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Sonntag, 25 November 2012 07:03

Ultra who?

geschrieben von 

werder-ultrasÜber das Thema "Ultras" zu schreiben ist nie leicht. Als Autor kann man dabei eigentlich nur verlieren, denn egal was man schreibt, egal welche Perspektive oder welchen Standpunkt man wählt, mit irgendeiner Seite verscherzt man es sich dabei immer. Und doch gibt es kein Fußball-Thema, dass in den letzten zehn Jahren (plus-minus ein oder zwei Jahre) so dauerhaft, emotional, kontrovers und geradezu erschöpfend ausgiebig diskutiert wurde wie dieser Teil der Fankultur. Wenn man sich auch nur halbwegs ernsthaft für Fußball interessiert ist es quasi völlig unmöglich daran vorbeizukommen und für jeden ergibt sich ein anderes Bild. Ich möchte in diesem Artikel versuchen zu beschreiben welches Bild sich mir zur Zeit bietet.

Um eines gleich von vornherein klarzustellen: ich selber bin kein Ultra. Obwohl, vielleicht bin ich es zum Teil doch, das präzise zu definieren ist ziemlich schwer. Prinzipiell fühle ich mich gar keiner bestimmten Fan-Schublade zugehörig, nicht den Ultras, nicht den Kuttenträgern und erst recht nicht den Hooligans. Ich fühle mich einfach als Fußball-Fan im weit möglichsten Sinne, primär natürlich als Fan des SV Werder Bremen. Es gibt jedoch einige Punkte und Denkansätze, bei denen ich ganz klar mit den Ultras sympathisiere. Es gibt aber auch mindestens genauso viele Ultra-Eigenschaften, von denen ich mich gar nicht weit genug distanzieren kann. Man merkt schnell, allein die Definition der Zugehörigkeit ist hochkompliziert und hat mehr Facetten als ein Fußballfeld Grashalme, was wohl zu einem sehr großen Teil auch daran liegt, dass das Ultra-Thema allgemein und die damit zusammenhängende Fankultur ebenso komplex ist. Das wiederum ist wohl auch der Grund, warum sich die Medien mit der Berichterstattung über dieses Thema so wahnsinnig schwer tun, denn die sind es gewohnt ein jedes Thema auf wenige Minuten Sendezeit zusammenzukürzen, wobei natürlich extreme Einschnitte in der Tiefgründigkeit gemacht werden müssen.

Ein Punkt, bei dem ich mich bei den Ultras sehr gut aufgehoben fühle, ist ihre Kritik an der Kommerzialisierung. Wobei auch das natürlich wieder ein zweischneidiges Schwert ist, denn Spitzenfußball wäre ohne Kommerz schlicht nicht möglich. Und doch treibt dieser Kommerz zunehmend Blüten, die ich immer weniger ertragen kann. Am meisten manifestiert sich dieses Problem für mich persönlich in der explodierend schnellen Zunahme von Werbung, die mir immer mehr auf die Nerven geht. Zum Glück blieb uns in Bremen bisher das beispielsweise Hamburger Schicksal einer [aktuellen Sponsor hier einfügen]-Arena bisher erspart, auch ist der SV Werder keine Werksmannschaft oder hängt am Tropf eines schwäbischen oder russischen Mäzen, demnach haben wir hier an der Weser noch verhältnismäßig Glück gehabt (Toi, toi toi!). Das emotionale Fanherz in mir ist aber trotzdem von dem immer schneller wachsenden Werbe-Tsunami zunehmend genervt, gleichzeitig meldet sich aber auch die rationale Stimme der Logik und mahnt, dass es ohne Werbung auch keine bezahlbaren Tickets mehr gäbe, wenn nicht gar der Profifußball als Ganzes dann verschwunden wäre. Diese rationale Stimme ist es auch, der einige wenige Ultra-Vorschläge zu sehr in Richtung Kommunismus gehen; eine Wirtschaftsform die bisher zu keinem Zeitpunkt an keinem Ort der Welt auch nur annähernd funktioniert hat. Und doch wäre es mir sehr lieb, würde die Werbeindustrie endlich einsehen dass ich ihr Produkt erst recht nicht kaufe, wenn es den Namen meines Lieblingsstadions verschandelt.

Das Thema, was die Gemüter derzeit wohl am meisten erregt, ist aber sicherlich die endlose Pyro-Debatte. Ich muss ehrlich gestehen dass auch ich früher ein entschiedener Gegner von Pyrotechnik im Stadion war, doch je mehr ich mich intensiv mit dem Thema befasst habe, desto weicher wurde dieser Standpunkt, bis er schließlich ganz fiel. Heute meine ich dass ein kontrolliertes Abbrennen von Pyrotechnik in einem sicheren Bereich, durchgeführt von dafür qualifizierten Leuten, legalisiert werden sollte (ich bin sicher, die Fernsehleute würden sich in Wahrheit auch sehr darüber freuen, denn sind wir doch mal ehrlich: es sieht schon verdammt geil aus). Nun gibt es mittlerweile so viele Pro-Pyro-Initiativen dass ich sie schon gar nicht mehr zählen kann, und sie alle versuchen Vereine, DFB, DFL, Politik und Polizei von ihren Argumenten zu überzeugen. Dort treffen sie aber derzeit überwiegend auf taube Ohren und geschlossene Türen, was sehr schade ist, aber zu einem Teil auch verständlich. Momentan ist Pyrotechnik nämlich noch verboten, also illegal, und trotzdem sieht man die "wilden Zündler" jedes Wochenende wieder fröhlich beim Bengalos abfackeln. Stark zusammengefasst vertreten die Verbände also den Standpunkt, wenn die Ultras ihre eigenen Mitglieder nicht im Zaum halten können, wie wollen die dann den "kontrollierten und sicheren" Einsatz von Pyrotechnik garantieren? Kurzum, einige (nicht alle!) Mitglieder der Pro-Pyro-Bewegung torpedieren sich selbst; sie stellen mit ihrer "wilden Zündelei" mittlerweile eine weitaus größere Gefahr für ihre Initiative dar als Verbände, Polizei, Politiker und Bürokraten zusammen. Bevor man den Ultras die Verantwortung über ihre Pyrotechnik lässt, müssen diese erst mal beweisen, dass sie auch über die dafür notwendige Disziplin verfügen. Derzeit ist das leider nicht der Fall, weshalb ich meine Zustimmung zur Legalisierung von Bengalos & Co. dahingehend auch relativieren muss. Ich würde mir aber sehr wünschen, das es eines Tages soweit ist. Bedingung hierfür wäre natürlich auch ein wirklich gesprächsbereiter DFB, was aktuell leider auch nicht der Fall ist.

Überhaupt sind mir in letzter Zeit viele Dinge aufgefallen, in denen sich die Ultras selbst widersprechen. Ich habe mir kürzlich beim Besuch des Weserstadions eine Ausgabe von "Blickfang Ultra" gekauft, ein Fanmagazin von Ultras für Ultras. Dieses über Hundert Seiten starke Heft beinhaltet hauptsächlich Reiseberichte aus Auswärtsspielen, doch ganz zu Anfang steht so etwas ähnliches wie ein Leitartikel. Im Einleitungsabsatz wird gesagt, dieser Text sei in Gesprächen mit Ultras vieler anderer Gruppen entstanden, woraus man schlussfolgern kann, dass dies zumindest annähernd eine Art von Durchschnitt durch den Ultra-Gedanken geben soll. In diesem Text, der mehr in der Tonart eines leninistischen Manifests daher kommt, stehen viele Dinge, die mich entweder sehr verwundert oder schlicht schockiert haben. Beispielsweise heißt es da (Zitat:) "Natürlich ist Gewalt dabei ein Mittel. Uns wird ständig Gewalt angetan, psychisch wie physisch, beim Fußball oder im Alltag. Gewalt erzeugt Gegengewalt und wenn sich diese eben an einem Ordner, der Kassiererin oder der Würstchenbude entlädt, dann hat sie stets ihre Berechtigung und einen Ursprung." Abgesehen von der Tatsache dass ich auch nur den Versuch, Gewalt zu legitimieren, schlicht ekelhaft und höchst verwerflich finde, geht der Autor (der übrigens namentlich nicht genannt wird) mit keiner Silbe auf den Frage ein, inwiefern denn Gewalt gegen Ultras auch Berechtigung und Ursprung hat, denn seiner eigenen Argumentation zufolge müsste das doch der Fall sein. Weiter heißt es in diesem Text: "Auch gezündet werden sollte, wann und wie man es für richtig erachtet. Dazu benötige ich weder eine Genehmigung, einen Pyrotechnik-Bereich im Stadion, noch eine Pyrotechnik-Kampagne." Sollte diese Aussage tatsächlich die wahre Haltung aller Ultras widerspiegeln, was ich nicht so recht glauben mag, dann können all die Pro-Pyro-Initiativen gleich einpacken, denn mit dieser Trotzhaltung gewinnt man in Verhandlungen mit den entsprechenden Verantwortlichen garantiert keine Sympathiepunkte. Gleichzeitig wird in diesem Artikel aber betont, man bezeichne sich als Autonome im Sinne von "sich selbst Gesetz gebend" - man stellt sich selbst also über das Gesetz, und dass das nicht funktioniert kann man Woche für Woche in den Stadien überdeutlich sehen.

Im weiteren Verlauf dieses Pamphletes werden sämtliche Ultras, die sich auf Gespräche mit Vereinen, DFB, DFL und/oder Medien einlassen, als Verräter an den Ultra-Idealen gebrandmarkt. Presse und Medien, die ja immer nur über die bösen gewaltbereiten Ultras berichten würden um gegen sie Stimmung zu machen, werden durchweg als "Lügenpresse" bezeichnet, die die "Fresse halten" solle, obwohl sich nur wenige Zeilen zuvor die Ultras die Gewalt selber auch auf ihre Fahnen geschrieben haben. Natürlich hätte auch ich Sandra Maischberger am liebsten eine schallende Ohrfeige verpasst, als sie die Ultras als "Taliban der Fußballfans" bezeichnet hat, aber ich halte es doch für ziemlich heuchlerisch wenn man die Medien für die Berichterstattung dessen kritisiert, was nach eigener Aussage die Wahrheit ist. Allerdings muss ich hinzufügen: wer seine Zeit mit der "Bild" verschwendet (ein wahnsinnig ekelhaftes Machwerk, das für jeden toten Fisch eine riesige Beleidigung wäre, wenn man ihn darin einwickelt!), ist auch ein bisschen selber schuld, denn von Schundpresse dieser Art kann und darf man auch nichts anderes als Müll erwarten. Aber die deutsche Medienlandschaft besteht ja glücklicherweise bei weitem nicht nur aus dem Axel-Springer-Regime.

Am Ende dieses "Zur Sache" genannten Textes heißt es dann, Ultras würden lieber mit "wehenden Fahnen untergehen, als sich vom System schlucken zu lassen." Man könnte meinen, dieser Artikel stammt von Lenin oder Marx persönlich, so Martialisch und vollgestopft mit Pathos wie er ist. Da ich persönlich mit Ultras völlig andere Erfahrungen gemacht habe weigere ich mich schlicht zu glauben, dass "Blickfang Ultra" hier tatsächlich einen realistischen Querschnitt durch die Szene gezeigt hat. Ein Teil mag vielleicht so denken, aber ich kann mir nicht vorstellen dass das die Mehrheit ist. Aber eines zeigt mir dieser Artikel doch, nämlich dass sich die Ultras trotz großer Parolen wie "In den Farben getrennt, in der Sache vereint" alles andere als einig sind. Teilweise glaube ich sogar, dass verdammt viele Risse und Gräben durch die Ultra-Szene gehen, was angesichts ihrer Größe und immenser Komplexität aber auch kein Wunder ist. Daher ist es auch so gut wie unmöglich, dass wirklich die ganze Ultra-Kultur jemals mit "einer Stimme" sprechen wird. Eine Sache vereint alle Ultras aber dennoch, und das ist es auch, was in mir mit Abstand am meisten Respekt und Anerkennung gegenüber den Mitgliedern dieser Fankultur erzeugt: ihre immense, leidenschaftliche und unendlich große Liebe zum Fußball.

Ich möchte langsam zum Ende kommen. Ich weiß dass viele (vielleicht sogar alle) Ultras einige Dinge in diesem meinen Text finden werden, die ihnen nicht gefallen. Vermutlich werden auch einige Nicht-Ultras an einigen Punkten dieses Blogs Anstoß finden. Bevor Ihr jetzt aber einen Shitstorm gegen mich startet möchte ich aber nochmal unmissverständlich darauf hinweisen, dass es sich hierbei nicht um Kritik handeln soll, sondern nur um eine Wiedergabe des Bildes, dass sich mir zur Zeit bietet. Es sind meine persönlichen Einschätzungen, Gefühle und Meinungen, die absolut nicht in Stein gemeißelt sind, die keinen Anspruch erheben alle Fakten zu kennen und die auch absolut niemanden persönlich angreifen oder verletzen sollen. Dieses Bild, dass ich hier beschrieben habe, ist nicht endgültig, denn ich habe den großen Wunsch es zu erweitern und/oder es gegebenenfalls zu ändern. Ich suche stets Informationen, Gesprächspartner und Partner für eine (konstruktive!) Diskussion, egal ob Ihr meinem bisherigen Bild zustimmt oder nicht. Denn das Thema Ultra ist nicht nur hochkomplex, sondern auch sehr faszinierend, deshalb lohnt es sich meiner Meinung nach sehr, sich damit zu beschäftigen.

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