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Sonntag, 26 Februar 2017 17:26

Wir brauchen keinen Karneval, Arminen feiern überall - Hannover 96 gegen Arminia

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Rundumbeobachtungen

H96-DSC01Ein Samstag im Februar. Eine Menge Leute reisen quer durch den Nordwesten. Sie nehmen Nahverkehrszüge, in denen die Zugbegleiter unaufgefordert den Atomkrieg prophezeien. Sie treffen Gleichgesinnte, mit denen sie sich nett unterhalten und Lieder singen. Sie haben lalloholische Lebensmittel im Reisegepäck. Sie sind herzlich zu schockierten Mitreisenden. Sie gehen auf eine Veranstaltung, wo gemeinsam getrunken, gesungen, geklatscht, geschunkelt, gegrölt und gejubelt wird. Nein, das ist nicht der massenangepasste Karneval. Das ist auch nicht der massenangepasste Alternativkarneval! Das ist die Alternative zur Alternative zum Karneval! Das ist Arminia auswärts in der Nachbarschaft, nach Hannover! Eine befreundete und ganz besondere Stadt! Hier verabredet man sich „unterm Schwanz“. Hier wird der allgemeine Armine gern empfangen. Hier läßt die Marktkirche die gesamte norwegische Black-Metal-Szene vor Neid erblassen...

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...die muss das Penta mühsam nächtens auf norwegische Kirchen sprayen. Hannover hat’s am Turm. Der Teufel hat heute Feiertag. Hat er zumindest gesagt und ihn auch so gefeiert. Schön bei Dir! Im „HeimW“ in Bahnhofsnähe wird die erste schwarzweißblaue Invasion zelebriert. Durch die Innenstadt am Maschsee vorbei geht es in die HDI-Arena. Auf dem Weg der erste Chancenabgleich mit den Hannoveranern. „Ihr seid Favorit!“ – „Ach, so wie wir die letzten Male aufgetreten sind, habt Ihr’ne Chance“ (Fanknigge: Immer schön tief stapeln!). Interessant ist die Reihenfolge der Einlasskontrollen am Gästeblock. Erst die Karte kontrolliert, dann die Taschen-/Körper, dann das Drehkreuz fürs Ticket. Wie oft passiert es wohl, dass jemand mit gültigem Ticket und „sauber“ schließlich an der Elektronik der Drehkreuze scheitert?

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Im Gästeblock dann die wunderbaren Szenen, wenn die Almstruktur sich wiedertrifft. „Ach, Du auch hier?“ – „Neeee, ich bin in Hamburg, hähähäää!“. Viertausendfünfhundertplus Bielefelder zu Gast bei dreißigtausendplus Hannois. Die Arminen sind vor allem in Partylaune, nichts zu merken von der sonst so oft durchschimmernden ostwestfälischen Rumnöl- Aura. Die blauen Plastikponchos zur Choreo verstärken das Partyfeeling noch. Übrigens: Sehr geschickt gewähltes Choreo-Motto. Der größte Auswärtsmob der Saison geht auch in schweren Zeiten zu Arminia. Dat hat mal Aussage! Schicke Perspektive vom Steher aus:

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Hannover 96 hat erstmal gefühlt 80 Prozent Ballbesitz, ist technisch besser als Arminia, hat aber keine zündenden Ideen. Die Gastgeber spekulieren ein bisschen auf Fouls und Standards. Die Blauen stehen hinten sicher und spielen konzentriert, nach vorne passiert nix. Das Match ist für neutrale Zuseher vermutlich extrem fade. Dem Gästeblock ist es schnurz. Wir feiern die Alternative zur Alternative zum Karneval. Wir singen Werner Tennberg und sind immer dabei in Ewigkeit. Stimmung ist gigantisch, das Ergebnis (0:0) stimmt, eine Führung kann man nicht erwarten. Also singen, singen singen!

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Wie das bei Arminia ja oft so ist: Man erwartet etwas nicht und es passiert trotzdem. Hemlein kommt nach einer Nötheflanke an den Ball und schießt. Der Ball wird abgefälscht, senkt sich und...Brüll!Blaue Flecken! Massenumarmung! Massen-No Limit! „Der Puls der Stadt, unsere Leidenschaft“ hat selten so gestimmt wie in diesem Moment. Das Ergebnis stimmt noch mehr! „SchiRi! Abpfeifen wegen Unwetter! ...oder so...“.

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Behrendt stochert. Karaman fällt. SchiRi Brych pfeift. Harnik schießt. Netz wackelt. Hannoi gleicht aus. Da das Ergebnis immer noch stimmt, versaut der Gegentreffer die Atmosphäre im Gästeblock nicht wirklich. Tiefsinnige Debatte: „Wir sind da, um die Stimmung zu machen. Die [Spieler] sind da, um sie anzuheizen.“ – „Nee, wenn wir die Spieler anheizen, heizen sie uns an.“ –„*rülps*“. Zusammengefasst: Gute Laune oben, gute Laune unten. Alternative zur Alternative zum Karneval! *rülps*

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Salif Sane und Keanu Staude beharken das runde Leder im Hannoveraner Strafraum. Staude fällt irgendwie um. Brych strickt sich einen Elfer daraus und weist auf die entsprechende Platzkreide. Der Gästeblock jubelt und alle, die sich zwischen Unter- und Oberrang schon zur Pausenversorgung aufgemacht hatten, kommen hektisch auf die Tribünen zurückgerannt – interessant von oben zu beobachten. Fabi trippelt (Lass das!). Fabi schießt in die Mitte. Ball ist im vollen Umfang über der Linie. Jubel! Massenumarmung! No Limiiiit! Rekordfabi! Der 100-Tore-Mann! Der Käptn, die Tanne, der Panzer, die Charline Hartmann des DSC! Gebt dem Typen einen Vertrag, bis er sich fürs Kopfballtor auf einen Rollator stützen muss!

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Halbzeit. Kann man ja mal eine kleine Schnurre von daaaamals erzählen. Die HDI-Arena ist noch das Niedersachsenstadion. Einer aus der Auswärtsfahrergruppe verliebt sich spontan in eine Polizistin. Damals hatte der Gästebereich eine Bierbude, in der zwei wackere 96er Flaschenbier ausschenkten. Wollte man sich als Armine die dabei unvermeidlichen Warteschlangen ersparen, stellte man sich einmal an und nahm sich so viele Flaschenbierbecher mit, wie die Griffel tragen konnten. So steht der liebeskranke Kollege also mit sechs Plastikgemäßen Bier in der Hand und etwa zwölf in der Rübe ein paar Schritte entfernt von seiner Traumfrau in Staatstracht und plant den optimalen Heiratsantrag. Die Fuhre Bierbecher könnte den Gesamteindruck trüben. Gottseidank hat Traumfrau einen Polizeikollegen neben sich. Der romantisierte Armine marschiert also auf diesen Polizisten zu, hält ihm die sechs Bierbecher hin, die Gerstenbowle schwappt über eine Uniform, „Da! Halt mal, ich muss Deine Kollegin heiraten“, geht vor der Lady auf die Knie, fällt auf die Nase...Das nichts draus wurde, ist bis heute unerklärlich.

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Verhaltener Optimismus zu Beginn der zweiten Hälfte. „Wenn sie die Führung bis zur Siebzigsten halten und ein paar Konter zu Ende fahren...“ – „Ach, wir wissen doch, wie es immer läuft. Hannover wird jetzt stärker spielen, unsere spielen auf Halten, wir müssen zittern...“. Hannover 96 spielt etwas stärker. Es sieht so aus, als würden die Blauen auf Halten spielen. Und wir zittern ein bisschen – auch das gehört zum Hormoncocktail eines Arminia-Tages. Geschüttelt und gerührt. Und prompt erzielt Sane das 2:2 nach einer Ecke. „Standards könnse immer noch nicht verteidigen“, mault jemand auf dem Gästeblock. Jaaaa, komm, ein Schuss schwarzweißblaues Gemaule gehört in den perfekten Fußballtag (vor allem, wenn Arminia im Mittelpunkt steht).

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Wissen wir, wie es läuft? Kommt jetzt die unvermeidliche Schlussviertelstunde mit dem unvermeidlichen K.O.-Gegentor? Der Gästeblock denkt nicht lange drüber nach. Das Ergebnis stimmt immer noch. Zuprosten über die FIFA- Absperrungen hinweg. Den Tag einen guten Tag sein und bleiben lassen. Und die Blauen kommen wieder ins Spiel. Obwohl sie einige Konter verdödeln („Fertigmachen zum Jub...Neeeeee!!“), Arminia spielt mit Leidenschaft. So wollen wir sie sehen. So wollen wir sie feiern! Hannover feiert auch gut.

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„Immer dabei!“, donnert vom Gästeblock – auf dem Rückweg gab es mehrfach Lob für unseren tollen Support. Jubel, als Voglsammer ein...Das! War!! KEIN!!! HAND!!!! Man, Brych...Das Fernsehen sagt etwas anderes, aber das Fernsehen weicht auffallend oft von der Meinung einer Stadiontribüne ab. Schade für (O-Ton Tribüne) „Vogelsammler“. Hihihi, Papageno, hihihi...Der Vogelsammler bin ich ja, kein Handspiel, heissa hopsassa! Mit dem 2:2 stimmt das Ergebnis. Langer und lauter Applaus verabschiedet die nicht unzufrieden wirkenden schwarzweißblauen Kicker unter die Dusche.

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Das Motto für die dritte bis fünfte Halbzeit wird über den Vorplatz des Gästeblocks gebrüllt: „Jetzt gib den Schnaps her, ey!“. In Hannovers Altstadt ein italienisches Essen. Dann fusioniert die Alternative zurH96-DSC13 Alternative zum Karneval mit dem Karneval im geselligen („Broyhan Haus“) mit Fußball, Rugby und den Dropkick Murphys aus den Boxen im Irish Pub und schließlich mit der ballermannesken Helaufete im Brauhaus. „Habt Ihr gegen 96 2:2 gespielt?“, fragt der nette ältere Herr im „Broyan Haus“. –„Jau!“ – „Punkt für Euch!“, sagt er zwinkernd und hat recht. Das war ein Bonuspunkt, den man so nicht erwarten musste „Ein Punkt gegen den Abstieg von Arminia.“. Ganz entschieden antwortet der ältere Herr: „Ihr.Steigt.Nicht.Ab!“. Nun, die Blauen haben gekämpft und vor allem sehr konzentriert gespielt. Die Leistung von Hannover ist die Vorgabe, nach der weitergearbeitet werden muss und nach der weitergearbeitet werden sollte. Auf jeden Fall passten Spiel und Ergebnis in einen sensationell genialen Auswärtstag. Die Fans haben sich und die Tatsache gefeiert, Arminia als Lieblingsclub zu haben. Unabhängig von weiteren Ergebnissen, Zahlen und Ligen. Auch das muss und sollte so weitergehen.

Der goldene Klops des Tages geht an:

Niemanden. Der Tag war zu genial, um Klöpse zu verteilen.

 

Jan-H. Grotevent

Jahrgang 1975.

Gefühlte Zuständigkeiten:

Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

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