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Donnerstag, 13 Dezember 2012 15:31

Apocalypse Not Now

geschrieben von 

CIMG0019Es ist der Tag danach. Die 36 deutschen Profi-Fußballvereine haben die 16 Anträge des DFL-Konzepts "Sicheres Stadionerlebnis" mit großer Mehrheit abgenickt. Nur wenige Klubs, darunter auch Werder Bremen, hatten beantragt diese Abstimmung um wenige Monate zu verschieben, sie wollten sich dem künstlich aufgebauten Zeitdruck nicht so ohne weiteres unterwerfen. Dieser Mini-Widerstand war bekanntlich erfolglos und dann, wie es der SV Werder ausdrückte, "wolle man auch keine Blockadehaltung einnehmen." All das war eigentlich keine Überraschung, es war ein voraussagbares Verhalten (nicht nur von Werder Bremen).

Doch was heißt das jetzt? Im Netz brach eine gigantische Panik und Hysterie aus, das Ende und der Tod der gesamten deutschen Fankultur scheint sichere Sache zu sein. Es tut mir sehr leid, aber diesem Pessimismus mag und kann ich mich nicht anschließen. Ich bin absolut kein Freund des "Sicheren Stadionerlebnisses", aber mehr wegen der Art und Weise wie es das Licht der Fußball-Welt erblickt hat. Die Inhalte sind absolut nicht dazu geeignet mich in meiner Existenz als Fan zu bedrohen, nicht zuletzt weil sie bis auf wenige Ausnahmen nur aus Dingen bestehen, die in den deutschen Stadien ohnehin schon seit Jahren (teilweise sogar seit Jahrzehnten) gängie Praxis sind – was das ganze Teil eigentlich herrlich überflüssig macht. Bitte versteht mich nicht falsch: diese eben genannten wenigen Ausnahmen gefallen auch mir nicht, da sie viel zu unpräzise formuliert und viel zu wenig explizit definiert sind. Die Stehplätze werden zwar als "erhaltens- und schützenswert" beschrieben, ihre Abschaffung wird aber auch nicht ausdrücklich ausgeschlossen. Das gleiche gilt für Nacktkontrollen beim Stadioneinlass: direkt angeordnet werden sie in diesem DFL-Papier nicht, aber die Wortwahl läßt durchaus den Spielraum dazu (inwieweit zu diesen beiden Maßnahmen überhaupt eine juristische Grundlage existiert, was zumindest zweifelhaft ist, ist wieder eine andere Geschichte).

Obwohl ich dem DFL-Papier ablehnend gegenüber stehe, akuter Grund zur Panik, Resignation oder Melancholie besteht meiner Meinung nach nicht (zumindest nicht in dem extremen Ausmaß, den ich in den letzten 24 Stunden erlebt habe), weder für Ultras noch für Nicht-Ultras. Überhaupt die Ultras: ich habe gestern, nachdem die Ratifizierung der DFL-Anträge bekannt geworden ist, mich mal auf mehreren Dutzend Ultra-Seiten auf Facebook und im restlichen Internet umgesehen. Das, was ich da zu lesen bekam, weckte in mir den zarten Verdacht, dass die meisten Ultras hauptsächlich nur dieshalb enttäuscht, sauer und beleidigt sind, weil sie immer noch nicht "zündeln" dürfen. Viel zu viel dieser leidigen Debatte konzentrierte sich meiner Empfindung nach auf das Thema Pyrotechnik, als ob die deutsche Fankultur nur aus Bengalos bestehen würde. Mir persönlich ist das etwas zu engstirnig und teilweise auch zu egoistisch gedacht. Vielleicht liegt es daran dass ich kein Ultra bin, aber mir persönlich ist es sehr viel wichtiger, dass ich mir beim Stadionbesuch nicht überlegen muss ob ich auch gutaussehende Unterwäsche trage und dass ich möglichst problemlos eine Karte bekomme, wenn ich Werder mal auswärts sehen möchte. Ich würde mir wünschen, man würde diesen Themen genau so viel Energie und Leidenschaft widmen wie der Pyro-Geschichte – das verläuft mir bisher noch viel zu einseitig.

Ich hatte es eingangs schon erwähnt: dieses DFL-Konzept ist eigentlich völlig überflüssig. Da drängt sich die Frage auf: was soll der ganze Käse? Die Antwort findet sich, wenn man mal den politischen Kalender aus der Schublade holt und den September 2013 aufschlägt. Da steht nämlich dick, fett und rot drin: Bundestagswahl! Und was geht jeder Bundestagswahl voraus? Genau, Wahlkampf. Und was sind die Hauptinstrumente im Wahlkampf? Sachliche Diskussionen, objektive Argumente und fruchtbarer Austausch von Standpunkten? Guter Witz, es sind natürlich Populismus und Aktionismus! Und wenn all die Bildzeitungsleser, Maischberger-Zuschauer und Stammtischakrobaten sehen oder lesen, wie von "bürgerkriegsähnlichen Zuständen" in Düsseldorf berichtet wird, dann nutzt das ein Politiker auf Stimmenfang natürlich gnadenlos aus. Dabei schreckt er auch nicht davor zurück, Verbänden wie DFB und DFL solange Druck zu machen, bis die brav nach seine Pfeife tanzen, damit er sich dann als großer Retter der armen schutzlosen Familien im Stadion aufspielen kann. Ich ziele mit diesen Worten ganz bewusst in Richtung von Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU), der ein wahrer Meister in dieser Disziplin ist – wobei das eigentlich für alle Politiker gilt, für die Union (also CSU und CDU) aber ganz besonders. Daraus folgt natürlich, wenn uns die DFL versucht zu versichern, diese Entschiedung für das "Sichere Stadionerlebnis" sei nicht gefallen, um irgendwelche Innenminister zu befriedigen, so halte ich diese Aussage für genauso glaubwürdig wie die Theorie, der Mond bestünde aus norwegischem Biberkäse. Man sollte diese Geschichte auf jeden Fall im Hinterkopf behalten, wenn man im September nächsten Jahres sein Kreuzchen macht.

Trotz alledem rate ich allen direkt oder indirekt beteiligten Parteien für die Zukunft zur Besonnenheit und dass man sich nicht in Schwarzmalerei, Selbstmitleid und/oder aggressiven Aktionen flüchten sollte. Jaja, ich weiß, gerade ich war es, der die recht erfolgreiche und sehr oft verbreitete Dystopie namens "A stadium future, darkly" verfasst hat, doch war das eben ein absolutes Extrem-Szenario, das über zehn Jahre in der Zukunft angesiedelt ist. Als realistische Einschätzung der kommenden Entwicklungen war das definitiv nicht gedacht! Soweit wird es kaum kommen.

Ich muss auch ehrlich gestehen dass ich dieses ganzen Thema so langsam echt überdrüssig bin, weshalb dies auf absehbare Zeit auch mein letzter Blog dazu sein wird. Die Fußballwelt dreht sich schließlich nicht nur darum, auch wenn manche Ultras das vielleicht anders sehen. Gerade bei "meinem" Verein, dem SV Werder Bremen, tun sich grade sehr viele interessante Sachen. Der Umbruch ist weiter im vollen Gange, die Allofs-Nachfolge ist immer noch ungelöst und erste Transfergerüchte haben ebefalls schon das Licht der Welt erblickt (Marko Arnautović zu Borussia Dortmund?). Diese und viele weitere Themen empfinde ich als mindestens ebenso behandelnswert, weshalb ich mich in der näheren Zukunft auch primär darauf konzentrieren werde. Denn alles, was ich zum "Sicheren Stadionerlebnis" zu sagen habe, habe ich mittlerweile gesagt. Und da es mittlerweile schon fast zu viele Leute gibt, die was dazu sagen, muss ich das nicht auch noch tun.

Abschließend sei noch darauf hingewiesen dass meine Werder Bremen-Seite auf Facebook ihr Berichterstattungsgebiet erweitert hat. Neben der Profimannschaft, der U23 in der Regionalliga Nord und den Werder-Frauenteam werdet Ihr dort nun auch über die U19 des SV Werder Bremen informiert, die derzeit in der A-Jugend-Bundesliga Nord/Nordost die Tabellenführung innehat; ein Zeugnis der großartigen Nachwuchsarbeit, die am Osterdeich geleistet wird. Das lohnt sich auf jeden Fall näher beleuchtet zu werden. Über einen Besuch würde ich mich sehr freuen.

Bis dahin, wir sehen uns im Stadion.

Euer Thilo

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