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Samstag, 02 Februar 2013 14:00

Fußball und Politik - Interview mit dem Bundestagsabgeordneten Martin Gerster - Teil.2

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Teil.2 des Interviews mit Martin Gerster. Wer Teil.1 verpasst hat, sollte sich über folgenden Link noch einmal kurz einlesen.

Teil.1 des Interviews mit Martin Gerster

Und hier wie angekündigt der 2.Teil des großen Interviews.

5. Was halten Sie generell von der Berichterstattung der Medien, von Taliban bis Kriegszustand in Stadien waren schon alle Extreme dabei?

Ich halte das – wie gesagt – für überzogen. Vorhandene Probleme sollten nicht kleingeredet werden, aber Hysterie hilft in der Sache nicht weiter. Leider ist genau das von einigen Seiten herbeigeführt worden: Wer behauptet, dass ein Stadionbesuch in Deutschland lebensgefährlich sei, ist doch nur an der Provokation interessiert. Und das greifen dann natürlich auch die Medien auf.

mg pressefoto 1

6. Und was können die Fans tun, damit auch die Politik den Sport wieder genießen kann ohne Einschränkungen und Maßnahmen zu fordern?

In erster Linie geht es in der Debatte nicht darum, dass „die Politik den Sport wieder genießen kann“. Den Vertreterinnen und Vertretern aller Parteien muss doch daran gelegen sein, dass der Besuch eines Fußballstadions sicher und die Spiele auf dem Platz frei von Manipulation sind.

Die Fans können dazu ihren Teil beitragen. Bei Gewalt, Rechtsextremismus oder Pyroeinsatz wird häufig auf die „selbstreinigenden Prozesse innerhalb der Fanszene“ verwiesen. Das unterstütze ich. Soweit möglich müssen die Vernünftigen geschlossen auf die Nebenfrau oder den Nebenmann einwirken, wenn Probleme drohen. Wichtig ist auch, endlich das Anzünden von Bengalos etc. zu beenden. Die organisierten Fans haben mit der der Aktion „12:12- Ohne Stimme keine Stimmung“ ein beeindruckendes Zeichen gesetzt, sind über die Fangrenzen hinweg geschlossen und gut organisiert aufgetreten. Warum geht das nicht, wenn es um Pyrotechnik geht? Das wäre ein großer Fortschritt.

Aber Fans allein können am Ende nicht für die Sicherheit in den Stadien sorgen. Das wäre weltfremd. Die Sicherheitskräfte sind weiterhin gefordert. Dialog und Prävention durch die Fanprojekte vor Ort leisten dazu einen wichtigen Beitrag.

7. Ein weiteres Problem sind auch die politischen Orientierungen in den Fanblöcken. In den letzten Monaten häufen sich die Schlagzeilen, dass immer mehr rechtsorientierte Fans auf den Rängen stehen. Selbst die NPD geht vor den Stadien auf Stimmenfang, wirbt mit Flyern und Plakaten. Wird so etwas seitens der Politik registriert und viel wichtiger, tut man was dagegen?

Wie bereits gesagt, die verstärkte Präsenz von Rechtsradikalen in den Stadien ist der Politik nicht entgangen. Diese Entwicklung ist gefährlich. Doch sosehr es wir uns wünschen, es lässt sich leider nicht von heute auf morgen in den Griff bekommen. Wir als SPD-Bundestagsfraktion setzen dabei sowohl auf präventive als auch auf repressive Maßnahmen. Aufklärung und Projekte gegen Rechts müssen verlässlich finanziert werden. In dieser Legislaturperiode hat die SPD-Fraktion daher auch den Antrag „Rechtsextremistische Einstellungen im Sport konsequent bekämpfen – Toleranz und Demokratie nachhaltig fördern“ in den Bundestag eingebracht, der leider von der Regierungskoalition abgelehnt wurde.
An dieser Stelle möchte ich Kevin-Prince Boateng mein Lob aussprechen, der als Spieler jüngst ein starkes Zeichen gegen Rassismus setzte, als er nach rassistischen Beleidigungen gegen ihn und weitere Milan-Spieler bei einem Testspiel das Feld verließ und damit das Spiel abgebrochen wurde.

8. Das Thema Pyrotechnik müssen wir ansprechen. Wir waren erschrocken, als wir den Skisport gesehen haben. Dort wurde Pyrotechnik eingesetzt und seitens der Medien bejubelt. Kein Politiker ist vor die Presse getreten und hat sich dazu geäußert. Wird in dieser Thematik nur der Fußball an sich fokussiert oder wie erklären Sie sich das?
Von Einzelpersonen eingesetzte Pyrotechnik hat nichts bei öffentlichen Veranstaltungen –egal welcher Art – zu suchen (siehe auch Antwort 4). Ich halte es im konkreten Einzelfall aber für richtig, dass sich dazu kein Politiker geäußert hat. Es hilft in der Sache nämlich nicht weiter, wenn nach jeder abgebrannten bengalischen Fackel Politiker Statements von sich geben. Dann wären nach fast jedem Bundesliga-Spieltag, leider, einige Pressemitteilungen fällig. Nichtsdestotrotz sind das Vorkommnisse, die ich absolut verurteile. Aber in erster Linie gilt es, dies von den Sicherheitskräften vor Ort aufzuklären.

9. Können Sie generell den Zorn der Fans verstehen, die mit dem DFB über eine Legalisierung der Pyrotechnik gesprochen hat, dieses dann aber ohne Angaben von Gründen abgebrochen wurde. Warum bietet man seitens des DFBs Gespräche an für etwas, das von vornerein nicht umsetzbar war?

Der Unmut der Fans ist durchaus nachvollziehbar. Dort wurden offensichtlich Erwartungen aufgebaut, die dann bitter enttäuscht wurden. Aber zu den Beweggründen des DFB kann ich nichts sagen, da bin ich der falsche Ansprechpartner.

10. Wie stehen Sie zum Thema "Nacktkontrollen" wie sie schon in München stattgefunden haben?

Dies ist zweifelsohne ein heikles Thema. Im DFL-Sicherheitskonzept fehlt es bei den Einzel-Kontrollen an präzisen Kriterien (Auswahl der Personen, Dauer, Umfang etc.). Das ist nicht transparent und Stadionbesucherinnnen und -besucher sollten nicht per se kriminalisiert werden.

Auf der anderen Seite müssen die Fans aber in Zukunft durch ein angemessenes Verhalten dafür sorgen, den Rufen nach solchen Kontrollen keinen Anlass zu geben. Wenn Teile einer Fanszene bei jedem Bundesliga-Spiel Pyros anzünden, dann stehen am Ende leider viele Fans sprichwörtlich in schlechtem Licht.

11. Sind Sie selbst auch Fußballfan und können einige Sichtweisen, Aktionen und Reaktionen persönlich nachempfinden? mainz05

Ich habe selbst Fußball gespielt und bin seit meiner Studienzeit leidenschaftlicher Anhänger von Mainz 05. Wenn ich Zeit habe, besuche ich mit meinen ehemaligen Kommilitonen gern ein Heimspiel – natürlich im Fanblock, nicht auf der Haupttribüne. Zuletzt war ich beim Spiel Mainz 05 gegen den 1. FC Nürnberg dabei.

12. Abschließend würde mich noch interessieren, in wie weit die Medien Einfluss auf die Politik in Deutschland haben?

Der Einfluss der Massenmedien auf die Politik ist sicherlich beachtlich. Die überwiegende Mehrzahl der Menschen kennt Politik nahezu ausschließlich aus Presse, Rundfunk und über die Berichterstattung im Internet. Wer dort als Politiker nicht auftaucht, bleibt unsichtbar. Denn die wenigsten Bürgerinnen und Bürger machen sich die Mühe, den direkten Kontakt zu ihren Abgeordneten zu suchen und sich aus erster Hand zu informieren. Man ist also auf journalistische Vermittlung angewiesen.
Journalisten und Medien haben jedoch ihre eigenen Arbeitsweisen, Anforderungen und Spielregeln, die auf die Politik zurückwirken. Vor allem das Fernsehen lebt von Bildern und verlangt nach kurzen, prägnanten Aussagen. Für komplexe Zusammenhänge und differenzierte Abwägungen bleibt meist wenig Raum. Und wer darauf aus ist, Aufmerksamkeit zu erzielen, muss zuspitzen, polarisieren und dramatisieren.

Im Ergebnis trägt das dazu bei, dass Politik als oberflächlicher und berechenbarer Zank erscheint und die eigentlichen Diskussionen bestenfalls stark verkürzt öffentlich werden. Eine Problematik, die sich mit dem immer härter werdenden Kampf um Quoten, Auflage und Klicks noch verschärft. Neben die klassischen journalistischen Plattformen sind in jüngerer Vergangenheit zudem Blogs und ähnliche Online-Angebote getreten, die mit Blick auf die sportpolitische Berichterstattung eine feste Größe darstellen. Gerade in diesem Bereich fehlt aber häufig das Wissen um politische Arbeitsabläufe und Sachzusammenhänge, was qualitativ auf Kosten der Berichterstattung geht.

Saathoff

Seit 1994 BVB Fan und seit 2004 stolzer 1.Vorsitzender eines BVB Fanklubs.

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