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Freitag, 09 August 2013 14:40

Ein ganz normaler Sonntag im Wilden Osten

geschrieben von 

hsv jena 1

Neulich im Büro:

Die Sensation ist perfekt. Der Hamburger SV zieht in die zweite Runde des Deutschen Fußball-Pokals ein. Nach einem Spaziergang in Jena – gegen den immerhin amtierenden Thüringen Pokal-Gewinner 2013, den Fünftligisten TSV Schott Jena – gelang ein überzeugender 0:4-Kantersieg. Den Zuschauern bot sich über 90. Minuten ein einseitiger Kick. Der Hamburger SV dominierte die Partie nach Belieben, legte ein bis dato so nie gesehenes Pressing an den Tag, das dem Favoriten aus Jena sowie den Zuschauern im ausverkauften Ernst-Abbe-Sportfeld vor der Rekordkulisse von 120.000 Zuschauern der Atem stockte. Bei herrlichem Sonnenschein und Freibier im Gästeblock war die Stimmung grandios. Aufgrund der Vorkommnisse auf dem grünen Rasen, der englisches Niveau besaß, war das Topspiel ein Spektakel der Extraklasse.

Die Scouts vom FC Barcelona, Real Madrid und dem FC Bayern München kritzelten ihre Notizbücher mit Hinweisen auf die Stärken der Spieler des HSV so voll, dass sich aufgrund des vielen Schreibens die Bleistiftspitze entzündete, ein Feuer sich entwickelte. Die Scouts wurden des Stadions verwiesen und müssen eine Anzeige wegen des Abbrennens von Feuerwerkskörpern in Kauf nehmen. Obendrauf wird ein mehrjähriges Stadionverbot erteilt. Da die Flutlichtmasten aufgrund der schlechten Witterung der vergangenen Monate diesem Spiel nicht beiwohnen konnten, entwickelte sich für alle anderen Augen sichtbar ein Feuerwerk aus Kreativität, Spielfinesse, Ballerorberung, schnelles Umschaltspiel sowie einen Torriecher beim auf der Bank sitzenden Rudi Rudnevs, so dass sich die Flutlichtmasten im Hintergrund des Stadions vor Aufregung und Spielgeschwindigkeit im Zickzack bogen.

Die Security-Mitarbeiter, kleine schmale liebenswerte Geschöpfe, standen applaudierend auf den Zäunen und buhten ihren Verein – den TSV Schott Jena – aus und raubten herumstehenden Veteranen die Trikots, Schals und Mützen. Im Rausch der Gefühle  kündigten alle mit sofortiger Wirkung ihren bestens bezahlten Job und begleiteten den HSV-Tross nach Hause in die Hansestadt. Nachdem das Freibier schon zur Pause ausgeschenkt wurde, organisierten die Hausherren zum Dank für die spielerische Überlegenheit und faszinierende Spielweise weitere 10.000 Liter Freibier, die vom umliegenden Kiosk, „Attakan“ geliefert wurden.

Auch heute fehlte den Stadionbesuchern, die zum größten Teil mehrere hundert Kilometer Anfahrtsweg hatten, die Partie Live im Stadion verfolgen durften, die Sprache. Im näheren Umkreis mir bekannter Bekannten dreht sich auch Tage nach dem Spektakel alles nur um diese Party auf dem Rasen. Es klingt wie: Wer wird Deutscher Meister? HA HA HA HSV.

Es klopft an der Bürotür und stürmt herein:

“Träumst du schon wieder während der Arbeitszeit Christian? Oder warst du wieder an meinem Schreibtisch und hast an der grünen Dose genascht? Wie oft habe ich dir schon gesagt, dass du die Finger von der Dose lassen sollst. Lies doch mal was du da geschrieben hast? Das können wir nicht veröffentlichen. Was hast du denn für Augen? Meine Güte. Wir müssen reden, komm in mein Büro.”

Stunden später … die Wahrheit. Wollt ihr sie wirklich wissen?

Es war zuerst recht feucht. Die Stadtgrenze von Jena war in Sichtweite, da ergoss sich eine Ladung wie aus Gießkannen vom Himmel herab und brachte Erdmassen ins Rutschen. Die A4 glich einem Fluss aus brauner Farbe. Der Weg zum Stadion war ebenfalls nass. Ich zog meine Schuhe aus, damit ich die Pfütze, die die ganze Wegesbreite überzog, durchqueren konnte, um zu den Stadiontoren zu gelangen. Ich ging barfuß an der grünen Staatsmacht in Richtung Eingang vorbei.

Endlich angekommen, begrüßte mich eine Mischung eines exzellenten Duftes: Schweiß und nasse Klamotten. Freie Oberkörper. Riecht wie nasser Hund. Endlich wieder Stadion. Doch als  ob das nicht genügte, stand ich nun da, umgeben von drei netten Damen, die Fußballsachverstand nur so ausstrahlten – die eine mit einer Trillerpfeife, ihre Freundin blies Seifenblasen in den Himmel über Jena. Das Spiel begann und ein Farbenspiel aus verschiedenen Farben verschönerte den Block. Anpfiff.

hsv jena 2Etwas Farbe an dem grauen Tag

Was durfte ich erwarten? Vom Papier natürlich einen klaren und hohen, sowie technisch einen schön heraus gespielten Sieg. Gegen einen Fünftligisten. TSV Schott Jena. Das Gute an dem Ganzen: Da ich stand, konnte mich wenigstens nichts vom Hocker reißen. Was es auch nicht tat. Chancen waren da und wurden kläglich vergeben. Der Fünftligist fightete und wir hielten dagegen. Pause: 0:0. Wahnsinnskick.

hsv jena 3Ehrentribüne

hsv jena 4
Freien Blick auf die Landschaft

Als ich zufällig Kevin traf, war das der erste Lichtblick an diesem Tag. Somit musste ich das ganze Theater nicht mehr mit mir alleine ausmachen. Doch als Kevin in der 70. Minute sagte:  “Eine Verlängerung habe ich aber nicht eingeplant”… Kann sich nun jeder denken: ich wurde stutzig. 70. Minute 0:0. Im Block stimmte man schon vor Langeweile einen Gesang an, der Potenzial für mehr hat:

Zieh das Hemd in die Hose, zieh das Hemd in die Hooose, zieh das Hemd in die Hoose. Hemd in die Hose

In Anspielung auf eine etwas, sagen wir, leicht kräftigere Dame der Sicherheitseinheit, die Ihr Hemd locker leger aus der Hose hängen ließ,. Als im Anschluss der Klassiker gesungen wurde:  Wer wird deutscher Meister? HA HA HA HSV.

Da hatte auch der eingewechselte Rudi Rudnevs ein Einsehen mit den mitgereisten HSV-Fans und erzielte innerhalb vier Minuten einen Doppelpack. Ich traute meinen Ohren nicht. Alle mitsingen jetzt.

Erste Runde Bukarest, zweite Runde Rom,
in Kopenhagen schellt das Telefon,
vielleicht nach Rotterdam,
vielleicht nach Mailand,
vielleicht auch Teneriffa eine Woche Sandstrand!
Europapokal, Europapokal…

Die Stimmung war ausgelassen und als VDV das 0:3, sowie unser neuer Top-Torjäger vom FC Basel, Zoua, das 0:4 klar machten, waren wir eine Runde weiter. Zoua, ich wusste, der kann was. Wer in 25 Spielen als Stürmer ein Tor erzielt, der passt zum HSV. Die weiteren Highlights des Tages: Bremen und St. Pauli raus. Und wir sangen: Berlin, Berlin wir fahren nach Berlin.

Wenn ich das jetzt so schreibe. Dann denke ich mir nur: Hoffentlich wird das nicht bestraft. Es lag zwar eine Menge Sarkasmus in den Gesängen, aber für andere wird es reichen, es uns um die Ohren zu hauen bei Bedarf. Doch da ich Fan der Rothosen bin, weiß ich: Es wird bestraft. Endlich Schlusspfiff. Die Spieler glitten noch am Zaun entlang und ich verabschiedete mich von Fredo und Kevin. 340 Kilometer lagen jetzt noch zwischen Jena und meiner Heimat. Ich saß noch keine Fünf Minuten im Auto, als im Radio die Meldung kam

Die A4 ist in beide Richtungen voll gesperrt. In Fahrtrichtung Frankfurt sind aktuell 13 Kilometer Stau. DIe Polizei kann noch nicht sagen, wann die Autobahn wieder freigegeben wird, da die Reinigungsarbeiten noch andauern.

Applaus. Der Grund lag auf der Hand. Da die Autobahn unterhalb der riesengroßen Baustelle liegt, wo zwei riesige Tunnel gegraben werden, um die Autobahn zu verlegen, weichten die Regenmassen den Boden auf und dieser fegte in Form von schlammigem Wasser über die A4 hinweg.

Da mein Navigationsgerät im Handy nichts weiter anzeigte als: GPS Signal wird gesucht, war mein Plan entlang der Autobahn auf leeren Landstraßen, winkend an den im Stau stehenden Teilnehmern vorbei zu fahren.

Als ich irgendwo zwischen Jena, Rödelwitz und Neuendorf im tiefsten Osten stand, ohne Ahnung wohin mit meinem Mietauto. Nach Rechts links oder geradeaus? Fragte ich im Apolder-Dorfkrug  verzweifelt nach dem Weg zurück zur Autobahn.  Die erste Reaktion des Wirtes:  Wie haben sie denn hier her gefunden. Und musste Grinsen!!

Gegen 0:00 Uhr war ich endlich Zuhause. 2 Runde DFB Pokal. Hauptsache weiter.

Ich:    Chef, so besser?
Chef: Lass mal gucken.

hsv jena 5

 

 

Ich verabschiede mich mit den Worten von Carl Edgar Jarchow: “Wir sind auf Augenhöhe mit Schalke und Wolfsburg“.

Sonntag. Schalke 04 gegen den Hamburger SV. Es geht los und ich bin ab sofort in Babypause.

In diesem Sinne. Kämpfen und siegen.
NUR DER HSV

Christian E

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