Fankultur, Gewaltdiskussion, Sicherheitspapier und die Aktion „12:12 ohne Stimme keine Stimmung“ - Pyro ist (vorsicht, Flachwitz) derzeit ohnehin ein brandheißes Thema, aber was gestern durch die „Hugos“ auf Schalke abgegangen ist, wird vermutlich demnächst im Duden das Wort „kontraproduktiv“ illustrieren. Die Law-and-Order-Fraktion müsste heute eigentlich eine Kerze oder besser einen Bengalo für die Hugos anzünden…
Ausgangspunkt der Aktion waren rund 156 bundesweite dreijährige Stadionverbote ab dem 1. Dezember, welche aufgrund der Ausschreitungen beim Revierderby in Lüdenscheid u. a. gegen Mitglieder der Hugos, einer nicht mit der UGE zu verwechselnden aktiven Fangruppierung, verhängt wurden. Nach der Darstellung der Gruppe soll dies allein aufgrund der „konspirativen“ Individualanreise zur Vermeidung des seit Jahren bekannten Flaschenkessels mit Polizeibegleitung und ohne den Nachweis weiterer Straftaten geschehen sein. Man darf getrost vermuten, dass die Version der Polizei Dortmund eine andere ist, die Wahrheit dürfte auch ohne prophetische Begabung wie meistens irgendwo in der Mitte zu finden sein. Eine Mitte, die leider neben tatsächlichen Ausschreitungen auch zunehmend übertriebene Kollektivstrafen und das mediale Aufbauschen sämtlicher Geschehnisse zur Rechtfertigung aller Repressalien kennt.
Dieser Hintergrund war jedoch gestern den allerwenigsten „Normalarenabesuchern“ bekannt und erschloss sich auch durch zahlreiche Transparente der Hugos in der ersten Halbzeit, darunter „156 Stadionverbote ohne nachgewiesene Straftaten?“, „Unschuldsvermutung Art 6 Abs II“ und „Wir werden nie so sein, Ihr kriegt uns niemals klein“ nur sehr aufmerksamen Beobachtern der Kurve, die es aufgrund des durchaus ansehnlichen Spiels auf dem Rasen aber auch nur wenige gab. Das bereits am Anfang aus dem Ultra-Block gezeigte Transparent „Unbeugsam bleiben!“ wurde von den meisten schlicht auf das gleichzeitig auf mehreren Bannern („Euer Sicherheitspapier ist fürn Arsch“ und „DFL Sicherheitspapier? – Ihr übertreibt, nicht wir!“) abgelehnte Sicherheitskonzept bezogen.
Infolgedessen war es schade, aber wenig verwunderlich, dass das Arenapublikum zunächst ungläubig und dann zunehmend ablehnend reagierte, als kurz vor Anpfiff der zweiten Halbzeit die Hugos in Block K diverse Bengalos zündeten, um sich in ihrem vorläufig letzten „legalen“ Heimspiel einen spektakulären Abgang zu verschaffen. Pyro aus der Nordkurve war ein bis dato seit Bestehen der Veltins-Arena gänzlich unbekanntes Phänomen. Als dann auch einige Banner und eine Tunnelabdeckung in Brand gerieten und die Rauchentwicklung alles einnebelte – die Dachkonstruktion unseres schönen Tempels ist nicht sehr belüftungsfreundlich -, gab es neben gellenden Pfiffen auch die verbale Höchststrafen „Ihr seid schei**e wie der BVB“ und „wir sind Schalker und Ihr nicht“. Dass dabei selbst einige, die sonst nie den Mund zur Unterstützung der Mannschaft aufbekommen, plötzlich singen konnten, ist wohl unter „bedauerlicher Kollateralschaden“ zu verbuchen. Die Hugos verließen nach dem Abbrennen ihrer Fahne geschlossen den Block und wurden draußen bereits von der Polizei erwartet. Nach Angaben des Polizeisprechers wurden von rund 60 Personen die Personalien festgestellt und Strafverfahren eingeleitet.
Das durchaus berechtigte Anliegen, die Aufmerksamkeit auf die zumindest zum Teil unberechtigten Stadionverbote zu lenken, ging daher völlig in einer weiteren Spaltung der Fanszene in „ultranah“ und „Normalo“ unter. In den Foren überschlagen sich die Forderungen nach Abschaffung der Stehplätze, lebenslänglichem Vereinsausschluss und vermutlich bald auch Kastration aller Beteiligten; der Verein verurteilte den Pyroeinsatz umgehend „aufs Schärfste“ und kündigte Konsequenzen an und die Befürworter schärferer Repressalien reiben sich vermutlich die Hände, weil ihnen Teile der bislang „gemäßigten Mitte“ in die Arme getrieben werden. So hat die trotzige Aktion der Zündler in den Augen vieler die vorher zweifelhaften Stadionverbote nachträglich gerechtfertigt. Es ist schade, dass nicht zumindest versucht, vorher anderweitig rechtlich gegen sie anzugehen, auch wenn angesichts des regelmäßigen Scheiterns irgendwelcher „Dialoge auf Augenhöhe“ eine gewisse Skepsis, ob sachliche Schritte erfolgversprechend(er) sein würden, verständlich ist.
Die Hugos werden die Konsequenzen ihrer Aktion tragen müssen; sie haben ihr eigenes Transparent „wir sind nicht auszulöschen“ ad absurdum geführt. Selbst bei einem gewissen Verständnis dafür, dass sie das Gefühl hatten, eh nix mehr zu verlieren zu haben, war der gewählte Weg der Falsche. Geradezu tragisch ist, dass sie damit auch vielen anderen Fußballfans, die sich derzeit mit legitimen Mitteln gegen die ständigen Versuche, Fans zu kriminalisieren und in immer rigidere Vorgaben zu zwängen, zur Wehr setzen, einen absoluten Bärendienst erwiesen haben. Sämtliche Stellungnahmen zum Sicherheitskonzept und die unterstützenswerte Aktion 12:12, die für den Erhalt von Stehplätzen und gegen Reduzierung der Kartenkontingente für Auswärtsfans und verschärfte Personenkontrollen kämpfen, werden von Medien und Politik jetzt wieder mit hysterisch-polemischen Vergleichen von „bürgerkriegsähnlichen Zuständen“ und „zu Tode verängstigten Frauen und Kindern“ beantwortet werden – und es wird leichter werden denn je zuvor, Stadionverbote zu verhängen…




