Insbesondere in den Heimspielen gegen Frankfurt und Freiburg war es anlässlich der Pyro-Aktion der Ultra-Gruppierung „Hugos“ und des über die 12:12-Minuten der Aktion „Ohne Stimme keine Stimmung“ hinausgehenden Schweigens der Ultras über die gesamten 90 Minuten zu hässlichen Auseinandersetzungen unter Schalke-Fans gekommen, bei denen es gegenseitige Pfiffe, verbale Angriffe und vereinzelt sogar Handgreiflichkeiten gab. Auch in den Foren und Netzwerken wurde munter auf die jeweils „anders“ Denkenden eingedroschen.
Diese schlimme Situation in unser aller „Wohnzimmer“, im „Biotop Stadion“ nahm der Supporters Club Schalke (SC) zum Anlass, zu einem gemeinsamen „Krisen- und Friedensgipfel“ einzuladen. Trotz relativer Kurzfristigkeit und insbesondere für Auswärtige unchristlich frühem Beginn um 09.04 Uhr kamen rund 70 engagierte Schalkerinnen und Schalker, um wie erhofft in einer über dreistündigen ausgesprochen offenen und konstruktiven Diskussion gemeinsam zu überlegen, wie man die in der Hinrunde zunehmend gespaltenen Fans wieder einen und dem Verein als ernst zu nehmende Gesprächspartner gegenüber treten könne.
Neben zahlreichen SC-Mitgliedern waren nahezu alle größeren Schalker Fanorganisationen vertreten; Ultras, Hugos, Fan-Ini, SFCV-Aufsichtsratmitglieder und -Bezirksleiter, Fanclubmitglieder ebenso wie „unorganisierte“ Engagierte, dazu auch der Sportdezernent der Stadt Gelsenkirchen. Bedauerlicherweise glänzte nur die Fanabteilung durch Abwesenheit... Update: An dieser Stelle muss der Vollständigkeit halber angemerkt werden, dass sie wohl keine Einladung erhalten hatte und bekanntermaßen zur Zeit im Trainingslager in Katar weilt.
Nach der Begrüßung durch Oli4 und der Verlesung eines kurzen Grußworts des Vorstandes des Schalker Fanclubverbandes (SFCV), in der dieser betonte, trotz urlaubsbedingter Verhinderung uneingeschränkt hinter dem Ziel, die Fanszene zu einen zu stehen, nahm die Debatte sofort Fahrt auf. In mehreren Wortbeiträgen wurden die Kartenpreise, die Entfernung des Vereins von der Basis, die Spaltung der Fanszene und die zunehmende Lustlosigkeit selbst eingefleischter Schalker auf diese ungute Gemengelage thematisiert, bis ein Moderator eines Schalker Diskussionsforums anmerkte, dass insbesondere der Deal mit viagogo zahlreiche Schalker in die innere oder tatsächliche Kündigung getrieben habe. Viele Fans hätten einfach nicht mehr das Gefühl, vom SFCV adäquat vertreten zu werden, da dieser zu nah am Hauptverein sei.
Dieser Punkt wurde sofort aufgegriffen, da es ein strukturelles Problem sei, dass seit dem Wegfall des „runden Tisches“ und des „TFO“ (Treffens der Fanorganisationen) schlicht eine allgemein akzeptierte, nachhaltige Kommunikationsplattform fehle und man nur zusammen finde, wenn schon „der Baum brennt“. Es folgte ein leidenschaftlicher Vortrag eines Allesfahrers, der sich u. a. aufgrund des viagogo-Vertrages mit einem offenen Brief an Finanzvorstand Peter Peters gewandt hat, da die Positionierung gegen gewerblichen Kartenhandel ad absurdum geführt werde und vom SFCV nichts komme als eine „Heile-Welt-Neujahrsansprache“. Mehrere andere Teilnehmer äußerten sich ähnlich, dass so der lange rigoros bekämpfte Schwarzhandel salonfähig gemacht werde.
Da auch Aufsichtsratmitglied und Allesfahrer Ingolf Müller anwesend war, wurde dieser um eine diesbezügliche Stellungnahme gebeten: Man habe im AR lange und kontrovers über den Vertragsabschluss mit viagogo diskutiert, auch aufgrund der Erfahrungen des HSV; sei jedoch zu dem Entschluss gekommen, dass die Modelle nicht vergleichbar seien, da nur 10 x 300 Karten für vom Verein zu bestimmende Spiele weitergegeben würden und der Deal wirtschaftlich wichtig sei. In der darauf folgenden allgemeinen Empörung erntete ein Bezirkssprecher einen Lacher, als er viagogo kurzerhand zu „viagra – dabei geht mir oben was hoch!“ umfunktionierte; bereits jetzt stünden auf viagogo Nordkurvensteher für das CL-Spiel gegen Galatasaray Istanbul für über 200 € zum Verkauf, wogegen der Verein eigentlich vorgehen müsse, da der Vertrag erst ab 1.7. gelte. Man solle die Karten lieber an soziale Einrichtungen geben (Erwiderung Ingolf Müller: Das geschieht bereits in nennenswertem Umfang), statt viagogo „als Leuchtturm salonfähig zu machen“ und einen „Sponsorenvertrag zu "Lasten der Fans“ zu schließen“. Das Hauptproblem seien nicht die 300 Tickets, sondern die Schließung der Kartenbörse, wo bislang Tickets zum Selbstkostenpreis getauscht werden konnten; viagogo passe überhaupt nicht zur Marke Schalke und schaffe eine Art „Fan dritter Klasse“, nachdem die „moderate Anpassung der Eintrittspreise“ noch mit den Ungerechtigkeiten zwischen den Dauerkartenpreisen für Alt- und Neukunden begründet worden sei.
Nachdem in der Sache „Ablehnung des viagogo-Deals“ solchermaßen weitgehend Einigkeit herrschte, kam das Gespräch auf die nach Auffassung vieler unzureichende Meinungsbildung und –vertretung im SFCV, wenn dieser z. B. dem Sicherheitspapier zustimme. Ein weiterer mehrfach genannter Kritikpunkt war die Nähe der Fanabteilung zum Verein. An dieser Stelle meldeten sich auch einige der anwesenden Bezirkssprecher des SFCV zu Wort, dass auch im SFCV durchaus kontrovers diskutiert werde, die Resonanz aus den Bezirken bzw. Fanclubs auf entsprechende Nachfragen aber oft ausgesprochen mau sei, da es vielen Mitgliedern vorrangig um Karten gehe. Man wisse aber, dass man sich wieder „anders aufstellen müsse“ und bitte um „kritische Begleitung, aber etwas Zeit“.
Einen weiteren sehr wichtigen Punkt brachte dann ein bekannter Blogger zur Sprache: Da es nun einmal Unterschiede zwischen „aktiven“ Fans und denjenigen, die einfach nur im Stadion ein möglichst gutes Spiel sehen wollten, gebe, müsse man dringend die Kommunikation zwischen diesen Gruppen verbessern. 12:12 habe gezeigt, dass das Verständnis füreinander dann größer sei. Auch daraus wurde eine sehr lebhafte Debatte, in der es über „bitte keine Besserschalkerdiskussion!“ und “trotzdem müssen wir uns erst einmal um den „harten Kern“ kümmern“ auch zum buchstäblich heißen Thema Pyros kam, da ein Mitglied eines Fanclubs äußerte, diesbezüglich „tanze nur eine kleine Gruppe 16jähriger aus der Reihe, andrerseits brauche man die Ultras auch für die Stimmung“. Ein anwesender Vertreter der Ultras entschärfte die Situation aber auf humorvolle Weise, auch ohne zur angedrohten „Hochform“ auflaufen zu müssen. Die Aktion der Hugos beim Spiel gegen Frankfurt wurde weitgehend als kontraproduktiv und schlecht kommuniziert bewertet, was ein anwesender junger Hugo recht entspannt mit „wir wollten halt unseren vorläufig letzten Spieltag so gestalten, wie man es unserer Meinung nach leben sollte“ kommentierte. Überhaupt war der Umgangston miteinander durch die Bank geradezu vorbildlich und tolerant, was für die Zukunft wirklich Mut macht!
Ein Teilnehmer berichtete dann, es habe Bemühungen für eine legale Pyroaktion der UGE gegeben, die trotz Erfüllung diverser Sicherheitsauflagen und Benennung eines geprüften Feuerwerkers von Polizei und Feuerwehr von vorherein ohne auch nur den Versuch eines Gesprächs abgebrochen worden seien. Ein anderer merkte an, die Mehrheit in der Arena lehne Bengalos nun einmal ab; er glaube trotzdem nicht, dass die „Ultras raus“-Rufe und Pfiffe diesem Umstand geschuldet seien. In der Südkurve beispielsweise habe man sich eher darüber geärgert, dass zu einem unpassenden Moment statt Support der Mannschaft „Peters raus!“-Rufe gekommen seien und habe deshalb vielleicht mit dem „Konter“ auch etwas überreagiert.
Anschließend erfolgte – es schmerzt ein wenig, das schreiben zu müssen – ein kurzer neidischer Blick zu den Nachbarn in Lüdenscheid, wo sich nicht nur Watzke regelmäßig öffentlich erst einmal vor die eigenen Fans stellt, was man sich auch von unseren Verantwortlichen gelegentlich wünschen würde, sondern die auch mit schwatzgelb.de über eine weithin anerkannte gemeinsame Kommunikationsplattform verfügen. An dieser Stelle erfolgte noch ein wichtiger Hinweis von Ingolf Müller, dass es in Kürze eine Gesprächseinladung des Vereins an alle Gruppierungen geben solle. Auch wenn sich dazu ebenfalls viele kritische Stimmen („wird doch eh totgequatscht, wir dürfen ein bisschen diskutieren, aber nichts entscheiden!“) fanden, sicher besser als das völlige Nichts der vergangenen Monate. Die Schaffung einer gruppierungsübergreifenden Plattform wurde aber allseits als sehr wünschenswert begrüßt.
Langsam näherte sich der Sauerstoffgehalt im Raum der kritischen Grenze und wir uns der Frage, wie es weitergehen solle. Die Vertreter des SFCV versprachen, die zahlreichen Anregungen mit auf ihr internes Treffen zu nehmen und dort „Tacheles“ zu reden. Zudem sollten der konstruktive Verlauf des Treffens und die Themen möglichst vielen interessierten Schalkern zugänglich gemacht werden. Als sehr wünschenswert (wenn auch noch ohne konkretes „wie und wann“) wurde auch ein zeitnahes Signal der übergreifenden Ablehnung von viagogo an den Verein gesehen, damit „gezeigt werde, dass wir nicht alles schlucken“.
An dieser Stelle meldete sich auch der Sportdezernent der Stadt Gelsenkirchen und Vorsitzende des Sportausschusses des Städtetages, Dr. Manfred Beck, kurz zu Wort und stellte eine von ihm initiierte Diskussionsrunde in puncto Stadionsicherheit in Aussicht. Er wünsche sich zudem bisweilen etwas „Arsch in der Hose“ von Seiten der Polizei, auch Missstände wie bei der Anreise nach Dortmund nicht nur hinter vorgehaltener Hand auszusprechen.
Die letzten Minuten waren dann noch dem Thema Kartenpreisausschuss gewidmet, da das Protokoll bzw. die Tagesordnung noch nicht vorliegen und man daher aufgrund leidvoller Erfahrungen der Vergangenheit skeptisch sei, wieder „eingelullt“ zu werden. Ein Teilnehmer berichtete, er habe bereits einen Antrag zur JHV gestellt, den Mitgliedsbeitrag auf einen Euro zu senken: Wenn den Fans entgegen der im Leitbild verankerten sozialen Verantwortung über die Ticketpreise das Geld aus der Tasche gezogen werde, müsse man es ihnen halt anderweitig wiedergeben…
Am Ende schieden die allermeisten Teilnehmer mit dem guten Gefühl, zwar nicht alle Probleme gelöst, aber doch zu einer ausgesprochen vernünftigen Gesprächsbasis zurückgefunden zu haben, wofür dem SC ein dickes Dankeschön gebührt. Man darf daher mit Hochspannung erwarten, wie es bei unserem geliebten Chaosclub in den nächsten Wochen und Monaten weitergeht…
Blauweiße Grüße,
Susanne Blondundblau

