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Sonntag, 23 Juni 2013 02:44

Wahn!

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Pep FanWir haben den Europapokal gewonnen. Wir haben die Meisterschaft mit 25 Punkten Abstand geholt. Und mit dem DFB Pokalsieg als erste Mannschaft in Deutschland das Triple perfekt gemacht. Eine unglaubliche Saison liegt hinter uns, von denen wir noch unseren Kindern und Kindeskindern erzählen werden.

Nun kommt noch der in den letzten Jahren erfolgreichste Trainer zum FC Bayern. 14 von 19 möglichen Titeln hat er in Barcelona geholt. Eine Bilanz, die selbst mit einem Team von exzellenten Spielern wie sie der FC Barcelona besitzt nur als herausragend bezeichnet werden kann. Man kann sich einfach nur auf die kommende Saison freuen.

Wirklich?

Und warum kann ich das dann nicht? Nicht mehr?

Kein Tag vergeht, an dem nicht eine neue, brandheiße Meldung über Pep Guardiola durch die Medien getrieben wird. Es gibt seit Wochen Live-Ticker auf den Webseiten zahlreicher Medien. Selbst in der Süddeutschen Zeitung gibt es den „Täglichen Pep“, der vordergründig ironisch den Hype auf die Schippe nimmt, aber in Wahrheit auch nur ein Stück vom Aufmerksamkeits-Kuchen abhaben will.

Ein Foto von ihm in der S-Bahn verbreitet sich wie ein Lauffeuer im Netz, und anschließend sogar in den Medien. Was, er ist schon da und keiner hat es gewusst? Was für ein toller Mensch, der nicht nur schon viel früher anreist als er müsste, sondern auch noch mit den öffentlichen Verkehrsmitteln fährt statt mit einer Limousine. Dass es dann doch nur jemand war der ihm ähnlich sieht macht das Ganze noch besser, denn dann hat man gleich nochmal was zu schreiben. Was sag ich da? Schreiben? Ein Video wird gedreht mit dem Doppelgänger (der einfach nur ein kurzgeschorener, braungebrannter Spanier mit Dreitagebart ist). Ein Interview mit dem Informationsgehalt eines weißen Blatt Papiers. Aber hey, das Thema ist Guardiola.

Die erste Pressekonferenz zum Antritt platzt jetzt schon aus allen Nähten. Dass der Presseraum an der Säbener Straße zu klein sein wird war schon lange klar, das ist er nicht zum ersten Mal. Aber bei über 200 Akkreditierungsanfragen dürfet es selbst in der Allianz Arena schwer werden, einen geeigneten Raum zu finden.

Richtig abstrus wird es dann außerhalb der Arena. Während drinnen der neue Messias vor die Presse tritt, stehen draußen Fans an den Kassen an, um im Vorverkauf eine Karte für das erste Training zu ergattern. „Nur“ 25.000 Karten werden für eine Spende von 5€ ausgegeben. Und weil man schon weiß, dass das nicht reichen wird, findet auch gleich das zweite Training tags darauf wieder in Fröttmaning statt. Durch die ungünstigen Umstände (Verkauf an einem Werktag nur an der Arena, die wegen U-Bahn Bauarbeiten nur sehr umständlich zu erreichen ist), ist ein umfangreicher Schwarzmarkt zu erwarten. Auf die Preise darf man jetzt schon gespannt sein.

Und damit nicht genug: Dieser Vorverkauf wird tatsächlich live im TV übertragen. Falls ihr meint, dass ihr euch verlesen habt, weil das doch gar nicht stimmen kann, was ihr zu lesen glaubtet, noch mal:

Es gibt eine Live Übertragung – im Fernsehen – von einem Kartenvorverkauf – für ein Fußball-Training.

Selbst gute Freunde von mir, die seit Jahren intensiv gegen die Auswüchse im Fußball wettern und aktiv ankämpfen; die daran gearbeitet haben das die Partnerschaft mit Viagogo aufgelöst wird; die Kein Zwanni unterstützen; geben sich diesem Hype hin, stellen sich an und zahlen Eintritt für ein Training. Noch nicht mal für ein Testspiel, nein, für ein stinknormales Training!

Es tut mir weh, das sagen zu müssen, aber mir ist inzwischen die Vorfreude auf die nächste Saison vergangen. Mir verleidet dieser Hype um eine Person, die bisher noch nichts für meinen Verein geleistet hat, jetzt schon das kommende Jahr.

Niemand steht über dem Verein, wirklich niemand. Ich bin stolz auf meinen Verein. Stolz darauf, dass sich elf Männer nicht von Turnern, die meinten sie seien etwas Besseres, den Beitritt zum bayerischen Fußballverband verbieten lassen wollten, und daraufhin den FC Bayern München gegründet haben. Stolz, dass man bis zum Letzten gegen die Nazis ankämpfte und selbst in den dunkelsten Jahren seine liberalen Grundwerte so weit möglich aufrechterhielt. Auf die sportlichen Erfolge, die es schon lange vor Hoeneß und Co. gab, was mancher gerne vergisst oder schlicht nicht wahr haben will. Stolz auf die Fans, die sich weiterhin mit aller Kraft (die mir inzwischen fehlt) dafür einsetzen, ihre Mannschaft und ihren Verein unterstützen zu können. Auch wenn sie aus der Kurve und am liebsten aus dem Stadion vertrieben werden von Verbänden und Vereinsoberen, die sich pflegeleichtes Klatschpappenpublikum wünschen und eigenhändig heranzüchten.

Ich will nicht, dass irgendeine Person plötzlich über all diesen Dingen steht. Kein Präsident, der als Spieler und Manager sehr viel für diesen Verein geleistet hat. Kein Spieler, und sei er noch so ein großer Superstar. Und erst recht kein Trainer, der noch keine Sekunde für den Verein an der Linie gestanden hat.

Pep Guardiola kann nichts dafür, dass es diesen Hype gibt. Er hat alles richtig gemacht, sich bis zuletzt vollkommen aus allem herausgehalten. Und trotzdem kann ich nichts gegen meine Gefühle tun. Ich bin froh, wenn dieser Wahn sobald wie möglich wieder vorbei ist. Egal auf welche Weise.

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