Läßt man die katholische Kirche mal aussen vor (was ich prinzipiell sehr gerne mache), dann ist es eine allgemein bekannte und anerkannte Tatsache dass vor ungefähr 65 Millionen Jahren ein riesiger Gesteinsbrocken auf die Halbinsel Yucatán im heutigen Mexiko krachte und so ein Massensterben auf unserem Heimatplaneten auslöste. In dem Moment, als dieses tödliche Geschoss die Erdoberfläche berührte, befand sich sein oberes Ende immer noch in einer Höhe von rund elf Kilometern, also ungefähr die Höhe in der heute Verkehrsflugzeuge fliegen. So gewaltig dieser Meteorit auch war, er verblasst zu einem popeligen Kiesel im Vergleich zu dem gigantischen Stein, der den Werder-Fans gestern Abend um exakt 22:22 Uhr vom Herzen fiel. Zuvor sah das Bremer Publikum, wie sich die Profis des SVW mit deutlich mehr Kampfgeist, deutlich mehr individueller Klasse und vor allem mit deutlich mehr sichtbarem Siegeswillen präsentierte, als es in der jüngeren Vergangenheit der Fall war. Die Bremer erspielten sich Chance um Chance, zeigten tolle Spielzüge und schöne Kombinationen, aber sie ließen ihre Fans doch bis zur 85. Minute zappeln – was aber auch das einzige war, was man an jenem Abend bemängeln konnte. Als Nils Petersen dann zum 1:0 traf brachen alle Dämme, einen solchen Jubel habe ich auf dem Oberrang der Ostkurve selten erlebt. Die pure Erleichterung und Erlösung, die durch den zweiten Treffer von eben jenem Petersen nur wenige Minuten später noch erhöht wurde.
Kurz vor Abpfiff wurde dann sogar laut "Europapokaaal! Europapokaaal!" gesungen, was mir dann schon wieder ein wenig zuviel des Guten war. Ein gewonnenes Spiel ist noch lange keine Trendwende, aber der Auftritt, den Werder gestern zeigte, macht doch Hoffnung. Hoffnung ist an der Weser aber immer gefährlich, denn so schnell sie aufkeimt, so schnell kann sie auch wieder zunichte gemacht werden. Ich hatte gestern das Weserstadion noch nicht ganz verlassen, da stellte sich mir schon die Frage ob das jetzt nur ein Strohfeuer war oder ob Werder beim nächsten Spiel in Stuttgart an dieser Leistung anknüpfen kann. Ich traue mich nicht, hier eine Prognose abzugeben, zu wankelmütig zeigte sich der SVW in den letzten Monaten und Jahren. Daher lautet mein Tipp für das Auswärtsspiel beim VfB Stuttgart genauso, wie er vor jedem Spiel lautet: irgendwas zwischen einem 5:0 und 0:5 (das selbe habe ich auch vor dem letzten Heimspiel gegen Borussia Dortmund gesagt, seit dem plagen mich Schuldgefühle).
Es hat endlich mal wieder sehr großen Spaß gemacht Werder Bremen zuzusehen, was nicht zuletzt auch der Atmosphäre im Stadion geschuldet war. Ich weiß nicht ob ich mich täusche, aber ich habe gestern die Gesänge und Anfeuerungsrufe und -sprechchöre der Ostkurve sehr viel stärker, intensiver und leidenschaftlicher wahrgenommen als es beispielsweise bei den letzten beiden Heimspielen gegen Borussia Dortmund und dem 1. FC Nürnberg der Fall war. An dieser Stelle möchte ich gerne großes Lob, große Anerkennung und vor allem Respekt in allerschärfster Form an den Unterrang der Ostkurve richten. Das ist der Bereich des Weserstadions, in dem laut Sandra Maischberger die Taliban stehen (ja, ich fordere von ihr immer noch eine öffentliche Entschuldigung für diese Verbalentgleisung!). Diese "Terroristen" haben gestern Abend nicht nur für eine grandiose Stimmung und Atmosphäre im Stadion gesorgt, sondern auch noch eine tolle Einlauf-Choreografie auf die Beine gestellt, die sich gegen Sexismus richtete. Und nicht nur gestern Abend, sondern zu vielen Gelegenheiten opfern die Wanderers Bremen ihre Freizeit und erstellen solch aufwendige und einfach nur geil anzusehende Kurvenchoreos, so zum Beispiel auch beim letzten Auswärtsspiel in Hamburg, als sie an den tragischen Tod des Werder-Fans Adrian Maleika erinnerten (zu sehen [hier]). Diese aufopferungsvolle Hingabe, die unzähligen unbezahlten Arbeitsstunden und dieses überaus lobenswerte Engagement werden meinem Empfinden nach in der Öffentlichkeit viel zu wenig gewürdigt, stattdessen richten sich die Kameras stets nur auf negative Ausreisser einiger weniger Bekloppter (nein, damit meine ich nicht das Reiner Calmund-positiv-bekloppt-sein). Daher möchte ich hier nochmals den Wanderers Bremen (stellvertretend für alle Ultra-Gruppen) meinen Dank, meine Anerkennung und meinen größten Respekt ausdrücken. Macht weiter so Leute! Egal wie es sportlich um Werder stehen mag, Ihr seid auf jeden Fall Champions League!
Während ich mich gestern also an der tollen Atmophäre im Weserstadion erfreute fragte ich mich zugleich auch, warum aus dem Gästeblock von den Anhängern von Hannover 96 so gut wie gar nichts kam. Ich sah keine Banner, keine Doppelhalter, keine Fahnen. Dort, wo das Weserstadion gegen Borussia Dortmund noch grellgelb war, war gestern alles nur schwarz. In der zweiten Halbzeit leuchtete im Gästebereich plötzlich ein einzelner grellroter Bengalo auf, was von den übrigen Rängen (zu Recht) mit Pfiffen und von Werder prompt mit dem 1:0 quittiert wurde – das war aber auch schon alles. Aufklärung erhielt ich später zu Hause, als ich in einem Nachrichten-Portal laß, dass rund 300 Anhänger von Hannover 96, die mit der Bahn nach Bremen reisen wollten, den Zug wohl schon im Bahnhof Achim verlassen hatten und sich dort wohl gründlich daneben benommen haben. Die 96er wollten von Achim aus mit einem Nahverkehrszug zum Bahnhof Bremen-Sebaldsbrück weiterfahren, um so der Polizeieskorte vom Bremer Hauptbahnhof zum Weserstadion zu entgehen. Was sich genau in Achim abgespielt hat ist mir leider unbekannt (Berichte von eventuellen Augenzeugen sind mir hochwillkommen!), laut Polizei- und Medienberichten zündeten die Hannoveraner dort allerdings mehrere Pyros, urinierten auf die Gleise (was mich recht hohen Alkoholkonsum vermuten läßt), liefen über das Gleisbett (worüber ich als ehemaliger Schaffner nur fassungslos den Kopf schütteln kann) und lieferten sich Rangeleien mit der Polizei, die sogar mit einem Hubschrauber anrückte. Als Folge davon musste die Bahnstrecke komplett gesperrt werden, den Hannoveranern wurde die Weiterreise nach Bremen untersagt. Als sie mit einem Zug zurück nach Hannover transportiert werden sollten, behinderten sie die Abfahrt durch Ziehen der Notbremse und dem Aufhalten der Türen (Quelle: Bericht der Kreiszeitung Syke, zu lesen [hier]). Daher fehlten rund 300 Hannover-Anhänger im Gästeblock, was sich natürlich bemerkbar machte.
Doch zurück zu Werder: klar, dieser Sieg fühlt sich verdammt gut an. Und er macht auch Hoffnung. Doch bei aller Euphorie: für Europapokal-Träume ist es noch viel zu früh. Viel zu oft in den letzten zweieinhalb Jahren gab es an der Weser schon solche Glücksmomente, die oft schon eine Woche später wieder völlig demontiert wurden. Bevor ich mich in die Reihen der hemmungslosen Jubler eingliedere muss Werder noch mehr bieten, dieses Niveau konstant (!) halten und den Beweis liefern, dass das gestern nicht bloß ein einzelner Lichtblick in ansonsten grauer Tristesse war. Wenn die nächsten zwei oder drei Spiele ähnlich vielversprechend aussehen, dann traue ich mich vielleicht auch wieder einen Gedanken in Richtung Europa zu verschweden. Noch ist es aber nicht so weit!
Die schwerste Aufgabe hat der SVW auch noch vor sich, nämlich das Auswärtsspiel beim FC Bayern München am Samstag, den 23. Februar 2013 (Anpfiff: 15:30 Uhr). Zu diesem Anlass veranstaltet der Werder-Fanklub "Grün-Weißes München – Club zur Förderung des Fußballgeschmacks in München", bei dem auch ich einige Zeit lang Mitglied war, wieder ein großes Fanfest. Das ganze beginnt um 18:00 Uhr in der "Storchenburg" (ehemals "Brickhouse Bar") auf dem Optimolgelände (Friedenstraße 10, direkt hinter dem Münchener Ostbahnhof). Aus Erfahrung kann ich allen Werder-Fans den Besuch dieses Fanfestes nur wärmstens empfehlen! Mehr Informationen hierzu sowie Tickets gibt es auf www.gruen-weisses-muenchen.de. Es lohnt sich, versprochen!
Mehr Osterdeich-Schnackereien von mir gibt es auch in Zwitscher-Form auf Twitter. Folgt mir unter twitter.com/Thilo_mit_H
Nachtrag: einiger meiner Darstellungen zu den Vorfällen im Bahnhof Achim muss ich revidieren. Bitte hierzu meinen Blog "Der Achim-Skandal" lesen!

