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Mittwoch, 06 Februar 2013 15:41

DU willst nur zum Fußball

geschrieben von 

ZugDu magst mal wieder Auswärtsfahren. Mal wieder mit dem Zug quer durch die Republik, um Deinen Club zu sehen. Das Reiseportal wirft Dir eine laaaange Fahrt mit unzähligen Umsteigehalten aus. Hin mit der Bimmelbahn, zurück mit dem ICE. Du kennst den Nervenstreß, der mit so einem Ritt verbunden ist. Du hast Dir  fest vorgenommen, in jeder Situation souverän zu bleiben. Vergiß nicht: DU willst nur zum Fußball.

Die Reise beginnt am finsteren Bahnsteig Deiner Heimatstadt. Bart Simpsons berühmte Frage, ob es jetzt auch morgens ein „halb fünf“ gebe, beantwortest Du entschieden mit „Ja!“. Du steigst in die erste Regionalbahn der Reise. Du willst Dich gerade Deiner Reiselektüre widmen, als es im Zug laut trampelt und sprachähnliche Laute erklingen. Ach ja, gestern war ja „Europas größte Kegelparty“ in Deiner Heimatstadt. Und da kommen sie auch schon: Vier Mann, Anfang 50, Schnäuzer, Brille, nur der Körperfettanteil ist höher als der Körperalkoholanteil. Der Kegelclub „Holz um die Vorderacht“ ist nach durchglotterter Kegelparty auf der Rückreise in die Tristesse des ländlichen Alltags. Natürlich bleiben sie in Deinem Abteil hängen – Kegelclubs haben mit „andere in Ruhe lassen“ in etwa so viel zu tun wie Dein Verein mit der Champions League. Du machst Dich unsichtbar- und es funktioniert! Daß Du die Konversation der vier Gestalten mitbekommst, läßt sich nicht vermeiden: „Eeeeeh, Kalle [einer von denen heißt immer Kalle]...weissu...die Eine middie Dauerwelle da...die waaa sch...schonn schaaaf...eeeeh...die...wennich jewollt hädde...“. Du bist amüsiert. Tja, was Kegelbrüder nicht alles anstellen würden, wenn sie nicht so verschroben wären. Nächsten Dienstag ist wieder Verlesung des Kassenberichts. Du bist souverän und stehst drüber. DU willst nur zum Fußball.

Der erste Zwischenstop. Ein großer Bahnhof. 20 Minuten Aufenthalt, und Du hast Dich richtig drauf gefreut. Du kennst diesen Bahnhof und weißt was es da gibt: Eine Crêpes-Bude. Eine Fünf-Sterne- Crêpes-Bude! The ultimate Crêpes!! Ganz Frankreich schaut neidisch auf diese Crêpes-Bude!!! Voller Vorfreude auf den kulinarischen Pokalsieg gehst Du den Bahnsteig hinunter und stehst...an der Stelle, wo früher die Crêpes-Bude war. Du suchst die anderen Bahnsteige ab. Pas de Crêpes-Bude. Weg. Futschiama. Du versuchst, Dich mit einer Bahnhofsbäckerei zu trösten. Der Kaffee ist gut, das Buttercroissant wunderbar. Doch es ersetzt den Crêpes nicht. Och nöööö...Da kommen aber acht Werderaner um die Ecke, die zum Auswärtsspiel nach Freiburg unterwegs sind. Sie haben nicht weniger als sechs Bierkisten dabei, die sie – praktisch, praktisch – auf einem Kofferkuli durch die Gegend fahren. Du bist Dir sicher, der fährt bis zum Stadioneinlaß mit. „Wo isn Gleis vier?“- „Da vorne.“- „Und wo is ‚da vorne‘?“. Das rettet den Morgen. Du bist souverän und trauerst nicht um verpaßten Crêpes. DU willst nur zum Fußball.

Inzwischen ist es vormittag und die Züge füllen sich. Am ersten Halt: Vier aufgetakelte Girlies. Ihr Outfit soll wohl edel sein – der Schriftzug „Gutschi“ auf einer Handtasche mindert den Eindruck. Für ihr Make-Up sind sie  früher aufgestanden als Du. Kaum sitzen sie, fangen sie an, über alles und jeden schlecht zu reden. Seien es Mitschüler, seien es die laut vorgelesenen Artikel aus der – wenig überraschend – VanityFair, sei es die letztens im Laden entdeckte „Hugo Chef“-Handtasche, die ja gaaaar nicht ging, seien es die Mitreisenden. Nach zehn Minuten bist Du an der Reihe. Der Blick fällt auf Dich. Du hast Deinen Schal um. Eine apulische Tarantel hätte weniger Ekel hervorgerufen. „Iiiiiih, ein Fußballfan, Kein Wunder, daß die wie Assis aussehen, wie unhip...“. Das war gar nicht nett. Aber Du bist souverän und gibst Contra. Du lächelst höflich, und sagst zu Miss Unhip: „Weißt Du, wenn ich Dich so angucke...Mit 25 bist Du fett und häßlich, das kann man jetzt schon sehen.“. Tor des Jahres. Sie wird drüber wegkommen. Du bist eh drüber weg. DU willst nur zum Fußball.

Hält der jetzt nicht schon ziemlich lange auf freier Strecke? Doch, schon. Über Dir knackt es ziemlich penetrant und der Bordlautsprecher verkündet: „Liebe Fahrgäste, aufgrund von Störungen im Betriebsablauf wird sich unsere Weiterfahrt um wenige Minuten verzögern. Wir bitten um Ihr Verständnis.“ Da Du aber nur sechs Minuten Umsteigezeit am nächsten Bahnhof hast, bist Du leicht beunruhigt. Du begibst Dich drei Minuten vor Ankunft Richtung Zugtür und sicherst Dir die Pole Position, die Hand alarmbereit auf den grünen „Öffnen“-Knopf. Bei Ankunft legst Du einen Hindernislauf hin, bei dem Olympioniken neidisch geworden wären. Mit einem gewaltigen Dreisprung erreichst Du in letzter Sekunde das Anschlußgleis...um folgende Maschinenstimme zu hören: „Meine. Damen und Herren. an Gleis. Sieben. Regionalexpress. 6778. ver. zögert. sich. um. Zwanzick. Minuten. Wir. Bitten. Um. Ihr. Verständnis.“. Dein Kreislauf kämpft gegen den sprintbedingten Sauerstoffmangel. Doch Du bleibst souverän. „Wir. Bitten. Um. Ihr. Verständnis.“ findest Du etwas unpersönlich. „Hallo, liebe Leute, Euer Zug auf Gleis Sieben kommt vier Stunden zu spät, aber eine Viertelstunde davon ist ja schon rum. Das Gleis, auf dem er dann kommt, müssen wir uns noch überlegen, eventuell ist es eins in diesem Bahnhof.“. Das wäre wenigstens authentisch. Was soll’s. Du bist nicht der Bahnservice. DU willst nur zum Fußball.

Wenigstens ist es die letzte Etappe bis zum Spielort, und die tatsächlich 37 Minuten Verspätung fallen nicht ins Gewicht. Du machst es Dir im Zug bequem. Gegenüber sitzen zwei ältere Damen, die auf die Anwesenheit eines Ballsportfreundes mit einem ähnlichen Blick reagieren wie die Juniorschnitten aus dem letzten Zug, nur mit weniger dickem Lidstrich. Auf der letzten Etappe bleibt es nicht aus, daß Anhänger des Gastgeberteams zusteigen. Und so entert am zweiten Halt eine Gruppe von 20 Mann jeden Alters Dein Abteil. Sie tragen Trikots, Schals, Mützen. Jeder hat soviele Biersechserpacks an die Brust gedrückt, wie die Arme tragen können. Einer hat einen Ghetto-Blaster dabei. Aus den Boxen donnert die CD „Mein Club - Meine Liebe – mein Heimat – mein Lieblingskäsebrötchen“. Ab dem dritten Halt des Zuges fängst Du an mitzuzählen: Der Verein geht 34mal nicht unter, 45mal ist er „die Macht“, 722mal irgendeine Form von schwulstiger Herzensangelegenheit. Du kennst das. Die beiden älteren Damen kennen das nicht. Sie reagieren auf die laute Kirmesbeschallung mit Schweppes-Gesichtern – Bitter Lemon mit’nem extra Schuß Schwefelsäure. Einer der Fans, optisch eine Mischung aus Wolfgang Stumph und Moby Dick, hat ein Megaphon dabei. Irgendwann befiehlt er seinen Kumpanen, die Musik auszumachen. „Jungs, auf geht’s!“. Dann schaltet er die Flüstertüte ein – „KCCCCCHHHH“ – und beginnt den Gruppenchant. Seine Leibesfülle und sein offenbarer Hang ins Asthmatische helfen dabei nicht unbedingt: „AlledieAaaaaarme! *hust* JetzmalalledieAaaaarme *hüüüüüch*...[Schnappatmung]...OlääääääOlääääOlääOläääOholäääää...“. Die Aktion bringt ihn stark ins Schwitzen, verfehlt aber ihre Wirkung nicht – alle brüllen los. Die beiden älteren Damen halten demonstrativ die Hände vor die Herzen. Bald ist die Stimmung ebenso auf dem Siedepunkt wie der Kreislauf des Megaphonisten, der inzwischen krebsrot angelaufen ist. Richtig interessant wird es, als einer aus der Gruppe die alten Damen als potentielle Stimmungskanonen erkennt: „Los Mädels, jetzt alle mitmachen! TOD! UND HASS! DEM F!C!L!“. Die beiden Damen lächeln krampfhaft und versuchen, spontan zu versteinern. Gerade, als der Fan den Damen ein Lied beibringen will, das deutlich erklärt, in welcher Form der Erzrivale FCL zu befruchten ist und der Vorsänger zu würgen beginnt, betritt der Schaffner das Abteil. Zu Deinem Wochenendticket wünscht er eine Kundenkarte zu sehen, schließlich müßten ja mehrere Personen darauf reisen. Ausnahmen nur mit Kundenkarte. Der Schaffner stottert auf dem „K“, was dem Wort „Kundenkarte“ einiges an Schrecken nimmt. Du reist gar nicht allein, Du hast Verwandtschaft dabei, der es nicht gut geht und daher ohne Streß ans Ziel kommen muß. Das erklärst Du dem Schaffner und ernennst die inzwischen völlig verstörten älteren Damen und den immer noch schwer atmenden Tütenflüsterer zu Deinen Mitreisenden. Gut gemeistert. Das letzte Hindernis ist geschafft. DU willst nur zum Fußball.

Einen Auswärtspunkt später...

...sitzt Du im ICE. Das Abteil ist komplett leer. Du schlägst Deine Reiselektüre auf...“Ey, Du fährst doch auch mit uns zurück, oder? Der Support von den anderen eben war ja mal null, ey...“. Du blickst hoch. Für das, was Du siehst, wurde der Begriff „Rotzlöffel“ erfunden. Schmal wie’n Brett, Basecap, Kapuzenpulli, aufdringliche Coolness. Ein Pseudorebell, wie frisch aus der Foto-Love-Story der Bravo-Girl entsprungen. Er hat die Welt komplett begriffen („Die Weisheit ist auf meiner Seite: Ich hab‘ nur Rechte!“). Und leider hat er Dich am Schal als Anhänger des eigenen Clubs (Liebe/Heimat/Käsebrötchen) erkannt und teilt Dir seine Weisheit mit. Schließlich ist er schon seit dem Aufstieg vor zwei Jahren dabei. Dein dezenter Hinweis, daß Du schon seit einer Zeit dabei bist, wo seine Genetik noch im Unterwäschekatalog landete, wird beflissentlich überhört. Aber Du bist souverän und denkst Dir Deinen Teil. So kommt es die nächsten vierhundert Kilometer zu folgendem Dialog: „Ey, das hätten die doch gewinnen müssen“- „Jahaaa...[na ja, 1:1 durch einen ziemlich fragwürdigen Elfer und zwei noch fragwürdigere Abseitstore für die anderen]“ – „Ey, ich mach alles für den Verein“ – „Toll...[Ich will ein Käsebrötchen]“ – „Ich bin’n Ultra...“ – „Aha...[Wissen das die richtigen Ultras?]“ – „Letztens hat’s bei uns gescheppert, da haben wir die Hooligans vom FCT lang gemacht“ – „Mhmmm...[ein Hooligan schnippt Dich Vogelscheuche mit zwei Fingern durch die Wand]“. Beim Verlassen des ICE bist Du ihn los. Du bist souverän geblieben, wenn auch auf Kosten einiger neuer Fettablagerungen in Deinen Herzkranzgefäßen. Jetzt sind es noch zwei Regionalbahnen bis nach Hause. In der ersten sitzt eine Gruppe, für die der Begriff „Rotzlöffel“ erfunden wurde. Schmal wie die Bretter, Käsebrötchen, Bravo-Girl (s.o.). Zwar nicht von Deinem Club, aber man erkennt Dich als Fußballfan und läßt Dich ungefragt an der Gruppenweisheit teilhaben. Man kommt vom Auswärtsspiel der Damenvolleyballmannschaft des Lieblingskäsebrötchens. Hardcore-Away-Support und so. Also nochmal von vorne. „Hier am Bahnhof hat es auch schon mal tierisch gescheppert. Zwischen den Hools von Metalist Charkov und Holstein Kiel“ – „Na schau...[Charkov? Mit Kiel?? Am Bahnhof von Porta Westfalica???]“. Doch auch das geht zu Ende. Die letzte Regionalbahn der Reise ist leer. Eine knappe halbe Stunde genießt Du Deine Reiselektüre. Gerade, als Kommissar Wallander die nächste Leiche findet, verkündet der Bordlautsprecher: Liebe Fahrgäste, aufgrund von Störungen im Betriebsablauf endet unsere Fahrt in Lengerich. Wir bitten um Ihr Verständnis.“. Du steigst aus. Du stellst fest, daß Du der einzige Fahrgast warst. Du stellst außerdem fest, daß der Bahnhof von Lengerich in nächtlicher Finsternis genauso ist, wie man sich den Bahnhof von Lengerich in nächtlicher Finsternis vorstellt. Du bleibst ruhig. Du bleibst souve...ach scheiß drauf! Wuuuutanfaaall!!! „ICH WILL NUR NACH HAUSE!!!!!“

Du fährst...jederzeit... wieder...

Jan-H. Grotevent

Jahrgang 1975.

Gefühlte Zuständigkeiten:

Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

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