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Freitag, 06 November 2015 15:47

Wenn schon, denn schon, rote Kuh

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Gedächtnisprotokoll einer Szene in einer westfälischen Einkaufsstraße

„Hallooo“, flötet jemand. Karl und Günno, die bis eben mit ihrem Stehfraß beschäftigen waren, sehen auf. Eine ansehnliche junge Dame mit blonden Locken ist an den Stehtisch der beiden herangetreten. Über der linken Schulter trägt sie eine stylishe Kühltasche. In der rechten Hand hält sie Flyer.

rote kuh„Ja?“, brummt Günno. „Darf ich Euch einen Flyer geben?“, sagt die Dame und hält den beiden ihre Hand hin. Karl greift einen Flyer. Eine große Show wird angepriesen, bei der irgendein Rapper auf irgendeinen anderen Rapper trifft. „Aha“, sagt der bedingt begeisterte Karl. Auch Günno wirft einen Blick auf den Werbezettel. „Rap ist jetzt nicht so wirklich meins...“, räumt er ein. Die junge Dame lächelt. „Na ja, muß ja auch nicht.“, trällert sie, „Darf ich Euch denn unseren Veranstaltungskalender überreichen?“. – „Wer ist denn ‚wir‘?“, fragt Günno zurück. „Wir sind eine bekannte Getränkefirma und unser Energy Drink ist weltweit der beliebteste“, betet die Frau das herunter, was Servicetheoretiker „Vorteilsargumentation“ nennen, „Und wir veranstalten richtig hippe Sachen!“. „Und zwar?“, fragt Karl. „Parties, Konzerte ...und vor allem Sport!“, verkündet die Dame und merkt nicht, daß Günno und Karl schauen, als wäre gerade eine Lunte angezündet worden. „Was für Sport?“, will Günno wissen. „Motocross-Rennen!“, feuert die Dame drauflos, „Flugzeugrennen! Wir haben anderthalb Formel-1-Teams! Und vom Sprung aus dem Weltraum habt Ihr sicher auch schon gehört!“. In den Gesichtern von Kalle und Günno brennt ein ganzes Stück Lunte herunter. „Gut und schön“, knurrt Günno, „Kann man ja mal machen. Ist aber immer noch nicht meins...“. Die junge Dame zieht die Augenbrauen hoch und zieht ihr Top-Argument, die gleich einen ganzen Meter Lunte herunter brennen läßt: „Und natürlich Fußball!“. - „Aha...“, meinen Karl und Günno ebenso unisono wie frostig. „Ja!“, sagt die Dame und hebt einen Zeigefinger, „Wir haben einen eigenen Club und der spielt bald erste Liga!“.

Frostiges Schweigen. Die Dame realisiert, daß ihr gerade die Felle davon schwimmen. Sie öffnet ihre Kühltasche und zieht zwei Getränkedosen hervor. Die Behältnisse glänzen in blau und silbern. Vor einer gelben Sonne springen zwei rote Kühe aufeinander zu. Doch nicht nur deswegen entsteht der Eindruck, daß ein Knall bevorsteht. „Gratis!“, lächelt die Dame, „Ihr wißt ja: Damit Euch Flügel verliehen werden.“. – „Nein, danke.“, bellt Günno, „Bitte laß mich in Ruhe! Ich will keine Flugzeuge, keine Weltraumsprünge, keine Flügel, Daniel Ricciardo mag ich nicht und Euren Fußball schon mal gar nicht.“. Karl legt ihm beschwichtigend die Hand auf den Arm und wendet sich an die etwas erschreckte Dame, „Wir verzichten, vielen Dank!“. „O...okay...“, antwortet die Dame. Schnell sagt sie „Tschüs“ und rauscht davon.

„Mußte das sein?“, meint Kalle tadelnd, „Das Mädel kann doch nicht für Ihren Job. Und schmeckt ein Wodka Energy nicht doch ganz gut?“ - „Hast ja recht, das Mädel kann nichts dafür. Aber Wodka Energy reinziehen während die ... Nee, Du. Wenn schon, denn schon.“, erwidert Günno und wendet sich wieder seiner Mahlzeit zu. Die Dame zieht weiter. Schon ein paar Schritte weiter werden die Dosen mit Begeisterung entgegen genommen. Während Günno eine Fuhre Fritten auf seinen Pieker spießt, summt er eine Melodie. Es ist ein Gospel. Der Originaltext lautet „Over in the Gloryland“. Doch Günno denkt sich einen anderen Text. Wenn schon, denn schon.

 

Jan-H. Grotevent

Jahrgang 1975.

Gefühlte Zuständigkeiten:

Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

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