Auf nationaler Ebene überragte Borussia Dortmund mit dem ersten Double-Gewinn der Vereinsgeschichte und dem Bundesliga-Rekord von 81 Punkten am Saisonende. Bayern hat sich nach den beiden Meisterschaften des BVB eindrucksvoll zurückgemeldet und in der zweiten Jahreshälfte eine grandiose Hinrunde gespielt. Dieser Konkurrenzkampf auf höchstem Niveau ist gut für den deutschen Fußball.
Außerhalb des Platzes zeigen zwei Zahlen die hohe Attraktivität und den damit verbundenen wirtschaftlichen Erfolg der Bundesliga im Jahr 2012 auf. Mit insgesamt 13.805.496 Millionen StadionbesucherInnen wurde vergangene Saison ein neuer Rekord in der Geschichte der Bundesliga aufgestellt. Dazu bringt der neue TV-Vertrag für vier Spielzeiten den Proficlubs der 1. und 2. Bundesliga im Durchschnitt jährlich 628 Millionen Euro ein. Diese hohen Einnahmen sind jedoch mit großer Verantwortung verbunden. Die Bundesligavereine sind gut beraten, weiterhin solide zu wirtschaften. Die Erlöse aus der TV-Vermarktung könnten in Zukunft wieder deutlich niedriger ausfallen, es gibt keine Garantie für einen ewigen Geldsegen.
Negativ sehe ich das unsägliche Verhalten einiger Chaoten, die ich gar nicht erst als Fans bezeichnen möchte. Sie schaden leider allen Zuschauern und damit dem gesamten Fußball. Beispielsweise war das Relegationsspiel in Düsseldorf verheerend für die öffentliche Wahrnehmung. Das massive Werfen von Pyromaterial auf das Spielfeld seitens einiger Hertha-Fans und der vorzeitige Platzsturm vieler Fortuna-Anhänger gaben den Hardlinern ordentlich Rückenwind. Forderungen zur Abschaffung der Stehplätze und zur Beteiligung des Fußballs an den Kosten der Polizeieinsätze teilen wir als SPD im Deutschen Bundestag nicht. Populismus hilft nicht weiter. Das DFL-Sicherheitskonzept brachte im Anschluss viel Unruhe. Es wäre mit Sicherheit sinnvoll und richtig gewesen, auch Fanvertreter an der Ausarbeitung zu beteiligen.
Neben einigen Vorkommnissen in den Stadien sind gewalttätige Übergriffe außerhalb der Stadien sicherlich ein Problem. Womöglich sogar das größere. Hier sind beispielsweise gezielte Angriffe von Gewalttätern auf Fans anderer Vereine an Autobahnraststätten zu nennen. Das ist eine Schande.
Eine noch größere Gefahr für den Fußball und die Gesellschaft sind Rechtsradikale in den Kurven und auf den Tribünen deutscher Stadien. Es darf nicht sein, dass Nazis die Plattform Fußball für die Verbreitung ihrer rechten Ideologie nutzen oder gar die ideologische Lufthoheit über den Kurven erobern. Hier müssen wir alle, vom einfachen Fan bis zum Vereinspräsidenten, vom Stadionsprecher bis zum Sponsor, zusammenstehen.
Und nochmals zu den Finanzen: Auch wenn die 1. Bundesliga boomt wie nie, darf nicht vergessen werden, dass einige Vereine leider in enormen finanziellen Schwierigkeiten stecken. Zu nennen sind hier beispielsweise die insolvente Alemannia Aachen oder der MSV Duisburg.
2. Die Politik muss immer wieder als Sündenbock herhalten, wenn es um gravierende Entscheidungen im Fußball geht, wie eben dem Sicherheitspaket vom 12. Dezember 2012. Es wird von Druck gesprochen, den man seitens der Politik verspürt hat. Wie groß war denn der Druck wirklich?
Der Druck aus Teilen der Politik war sicherlich vorhanden. An vorderster Stelle stand dabei Bundesinnenminister Friedrich mit seinen Drohungen zur Abschaffung der Stehplätze, obwohl solch eine Maßnahme gar nicht in die Kompetenz des Bundes fällt, sondern nur auf Länderebene umsetzbar wäre. Das ist eine Farce und bringt unnötig Schärfe in die Debatte. Ich halte solche Forderungen für ein völlig falsches Signal. Denn ob reine Sitzplatzstadien die Lösung aller Probleme darstellen, darf doch bezweifelt werden. Ich befürchte dadurch einen Verdrängungsprozess in den Stadien – viele einkommensschwache Fans wären damit vom Stadionbesuch ausgeschlossen. So etwas ist nicht im Interesse der Politik. Daher plädiere ich für eine Versachlichung der Debatte und Zurückhaltung auf der Seite derer, die versuchen, sich mit einer „Law and Order-Rhetorik“ zu profilieren.
Wir müssen die Fanvertreter in die Gespräche rund um die Sicherheit im Fußball einbeziehen. Dafür setzt sich die SPD-Bundestagsfraktion im Rahmen ihrer Möglichkeiten ein. Beispielsweise hatten wir zur Öffentlichen Anhörung des Sportausschusses des Deutschen Bundestags zum Thema „Gewalt in und um Fußballstadien“ im Februar vergangenen Jahres vorgeschlagen, einen Fanvertreter einzuladen. Dies wurde auch umgesetzt. Nur im Gespräch kommen wir gemeinsam für den Fußball voran. Auch stehen wir in regelmäßigem Kontakt mit der Koordinationsstelle Fanprojekte (KOS). Die Fanprojekte leisten sehr gute Arbeit für den Fußball und müssen nach allen Kräften unterstützt werden. Übrigens wird im Juni diesen Jahres erneut das Thema Sicherheit in Fußballstadien im Sportausschuss behandelt. Hierzu hat die SPD-Fraktion vorgeschlagen, Fanvertreter, die KOS sowie den Herausgeber eines Buches über Ultras als Sachverständige hinzuzuziehen.
3. Sie sind im Sportausschuss der SPD, inwieweit hat man dort Einfluss auf das sportliche Geschehen, auf die Fans und auf die Politik der Bundesregierung? Wie darf man sich die Arbeit in einem Sportausschuss vorstellen? 
Als sportpolitischer Sprecher meiner Fraktion koordiniere ich eine vierköpfige Arbeitsgruppe von SPD-Abgeordneten, die sich mit diesem Themenfeld befassen. Die in dieser Gruppe erarbeiteten Ergebnisse bringen wir dann in den Sportausschuss des Deutschen Bundestages ein. In diesem Gremium treffen sich 18 Abgeordnete aus allen Fraktionen, wobei die Sitzverteilung die Mehrheitsverhältnisse im Parlament widerspiegelt.
Die Themen, die der Ausschuss diskutiert, sind durch die Aufgabenteilung zwischen Bund und Ländern und die Art und Weise, wie der organisierte Sport in Deutschland aufgestellt ist, vorbestimmt. So fällt in Deutschland die Förderung des Spitzensports ins Aufgabenfeld der Bundespolitik, während der Breitensport Ländersache ist. Zudem genießt der organisierte Sport in Deutschland garantierte Autonomie, ist also vor staatlicher Einflussnahme auf die Arbeit der Vereine und Verbände weitgehend geschützt. Damit will man vermeiden, dass der Sport für politische Zwecke in einer Form instrumentalisiert werden kann, wie man es aus Zeiten der Diktatur kennt.
Wie in anderen Ausschüssen auch, stellt die Bundesregierung im Sportausschuss ihre Ideen und Planungen vor, die dann von den Vertretern der Koalitionsfraktionen und der Opposition mehr oder weniger kritisch diskutiert werden. Alle Fraktionen im Deutschen Bundestag haben die Möglichkeit, Parlamentarische Initiativen wie Anträge oder Gesetzesinitiativen in das Parlament einzubringen und damit, wenn thematisch passend, nach Überweisung im Sportausschuss zu behandeln. Darüber hinaus verständigen sich die sportpolitischen Sprecher aller Fraktionen im Obleutegespräch über die Sitzungsplanung und Aufsetzung von Tagesordnungspunkten im Ausschuss.
Da geht es dann um die Rahmenbedingungen des sportlichen Wettbewerbs, z.B. die Antidopinggesetzgebung oder um die Vorbereitung sportlicher Großereignisse wie den Olympischen Spielen. Selbstverständlich diskutiert der Ausschuss – vor allem mit Blick auf die oberen Ligen – auch Phänomene wie Fangewalt und die generelle Entwicklungen innerhalb der Fanszenen.
Vor dem Hintergrund der „Autonomie des Sports“ kann der Ausschusses vor allem Themen aufgreifen und Impulse für die öffentlicher Debatte geben. Das versuchen wir zum Beispiel dadurch zu erreichen, dass wir regelmäßig Vertreter der Verbände, Wissenschaftler aber auch der aktiven Fanszene als Experten zu den Sitzungen des Ausschusses einladen. Es ist vor diesem Hintergrund fatal, dass die Vertreter der schwarz-gelben Koalition im Ausschuss durchgedrückt haben, dass wir nicht mehr öffentlich tagen.
Vielen Fans und auch einigen Journalisten ist leider nicht bewusst, dass einer direkten Einflussnahme auf Verbandsentscheidungen rechtlich sehr enge Grenzen gesetzt sind. Allerdings ist es den Sportpolitikern über die Vernetzung mit anderen Ausschüssen und Arbeitsgruppen durchaus möglich, Einfluss auf das Regierungshandeln zu nehmen, zum Beispiel wenn es um die Verteilung von Fördermitteln für den Spitzensport oder die Regulierung des Sportsponsorings geht. Beispielsweise möchte ich einen Erfolg anführen, den der Sportausschuss fraktionsübergreifend mit dem Ausschuss für Arbeit und Soziales, dem Bundesministerium für Arbeit und Soziales sowie dem organisierten Sport jüngst erzielen konnte: Die Beträge für die Unfallversicherung von Sportlerinnen und Sportlern bei der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft sollten exorbitant steigen, was für viele Vereine finanzielle Schwierigkeiten gebracht hätte bis hin zu Insolvenzen; im Fußball wären Vereine vom Profi-Bereich bis hin zu den untersten Ligen betroffen gewesen. Hier konnte die Politik dem Sport direkt helfen und durch Gespräche die Beitragssteigerungen auf ein moderates Maß begrenzen. Aber nicht nur der Fußball profitierte davon, dem gesamten organisierten Sport ist mit dem Ergebnis geholfen.
4. Viele Fans haben den Eindruck gewonnen, dass sich die Parteien in Deutschland über den Fußball so hermachen, weil es dem Wahlkampf 2013 dient. Aber ist die Sicherheit in den Stadien denn so bedrohlich, wie immer behauptet wird?
Nein, meines Erachtens sind unsere Stadien sicher. Natürlich nicht zu 100 Prozent – so etwas gibt es nicht im Leben. Aber der oft herangezogene Vergleich der Zahl der Verletzten zwischen einer Bundesliga-Saison und dem Münchener Oktoberfest sagt doch einiges aus. Ich sehe in diesem Thema kein Potential für den Wahlkampf. Auch der überwiegende Teil der Zuschauerinnen und Zuschauer fühlt sich sicher. Wir hatten in Deutschland – vor allem in den 1980er Jahren – durchaus Probleme mit Gewalt in den Stadien, aber das liegt nun doch schon etwas zurück. Pyrotechnik sehe ich aber durchaus als Gefahr: 2000 Grad heiße Bengalos gehören nicht ins Stadion und sind laut Stadionordnung nicht ohne Grund verboten.
Fotos aus dem Pressebereich von Martin Gerster

Ich habe ein sehr umfassendes Interview mit Martin Gerster geführt. Martin Gerster (41) ist Politikwissenschaftler und seit 2005 Mitglied des Bundestages.
