Ich treibe mich ja bekanntlich gerne auch mal in Regionen herum, für die sich bei Sky oder den anderen DFL-"Medienpartnern" für gewöhnlich keine Sau interessiert. Manchmal zurecht, manchmal ist das aber auch echt schade, weil man im Fußball-"Outback" oft sehr viel faszinierendere und persönlichere Erlebnisse machen kann als in der Hochglanz-Plastikwelt des Profifußballs. Am vergangenen Sonntag setzte ich Kurs auf Wilhelmshaven, einer norddeutschen Stadt die in vielerlei Hinsicht bemerkenswert ist. Denn die nach Kaiser Wilhelm benannte Hafenstadt ist nicht nur der größte Bundeswehr-Standort in Deutschland, sondern auch die einzige deutsche Küstenstadt an der Nordsee mit einem Südstrand (warum man dort mit dem Baden allerdings sehr vorsichtig sein sollte hat 2007 das NDR-Satiremagazin "Extra 3" herausgefunden, zu sehen [hier]). Außerdem hat Wilhelmshaven auch für meine Familiengeschichte eine Bedeutung, da mein Vater hier sein Studium zum Ingenieur absolvierte. Von ihm weiß ich auch, wie der inoffizielle Zweitname der Stadt am Jadebusen lautet: "Schlicktown".
Neben all diesen schönen Fakten war der Hauptgrund meiner Reise nach Wilhelmshaven natürlich ein Fußballspiel. Der SV Wilhelmshaven, der zur Zeit in der viertklassigen Regionalliga Nord spielt, empfing am 20. Spieltag die U23-Mannschaft des FC Sankt Pauli Hamburg. Obwohl Wilhelmshaven zur Metropolregion Bremen/Oldenburg gehört dauert die Anreise mit der Bahn von Bremen aus rund zwei Stunden: zunächst ging es mit einem RegionalExpress der Deutschen Bahn, der trotz sechs Doppelstock-Wagen derb überfüllt war, bis nach Oldenburg, von dort aus ging es dann mit einem doppelten Dieseltriebwagen der privaten NordWestBahn weiter nach Wilhelmshaven. Letzterer war glücklichweise deutlich weniger ausgelastet, und so saß ich bequem am Fenster und sah draußen die wolkenverhangene friesische Marschlandschaft an mir vorbeiziehen. Eine typische Nordseeküsten-Landschaft: man sieht schon am Dienstag, wer einem am Freitag besucht. Kein einziger Hügel weit und breit, alles platt und flach, dafür jede Menge Windkraftanlagen. Diese Monumente der Energiewende konnten allerdings auch nichts daran ändern, dass mein monatlicher Strompreis kürzlich um über 50% erhöht wurde, aber das ist eine andere Geschichte.
Ankunft in Wilhelmshaven. In der Sekunde, in der ich erstmals meinen Fuß auf Wilhelmshavener Boden setzte, raste plötzlich eine Wasserwand auf mich zu. Nicht von der Nordsee her, sondern von oben: die zuvor noch harmlosen friesischen Wolken setzen mit einem Schlag ihre treifend nasse Fracht frei, ganz so als ob sie damit nur auf mich gewartet hätten. Ich flüchte mich in die Nordseepassage, das 1997 eingeweihte Einkaufszentrum, in das der kleine Bahnhof integriert wurde. Vom Bahnhof aus musste ich mit dem Bus weiter zu Stadion fahren, um zum Bus zu gelagen musste ich das Einkaufszentrum einmal der Länge nach durchqueren. Als ich nach draussen auf den großen Platz des Busbahnhofs trat waren aus den Regentropfen schwere und eiskalte Schneematsch-Flocken geworden, denen ich rund eine Viertelstunde ausgesetzt war, bis mein Bus endlich eintraf. Als ich im Bus Platz nahm machte ich mir etwas Sorgen, denn der Bus war abgesehen von mir fast so gut wie leer, von Fußballfans keine Spur. Ich fragte den Fahrer ob dies denn auch wirklich der richtige Bus zum Jadestadion sei und der sah mich an als säße mir eine lila Kuh auf der Schulter. "Da willst Du wirklich hin?", fragte er ungläubig, versicherte mir aber dass ich im richtigen Bus sei. Nach wenigen Minuten Fahrt traf ich am Sportforum ein und erblickte erstmals Fans: drei Jugendliche, an ihren roten Trikots und Schals eindeutig als Wilhelmshaven-Fans erkennbar. Da das Stadion von hier aus noch nicht sichtbar war und ich natürlich den Weg nicht kannte latschte ich den Dreien einfach hinterher.
Nach wenigen Minuten durch immer stärker werdendes Schneematsch-Gestöber mit zunehmend stärker werdenden Wind kamen wir an eine rote Ampel und ich schnappte von dem vor mir laufenden, höchstens 14 Jahre alten Hänflingen ein paar Gesprächsfetzen auf. "Ich wollte heute ja eigentlich Pyro mitnehmen, aber meine Mama hat's gefunden und mir weggenommen. Außerdem hat sie mir mit Hausarrest gedroht, falls ich deswegen schon wieder von den Bullen mitgenommen werde." Ich versuchte mich zu erinnern womit ich mir vor 17 Jahren, also als 14-jähriger, die Freizeit vertrieben hatte und ob Verstöße gegen das Sprengstoffgesetz und Polizei dabei eine Rolle gespielt hatten, kam zu dem zweifelsfreien Schluß dass das nicht der Fall war, dankte meinen Eltern dafür und trat an die Stadionkasse, die wir mittlerweile erreicht hatten. Wegen des immer schlechter werdenden Wetters entschied ich mich für einen überdachten Sitzplatz in der Mitte der Westtribüne, der mit 12,25 Euro zu Buche schlug.
Das Jadestadion kann man ohne Übertreibung als richtig schönes Schmuckkästchen bezeichnen. Mit Ausnahme der Nordgeraden, die den Gästefans vorbehalten ist, ist das Stadion komplett überdacht und bietet rund 7.500 Zuschauern Platz. Je eine Würstchen- und eine Getränkebude waren zuständig für das leibliche Wohl der Zuschauer, letztere hatte allerdings bereits nach kurzer Zeit keine heißen Getränke mehr anzubieten. Der eisige Wind pfiff mittlerweile mit so einer Intensität, dass meine anfangs heisse Bratwurst bereits nach wenigen Minuten völlig kalt war. Ein Geräteschuppen-ähnlicher Verschlag diente als Fanshop, dessen Angebot aber extrem überschaubar war. Auf meinem Platz angekommen stellte ich angenehm überrascht fest, dass ich erstens fast genau auf Höhe der Mittellinie saß und dass mein Platz nur zwei Meter von der Seitenlinie entfernt war. Perfekte Sichtbedingungen also, wäre da nicht das sehr dichte Schneematschtreiben gewesen. In meiner unmittelbaren Nähe saßen ungefähr ein halbes Dutzend Herren, allesamt deutlich mehr als doppelt so alt wie ich. Im Laufe des Spiels stellte sich heraus, dass ich wohl in die "Motzki"-Ecke geraten war, in der Worte wie "der Neger" oder "der Polacke" immer noch salonfähig waren. Entgegen meiner sonstigen Gewohnheit verzichtete ich darauf, mit meinen Sitznachbarn ins Gespräch zu kommen.
In der Halbzeitpause, in der ich glücklicherweise doch noch einen heissen Kaffee ergattern konnte, führte ich dagegen ein sehr nettes Pläuschchen mit einem der anwesenden Polizisten. Auf meine Frage "Ihr habt nicht viel zu tun heute, was?" antwortete er mit einem schiefen Lächeln: "Ist ja auch nix los hier." Damit hatte er recht, es waren insgesamt nur rund 400 Zuschauer anwesend, der junge Mann machte mir sehr deutlich dass er an diesem Sonntag überall anders lieber Dienst getan hätte. Er erzählte mir noch, dass es bei Spielen des SV Wilhelmshaven nur selten zu bristanten Situationen komme, höchstens wenn der SV Meppen oder der VfB Oldenburg zu Gast wären, und dass er sich sehr frage, was er und seine Kollegen hier eigentlich sollten.
Das Spiel selber war angesichts der miesen Wetterbedingungen von einem bemerkenswert guten Niveau, dass der SV Wilhelmshaven verdient mit 4:1 gewann. Die armen Jungs der Sankt Pauli-Reserve mussten auch noch ohne jeden Support auskommen, denn die kleine Handvoll Sankt Pauli-Fans, die sich ebenfalls auf der Westtribüne unter das Dach gerettet hatten, wurden von einem Haufen Kinder sofort mit hellen "SVW! SVW!"-Rufen niedergebrüllt. Sowohl akustisch als auch sportlich also keine Chance für das Team von der Reeperbahn. Erwähnenswert war aber ein St. Paulianer, der als einziger das gesamte Spiel über alleine auf der unüberdachten Gästetribüne ausharrte, bewaffnet mit einer Anti-Nazi-Fahne. Der Typ muss mehrere Liter Frostschutzmittel in der Blutbahn gehabt haben, ihm gebürt mein großer Respekt.
Nach dem Spiel ging ich alleine mit fast steifgefrorenen Beinen zurück zum Busbahnhof, wo ich eine sehr interessante Begegnung hatte. Ich traf dort einen jungen Chinesen, der sich ebenfalls das Spiel angesehen hatte und nun ebenfalls zurück nach Bremen fuhr. Er erzählte mir, dass er vor etwa neun Jahren aus der Volksrepublik ausgewandert sei und Deutschland sehr für seine Fußball- und Fankultur beneide. "So etwas gibt es bei uns überhaupt nicht", berichtete er mir. Trotz des in den chinesischen Großstädten nun herrschenden westlichen Kapitalismus würde sich dort kaum jemand für Fußball interessieren, er hatte sich aber damals schon (meist alleine) die deutsche Bundesliga angesehen. Er meinte, gäbe es in China ähnlich professionelle Strukturen wie in Deutschland, wäre der chinesische Fußball schon alleine wegen der riesigen Bevölkerungszahl wohl unschlagbar. Doch die Chinesen interessieren sich wohl leider mehr für die amerikanischen Sportarten wie Football, Baseball oder Basketball. Auf der Rückfahrt nach Bremen unterhielten wir uns noch sehr lange und ausgiebig über China, die chinesische Politik ("China verändert sich in Sachen Menschenrechte leider nur sehr langsam. Aber besser langsam als gar nicht.") und die kulturellen Unterschiede. So kamen mir die zwei Stunden Rückfahrt deutlich kürzer vor.
Ach ja, als wir am Bahnhof in den Zug stiegen hörte das heftige Schneematsch-Gestöber plötzlich auf. Ich glaube, der Wettergott von Wilhelmshaven mag mich nicht. Ich werde aber trotzdem wiederkommen. Wahrscheinlich aber erst im Sommer.
Mehr Fotos von mir vom Spiel SV Wilhelmshaven gegen FC Sankt Pauli Hamburg II gibt es [hier]. Und wer mir auf Twitter folgen möchte kann dass [hier] tun.

