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Donnerstag, 05 März 2015 13:43

Arminia gegen Werder Bremen

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Rundumbeobachtungen DSC14/15-20, dedicated to Elke und Jürgen, die mir mein Ticket besorgten

Auf zum Pokalfinale, zumindest wenn man der „Sportschau“ glauben darf. Der Bundesligist, der im Moment von vielen in die Europa League hochgefeiert wird, zu Gast beim Drittligisten, der im Moment von vielen in die Zweite Liga hochgefeiert wird, alles wegen der Leistungen beider Clubs in den letzten Wochen. Wichtiges Spiel für beide! Leistungstest für die Blauen, wenn sie mit einem Vielleicht-Europaligisten mithalten, sagt das aus, daß sie vielleicht mit Zweitligisten mithalten können. Aha. „Richtiger Gegner zur richtigen Zeit“, sagt Werder-Coach Skripnik, nachdem drei geschossene Tore gegen VW nicht zu Punkten reichten. Soso. Unter diesen Vorzeichen sind Prognosen schwer. Wenn die Blauen aber das Bayern-Gen haben und taktisch lange zu Null, dann...Wenn Werder konzentriert spielt, dann...dann...dann...spielt Arminia nächstes Jahr Europa-League, der FC Bayern im Pokal gegen Werder auf der Alm und das heute parallel stattfindende Spiel Momentan-in-Leipzig-verortete-Rindviechbrause gegen Radkäppchen-und-der-böse-Golf wird das Pokalfinale 2021. Alles klar? Nein? Okay, dann laßt uns einfach den Moment genießen, hoffen, daß sich keiner verletzt und einfach’ne Runde Spaß haben.

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Heute bin ich mal ein Sitzer und merke: Vor den Spaßmoment hat der Fußballgott das Ankommen gesetzt. „Flexibility“, fordert irgendwer im Gewusel unter der Westtribüne. Flexibility ist sowohl von der Sprache als auch vom Habitus gänzlich unostwestfälisch. Ein Film mit dem Titel „Ostwestfalen suchen ihre Stadionplätze“ wäre ein Blanko-Grimmepreis. Vor dem Spiel bekommen Malte und Sebastian, Opfer einer Gewaltattacke von 2012, die Spenden zur Begleichung ihrer Prozeßkosten überreicht, für die sich Malte im sympathischen hanseatischen Zungenschlag bedankt und den Saldo seinerseits an den Deutschen Ring spendet. Schönes Ende einer sehr unschönen Sache. Die etwa 3.000 Werderaner zeigen eine Minichoreo zum Einlauf der Teams, die Süd eine große, wunderbar inszenierte Choreo. Der Aperitif schmeckt schonmal.

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Erster Stimmungstest beim Anstoß: Es knistert. Vorher war die Umfeldstimmung lobenswert realistisch. Auf einen Satz eingedampft: Werder is‘ Favorit, Arminia nich‘. Und die erste Viertelstunde geht an den Gast von der Weser. Garcia und Bartels haben die ersten dicken Chancen des Spiels. Werder ist ballsicherer und flinker, aber das ist auch keine Überraschung. Nervosität auf den Rängen: „Wuuuaaaaah, wer deckt eigentlich den Naldo?“. Irgendwer in Leipzig. Die Blauen spielen mit einer Art Dreier-Sechs. Defensiv stehen sie konzentriert, im Spiel nach vorne merkt man ihnen an, daß sie doch etwas nervös sind, es gibt einige Ungenauigkeiten. Erste Chance ist ein Kopfball von Burmeister in der 18.Minute. Erst so ab der 25.Minute traut sich Arminia etwas mehr, die sehr hoch (und sehr optimistisch) verteidigenden Bremer anzugehen. Währenddessen liefern sich beide Seiten ein ordentliches Supportduell. „Bie-le-feld“ hüben, „Wer-der!“ drüben.

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Der grauenhafte Acker, der unsere Alm nun mal ist, hat, mit den Worten eines Werderspieler-Bruders, nichts mit Fußball zu tun. Umso besser, daß Mü37, Fabi und Schütz das durch einen Spielzug kompensieren, der durchaus etwas mit Fußball zu tun hat. Manuel Jungglas, der bis dahin forscheste Armine, schiebt ein. Riesenjubel über ein Tor aus regnerischem Himmel. „Steht auf, wenn Ihr Arminen seid!“. Oder besser: „Bleibt stehen!“, denn keiner sitzt. Nun, jetzt kommt dieses Der-Rest-des-Spiels-wird-lang-Gefühl. Arminia wird jetzt mutiger und hält Werder vom eigenen Sechzehner fern. Die Stimmung auf der West ist zwischen Hoffen und Bangen. Realistisch? Nein, denn Werder ist weiterhin technisch besser. Real? V...v...vielleicht.

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1:0 zur Pause also. Gute Laune bei Fans und Eventfans. In den letzten Rundumbeobachtungen habe ich dieses leidige Thema schon aufgegriffen, heute frage ich mal andersrum – Was ist überhaupt ein „Event“? Ein „Event“ ist eine besonders exponierte Veranstaltung mit besonderer Inszenierung, Interaktion zwischen Veranstaltern und Teilnehmern sowie multisensorischer Ansprache (zusammengebaut aus ein paar Webdefinitionen). Prüfen wir den heutigen Abend mal nach diesen Kriterien durch.

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„Besonders exponiert“: Und wie. Mittwoch abend, Flutlicht, DFB-Pokal, Bundesligist zu Gast. „Besondere Inszenierung“: Die Alm wurde auf DFB-Pokal umdekoriert, seit der Auslosung fallen Begriffe wie „Pokalschlager“, „Pokalknaller“, Pokalkracher“, Lothar und Sebi Wiese stoßen ins selbe Horn. „Interaktion zwischen Veranstalter und Teilnehmer“: „Stimmung auf den Rängen“ muß ich genauso wenig erklären wie den Glauben der Fußballer, daß die Stimmung sie besser spielen läßt. „Multisensorische Ansprache“: Daß ein Almgang multisensorisch ist, also alle Sinne anspricht, muß erst recht nicht erklärt werden. Wir sind also heute abend alle miteinander Teil eines „Events“, ob uns das nun gefällt oder nicht. Die Frage ist, was dieser „Event“ für jeden der 26.137 Almbesucher darstellt. Gehen sie hin, weil Arminia spielt? Gehen sie hin, weil Werder spielt? Gehen sie hin, weil sie die Atmosphäre einer ausverkauften Alm und vielleicht eine Pokalsensation live erleben wollen? Gehen sie hin, weil es DAS Happening des Abends in OWL ist? Das sollte mal untersucht werden, nur für den Fall, daß jemand da draußen noch ein Thema für’n Proseminarschein/Bachelor/Master/Doktor sucht...

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Die zweite Halbzeit beginnt mit Bremer Übergewicht, trotzdem hat Arminia zwei dicke Chancen durch Börner und Müller. Die Bremer sind angefressen. Schon seit Mitte der ersten Halbzeit reichen sie in schöner Regelmäßigkeit Beschwerden beim SchiRi ein, zum Teil auch begründet. Zwölf Minuten sind im zweiten Durchgang gespielt, als Dick eine flache Linksecke hereinbringt. Bremens Defensive hat ihre Fußspitzen irgendwo, Schuppan hat seine am Ball. Mit dem 2:0 brechen die Dämme auf den Rängen. Alles liegt sich in den Armen, Bierbecher fliegen, Stimmbänder verabschieden sich bis Samstag. „Spitzenreiter, Spitzenreiter, Hey, Hey!“. Darf man dann durchaus mal betonen. Zumal Sky herausgefunden hat, daß Arminia bis jetzt Europas erfolgreichste Profimannschaft 2015 ist. Nette Momentaufnahme, genau wie die 2:0-Führung. Weiblicher Kehlkopfüberschlag von vorne links: „Ich bin jetzt zum dritten Mal da, Arminia ist ja echt unschlagbar, die gewinnen alles, Juhuuuu!“. Chronik. Lesen. Erkenntnis. Ist aber egal jetzt. „Wir sind #immerdabei, ob nah oder weit, in Ewigkeit“ – Die ganze Alm steht. Und Freundschaftsbekenntnis gepaart mit Seitenhieb: „SchwarzWeißBlau, Arminia und der HSV!“.

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Mit gehörig Frust im Bauch nimmt Werder das Heft wieder in die Hand. Arminia versucht es mit langen Bällen auf den unermüdlich rennenden Dennis Mast – „Laaauf, mein Sohn, laaauuuf!“. Die Blauen fighten. Immer mit dem Fuß zum Ball, notfalls auf die Tribüne mit dem Dingen. Als Schwolow einen Selke-Kopfball sensationell über das Aluminium lenkt, feiern die Jungs ihn fast wie einen Torschützen. Nur in der 76. Minute kriegen sie den Ball nicht weg. Fritz Clemens (O-Ton Lothar bei der Mannschaftsaufstellung) legt alle aufgestaute Wut in einen Linksschuß neben den langen Pfosten. „Tor. Scheiße. Tor“, sagt Uli Zweetz, den Radio Bielefeld offenbar zu früh einblendet. Ja, jetzt fängt es wieder an, sich zu ziehen...

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Wieder zwischen Hoffen und Bangen. „Das geht trotzdem gut, ich hab seit Samstag die gleichen Klamotten an!“. Multisensorischer Event mit Betonung des schnüffeligen Elements. Im Mai kann er die Klamotten runtermeißeln. Werder wirft alles nach vorne, die Kontersituationen für den DSC nehmen zu. In der 84. Minute läuft der eingewechselte UlmUlmUlm der Bremer Defensive davon, macht vor Torwart Casteels den sterbenden Franzosen, der Ball ist frei und Jungglas tütet das Viertelfinale ein. Kann es eigentlich, mal nüchtern logisch betrachtet, eine Steigerung von „No Limit“ („Keine Einschränkung“) geben? Ja. Jetzt. Heute abend. Der Rest ist Abfeiern. Clemens Fritz holt sich noch die Ampel ab, um die er seit der 20. Minute gebettelt hat. Überflüssig auch das Einsteigen von Bartels gegen Schwolow, der sich hoffentlich nicht schlimmer verletzt hat. Nobby Nobbs hüpft jubelnd durch die Coaching-Zone. Alle auf den Zaun.

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Den Moment genießen wir. Hat Riesenspaß gemacht. Und wie! In der Linie 4 zum Bahnhof und am Bahnhof selbst Herden schwarzweißblauer Honigkuchenpferde. Mit einer taktisch und kämpferisch sensationellen Leistung wird Arminia um eine gute Million reicher, oder, na ja, weniger arm und ist im Viertelfinale. Es läuft „relativ perfekt“ (Fabi unter der Woche zu EinsLive). Doch ist da auch das „lachende und weinende Auge“ des Nobby Nobbs. Denn es geht weiter, schon am Samstag in Dortmund. Man erinnere sich an die Leistung in Kiel, nachdem Hertha gekegelt wurde. Also weiter, you Boys in Blue! Aber Schluß mit dem erhobenen Zeigefinger. Heute ist „kein Platz für negative Gedanken“ (wieder Fabi zu EinsLive), wir sind einfach mal alle „sehr froh, diesen Moment erleben zu dürfen (schon wieder Fabi, diesmal zur Sportschau).

Im übrigen bin ich der Meinung, daß man das generierte Geld in Festverträge für Schwolow und Mast sowie eine Hymne für Lohmann investieren sollte. Priorities count!

 

Jan-H. Grotevent

Jahrgang 1975.

Gefühlte Zuständigkeiten:

Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

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