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Mittwoch, 21 Mai 2014 19:18

Arminia Bielefeld – SV Darmstadt 98

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Rundumbeobachtungen von Frust, Erlebnisfrust, Vergangenheitsfrust, Zukunftsfrust...und Babys

Leer. Fassungslos. Vor den Kopf geschlagen. Verstört. Enttäuscht. Verwirrt. Verbittert. Traurig. Geknickt und frustriert. Ist schwer, das Erlebte überhaupt in Worte zu fassen, geschweige denn in einen launigen Artikel. Vielleicht klappt es, wenn ich den Rückblick auf ein schmerzhaftes Spiel mit dem Rückblick auf eine schmerzhafte Saison kombiniere – Minus mal Minus ergibt womöglich Plus. Aaaalso...

reli01Riesige Vorfreude auf die Relegation herrschte im Vor- und Umfeld. Warteschlangen vor den Vorverkaufsstellen. Seit dem Morgengrauen! Bei Regen! Sieben Punkte holte der DSC aus den letzten drei Ligaspielen, mit dabei das Herzinfarktfinale in Dresden. Und im Hinspiel am Böllenfalltor tritt das Team sicher und effektiv auf. Man geht mit einem 3:1-Vorsprung in das Relegationsheimspiel. Man ist nicht euphorisch, aber optimistisch- „3:1-dat packenwa schon“. Ähnlich freudig hatten wir die Saison im letzten Sommer erwartet. Einige fabulierten sogar vom Durchmarsch. Okay, eher spielt eine Giraffe Sudoku, aber hier und auch vor dem Spiel am Montag zeigte sich, welchen Vertrauensvorschuß Arminia sich in den zwei Drittligajahren erarbeitet hatte.

Vor dem Sreli02piel kurze Einfahrt bei Peterchens Einkehr. Der Bus der Lilien bahnt sich seinen Weg durch die Menschenmassen. Dominik Stroh-Engel winkt. Aus der Menge: „Hahaaaa, Ihr seid zu spähäääät!“ – „Lilien in den Zoo“ (Häh?) - „Eeeey, Ihr Lilien! Unsere Babys machen Euch lang! Und Klos ist das Riesenbaby!“. Babys... Wie Babys waren die Aufsteiger für uns alle süß und knuffig. Wie Babys hatten sie Spaß am Spielen. Stefan Krämer hat gesagt, zehn Minuten nachdem Osnabrück vor Jahresfrist besiegt wurde: „Wir waren ganz sicher nicht die beste Mannschaft, aber wir waren eine Mannschaft.“. Korrekt. Arminia ist vor allem durch die Kollektivleistungen aufgestiegen. Stefan Krämer hat auch für die Zweite Liga auf die Stärke des Kollektivs gesetzt. Das kann man daran erkennen, daß er vor allem die Aufstiegshelden hat spielen lassen und sich gegenüber möglichen Neuverpflichtungen offenbar intern reserviert gezeigt hat. Grundsätzlich ist die Idee ja nicht falsch, angesichts der bekannt klammen Möglichkeiten. Und anfangs ging sie auf – 14 Punkte nach acht Spielen, Tabellenplatz Drei. Jede Menge Aufstiegsschwung mitgenommen! Das Kollektiv marschierte, wir feierten es wie im Finale der Drittligasaison. Leider birgt Krämers Trumpfkarte ein Risiko: Ein Kollektiv gewinnt zusammen und es verliert zusammen. Und wenn der Kollektivgeist einmal die Seuche kriegt, ist es verdammt schwer, da wieder raus zu kommen. Wie Babys konnten sich die Blauen in einer Tour einkacken. Das haben wir gesehen, als siebenmal in Folge verloren wurde. Dann haben wir erlebt, wie sich das Kollektiv selber rausgerissen hat, kurz vor dem Jahreswechsel. Um dann wieder die Seuche zu kriegen. Die eingespielten Pfade wurden zu ausgetretenen Pfaden. Die Mannschaft war nach der Verletzung des Riesenbabys zusätzlich verunsichert. Montag abend folgte das letzte Einkacken des Babykollektivs.

Die ganze Alm zeigt zu Beginn des Spiels eine phantastische Choreo. An uns hat es sowieso nicht gelegen. Das zeigt die Stimmung beim Spiel selbst und die Stimmung im Saisonverlauf.  An die Choreo gegen Pauli sei erinnert. An die jeweils 3.000, die in Köln und Düsseldorf waren. An die 2.000, die in Dresden waren. 22.000 gegen Bornheim. Die wirklich leidenschaftlichen Anfeuerungen gegen Cottbus und Karlsruhe, obwohl kaum etwas raussprang. 2.500 in Darmstadt. Ein Saisonschnitt von etwa 18.000, deutlich über den Erwartungen undsoweiterundsoweiter. Viele sind zurückgekehrt, es ist zu hoffen, daß sie bleiben. Angeblich sollen furchtbare Erlebnisse noch enger zusammenschweißen als schöne.

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Nachdem ich in letzter Sekunde noch eine Karte bekommen habe, erlebe ich meine Premiere auf Block 2- herrlicher Oldschool-Almroar! Auch hier nochmal Danke an Charles fürs Karte besorgen und Gruß an The Firm, ist genial bei Euch in der Ecke! Ich komme wieder! Der glitschigen Schräge vor den Almterrassen fallen diverse Münzen, Zigaretten, Fans und ein diensteifrig angaloppierendes Sanitäterteam zum Opfer. Das Spiel beginnt in angespannter Erwartung und mit lautstarkem Support der Süd. Doch schon schnell wird klar: Darmstadt meint es ernst, bei Unseren ist der Wurm drin. Christian Müller fällt früh aus, Schönfeld kommt. In der 23. Minute, nachdem es schon einige Ecken für die Lilien gab, faßt sich Stroh-Engel ein Herz und schießt aus zweiter Reihe ein. „Man, was ist los mit Euch?“, „Auf Zeit spielen, odawatt?“ „so’n Stift in der Hose!“, wütet Block 2, „Bie-le-feld! Bie-le-feld!“. Schwarzweißblaue Leidenschaft, immer mit einem Schuß Unsicherheit. So haben wir in der Saison auch unsere Scheiterhaufen aufgestellt. Erst für Sembolo. Dann für Stefan Krämer. Zwischenzeitlich für Platins. Dann wieder für Stefan Krämer. Und der Scheiterhaufen für Nobbs Meier stand schon, bevor jener überhaupt annonciert wurde. Und wir haben uns immer gegenseitig zu erklären versucht, was wir nicht verstehen konnten. Krämer hat gegen Ingolstadt verloren, Meier gegen Cottbus. Die Mannschaft gegen beide. Ich bin ja immer noch der Meinung, daß das Kollektiv die Zweite Liga hätte stemmen können. Fahrradkette. Müßig.

reli06Nach dem Rückstand bleibt Arminia passiv, schafft es aber, das Spiel zu beruhigen. Ortega erwischt einen Sahnetag, als einziger neben Riese. Und so gehen die Blauen – noch gut bedient – mit 0:1 in die Pause. In der Halbzeit gibt es Randale, wie mir zugetragen wurde. Mutwillig hat ein störrisches (etwa sechsjähriges) Nachwuchsmitglied der aktiven Fanszene einen vollen Becher Kakao in die Ränge geworfen. Unschuldiges Opfer: Ein paar weiße Damenschuhe. Im Falle eines Stadionverbots fordere ich fankulturistenpflichtgemäß die Rehabilitierung des Kaba-Chaoten. Schokotechnik ist kein Verbrechen! Jockel Bode (der auf meiner Abiparty meinen damaligen SoWi-Lehrer für einen Elftklässler hielt) erklärt Schmitti Milse, daß nichts mehr anbrennen würde. Tjaja...

reli07À propos Technik-und-kein-Verbrechen, à propos „nichts anbrennen“: Der Darmstädter Anhang eröffnet die zweite Halbzeit mit einem bengalischen Feuerwerk und brennt dabei zwei Zaunbanner an bzw. ab, sehr zur Erheiterung der Rest-Alm. Ecke für Darmstadt. (Was hat der Wechsel zu Nobbs gebracht?). Ball fliegt durch den Strafraum. (Da haben wir ja die dollsten Pros und Kontras gehabt). Irgendwie Rumgestocher. (Taktisch hat er sie zweifellos da optimiert, wo es bei Krämer richtig krankte). Kann’s nicht genau sehen. (Defensiv. Und als die Offensive nachkam, war’s zu spät. Zuviel schon liegengelassen). SchiRi zeigt zur Mitte, irgendwas mit Hacke, 0:2. (Aber Nobbs war Nobbs und denn hatten wir nüch so lüp wie wir Krämer lüp hatten). Angst, leichte Resignation. (Andererseits: Fünf Spiele eher, eine von Nobby Nobbs gesteuerte Rückrundenvorbereitung...Hmmm...). Freistoß für Arminia. (Vielleicht hätte Krämer aber auch das Kollektiv wieder angestachelt, er selbst war sich da ja sicher...Hmmm...). Schütz flankt die Kirsche in den Strafraum. Burmeister köpft. (Fahrradkette. Schon während der Saison). RIIIIIIIIESENJUBEL!!!!!!

reli0853. Minute. Die Alm ist wieder da! 26.200 (minus Darmstädter)! „Steht auf, wenn Ihr Arminen seid!“- und alles steht! „ARMINIAHAAAA...“ – und wirklich jede Tribüne: „BIELÄFÄHÄÄÄLD!“. Durch uns Fans geht der Ruck, durch die Mannschaft leider nicht. Die Truppe agiert weiter unsicher. SchiRi Drees zeigt bei mehreren Zweikämpfen einen Hang ins Orangene und fällt durch merkwürdige Gesten auf, mit denen andere Freistilweltrekorde schwimmen oder Flugzeuge einparken. So auch in der 80. Minute, als Schütz über den Ball haut und mit einem Darmstädter zusammenprallt. Es sieht tatsächlich so aus, als zeige Drees Freistoß an, nur um, einen Darmstädter Sonntagsschuß Flutlicht später, zur Mitte zu zeigen. Nein, es lag nicht am SchiRi. Montag nicht, in der Saison nicht. Selbst bei Spielen mit Beteiligung von Benjamin Brand (das Universalgenie von Heidenheim), die viele schon vor Anpfiff als verschoben hergaben. Beim Spiel in Karlsruhe, da wurden sie verpfiffen. Da war Brand nicht mit dabei. Arminia rettet sich in die Verlängerung.

reli09Durchhalten auf den Rängen! Zittern auf den Rängen! Darmstadt ist platt, Arminia ist platter. Hin und her eine Viertelstunde. Lilien spielerisch aktiver. Beide Fanlager auf der Alm extrem aktiv. Wir sind tapfer auf den Tribünen. Von der 111. Minute weiß ich nur noch, daß wir ein Knäuel aus Menschen, Bier und allem waren, was sonst so die Schräge runtergerutscht ist. Der ganze Himalaja fiel, als Kacper den ersten (in der 111. Minute) ordentlich vorgetragenen Arminenangriff versenkt. Und jetzt geht die Alm ab. Ich hab’s noch nie erlebt, daß Chants auf der Ost angestimmt wurden. Ich hab’s noch nie erlebt, ganze Wälder aus Händen auf der West zu sehen. Die Blauen sind wiedergekommen, wie in Frankfurt, gegen Aue, wie in Bochum. Halbgar, aber zählbar. Das Publikum gibt alles, brüllt sich Lungen, Gallen, Nebennierenrinden, whatsoever, aus dem Leib...aber es gibt Nachspielzeit. Will ich nicht beschreiben, kann ich nicht beschreiben.

Leer. Fassungslos. Vor den Kopf geschlagen. Verstört. Enttäuscht. Verwirrt. Verbittert. Traurig. Geknickt und frustriert. Ich gebe einem Knaben, der heulend vor der Turnhalle sitzt, eine Fluppe aus. Einfach so. Er bedankt sich mit Handschlag. Einfach so. Der Moment eint uns. Die Saison eint uns. Minus mal Minus ergibt nicht Plus. Wir sind dem Teufel nicht von der Schippe gesprungen, wie Jens Kirschneck schrieb, sondern auf die Schippe.

Ein Verein mit 25 Mille Miesen hängt immer am seidenen Faden, ich denke aber, sie bekommen die Drittligalizenz- die Bedingungen vor drei Jahren waren deutlich schlechter als heute. Wir dürfen gespannt sein, wer nächste Saison trainieren und spielen wird. Ganz ehrlich, mein Vertrauensvorschuß in die aktuelle Truppe ist seit Montag aufgebraucht. Ich gebe aber gern die Chance, mein Vertrauen wieder rein zu spielen. Gerry Weber hat schon Unterstützung zur Kaderplanung angekündigt. Vielleicht wird’s ja doch nicht so finster...Ich werde da sein und berichten.

4 des Tages: Tja...Zwei-Zu-Vier. Die isses leider. Glückwunsch an die Lilien aus Darmstadt, Ihr habt gezeigt, wie man für Träume kämpft und wenn das eben geschriebene nicht wäre, hätte ich mich sehr für Euch gefreut. Viel Glück in der Zweiten Liga. Ist ganz nett da. Schreibt’ne Karte bei Gelegenheit...

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Twitter: @Kickengucker
Mehr Senf von mir: blog5 (JanH1975) und Wir sind die Liga

 

Jan-H. Grotevent

Jahrgang 1975.

Gefühlte Zuständigkeiten:

Arminia Bielefeld, Theorie und Satire der Fankultur und allgemeine Großmaulerei

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