggressiv auftrat". Ein Gruppenname wird jedoch nicht gennant. Allerdings muss jemand, der mit gewisser Regelmäßigkeit die Spiele der Zebras besucht und sich in der Fanszene dieses Vereins bewegt, kein Prophet sein, um nicht zumindest einen leisen Verdacht zu hegen. Einen Verdacht, der sich durch genaues Hinsehen auch Außenstehenden erschließt.

Unten rechts hätten sie gestanden, die Männer in den weißen Unterhemden, so berichten es Zeugen im Forum – Fans, die mit dem Gesicht zum Spielfeld standen. "Unten rechts" ist auf dem vorhandenen Bildmaterial also unten links. Und hier sind in der Tat Unterhemden zu erkennen. Ebenfalls zu erkennen ist die Zaunfahne der "Division Duisburg" – "Boxclub seit 2004", wie es im Gruppenlogo heißt, das auf der (mittlerweile) unzugänglichen Homepage prangt. Unter dem Logo der Ausspruch "Taten sprechen mehr als Worte!". Bereits hier schwant es auch dem Szeneunkundigen: Bei dieser Gruppe handelt es sich nicht um den örtlichen Bibelkreis. Selbsttitulierung, markigie Sprüche – alles keine hinreichenden Kriterien, um die "Division Duisburg" ins rechtsradikale Milieu zu verorten. Oder doch?

Bereits in der Vergangenheit verübten Mitglieder der "Division Duisburg" Gewalttaten mit vermeintlich politischer Motivation, etwa nach dem Heimspiel gegen den FC St. Pauli, einem Club mit traditionell linksorientierten Fans. Nach Spielende hätten Gruppenmitglieder versucht, eine gemeinsame Feier von Anhängern beider Vereine in der Duisburger Innenstadt zu stürmen, berichtete das Nachrichtenportal www.derwesten.de im Februar 2012. Es heißt, die Gruppe "Division Duisburg" ziehe Neonazis an. Nach Ansicht der "Revolutionären Antifa Jugend Duisburg" – Ortsverband der ebenso "körperbetonten", ebenso radikalen Antifa – verbreitet die Gruppe rassistische und neofaschistische Inhalte. Die Polizei dementiert.

Ohne Zweifel handelt es sich bei der "Division Duisburg" um eine gewaltbereite Gruppierung. Damit ist noch nicht gesagt, dass ihre Mitglieder durchweg politische Positionen beziehen, die nationalistisch, rassistisch und antisemitisch sind. Eine gewaltbereite Gruppe muss nicht zwangläufig auch eine politische sein. Und doch bleibt beim Anblick dieser Personen ein fader Beigeschmack, etwa vor drei Wochen, beim ersten Saison- und Heimspiel gegen den VfR Aalen: Camouflage, Shirts von Thor Steinar, dazu verbale Aggressionen gegenüber der mittlerweile offiziell antirassistischen Ultràgruppe "Kohorte" sowie eine kindische Versessenheit auf das ebenso stumpfe wie provozierende "Zick, zack, Zigeneuerpack!".

Sparen wir uns eine Kategorisierung und konzentrieren uns lieber auf die erschreckende Tatsache, dass wir einige dieser Dinge zwar nicht erst seit dieser Saison sehen, aber seit dieser Saison direkt vor der Nase. Das ebenso Neue wie Befremdliche an der noch jungen Spielzeit ist nämlich, dass es die "Division Duisburg" von ihrem angestammten Bereich im Stadion, einem Block auf der Haupttribüne, zumindest in Teilen auf die Stehplätze der Nordkurve verschlagen hat. "Zick, zack, Zigeunerpack!" grölten Mitglieder gegen Aalen durch den H-Block, in dem seit Jahren die ultràorientierten Gruppen Posten beziehen. Dieser Umstand könnte Zündstoff bieten: Die offensichtliche, teils aggressive Ablehnung des Anderen lässt nichts Gutes erwarten – vor allem deshalb nicht, weil sie politsch motiviert zu sein scheint.

Und um an dieser Stelle die Frage aufzugreifen, ob sich die Duisburger Fankurve politisiert: Ja, zum Bedauern einer großen Mehrheit, die die Ansicht vertritt, dass Politik nichts im Stadion verloren hat.

Politische Parolen im Block – Etappe einer Entwicklung?

Ließt man dieser Tage die Beiträge im Fanforum, so stolpert man hier und da über den Einwand, dass es früher durchaus normal gewesen sei, Liedgut à la "Eine U-Bahn, eine U-Bahn ..." zu skandieren. Auch ich habe Zeiten erlebt, da die Titulierung des Gegners (manchmal auch des eigenen Teams) als "Zigeunerpack" zum Spiel gehörte wie Bratwurst und Bier. Und ich kann nur sagen: Das ist zum Glück heute anders. Übrigens wird besagte "Zigeunerpack"-Parole nicht erst seit Halle kontrovers diskutiert. Bereits nach dem erwähnten Auswärtsspiel in Bochum empörten sich User über die Ausrufe – andere konterten mit "Gehört dazu", "Fußball ist kein Ringelpitz" etc. pp. Und auch außherhalb der virtuellen Sphäre regte sich Widerstand gegen rassistische, menschenverachtende Parolen.

Bereits Anfang letzter Saison braute sich in Duisburg etwas zusammen, das konnte man spüren, mehr noch, man konnte es explizit lesen: Am 22. Juli 2012, die Zebras empfingen den ungeliebten Gast aus Cottbus am 2. Spieltag der Saison zum ersten Heimspiel, entrollten einige Zuschauer auf dem Oberrang der Südkurve ein Spruchband mit der Aufschrift "Fußball ist Fußball, Kohorte ist Politik". Nach Spielende wartete eine Gruppe Männer mit übersichtlicher Haarlänge auf die aus dem Stadion kommenden Ultràs am Fancontainer hinter der Nordkurve. Spätestens jetzt war klar: In der Duisburger Fanszene hatte sich ein politisches Konfliktfeld aufgetan. Es ist dabei nicht einmal unwahrscheinlich, dass erst das Bekenntnis Einzelner zu linken bzw. linksradikalen Positionen einer nun offen ausgelebten rechten Gesinnung zur Renaissance verhalf. Denn Glatzen gab es in Duisburg schon immer, das ist ebenso unbestreitbar wie vereinsspezifisch. Solange es in der Bundesrepublik rechtsradikales Denken gibt, gibt es dieses auch in den Fankurven der Vereine, die nichts weiter sind als ein Spiegel der Gesellschaft, das sei an dieser Stelle bemerkt, ohne den Umstand relativieren zu wollen.

Für mich ist eine Fankurve nicht der Ort, um politische Positionen zu diskutieren. Im Idealfall ist sie nicht einmal der Ort, um politische Positionen abzulehnen oder ablehnen zu müssen. Eine Fankurve ist keine Demo, kein Plenarsaal, kein Parteitag – weder für Rechte, noch für Linke, noch für Grüne oder sonstwen. Eine Fankurve ist verdammt nochmal der Ort, an dem sich Menschen aus allen Sphären der Gesellschaft ungeachtet ihrer Meinung und Herkunft treffen, um für 90 Minuten zusammen hinter ihrem Team zu stehen. Die Liebe zum Verein ist das verbindende Element, nicht eine politische Ansicht.

Die Vorfälle in Halle haben dem Spielverein Schaden zugefügt, soviel steht jetzt schon fest. Doch einmal abgesehen von Sponsoren oder Schönwetterfans geht es hier um viel mehr: Es geht um das Herz unseres Vereins, um unsere Kurve, um den liebenswerten Haufen Vollirrer, die den Zebras Woche für Woche hunderte von Kilometern folgen, unseren Spielverein in den Kurven der Republik repräsentieren. Jeder von uns hat seine Gründe dafür, wie auch jeder von uns seine Meinung hat zu Gesellschaft, Politik, zum großen Ganzen – die er aber doch bitte für sich behält, solange er unsere Farben trägt. Duisburg ist nicht St. Pauli, und Duisburg ist nicht Hansa Rostock, und ich bin heilfroh, dass dem so ist.

Im Internet beziehen sowohl die Fans als auch der Verein klar Stellung gegen die Vorfälle in Halle. Auf seiner Homepage geht der MSV noch einen Schritt weiter und ruft dazu auf, diskriminierende Ausrufe oder Handlungen zu melden. Es stehen unruhige Zeiten bevor, es gilt, du nun offen lodernden Konfliktherde zu löschen. Mittel- bis langfristig allerdings müssen wir uns ernsthaft fragen, ob politisches Engagement jedweder Couleur Platz in unserer Kurve hat. Und ob es den Preis wert ist, den wir gerade erst zu zahlen beginnen. Eine politisch motivierte Selbstzerfleischung würden wir mit unserem Herzschlag bezahlen.

Aachen ist ein ebenso aktuelles wie trauriges Beispiel. Ich kann für meinen Verein nur inständig hoffen, dass es ein Beispiel bleiben wird.

Sonntag, 12 August 2012 23:59

Irgendwas läuft da schief...

geschrieben von

duisburg spiel... für unsere Zebras aus Duisburg. Ganz gewaltig schief! Nach dem katastrophalen 1:4 gegen Liganeuling VfR Aalen geht es nicht nur mit weichen Knien in die Fußballweltstadt Regensburg, sondern bereits jetzt gegen den Abstieg. Und an die Nerven sowieso.

Nach der verpatzten Geburtstagsfeier vor genau einer Woche steht der Traditionsverein von 1902 im Jahnstadion zu Regensburg vor seinem ersten Schicksalsspiel. Am zweiten Spieltag! Gegen den zweiten Aufsteiger! Bereits unter der Woche äußerte sich MSV-Legende Ennatz Dietz recht deutlich zum Auflaufen der Zebras: Nach dem 1:0 sei „nur noch Murks“ gekommen. Korrekt. „Keine Körpersprache, nichts. Das tat mir richtig weh.“ Danke, Ennatz!

Deutlich Worte für den ansonsten zurückhaltenden Teamplayer, der er stets war – und heute noch ist: Dietz zeigt mit dem Finger nicht auf andere. Er gehört nicht zu der Sorte unumgänglicher Ehemaliger, deren Geschwätz mir Woche für Woche durch Mark und Bein fährt. Wenn Dietz kritisiert, dann kritisiert er berechtigt. Dass er es bereits jetzt tut, sollte jedem Zebra ein schrillendes Alarmsignal sein.

Um halb zwei ist Anstoß in Regensburg. Hoffen wir das Beste! Denn das Schlimmste kommt erst noch: Nächste Woche startet der Spielverein in den DFB-Pokal – beim Hallerschen FC. Und ein zweites Kiel würde an der Wedau die Apokalypse einläuten – nach 270 Pflichtspielminuten. Das ist selbst in Duisburg eine Leistung!