Am Montagabend erreichte die bereits seit längerem schwelende Unzufriedenheit der Schalker Fanszene mit dem Schalker Fanclubverband SFCV einen vorläufigen Höhepunkt: Mit den Ultras Gelsenkirchen (UGE) erklärte erstmals eine große Gruppierung den Austritt – und nannten in ihrem Statement öffentlich den Grund: Zunehmende Vertretung der Interessen des Vereinsvorstands statt der Fans, u. a. in den drängenden Themen der Kartenpreispolitik und des Vertrages mit viagogo. Der Tropfen, der das Fass zum Überlaufen brachte, war die Veröffentlichung des Protokolls der offenen Krisensitzung des vergangenen Donnerstags, in der entgegen dem tatsächlichen Verlauf des Abends (ausführlich nachzulesen in diesem Artikel) erneut wieder schwerpunktmäßig die Meinung des Vereins (Deal sei finanziell hilfreich, zudem werde den Fans kein Schaden entstehen etc.) vertreten wurde.
Auch die gestern veröffentlichte Stellungnahme des SFCV zum Austritt der UGE zeigt geradezu exemplarisch auf, wo das derzeitige Problem vieler aktiver Fans mit dem Fanclubverband liegt: Zwar wurde dort der Austritt der UGE „bedauert“; zugleich wurde aber wieder betont, der SFCV wolle „allen Schalkern eine Plattform bieten“ und „die unterschiedlichen Meinungen einfließen lassen“, aber die Stellungnahme des SFCV müsse letztlich „dem Mehrheitsbild entsprechen“. Eine solche Platitüde rauszuhauen, nachdem man sich gerade erst über die überwältigende Mehrheit der Fans, die „vianogo“ nicht auf Schalke sehen wollen, hinweggesetzt und den Deal verteidigt hat, zeigt, dass das Versprechen, wieder kritischer zu werden, die Lebensdauer einer Schneeflocke in einem Hochofen hat.
Ähnlich formelhaft mutet die Aussage, die „fast 35 jährige Tätigkeit in der Fanarbeit auf Schalke habe sicherlich eine „gewisse Nähe“ zum Verein entstehen lassen“ an. Auch diese übergroße Nähe zum Hauptverein und eine daraus folgende mögliche Befangenheit, auch unbequeme Faninteressen zu artikulieren und zu vertreten, wurden in der Gesprächsrunde am Donnerstag mehrfach thematisiert. Wenn dies nun als förderlich für den „konstruktiven Dialog“ (fehlt nur noch die Lieblingsfloskel der Marketingabteilung „auf Augenhöhe“) und „eine Vertrauensbasis, durch die viel erreicht werden konnte und Grundlage für die Zusammenarbeit ist“ gerühmt wird, muss ich leider sagen: Nichts verstanden, lieber SFCV-Vorstand. Ihr könnt Euch nicht länger darauf zurückziehen, dass ja nur die Teile der Fanbetreuung, die sich mit dem Kartengeschäft beschäftigen, in die Fanabteilung übergegangen sind und Ihr soooooo unabhängig seid. Zu laut pfeifen die Spatzen in Gelsenkirchen und Umgebung von den Dächern, dass diese „Konstruktion“, Euch neben den Mitgliedsbeiträgen von „eigenen Sponsoren“ (die, man lese und staune, zuuuufällig auch die Sponsoren des Vereins sind...) finanzieren zu lassen, in erster Linie gewählt wurde, damit Ihr Eure Positionen im Aufsichtsrat bzw. Wahlausschuss des Hauptvereins nicht wegen eines offiziellen Anstellungsverhältnisses zum Verein aufgeben müsst. Und dass sich mit einem Blick in den elektronischen Bundesanzeiger noch weitaus drastischere Belege für eine massive faktische wirtschaftliche Abhängigkeit vom Hauptverein finden lassen...
Ich finde es sehr schade, wenn langjähriges Engagement und unbestrittene Verdienste um die Fanarbeit auf Schalke und nach wie vor viele sehr vernünftige Ehrenamtler hinter dem sich nunmehr massiv aufdrängenden Eindruck „wes Brot ich ess‘, des Lied ich sing“ zu verblassen drohen. Aber schöne Worte von „Dialog wieder vermehrt in den Vordergrund zu stellen“, den „berechtigten Sorgen und Kritik, die nicht erst bei diesem Treffen an uns herangetragen wurde, sondern schon vorher in die Debatte einfloss und ernst genommen wird“, die “kritische Beobachtung des Deals“ und – oho! - , gar die „Einmischung, wenn die Vereinbarungen nicht eingehalten werden“ helfen den Schalkern nicht weiter, sondern erinnern fatal an genau das „Wischiwaschi“, was am letzten Donnerstag so massiv kritisiert wurde. Wenn dann noch zahlreiche weitere Punkte hinzukommen, wie die größtenteils verweigerte Mitwirkung an der Information der Mitglieder über die Unterschriftenaktion zur Einberufung einer außerordentlichen Mitgliederversammlung – auch dies eine Strömung, die der SFCV nicht pushen, aber als Vertretung aller Faninteressen doch zumindest seinen Mitgliedern nicht von vornherein im Vereinssinne vorenthalten sollte: Lasst doch jeden Schalker selber entscheiden, ob er diese Aktion mit seiner Unterschrift unterstützt! – , die Kastrierung des „Sprachrohrs“ oder die extrem SFCV-lastigen, Nicht-Organisierte vollständig außen vor lassenden Vorüberlegungen für ein „Fanplenum“ hinzukommen, muss ich der UGE zustimmen, dass es dringend einer unabhängigen und neutralen Fan-Interessenvertretung bedarf. Ein Vertreter des Schalker Fanclubverbandes mit einer sechsstelligen Mitgliederzahl darf nicht länger dazu da sein, diese Mitglieder im Sinne des Vorstands einzunorden; er soll vielmehr umgekehrt die Interessen der Fans „bottom up“ in den Aufsichtsrat tragen!
Ich bin sehr gespannt, ob die Gräben in der Schalker Fanszene nicht bereits zu tief sind, um eine gemeinsame Fanvertretung - in welcher Form auch immer - zu installieren. Einiges wird sicher davon abhängen, ob und wie sich der Supportersclub als weitere große Fanorganisation positioniert, aber es sind alle aufgefordert, sich von liebgewonnenen Vorurteilen, Besserschalkerattitüden und Schubladendenken à la „Ultra contra Eventie“ oder „Organisiert gegen Unorganisiert“ zu verabschieden und sich zusammenzuraufen. Ansonsten wird es nämlich auf längere Sicht weiter keine Stimme der vielen hunderttausenden Schalker geben, die sich der zunehmend ungenierteren Gewinnmaximierung um jeden Preis des Vorstands entgegenstellt.
Blau-weiße Grüße
Susanne Blondundblau

