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Freitag, 16 November 2012 20:02

Der moderne Raubtierfußball

geschrieben von 

lohrheideImmer wieder wird festgestellt, Fußball sei ein Spiegelbild der Gesellschaft. Inwieweit das zutrifft, ist kaum bis ins Detail festzumachen. Angesichts der Insolvenz von Alemannia Aachen ein paar (eigentlich zu) kurze Gedanken darüber, ob der „Moderne Fußball“ nicht vielleicht ein Hohlspiegel des Kapitalismus ist.

Kurz und knapp zusammengefaßt wird im Kapitalismus das Verhältnis von Produktion und Verbrauch über den Markt festgelegt, über Angebot und Nachfrage. Die Produktionsgüter und –mittel sind dabei nicht allgemeines Gut, sondern in „privaten“ Händen. Die „privaten Hände“ wollen dabei ihr in die Produktion eingebrachtes Kapital erhöhen und nehmen entsprechend Einfluß auf den Markt. Auch der „Markt“ des Modernen Fußballs definiert sich über Angebot und Nachfrage: Es wird Sport angeboten, je attraktiver und glamouröser dieser ist, desto höher ist die Nachfrage. Desto intensiver ist auch der Konsum der Spiele, desto höher sind die Gelder, die im Fußball generiert werden. Es ist nachvollziehbar, daß „private Hände“, hier: Fußballvereine, ihr Stück von der aus Fernsehgeldern und Eventvermarktung gebackenen Torte haben wollen (siehe zum Thema unseren Blog „Marke und Fankultur“).

Wenn man bei der Torte kräftig zulangen will, muß man ein ständiges Wachstum anstreben. Formulieren Vereine ihre Ziele, nennen sie vor einem solchen Hintergrund gern die „Wettbewerbsfähigkeit“. Um diese zu garantieren, bauen sie neue Stadien, bzw. Arenen, verpflichten teure Spieler und gehen dabei auch finanzielle Bürden und Risiken ein in der Hoffnung, diese durch langfristige Gewinne wieder decken und übertreffen zu können.

Hier kommt ein in den heutigen Zeiten oft gehörter Kritikpunkt des Kapitalismus ins Spiel, die Spekulanz. Nun erscheint der Fußball in dieser Hinsicht nicht ganz so schlimm wie der Kapitalmarkt – die Gelderverteilung ist hier immer noch vom sportlichen Erfolg abhängig – siehe die Ausschüttung der Fernsehgelder in Abhängigkeit vom Tabellenplatz – Es wird nicht ins blaue hinein spekuliert. Dennoch wird „gezockt“. Wie oft hören wir, daß in den Finanzplanungen eines Vereins die Teilnahme am Europapokal schon vor der Saison fest ins Budget eingeplant wird? Eine solche Kalkulation ist kaum mehr verläßlich als ein riskantes Anlagegeschäft.

Denn der Fußball ist irrational, genau wie der Kapitalmarkt, und entsprechend unberechenbar. Es ist kaum möglich, eine sportliche Entwicklung und proportional dazu Einnahmen einzuplanen in einer Sportart, in der ein entscheidendes Spiel durch ein gegebenes Abseitstor in der Nachspielzeit entschieden werden kann oder in der auch die beste Mannschaft mal über längere Phasen den Dreck an den Hacken hat und die sportlichen Ziele nicht erreicht.

Alemannia Aachen stand 2004 im DFB-Pokalfinale und lieferte in der Folgesaison eine mehr als respektable Gruppenphase im UEFA-Cup. Der Verein stieg in die Bundesliga auf. Man schwamm auf der Euphoriewelle, man hatte ein riesiges Tortenstück gekostet. Um nahe an der Torte – „wettbewerbsfähig“ - zu bleiben, baute man sich einen neuen Tivoli, trotz sportlicher Mißerfolge, die schließlich mit dem Abstieg in die Dritte Liga endeten. Nun sind die finanziellen Belastungen durch den Stadionneubau nicht mehr zu stemmen. Alemannia Aachen wird zum Saisonende in die Insolvenz gehen.

Man könnte schlicht und unsensibel feststellen: „Selber schuld, die Aachener, haben sie sich halt verzockt“ Doch ist Alemannia kein Einzelfall. Der MSV Duisburg strauchelt. Hansa Rostock, der VfL Osnabrück und Arminia Bielefeld haben den Kopf gerade noch aus der Schlinge gekriegt und sind noch lange nicht über den Berg. Die jüngere Geschichte dieser Clubs weist Parallelen zur Geschichte Alemannia Aachens auf, und sie werden nicht die letzten sein – Jeder will ein Stück Torte und wird seine „privaten Hände“ danach ausstrecken, wenn sie in greifbare Nähe kommt. Hier zeigt sich, wie stark der Fußball vom kapitalistischen Denken geprägt ist – nicht das einzige, aber augenscheinlich sehr wesentliches Merkmal dessen, was wir als „Modernen Fußball“ kritisieren.

Fakt ist, daß nun ein 112 Jahre alter Sportverein, der größte seiner Stadt, auch (nicht ausschließlich) an eben diesem Modernen Fußball gescheitert ist. In nahezu jeder Kapitalismuskritik heißt es, daß es die „Kleinen und Unschuldigen“ zuerst trifft. Eine Menge Fans werden jetzt mit dem Niedergang ihrer Herzensangelegenheit leben müssen. Argumente wie „Mit den Fans hat es die Unschuldigen getroffen, siehstedoch!“ sind vielleicht berechtigt, aber im Moment fehl am Platze. Im Moment kann man nur darüber traurig sein.

Viel Glück, TSV Alemannia Aachen von 1900!

Jan-H. Grotevent

Jahrgang 1975.

Gefühlte Zuständigkeiten:

Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

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