
Am 28.12.2012 gab der FC Schalke 04 bekannt, dass Nationalspieler Lewis Holtby die angebotene Vertragsverlängerung nicht annehmen, sondern den Verein vielmehr zum Saisonende verlassen werde. Sportvorstand Horst Heldt wurde dazu zitiert „Wir haben uns gewünscht, dass Lewis seine Zukunft auch über die Spielzeit hinaus beim FC Schalke 04 sieht. Doch ähnlich wie Klaas-Jan hat er nun eine persönliche Entscheidung getroffen, die wir respektieren. Wir sind uns sicher, dass er bis zum letzten Spieltag der Saison alles dafür geben wird, zum sportlichen Erfolg unserer Mannschaft seinen Beitrag zu leisten.“
Soweit die nüchternen und völlig normalen Fakten: Ein Vertrag läuft aus und der Spieler möchte sich verändern. Weder die genauen Details des angebotenen Vertrages noch der zukünftige Verein sind bekannt; Holtby hat lediglich immer betont dass – auch aufgrund seines englischen Vaters - sein großes Ziel die PremierLeague sei.
In den einschlägigen Schalker Foren und Netzwerken setzen umgehend heiße Diskussionen ein, wobei zwischen „wir verlieren unseren besten Mann!“ und „gut, dass die Lusche endlich weg ist!“ alles vertreten ist. Wie immer dürfte die Wahrheit in der Mitte liegen. Meine ganz persönliche Meinung dazu ist, dass Lewis zu Beginn der Saison und als Kapitän der U 21 Nationalmannschaft gezeigt hat, was für ein hervorragender Spieler aus ihm werden kann, dass er aber – siehe zweite Saisonhälfte – noch deutlich konstanter werden muss. Meines Erachtens kommt der wahrscheinliche Wechsel ins Ausland daher für ihn zu früh; nach zwei bis drei weiteren Jahren auch internationaler Erfahrung mit Schalke hätten ihm mit Mitte 20 immer noch alle Türen offen gestanden.
Unter die enttäuschten Fan-Stimmen, wie man denn nur freiwillig den bekanntermaßen geilsten Club der Welt verlassen könne, mischen sich leider auch hasserfüllte, die Holtby neben den handelsüblichen „Söldner“ und „Fußballhure“-Nettigkeiten empfehlen, sich „bloß umgehend zu verpissen“, am besten „direkt einen Strick zu nehmen“ und ihm wünschen, dass er an seiner (bisweilen recht offensiven) „Schei**twitterei ersticken möge“. In diese aufgeladene Situation und nach einer ohnehin von Zwist und Pfiffen geprägten Hinrunde hinein fragt nun die größte Boulevardzeitung Deutschlands scheinheilig „Wird Holtby zum Schalke-Buhmann?“, um einen Tag später die durch nichts bewiesene Andeutung, es ginge ihm ums Handgeld, mit angeblichen Zahlen zu untermauern „Doppeltes Gehalt war Holtby zu wenig!“ Man muss nicht sonderlich phantasiebegabt sein, um sich vorzustellen, was danach los war.
Den Gipfel der polemischen Stimmungsmache gegen einen jungen Spieler, der nichts weiter tut als von seinem Recht auf Vertragsfreiheit Gebrauch zu machen, aber erreicht nunmehr der „Kommentar aus der Chefredaktion“ des dazugehörigen Boulevardsportblatts: „Holtby sei selber schuld“, dass die Fans sauer sind, schließlich „habe er alle verarscht“, weil er auf entsprechende Nachfragen besagten Blattes „geschwafelt habe“, dass eine Vertragsverlängerung möglich sei. Das sei nur „Blablabla“ gewesen, da er jetzt „abhaue“ - man „freue sich schon darauf, wenn er nach seinem ersten Tor für den neuen Klub das Vereinsemblem küsse!“
Dieses Machwerk ist nicht nur aufgrund der Wortwahl einer der widerlichsten und populistischsten Artikel, die ich je lesen musste – und das aus demselben Verlagshaus, das nicht müde wurde, Manuel Neuer im Zuge seines Wechsels zu den Bayern „bewundernswerte Charakterstärke“ und den von dem Wechsel und der Krokodilstränenpressekonferenz enttäuschten Schalkefans „verblendeten Hass“ zu unterstellen. Ein Neuer, der sich keine zwei Jahre vor dem Wechsel im offiziellen Schalke-Jahrbuch mit „Innerhalb von Deutschland ist für mich ein solcher Schritt nicht denkbar. Manuel Neuer beim FC Bayern München - das passt nicht. Ich habe früher in der Kurve gestanden und nicht gerade nette Dinge über die anderen Vereine geschrieen... Wie soll ich denn da das Trikot dieser Clubs tragen?“ zitieren ließ, als aufrechter, nur an seiner sportlichen Weiterentwicklung interessierter Sportsmann? Weil man weiß, dass beim FC Bayern alle für Nüsse spielen? Bei einem, der auf Schalke groß geworden ist, der sich auch auf seiner Homepage als „Junge aus der Kurve – Heimat ist nicht nur ein Wort!“ inszenierte, war die Fan-Wut „abartig“ – aber bei Holtby sind die normalen „jaja, ich fühle mich hier wohl“-Aussagen, die jeder Fußballprofi auf entsprechende Medienfragen äußert, verdammenswürdige „Verarsche“?!?
Die „Chefredaktion“ heizt so ganz gezielt die Stimmung gegen Holtby weiter an, um sich dann in Kürze auflagenträchtig über die furchtbaren Schalkefans oder flatternde Nerven bei Holtby zu empören. Hier wird in absolut verantwortungsloser Weise weiter Öl ins Feuer gegossen, um Unruhe in unseren Verein zu bringen, damit man händereibend weiter über „Chaos“ beim „Skandalclub“ berichten kann. Ich hoffe inständig, dass die Mehrheit auf Schalke die Perfidie dieser Masche durchschaut und die Richtigen auspfeift!

