Es ist Freitag, der 1. Februar 2013 um exakt 22:22 Uhr. Schiedsrichter Manuel Gräfe pfeift im Bremer Weserstadion das Bundesligaspiel zwischen dem SV Werder und Hannover 96 ab. Der Jubel ist groß, hat der grün-weiße Heimverein doch soeben mit einem 2:0-Sieg eine mittelschwere Krise zumindest vorerst überwunden. Kaum jemand unter den 41.600 Stadionbesuchern hat zu diesem Zeitpunkt eine Ahnung von den Ereignissen, die sich bereits mehrere Stunden zuvor im Bremer Vorort Achim abspielten.
Fast exakt sechs Stunden zuvor, um 16:21 Uhr, verließ der RegionalExpress RE4424 der DB Regio Nord den Hauptbahnhof in Hannover. An Bord dieses Zuges befanden sich grob geschätzt 700 Fußballfans, hauptsächlich Anhänger von Hannover 96. Obwohl der Zug ausschließlich aus doppelstöckigen Wagen besteht, im Eisenbahner-Jargon "Dostos" genannt, war Platz in diesem RegionalExpress Mangelware. Jeder Wagen verfügt über eine Kapazität von 96 Sitzplätzen (2. Klasse), der RegionalExpress zwischen Hannover und Bremen ist üblicherweise mit fünf oder sechs Wagen unterwegs. Woher ich das weiß? Weil ich selber von Januar bis Dezember 2011 bei der Deutschen Bahn in Bremen als Schaffner (offizielle Bezeichnung: "Kundenbetreuer im Nahverkehr", kurz "KiN") gearbeitet habe und eben dieser RegionalExpress ein Jahr lang zu meinen täglichen Schichten gehörte.
Dieser Zug, der also hoffnungslos überfüllt war, befand sich nun also auf dem Weg nach Bremen. Die Verhältnisse an Bord dieses Zuges müssen, milde ausgedrückt, äußerst unangenehm gewesen sein. Es ist zweifelsfrei belegt dass in diesem Chaos einige Hohlbirnen wohl auch noch auf die Idee kamen zu Rauchen. Ob das auch der Grund dafür war, dass mehrmals die Notbremse des Zuges betätigt wurde, ist hingegen nicht bekannt. Das der Zug durch diese mutwillig herbeigeführte Zwangsbremsung mehrmals zum Stehen kam ist hingegen unstrittig. Als der RegionalExpress, bereits stark verspätet, in Achim, dem letzten Halt vor Bremen, ankam, beschlossen eine Anzahl von Fans, die je nach Quelle zwischen 150 und 434 schwankt, den überfüllten Zug dort zu verlassen und mit einem Nahverkehrszug der NordWestBahn (NWB) die Fahrt nach Bremen fortzusetzen. Dies wurde ihnen jedoch von der Polizei verweigert, nach mehreren Stunden Aufenthalt in Achim wurden die Fans um ungefähr 20:40 Uhr mit einem anderen RegionalExpress zurück nach Hannover gebracht. Zurück in Hannover mussten sich die Fans noch einer "Personalienfeststellung" unterziehen, diese Prozedur zog sich bis 3 Uhr Nachts hin.
Soweit die Fakten. Am nächsten Tag (Samstag, 2. Februar 2013) wurde um 13:10 Uhr von der Bundespolizei Bremen eine Pressemitteilung veröffentlicht, die auch sofort von den Medien aufgegriffen und beinahe unverändert weiterveröffentlicht wurde. Auf die Idee, den Inhalt jener Pressemitteilung auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen, kam leider niemand. Wäre aber besser gewesen, denn dann wäre die Öffentlichkeit über vieles, was an jenem Freitagabend in Achim geschah, in einem völlig anderen Licht aufgeklärt worden. Beispielsweise schrieb die Bundespolizei, die Hannover 96-Fans hätten den RE4424 in Achim verlassen, um den Transport mit Polizeibegleitung in Bussen vom Bremer Hauptbahnhof zum Weserstadion zu entgehen. Diese Aussage ist zwar nicht falsch, dafür aber sehr unvollständig. Die Wahrheit sah vielmehr so aus, dass die Zustände im RE4424 mittlerweile völlig katastrophal waren. Die ohnehin nur völlig unzureichend vorhandenen sanitären Einrichtungen (jeder "Dosto" verfügt nur über eine einzige Toilette) waren völlig überlastet und inzwischen teilweise sogar gänzlich unbenutzbar, hinzu kam die Tatsache dass die Klimaanlage völlig überfordert war (in Wagen dieses Typs lassen sich die Fenster nicht öffnen) und die Luftverhältnisse entsprechend schlecht waren. Bei solchen Verhältnissen denkt wohl jeder Reisende, egal ob Fußballfan oder nicht, über alternative Reisemöglichkeiten nach, was völlig legitim ist. Hinzu kommt die Tatsache, dass die rund 700 Hannover-Fans vom Bremer Hauptbahnhof mit Bussen zum Weserstadion transportiert werden sollten, die erfahrungsgemäß ebenfalls hoffnungslos überfüllt zu sein pflegen, so dass die Fans dort ähnlich unzumutbare Reiseverhältnisse erwartet hätten. Der Plan der Hannover-Fans, von Achim mit einen Zug der NWB bis nach Bremen-Sebaldsbrück zu fahren und die Reise dort entweder per Straßenbahn oder zu Fuß fortzusetzen, hätte ihre Ankunft am Weserstadion zwar stark verzögert, hätte aber auch die Reiseverhältnisse für alle Beteiligten stark entspannt.
Weiter heißt es in der Pressemitteilung der Bremer Bundespolizei, dass es eine Möglichkeit zum Aussteigen in Bremen-Sebaldsbrück nicht gegeben hätte und von der Polizei unterbunden worden wäre. Nun, der reguläre Fahrplan der NWB sieht einen Halt in Sebaldsbrück aber durchaus vor und dieser ist für die Fans, so wie für alle Reisenden, die einzige (und in der Regel auch durchaus verlässliche) Informationsquelle. Woher hätten die Fans wissen sollen, dass sie an diesem kleinem Bahnhof von der Polizei am Aussteigen gehindert worden wären? Und auf welcher Rechtsgrundlage hätte die Polizei dies getan, braucht es in unserem Rechtsstaat doch äußerst fundierte juristische Grundlagen, um die Bewegungsfreiheit von Menschen einzuschränken? Vor allem diese letzte Frage wird uns im weiteren Verlauf dieser Geschichte noch öfter sehr beschäftigen.
Weiter heißt es, die in Achim zurückgebliebenen Fans hätten Böller und Bengalos gezündet. Florian Meyer von der Fanhilfe Hannover widerspricht in der "taz" dieser Darstellung. Zwar räumt er ein, das zwei Böller gezündet wurden, der Einsatz bengalischer Fakeln wird jedoch bestritten. Auch diverse andere Augenzeugen, wie beispielsweise Achimer Anwohner, konnten diese Darstellung der Polizei nicht bestätigen. Im Bericht der Polizei wurde übrigens nicht erwähnt, dass die Hannover-Fans mithilfe mitgebrachter Megaphone dazu aufriefen, das Zünden und Werfen von Böllern zu unterlassen und somit mäßigend auf die große Personengruppe einzuwirken versuchten. Unbestritten ist jedoch die Tatsache, Hannover-Fans hätten auf das Gleisbett uriniert, was aber ebenfalls nur ein Teil der ganzen Wahrheit ist. In Wirklichkeit sah es vielmehr so aus, dass die Hannover-Fans (nach ihrer über einstündigen Fahrt in einem Zug mit nur stark unzureichenden sanitären Einrichtungen) rund zwei Stunden lang in Achim von der Polizei eingekesselt und somit am Aufsuchen der WC-Anlagen gehindert wurden. Der Vorschlag, die Notdurft auf dem Bahnsteig zu verrichten, kam sogar von den Polizeibeamten selber. Zum Verrichten der Notdurft wurde ein Seitengleis, das nicht zu der durch den Bahnhof Achim gehörenden Hauptstrecke gehört, von einigen Fans überquert, was anschließend zur insgesamt fast dreistündigen Komplettsperrung der Bahnstrecke Bremen - Hannover führte. Dies wäre völlig unnötig gewesen, hätten die Beamten den Fans erlaubt, WC-Einrichtungen zu benutzen.
Jedenfalls wurden diese bisherigen Vorfälle als Begründung herangezogen, der gesamten Gruppe ein "Betretungsverbot" für das Stadtgebiet Bremen zu erteilen. Bezeichnenderweise wird im Pressebericht der Bundespolizei pauschal nur von Ultras gesprochen, obwohl die in Achim festgesetzte Gruppe nachweislich bei weitem nicht nur aus Ultras bestand. Nachdem die Fangruppe über zwei Stunden in Achim eingekesselt war (an jenem Abend war es sehr kalt und es regnete stark), sollte sie mit einem RegionalExpress nach Hannover zurückgebracht werden. Dieser Gedanke gefiel den Hannover-Fans verständlicherweise überhaupt nicht, doch wer sich weigerte den Zug zu besteigen wurde von den Polizeibeamten gewaltsam dazu gezwungen. Hermann Kardel, Einwohner Achims, war Augenzeuge dieses Vorgangs und schilderte seine Beobachtungen in der "taz" so: "Der Einstiegsbereich des Zuges war voll wie eine Sardinenbüchse, da ging keiner mehr rein." Als im Gedränge ein schmächtiger 1,70m großer Jugendlicher das Gleichgewicht verlor, "haben drei Beamte den rausgezogen und ihm die Arme auf den Rücken gerissen. Dann ist von der Seite ein vierter Beamter dazugekommen und hat mit beiden Fäusten auf den Jungen eingeschlagen." Öffnete sich irgendeine Einstiegstür des Zuges, so hätten die Beamten wahllos mit Schlagstöcken auf die Personen in den Türöffnungen eingeprügelt.
Zurück in Hannover war der Tag für die Fans aber noch nicht gelaufen. Auch hier wurde die Gruppe von der Polizei zwecks "Personalienfeststellung" festgehalten, und zwar teilweise bis 3 Uhr Nachts. Die Fans erfuhren also ungefähr neun Stunden lang eine Freiheitsberaubung durch die Polizei, in dieser ganzen Zeit wurde den Fans laut der Fanhilfe Hannover nicht erlaubt, sich mit Essen oder Trinken zu versorgen oder reguläre sanitäre Einrichtungen aufzusuchen.
Fazit: es bleibt ein sehr unangenehmer Nachgeschmack. Über das Verhalten der Polizei und über ihre beschönigende Informationspolitik. Über die Medien, die durch die Bank weg die Pressemitteilung der Polizei weiterverbreiteten, ohne sie auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen und ohne Eigenrecherche zu betreiben. Über die Tatsache, dass mehreren Hundert Bürgerinnen und Bürgern neun Stunden lang elementarste Grundrechte verweigert wurden, nur weil sie Fußballfans waren. Über die Tatsache, dass Sippenhaft und Pauschalverurteilungen nachweislich zumindest an jenem Freitag zum Handwerkszeug der Polizei gehörten. Und über die Tatsache, dass abgesehen von einem Artikel in der "taz" all diese Fakten keinen Weg in die Öffentlichkeit fanden. Ich frage mich: wo sind all die Maischbergers, Plasbergs und Kerners jetzt? Mit dieser Geschichte ließe sich bestimmt auch prima Quote machen, allerdings müsste dafür zwangsweise das Bild der Ultras als gewalttätigen Schwerverbrecher, dass von eben diesen "TV-Taliban" bisher stets verbreitet wurde, revidiert werden.
Weitere Texte zu diesem Thema: Offener Brief der Hannover 96-Fans an Klubpräsident Martin Kind / Pressemitteilung der Fanhilfe Hannover / Artikel in der "taz"

