Fatter wuchs in Detmold auf. Sein Verein war der TSV Detmold von 1911. Der TSV wurde im Jahre 1950 Westdeutscher Amateurmeister. Das erste Spiel auf dem „Jahnsportplatz“, in Detmold bekannt als die „Pinneichen“, besuchte Fatter im Alter von 14 Jahren in der Saison 1958/1959. Der TSV spielte damals in der Verbandsliga Westfalen, Gruppe Nordost, der dritthöchsten Spielklasse des Westdeutschen Fußballverbandes. Der Verein stieg zum Saisonende in die Landesliga ab, Fatter blieb ihm noch ein paar Jahre treu. Heute spielt der TSV Detmold in der Bezirksliga.
Wie bist Du zum Fußball und zum TSV Detmold gekommen?
Ich bin da einfach reingeraten. Fußball hat mich interessiert und der TSV Detmold war der Verein in meiner Stadt. Also bin ich hingegangen.
Wie lief der Besuch eines Heimspiels ab?
Ganz einfach: Ich habe mich eine reichliche Stunde vor Spielbeginn zu Fuß auf die Socken gemacht. Der Weg dauerte eine Dreiviertelstunde, quer durch die Stadt. Eintrittskarte kaufen, den Stammplatz an der Geraden beziehen, rechts von den Umkleidekabinen, und Fußball gucken. Nach dem Spiel ging es den weiten Fußweg zurück. Getroffen hat man sich zufällig, ein paar Freunde, ein paar Klassenkameraden, bekannte Gesichter, die immer im Stadion waren. Mit der Zeit fand man seine Clique. Man brauchte übrigens keine Angst zu haben, keinen Platz mehr zu kriegen. Auf den um den Platz laufenden mehrstufigen Stehtribünen war genug Raum. Sitzplätze gab es nicht.
Wie lief der Besuch von Auswärtsspielen ab?
Als armer Schüler konnte ich mir längere Auswärtsfahrten nicht leisten. Allerdings waren die Entfernungen auch nicht so weit wie bei heutigen Bundesligavereinen, schließlich war der Fußball regional organisiert. Kürzere Strecken waren mit dem Fahrrad zu bewältigen, etwa nach Lemgo in der Landesliga. Einmal, ganz ausnahmsweise, bin ich mit einem Bus nach Bielefeld zum Auswärtsspiel auf die Alm gefahren. Der Bus wurde vom Verein gestellt. Die Busfahrt verlief gesittet, es wurde nichts gebrüllt, übermäßig getrunken wurde auch nicht. Das war, wie gesagt, für mich sowieso noch kein Thema. Als wir in Bielefeld ankamen, hieß es „Da müßt Ihr hin, bis nachher“.
Wie habt Ihr den TSV Detmold angefeuert?
Natürlich gab es Szenenapplaus und spontane Äußerungen zum Spielverlauf. Man konnte auch – auf kurze Entfernung – den Spielern etwas zurufen: „Theo [Schlink], mach‘ den Schlink-Trick!“. Sonst war es Gebrüll spontanen Inhalts, einer hat mit etwas angefangen, die anderen haben eingestimmt. Ein festes Repertoire an Schlachtgesängen hatten wir nicht, bis auf „TSV! TSV!". Ich erinnere mich an ein Spiel gegen den SV Bockum-Hövel, das der TSV 9:0 gewonnen hat. Da haben wir freudig gebrüllt und skandiert: „Nicht 1:0, nicht 2:0...usw. sondern 9:0“. Mit gegnerischen Zuschauern brüllte man allenfalls um die Wette oder machte ein paar weniger aufbauende Bemerkungen.
Gab es Fan-Utensilien?
Sicherlich wird es damals auch Wimpel oder Anstecker gegeben haben, auch Fahnen, aber sie spielten keine Rolle. Den schwunghaften Fanartikelhandel, den man heute kennt, gab es nicht. Man muß bedenken, daß man damals nicht viel Geld übrig hatte, sowas wäre absoluter Luxus gewesen.
Gab es Gewalt?
Gewalt soll es gegeben haben, erlebt habe ich sie aber nie. Wahrscheinlich habe ich mich aber auch von gefährlichen Situationen ferngehalten. Es wurde nur davon erzählt. So wurde davor gewarnt, zum VfL Altenbögge zu fahren, dort bekäme man als TSV-Anhänger Prügel. Ob das einen realen Hintergrund hatte, weiß ich nicht.
Wie hat sich das Fan-Dasein im Alltag geäußert?
Der Besuch eines Fußballspiels war Spaß an der Freud‘, gesteigert dadurch, daß man einen Lieblings-, bzw. Heimatverein hatte, den man schlicht mochte. Sicher haben wir die Spiele auf dem Schulhof nochmal besprochen. Für einen halbwüchsigen Lipper war ein Besuch wohl auch eine Gelegenheit, der Aufsicht der Eltern zeitweise zu entgehen. Eine „Fankultur“ im heutigen Sinne, die pseudo-religiöse oder pseudo-politische Verbindung mit einem Verein, gab es nicht. Das Fan-Dasein war nicht Zentrum des Daseins, sondern eine schöne, aber periphere Bereicherung.
Wie schaust Du heute Fußball? Was ist vom TSV-Fan geblieben?
Der TSV ist für mich eine nette, weit entfernte Erinnerung. Wenn ich an den „Pinneichen“ vorbeifahre, taucht diese Erinnerung freundlich auf, um ebenso schnell wieder zu verschwinden. Heute sehe ich Fußball im Fernsehen zur Unterhaltung an, mit gewissen Wünschen zum Ausgang des Spiels. Ein Sieg von Werder Bremen, von Borussia Mönchengladbach, vom BVB oder von Arminia Bielefeld freut mich, ohne daß ich mich über eine Niederlage besonders ärgere. Ärgern tue ich mich nur über die wohl unvermeidlichen Siege der Bayern, denen ich einen vierten Platz oder schlechter wünsche. Vielleicht ist das geblieben – Ich halte mehr zu Underdogs als zum großen Glamour.

„Du, Papa, wie war es eigentlich früher?“. Wenn der Nachwuchs eine solche Frage stellt, steht meist eine naive Neugier dahinter. Und mit eben dieser naiven Neugier habe ich nun meinen Vater (Jahrgang 1944) zu seinen Erinnerungen an die Zeit befragt, in der er zum Fußball ging. Es war eine Zeit weitab von Kommerzialisierung, Sicherheitskonzepten und Pyrodebatten. Soviel sei aber vorweg genommen: Fußball war auch damals dieses spezielle, irgendwie besondere Erlebnis.
